UNIVEHSITV OF TORONTO
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ZEHN JAHRE MIT BÖCKLIN
Druck von Alphons Bruckmann, München.
Nach einer Photographie.
OLvisd/Lw J-LctftiCc^i
Selbstporträt 1 88s. Original hu Besitz von Frau Dr, Meyer in Freiburg i. /■'. IV , i
>
ZEHN JAHRE MIT
BÖCKLIN
AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
VON
GUSTAV FLOERKE
ZWEITE, VERMEHRTE AUFLAGE
MÜNCHEN 1902
VERLAGSANSTALT F. BRUCKMANN A.-G.
BRA
■
APR2- 19/0
ALLE RECHTE VORBEHALTEN
r: 5
:
VERZEICHNIS DER BILDERTAFELN
Seite
Porträt des Verfassers, nach Photographie
Selbstbildnis Arnold Böcklins vom Jahre 1885
Böcklin, Triton und Nereide 6
„ Die Nereide (Seeschlange) 26
„ Die Toteninsel, alle fünf Ausführungen 36
„ Herbstgedanken 63
„ Sieh, es lacht die Au 72
„ Meeresstille 74
„ Meeresidylle 76
„ Der Abenteurer 78
Heimkehr 80
„ Im Meere (Seetingeltangel) 82
H. v. Marees, Die Lebensalter 168
„ Die Hesperiden 170
INHALTSVERZEICHNIS
Seile
Vorbemerkungen 1
Persönliches 11
„Einflüsse"; Entwickelung; Autodidakt 18
Bei Schack und heute 28
Künstlerische Charakteristik 32
Böcklins Ästhetik 51
Kompositionsmittel; Bildentstehung; Bilder 59
Modell? Vor der Natur? 85
Porträt Ol
„Keine Natur!" 94
Korrektheit und Fertigmachen 101
Was ist Zeichnen? 105
Ton; Farbe 108
Sehen 116
Kunstwerk und Beschauer 120
Böcklin als Lehrer; Schüler 122
Böcklin und das Monumentale 126
"Das „Moderne" in Böcklin 129
Farbige Skulptur 131
Gedanken über Bildhauerei etc. (Einzelnes) 152
Technisches 162
Böcklin und Hans von Marees 168
Urteile Böcklins über Andere 179
Koller und Böcklin 192
Böcklin über Rudolf Schick 194
Unsere Zeit; Mode; Publikum 196
Moderne Malerei 204
Varia 229
Schlussbemerkung 260
Generalregister 261
Vorbemerkungen.
Gustav Floerke*) wurde am 4. August 1846 zu Rostock
in Mecklenburg als Sohn des (juristischen) Senators Dr. G. Floerke
geboren, studierte in Jena die Rechte, in Berlin und
München Kunstgeschichte und promovierte in seiner Vater-
stadt. Schon auf der Schule hatten sich seine dichterischen
Neigungen angekündigt, die späterhin im Berliner „Tunnel über
der Spree" und im Münchener „Krokodil" lebhaft gefördert
wurden, und während eines jahrelangen Aufenthaltes in Rom
reiche Nahrung fanden.
Im französischen Kriege, wo er verwundet wurde, ver-
diente er sich das Eiserne Kreuz. Von 1873 — 79 lebte er
als Professor der Kunstgeschichte in Weimar, ging von dort
für mehrere Jahre nach Florenz, darauf nach Zürich (1884),
München (1886) und Rostock (1892), wo er am 15. Ok-
tober 1898 starb.
Seine wissenschaftlichen Aufgaben und das Unstäte seines
Lebens haben ihn nicht zu einer Sammlung der vielen Aufsätze
und novellistischen Arbeiten kommen lassen, die er in ver-
schiedenen Zeitschriften veröffentlichte.
Im Buchhandel erschienen sind bis jetzt nur: „Die vier
Parochialkirchen Rostocks" (1871); „Von unseren Truppen im
*) Diese Biographie ist im wesentlichen der von Paul Heyse der
„Volskerin" (im „Neuen Deutschen Novellenschatz") beigegebenen entnommen.
A. d. Herausgebers.
Floerke, Böcklin. 1
2 BÖCKL1N-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWURFE
Felde" (1871); „Schwarze Bilder aus Rom und der Cam-
pagna*) (1874); „Das Märchen von den sieben Raben" (1874);
„Ein lustig Mirakelstück von der gar schweren Kunst der
Mahlerey" (1878); „Die Insel der Sirenen" (Capresische Dorf-
geschichten) (1879); „Italisches Leben" (1892); „Sommer-
fäden" (1896).
Gustav Floerke lernte Böcklin 1881**) in Florenz
kennen, wo sich zwischen beiden bald ein intimer Verkehr
entwickelte. Fast jeden Abend kamen sie bei Rossi am Palazzo
Strozzi beim Wein zusammen; Mittwochs fand später ein Musik-
abend bei Floerke in der Via Luigi Alamanni statt. Den Sommer
1883 verbrachten sie bei la Spezzia in San Terenzo und der
Vallata. Dieser Verkehr, der zwischen Atelier und Weinstube
wechselte, setzte sich 1885 und 86 in Zürich fort und endigte
in München, wo Böcklin den Freund mehrmals besuchte.
Die vorliegenden Aufzeichnungen, die sich nach einer
Notiz des Verfassers „jedem als eine bunte, niemals nachgelesene
Reihe von Einfällen und Studien darstellen", stammen aus den
Jahren 1883—89. Alles vorher (1881—83) Fixierte ist in
der Vallata zusammen mit einem Schatz von novellistischen
Entwürfen, Skizzen und Studien untergegangen, — ein Unglück,
das für die ganze schriftstellerische Produktion und Thätigkeit
Gustav Floerkes — wenn er es auch nicht eingestand — zum
Verhängnis wurde, und auch das Vorliegende dazu verurteilte,
Fragment zu bleiben. Doch darf mit Bestimmtheit behauptet
werden, dass der Verkehr mit Böcklin vor 1883 seinen Nieder-
schlag in der späteren Charakterisierung des Meisters ge-
funden hat.
Es hätte keinen Wert, darüber zu reden, wie diese Arbeit
ausgefallen wäre, wenn der Verfasser von „Italisches Leben"
*) D. h. der Text zu den „Schwarzen Bildern" von Schulze. A. d. H.
**) Wie mir Sigmund Landsinger mitteilte, der wohl am längsten
von allen Freunden mit Böcklin verkehrt hat, geschah dies schon 1879 im
Antico Fattore, einer Kneipe bei den Uffizien. A. d. H.
VORBEMERKUNGEN DES HERAUSGEBERS
sie selbst mit seinem Geleitbrief versehen in die Häuser der
Wenigen hätte senden können, zu denen es ihn zu sprechen
freute. Ein Brief an Böcklin und der Entwurf zu einem Vor-
wort, die ich folgen lasse, mögen aber Aufschluss geben über
die Absichten des Autors :
1. „Ich möchte eine Monographie schreiben, so concis
und lapidar wie möglich in der Darstellung der wesentlichen,
also treibenden und unterscheidenden künstlerischen Faktoren
ihrer Persönlichkeit, so einleuchtend durch Farbe und Gegen-
sätze wie möglich. Überall aber möchte ich — durch das
implicite darinliegende Wissen, die klare Einfachheit schlagen-
der knapper Wirkung mir als einziges Ziel setzen — soweit
eine Entwickelung auch von einem Bilde in Ihrem Sinne
naturgemäss leider entfernt bleiben muss. Und um die Ent-
wickelung kommt der Historiker nun mal nicht herum —
er wäre ja keiner!"
2. „Wer hier die ganze Alpenkette mit dem Mont Blatte
in der Mitte, von meinem Standpunkt aus dargestellt, zu über-
sehen erwartet, täuscht sich. — Es soll hier nicht das müssige
Spiel getrieben werden, alle Werte nach einer neuen Münz-
einheit umzuwerten und eine Währung herzustellen, die vielleicht
keinem der Lebenden passt. Dazu ist keiner der Mitlebenden
berechtigt.
Indessen soll dieser Versuch doch dazu beitragen, das
schwankende Bewusstsein halber Anhänger einer wirklichen
Goldwährung in künstlerischen Anschauungen zu schärfen und
wach zu halten.
So ungeheuer auch das nationale Interesse an solchen
Fragen beteiligt sein sollte, so gewiss handelt es sich - - in fitt
de' conti — doch um internationale Werte, für welche das
Bewusstsein der Nation zu schärfen wäre, die einen solchen
Fonds von nahezu unveränderlichem Wertmetall besitzt und
nicht genügend in Rechnung zu ziehen scheint. Sehet her!
Warum sollen wir uns auf die Zukunft vertrösten, da doch
4 BOCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
auch Ihr äusserliche und innerliche Augen habt, nur dass Ihr
sie meist wo anders und darum anders eingestellt habt?
Gewiss, und Gott sei Dank, weiss ich manche, die mit
mir auf demselben Aussichtspunkt stehen. Ihnen soll dies Buch
nur Gruss und Handschlag sein !"
Gustav Floerke hat sich über Böcklins Kunst zum
erstenmal — meines Wissens — 1876 in der „Gegenwart",
anlässlich der 50. Ausstellung der Akademie der Künste
zu Berlin ausgesprochen. Zum Vergleich mit seinen späteren
Anschauungen gebe ich diesen Versuch einer Würdigung des
Meisters im folgenden wieder:
„ . . . Für einen seinem innersten Wesen nach den Achen-
bachs vielfach verwandten Künstler ersten Ranges halte ich
Böcklin. Zuerst ist er, wie Andreas, unbekümmert um
Modemalerei und Publikum, seinen eigenen einsamen Weg
gegangen und geht ihn noch, manchmal zwar in so rücksichts-
losem Aufzug, als ob er allein auf der Welt wäre. Auch er
hat viel von den Alten und ebensoviel von der Natur gelernt
und weiss auf allen zweien zu fussen. Er hat aber auch mit
Oswald die poetische Anschauung seiner grossartig malerischen
Phantasie gemein und mit beiden das Schätzen und Wiedergeben
des Moments, des ersten Eindrucks. Mag dieser Moment bei
ihm auch weniger, als in der realen Natur gesehen, erscheinen,
sondern sich vielmehr als innerlich Geschautes darstellen, so
weiss Böcklin doch diese seine Phantasiegebilde mit mehr und
grossartigerer Natur zu bekleiden und malerischer zu verwirk-
lichen, wie irgend ein zweiter deutscher Figurenmaler der
Gegenwart. Auch Böcklin würde nichts malen, was ihn nicht
poetisch interessiert, bewegt hätte, obgleich diese seine Em-
pfindungen oder Ideen so stark und echt malerisch auftreten,
wie bei wenig anderen. Er erzielt also, wie Oswald, seinen
Eindruck durch die überall in seinen Bildern webende poetische
Idee und drückt sie wie jener aus durch die fabelhafteste
malerische Erscheinung. Man könnte sagen, er sei das in
VORBEMERKUNGEN DES HERAUSGEBERS
düsterem, weltzerfallenem Ernst, was jener in frohem Geniessen
ist. Darum sind die Würfe, die er thut, seltener, aber auch
tiefer, wuchtiger in ihrer Poesie, als die unerschöpflichen
Leuchtkugeln des grossen Düsseldorfers, und seine Malerei
erscheint noch einfacher, grossartiger und rücksichtsloser.
Böcklins Poesie erscheint den Wenigsten verständlich.
Meinetwegen. Die Malerei ist überhaupt kein Mittel, um Ge-
fühle oder Gedanken deutlich auszusprechen, sondern nur, um
anzuregen, und es dürfte dem Werte eines Bildes wenig
schaden, wenn jeder Empfindungsfähige von ihm in anderer
Weise berührt erschiene. Noch heute z. B. streiten sich Ge-
lehrte und Ungelehrte ganz ernsthaft darüber, was Tizians
„Amor sacro e profano" schliesslich vorstelle. Adolf Stahr
erzählte mir sogar eine ganze Novelle, die er aus dem Bilde
herausgelesen hatte. Ich habe bis heute noch nicht bemerkt,
dass dasselbe durch irgend eine neue Erklärung besser oder
schlechter geworden wäre oder dass es dadurch an Wirksam-
keit gewonnen hätte. Vielmehr muss ich gestehen, dass ich
vor diesem Bilde stets den höchsten Genuss empfinde, wenn
ich lediglich die Augen aufmache — in mir steigt dann jedes-
mal erwärmend das Gefühl auf, als hätte ich einen Blick in
die eleusinischen Gefilde der Schönheit thun dürfen — will
ich mehr, Fängt der Verstand an zu fragen, so fällt der Vor-
hang. Und ich habe diese Probe oft genug gemacht vor dem
Original in der Galerie Borghese und vor der Kopie, die seit
Jahren über meinem Schreibtisch hängt.
Auch bei Böcklin ist die Schönheit eine derartig tausend-
fältige, unabhängige, die sich wohl an hundert Einzelheiten
nachweisen lässt, als Ganzes aber dennoch nur je nach der
Subjektivität des Beschauers empfunden werden kann. „Das
ist grosse Malerei"*), sagt der Eine. Gut. „Das ist eine See,
*) Gemeint ist: „Triton und Nereide auf der Felsklippe" (oder „Vor
dem Sturm") 1875. Böcklinwerk der Phot. Union Band I, 27. Besitzer: F. A. Sim-
rock, Berlin. A. d. H.
BOCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
vor der selbst dem Seemann graust. Das ist der Tod alles
menschlichen Lebens, die menschenfeindliche Natur selber, mit
dem Wenigsten gemacht." Auch wahr. „Und da wo alles
Leben erstarrt, auf schwammförmiger Klippe, vor dem gefrässigen
heranbrausenden Sturm, liegen zwei Wesen. Sie kümmert das
Wetter wenig. Gerade das ist ihr Element, ihr Behagen."
Auch dieser Gegensatz ist schön. „Der Mann, tierartig menschen-
ähnlich, schaut mit grossen sehnsüchtigen Augen — mit was
für unvergesslichen Augen — ins Weite. Sehnt er sich ein
Mensch zu sein, ein armseliger, furchtsamer, aber gottähnlicher
Mensch, so wie der nach dem Ebenbilde Gottes geschaffene
Mensch Gott gleich sein möchte . . .? Sehnt er sich nach einer
Seele oder nach der verlorenen Seligkeit, denn die Wasser-
männer, glaube ich, sind verdammt...? Haben diese Augen
vor dem Sturz der Engel Gott geschaut - - seine Herrlichkeit
und seinen Zorn? Denn es sind mehr wie Menschenaugen."
— Ich muss gestehen, bester Leser, ich weiss es nicht, warum
sich dieser tierische Leib so krampfhaft an den Felsen klammert,
während die menschliche Seele in ganz anderen als Sturmes-
nöten in den gegenwartvergessenen Augen zittert. Und neben
ihm lagert und streckt sich seine körperlich viel schönere
Hälfte — ein menschlich schönes nacktes Weib — leichtsinnig
und mit Behagen geniesst sie das menschentötende Wetter, bei
dem allein ihre Art zur Oberfläche auftaucht. Sie wird ihn
auslachen, wenn sie den Träumer sieht, und ihn unbekümmert
und lustig in die heimische Einöde hinabziehen . . . Was weiss
ich! Böcklin hat das Grauen des Meeres gesehen in Momenten,
wo nur die geheimnisvollen Wesen der Tiefe aufzutauchen
wagen, und er lässt uns hineinschauen in die märchenhafte
Realität noch unentdeckter Existenzen. Es ist diesmal kein
blosser Zufall, wenn dieses „Seekalb" dem verehrlichen Publico
noch nicht vorgekommen ist. Da draussen, wo das Sonntags-
kind Böcklin es hat sehnsüchtig emportauchen sehen, sind
keine reservierten Plätze, weder für Naturforscher noch für
\l ■ / '. A, Sinti otk
TRITON UND NEREIDE
VORBEMERKUNGEN DES HERAUSGEBERS
neugierige Alltagsmenschen. Auch der dreisteste Special-
korrespondent wäre längst verweht und gefressen, ehe er
dahin käme, wo die Natur dermassen bei sich zu Hause ist.
Solchen bleibt es auch viel richtiger überlassen, vor diesem
Bilde nachzurechnen, wie viele Verzeichnungen an den darauf
befindlichen Gliedmassen etwa zu entdecken wären!
Auch die Nationalgalerie hat die „Meeresidylle" von Arnold
Böcklin nicht gekauft. Offiziöse Reporter dürfen, taktvoller-
weise, über eine solche Schöpfung spötteln .... Wie mag es
wohl mit der Zukunft der grossen Kunst in Preussen aus-
sehen? . . ."
Die Aufgabe des Herausgebers bestand im wesentlichen
darin, das ungeordnete Material zu sichten, es in einen gewissen
Zusammenhang zu bringen, direkte Wiederholungen auszu-
scheiden, solche, die einen Gedanken deutlicher aussprachen
oder von einer anderen Seite beleuchteten, in Klammern anzu-
fügen und hier und da, wo eine Trübung des Charakters der
Aufzeichnungen nicht zu befürchten war, einfache Übergänge
zu schaffen.
Es war nicht seine Aufgabe, das Skizzenhafte und Im-
provisierte mancher Wendungen und Ausdrücke in „besseres
Deutsch" zu übertragen. Die Wahrung der Frische und Un-
mittelbarkeit des oft flüchtig hingeworfenen Satzes und Wortes
musste ihm als oberstes Gesetz erscheinen.
Die Kapitelüberschriften bezeichnen die Gesichtspunkte,
nach denen der Verfasser seine Arbeit ordnen wollte. Sie
wurden, trotzdem sie sich manchmal mit dem Inhalt der Ab-
schnitte nicht ganz decken, beibehalten.
Unter der Rubrik „Varia" wurde alles auf Böcklin und
die Kunst Bezügliche vereinigt, was sonst keinen Platz finden
konnte, und doch ein — wenn auch bedingtes — Recht auf
die Angliederung hatte. Fortgelassen wurden die Kapitel:
8 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
„Wladimir von Svertschkoff" *) und „Vorwürfe und Kritik".
Ersteres, weil es mit Böcklin und seiner Kunst nicht unmittel-
bar zu thun hat, letzteres, um mit der Heimführung der
Herman Grimm, Bluemner, Otto Knille, Herman Becker etc.,
deren Kritik alle Phasen vom Missverständnis bis zur völligen
Verständnislosigkeit durchläuft, nicht Längstbegrabenes wieder
hervorzuscharren; doch haben einige allgemeinere Bemerkungen
aus diesem Abschnitt, wo es wünschenswert erschien, Aufnahme
gefunden.
Manches in dem Vorliegenden Ausgesprochene ist in-
zwischen für die Modernen Gesetz und Glaubenssatz geworden.
Man dürfte aus diesem Umstände kaum einen Vorwurf gegen
die hiermit der Öffentlichkeit übergebenen Blätter konstruieren
können.
Hanns Floerke.
Basel, im April 1901.
Vorbemerkungen zur zweiten Auflage.
Ende Oktober 1901 wurde die erste starke Auflage des
vorliegenden Buches herausgegeben. Wider Erwarten schnell
ist eine neue notwendig geworden. Dieser Umstand rechtfertigt,
abgesehen von persönlicheren Gründen, am besten das Wagnis,
eine Reihe von Studien, Aufzeichnungen und Aphorismen, ja
selbst Bruchstücken über einen Künstler und eine Kunstan-
schauung zu veröffentlichen.
*) Der Maler W. v. Svertschkoff (1822—88), auf dessen Besitztum
am Mugnone in Florenz Böcklin sein Atelier hatte und Gustav Floerke
eine Zeit lang wohnte, war ein Freund des Meisters und ihm in Charakter und
Weltanschauung sehr nahe verwandt. Eine ganz ausserordentliche Urteilsschärfe
und Arbeitskraft, schonungslose Offenheit und unbeirrbare Ehrlichkeit gegen
sich und andere waren seine hervorstechendsten Eigenschaften. Gustav
Floerke zeichnete ihn in der Person des Malers aus Russland in: „Pour
arriver" („Kunst für Alle" IL). A. d. Herausgebers.
VORBEMERKUNGEN DES HERAUSGEBERS
Ein Teil der — übrigens in ihrer grossen Mehrheit
günstigen — Kritik hat die Veröffentlichung von Böcklins Ur-
teilen über andere beanstandet und gefunden, dass des Meisters
Bild dadurch eine Trübung erfahren habe, andere sprechen von
Weinlaune, in der diese Dinge und so manche andere gesagt
seien, ein besonders mimosenhafter Kritiker fühlt sich
durch das Kapitel über Schick in der Seele des jungen Malers
verletzt. Das sind Sentimentalitäten, mit denen niemand
gedient ist. Der Herausgeber hat es nicht nötig, Kotau zu
machen und schätzt die litterarische Ehrlichkeit höher als
die Gunst der „Angekommenen". Und was die Weinlaune
oder Wirtshausstimmung betrifft, überlege man sich nachstehende
Wahrheit, mit welcher der Verfasser seine eigene Lage charakteri-
siert hat: „Man wirft eigentlich zu viel weg im Wirtshaus, ver-
sprüht zu viel Phosphor, giebt ganz fertige, zugespitzte Sachen
her. Wein und nette Kerle, steile Behauptungen regen immer
von Frischem an, die Wahrheit zu sagen und furchtbar zu
kämpfen — und am andern Tag, am Schreibtisch, ist man müde
und macht nichts."
Der in seinen Kunstanschauungen gekränkte Bremer Mono-
grammist A. F. besitzt die Naivetät, nach dem Beglaubigungs-
schreiben Gustav Floerkes, „eines Kunstprofessors wie hundert
andere" zu fragen. Er will wissen, was Böcklin von den Fähig-
keiten seines Interpreten gehalten habe. Ich begnüge mich, eine
Stelle aus einem Nachruf wiederzugeben, die ich ganz zufällig
fand. In „Arnold Böcklin, ein Gedenkblatt von Ludwig Perzi"
(„Die weite Welt" 20 No. 40) ist zu lesen: „Mit wahrer
Schwärmerei rühmte er (Böcklin) Floerkes Schilderungen ita-
lienischen Lebens, die er als Meisterstücke bezeichnete." Ausser-
dem war Gustav Floerke laut schriftlichem Übereinkommen
vom 19. Oktober 1889 zwischen Künstler und Verleger für
die Bearbeitung des Textes zu dem grossen Böcklinwerk der
Photographischen Union, den jetzt Professor H. A. Schmidt in
Basel geschrieben hat, in Aussicht genommen.
10 BOCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
Aber wer kennt Gustav Floerke, wer hat sein „Italisches
Leben" gelesen, dieses Buch, vor dem Gottfried Keller und
Paul Heyse — von anderen zu schweigen — den Hut abzogen?
Gewiss, man braucht ihn und seine Novellen nicht zu kennen,
ausser — wenn man kritisieren will.
„Dieser Narr, anstatt billig zu beweisen, wollte sein Leben
lang Künstler sein und seine Erfahrungen an typischen Figuren
darlegen. Und als Künstler war dieser Narr wieder so dumm,
wissenschaftlich, dass er nichts darstellen wollte, was er nicht
des Genauesten begriffen oder beobachtet hätte," — so schrieb
Gustav Floerke, als er am Ende seiner Schaffenskraft das
Facit zog.
Ich glaube, dass diese Worte pro domo keiner Entschul-
digung bedürfen.
Die neue Auflage hat einige Veränderungen erlitten.
Neben wenigen geringfügigen Streichungen und Berichtigungen
haben die Kapitel: „Gedanken über Bildhauerei"; „Mo-
derne Malerei" und „Varia" grössere Zusätze erhalten.
Ferner wurden die Bilder: „Pietä" und „Ruggiero und
Angelika" durch die „Seeschlange" und den „Abenteurer"
ersetzt.
Endlich möchte ich an dieser Stelle Veranlassung nehmen,
der Verlagsanstalt F. Bruckmann A.-G. für ihre Sorg-
falt und ihr bereitwilliges Eingehen auf meine Wünsche meinen
besonderen Dank auszusprechen.
Der H erausgeber.
München, im Februar 1902.
Persönliches.
Die höchste Begabung ist die stets
frische Entwickelangsfähigkeit.
Arnold Böcklin ist jedenfalls, so poetisch seine Bilder
aussehen und wirken, persönlich ohne jede Neigung zur Empfind-
samkeit, ohne alle lyrischen Allüren. Ein durch und durch
selbständiger, selbstbewusster, unermüdlicher Mann, klar, offen,
gesund an Körper und Geist, ein Mann der That, der Thätig-
keit, und der unentwegt weiss, was er will. Viel Herz und
Gemüt hat er wohl nicht gerade. Oder er unterdrückt es längst
als unbrauchbar, unnütz. Darin ist er Schweizer. Was er
über Leben und Kunst sagt, ist nicht direkt genial, aber vor-
züglich beobachtet und zweckbewusst klar durchdacht. Seine
bedeutende Persönlichkeit, die sich der möglichst leichtflüssigen
Mittel leicht bedient, zieht er bei all seinen Auseinander-
setzungen nicht in Betracht.
Er trug auch einmal langes Haar und sah poetisch drein.
Jetzt (achtziger Jahre) sieht er unerbittlich aus, positiv, zur
Sache, geht stramm, trägt sich kurzgeschoren, mit festem
Schnurrbart. Er ist eine durch und durch einheitliche Persön-
lichkeit geworden, die ihre ganz bestimmte Strasse geht, sonn-
tägliche Wege wandert, ohne rechts und links das Handwerk
zu grüssen. Alles bezieht sich bei ihm auf seine Kunst, alles
misst er nach ihr, sie ist ihm alles, ist Er. Dass er exklusiv
ist? Das kommt daher, dass er eine Überzeugung hat. Und
das ist das Entscheidende.
Ein Eingehen auf seine Lebensschicksale und sein Familien-
leben würde von seiner künstlerischen Art und Thätigkeit
nichts erklären, weil alles ausserhalb Liegende nichts an seiner
Kunst zu ändern vermochte. Er hielt es damit wie mit dem
einzelnen Bild: nur das wesentlich und sachlich Dazugehörige,
12 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
Notwendige. Nur kein Hineinragen, Hineinschimmern irgend-
wie nicht momentan zur Sache gehöriger Interessen! Reine
Malerei! Nichts von dem, was nach ihm gekommen ist, hat
ihn auch nur einen Augenblick beeinflusst, weder Frau noch
Kinder. Er ist zu ausschliesslich positiver Kopf, zu sicher
zweckbewusst, als dass ihn Not oder Glück, eigenes oder
anderer, wesentlich hätten beeinflussen sollen.
Das Malen, äusserte er einmal, sei ähnlich wie Zimmer-
turnen, eine der gesundesten Beschäftigungen, weil es eine
fortwährende körperliche Anstrengung bedinge. Man stehe den
ganzen Tag, müsse bald dies bald das holen, zurücktreten, die
Palette halten, Flächen zustreichen etc. Besonders grössere
Bilder seien sehr gesund. Auch die nötige geistige Anstrengung
sei dabei, meinte ich. — „Viel weniger, als man glauben macht,
nur einmal, bis man sich klar ist, kommt sie vor. Und das
kann im Bett sein. Nachher ist das meiste wenigstens An-
wendung des Handwerks, das man gelernt hat — Technik."
Das Malen ist ihm Vergessen alles Hässlichen.
Die überall auf sich selbst angewiesene schweizer Art und
sein unzweifelhaft allemannischer Schädel sind sehr bemerkens-
wert für ihn. Es geht Arnold Böcklin wie jenem alten Rabbi,
der die sichere Verstandesklarheit seines Volkes damit erklärt,
dass sie, die Juden, nie dumm gemacht wären — ihr Gehirn
mit keinen Lügen belastet worden sei, an deren Abarbeitung
andere ihre schönsten Jahre -- unproduktiv — verschwenden.
Auch Böcklins Malerei, d. h. seine Augen, sein Verstand, seine
Empfindung, haben sich durch keine Schule, keinen Glauben
je dumm machen lassen. Während man sich im lieben Deutsch-
land malerisch so oder so bethut und bethätigt, ohne zu einiger
Selbständigkeit zu gelangen in der Reihe der Schattenkönige
letzter Generationen, steht abseits ein alemannischer Mann,
weder grollend noch lässig, sondern einfach, ohne Streberei,
Patriotismus, Gesellschaft, Mode und andere Surrogate, mit denen
die anderen handeln, sein selbsterworbenes Gut einfach und
durchsichtig in der Hand haltend, ganz auf sich und seine Sache
gestellt, die allein ihm heilig ist, ihm ausreichende Stellung in
den Schädeln derer behauptend, die wie er, ohne die Verzogen-
heit der letzten Jahrzehnte irgend einer Kunst klar ins Auge
blicken. Er gehört nicht zu den „edeln Menschen" und Vater-
PERSÖNLICHES 13
landsverteidigern in usum delfini, sondern er wagt es unent-
wegt, nackt Künstler, d. h. er selbst zu sein. Bei ihm ist alles
frühlingshaft, sprudelnd und klar. Er packt zu und wirft fort
mit vollen Händen, ohne Bedauern oder Rücksicht — wie der
Frühling. Für ihn ist der schon ein Narr, der nur einen
Augenblick vergisst, dass er sich als Künstler ja nur in erhöhtem
Masse seines Lebens freuen und diese seine neue, bisher noch
nicht dagewesene Freude verschenken will. Er wollte sich
nicht recken und strecken, bis er gross sei wie ein anderer,
er beneidete und erstrebte weder Griechen noch Cinquecentisten
— er wollte das aushorchen und ausbilden, wozu ihn die Natur
gemacht hat, er wollte sich machen, mit sich im Grase liegen
und die Schmetterlinge haschen, die ihm zuflogen.
Böcklins bewusster Gegensatz zu allem, was man als
Historien-, Genre- oder Ab-Malerei bezeichnen kann, und
welch alles er in jedem Sinne für unkünstlerisch hielt, trieb
ihn wohl auch dazu, seine Eigenart immer mehr zu bethätigen,
machte ihn einsamer und Hess ihn bis zuletzt den Verkehr mit
Nichtkünstlern vorziehen. Besonders in Rom mag das den
Arbeitsamen angespornt haben, und in diesem Sinne mag auch
seine Familie, die er ernähren sollte, Einfluss auf seine Thätig-
keit gehabt haben. Einen anderen gewiss nicht. Seine soge-
nannten Mäcene — die er nie gehabt — erst gar nicht. Graf
Schack, der zumeist genannte, setzte den Künstler ebenso
häufig in Verlegenheit, dadurch, dass er bestellte Bilder nicht
nahm, mit deren Bezahlung der Familienvater bereits gerechnet
hatte, als dass er andere sehr massig bezahlte.
Phantasie hat er immer noch. Aber er hat sie gebändigt,
erzogen ; sie ist zielbewusst.
Seit München meint er, sei er „durch". (Ich nicht.)
Zwar habe Schack ihn nach Möglichkeit ruiniert. Er bestellte
Bilder und nahm sie dann nicht. Arbeit und Zeit für den
Maler waren verloren, einmal, und zweitens benutzten die guten
Freunde die Gelegenheit, das begreiflich zu finden, solchen
unmöglichen Schmierereien gegenüber.
An der Spitze der guten Freunde stand Piloty, der
seine Schüler sogar vor dem Umgang mit dem Schweizer
warnte. Das, was er predige, sei der Ruin der Kunst. Frei-
lich hatte Böcklin die „Historienmalerei" geradeso im Magen
14 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
wie deren Vertreter ihn und die Gefahr, die von seiner Seite
drohte.
Wie sehr man ihn aber auch gerade in Malerkreisen be-
feindete, so schätzte man ihn doch und wusste ihn zu benutzen.
Für Kaulbach hat er gemalt, für viele andere in Rom.
Lenbachs Bilder richtete er meist zu Bildern her, so noch
den Kaiser Franz Joseph für die Wiener Weltaus-
stellung*), der völlig unmöglich war, im letzten Augenblick.
Auch Winterhalter schleppte gleich seine ganzen Leinwände
her, wenn Böcklin ins Atelier kam, um sie sich etwas bild-
artig zusammenbringen zu lassen.
In Stuttgart sollte er, ich glaube 1862, Direktor und
Reformator werden, die Alten abschaffen oder kalt stellen. Die
Hofpartei war für ihn, an der Spitze die Königin, momentan
auch Herr Luebke. Zuerst stiess er auf den alten Rüstige,
dessen Bilder er auslachte, und der ihn väterlich auf die
Schwierigkeiten der Lage, die nötige diplomatische Vorsicht etc.
hinwies. Böcklin wurde scheu, blieb aber doch probehalber
vierzehn Tage in Stuttgart. Die pekuniären Vorteile waren
für den Familienvater, dessen Bilder unverkäuflich waren, zu
wesentlich. Aber bald sah er die Unhaltbarkeit der projektierten
Position, die Übermacht der Myrmidonen, die er erdrücken
sollte, ein: zu einem Intriguenspiel, in dem die anderen geschult
waren, hatte er weder Lust noch Talent, und so gab der mittel-
lose Mann die Chance auf. Er war in Weimar, wie er er-
fahren, unmöglich — er begriff, dass seine Idee: vielleicht geht's
in Stuttgart, eine zweite und letzte Illusion dieser Güte ge-
wesen war. —
Böcklins Vater und Grossvater waren Weber. (Der Gross-
vater — der erste seiner Ahnen, den er kennt — aus Beg-
gingen, am Fuss des Randen im Kanton Schaffhausen.
Dort giebt's noch Böcklins.) Er selbst hat die Weberei auch
angefangen. Darum ging er auf der Wiener Weltausstellung so
gern und fast nur zu den Japanern, sie weben zu sehen. „Da
begreift man, dass unser Webstuhl so einfach ist, nämlich wegen
unserer europäischen Ungeschicklichkeit und Tölpelhaftigkeit."
(Sonst ging er höchstens noch in den Maschinenraum. Die
*) Zu diesem Porträt hat, wie mir Landsinger sagte, Böcklins
ältester Sohn Arnold dem Vater in Uniform Modell gestanden. A. d. H.
PERSÖNLICHES 15
Kunstausstellung betrat er nicht, „sollte man überhaupt nicht
ansehen".)
Böcklin ging erst nach Düsseldorf zu Schirmer. Hier
erkundigte er sich genau nach den unverdaulichsten Gerichten;
denn um seinen gesunden Hunger und Magen zu befriedigen,
dazu war kein Geld da, er musste etwas haben, womit sein
Magen zwei Tage lang zu thun hatte. Von dort ging er nach
Antwerpen und Brüssel. Unterwegs sang er öffentlich
mit Michelis, da der dumme Kerl, der die Kasse führte, das
Geld verloren hatte. Aber sie konnten nur drei Lieder zu-
sammen, lauter sentimentale, z. B. : „Wenn die Schwalben
heimwärts ziehn." Er ass, wo die Arbeiter assen, da gab es
grosse Portionen. Aber er verdarb sich vorher noch den
Appetit, damit er nicht zwei Portionen esse. Dann ging er
nach Genf, Calames wegen, der ihm aber nicht gefiel. Da-
rauf nach Paris.*) Nach seinem Typhus (München 1857), wäh-
renddem ihm ein Kind starb, war er wie ein Kind, musste ge-
führt werden, streckte den Leuten die Zunge entgegen etc. Aber
das Schlimmste war, dass er völlig von vorne anfangen musste.
Aber auch nie habe er sich mit solcher Wollust ins Anschauen
und Aufsaugen der Natur gestürzt wie damals.
Böcklins Frau, die übrigens aus guter und sehr wohl-
habender römischer Familie ist, war in der Cholerazeit, wo
ihre Eltern starben, in eine Art Findelhaus oder Kloster gethan
worden, mit vielen anderen Kindern, ein Zeichen um den Hals.
So ward sie auch erzogen. Böcklin sah sie — bei ihren noch
lebenden Tanten — täglich im Vorübergehen, wenn sie zur
Messe ging. Sie verliebten sich und heirateten sich wider den
Willen aller. Die 40000 Scudi Mitgift aber erhielt der Pro-
testant nie, und als er immer weiter drängte und klagte, wurde
ihm bedeutet: wenn er nun überhaupt nicht bald Rom verlasse,
würde man ihm was anderes zeigen.
Sein zweiter Sohn war seine ganze Freude, von ihm
hoffte er grosse Stücke. Dies Feinsinnige, das Tastvermögen
schätzte er so ungemein hoch. Und da musste der plötzlich
auslassen und langsam verlöschen.
*) In den Galerien zu Antwerpen, Brüssel und Paris hat Böcklin haupt-
sächlich gezeichnet. A. d. Verf.
16 BÖCKL1N-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
Böcklin im Gespräch:
„Woheraus soll man heutzutage zum künstlerischen Schaffen
angeregt werden? Im Altertum hat das Leben das über-
nommen ; aber das Leben, wie es sich heutzutage abspielt,
drängt eher alle Produktion zurück. Wir „leben" so wenig!
Wie wohnen wir zum Beispiel? Kaum zur „Existenz" aus-
reichend. Zusammengepfercht, in fremdem Haus, mit verbauter
Natur, ohne Licht und Luft. Wie kleiden uns unsere Vor-
urteile und Kunstfremdheit, unsere Prüderie! Auch da ist
nichts für Auge und Sinn. Menschliche Formen, von
Weibern gar, sehen wir höchstens mal bei Unglücksfällen.
(Wenn sie selber auch bei dieser pflichtschuldigen Geheimnis-
krämerei trocken und sehnsüchtig verblühen.) Die Familie —
haben wir nicht, sie hat uns. Die Frau — na, im Grunde hat
doch keine von ihnen ein ernsthaftes, echtes Interesse. Die
Kinder? Anfangs vielleicht viel Freude, aber später Kampf
und Sorgen. Patriotismus? Ich wäre der Tambourmajor,
wenn alle Unpatriotischen im heutigen Sinn mal ausgetrieben
würden. Woheraus soll man nun künstlerisch schaffen? Wo-
durch einmal heller sehen, freudiger, leichter sich aussprechen?
Da bleibt nur der Wein. Der allein ist ein wirklicher Ge-
nuss, er erhebt uns erst zum Menschen. Nur der Wein hilft
uns gegen das Leben, trotzdem schaffen, nur er schenkt einem
noch manchmal Stunden, wo man den ganzen Kram vergisst,
und wunder glaubt wer und wo man wäre."
„Man wird eigentlich erst seines Lebens froh, wenn man
gesellschaftlich keinen Ruf mehr zu verlieren hat".
„Neue Bekanntschaften machen heisst doch nur, sich neue
Gene auferlegen. Heraus kommt dabei ja doch nie etwas
Menschliches."
„Mit wem soll man verkehren! Man hat ja gar keine
Anknüpfungspunkte. Auch bei Malern nicht, erst recht nicht.
Alle, wie sie da sind, wollen sie nicht in, sondern mit ihrer
Kunst etwas erreichen, versuchen's so oder so, sind Streber,
Affaristen, Jongleurs; der eine will reich, der andere gesell-
schaftlich angesehen, der dritte berühmt oder berüchtigt, der
vierte Akademiedirektor werden. Keiner denkt daran, ruhig,
ohne rechts oder links zu blicken, das, was in ihm ist, heraus-
zubilden. Der einzige Sand reu ter macht eine Ausnahme.
PERSÖNLICHES 17
Ich fürchte nur, er ist denkfaul. Denn auch zum Malen ge-
hört Denken. Freilich nicht das Abstrakte eines Cornelius oder
das Genellfsche."
„Es war sehr nett und anständig diesen Winter (1884)
beim Montepulciano (Avignonesi; in der Cantina Mengotto,
proprietä di A. Capelli, piazza delV olio, Florenz). Es waren
keine Maler und Bildhauer da", sagte Böcklin, als wir uns in
Zürich wiedersahen.
„Ich habe in Viareggio wieder recht gesehen, was ich
opfere. Zusammengepfercht mit der Familie, zu deren alleiniger
Verfügung, nur nicht zu meiner. Ja wie denn! Ich habe doch
noch Ansprüche an die Welt. Ich thue ja meine Schuldigkeit
für meine Leute. Darüber hinaus aber kann ich nicht, ich
kann unmöglich in sie aufgehen. Den ganzen Tag mit der
teuren Gattin hocken! Schopenhauer, glaub' ich, sagt mal:
wir haben das und das und das und dann die Familie, — nein,
die Familie hat uns! Sie legt sich um mich herum, will mich
verschlingen."
„Lassen Sie ihn schiessen, er ist nicht wert, Witwer zu
sein", sagt er von jemandem, der sich zum zweitenmal ver-
heiratete.
Floerke, Böcklin.
„Einflüsse", EntWickelung, Autodidakt.
Vor der Natur, nach der Böcklin in Düsseldorf malte,
wurde ihm klar, dass das, was man dort male, keine Wieder-
gabe der gesehenen Reize sei, in der Galerie von Antwerpen
gingen ihm die Augen weiter auf, — aber bei diesen Studien
sah er bald ein, dass uns mittlerweile auch die Mittel verloren
gegangen waren, um dem Glanz und der Tiefe in der Natur
nahe zu kommen.
So wurde das ganze Leben Böcklins, nachdem er ein-
gesehen hatte, dass wir — ohne jede Überlieferung in Mal-
dingen — alle Abenteurer sind, ohne Kompass auf dem fremden
Fahrzeug und unbekannten Meere, ein Kampf um die Mittel,
die man ja doch braucht, um die Freude, die man an der
Natur haben kann oder gehabt hat, so schnell, frisch, deutlich
wie möglich auszusprechen: das, was man davon gehabt hat,
— nicht die Natur zu wiederholen suchen. Die ist ja für den
Packträger so, für den Künstler u. s. w. so.
Aus dieser Überlieferungslosigkeit und seinem aleman-
nischen Schädel, der durch muss, erklären sich alle Phasen
von Böcklins Malerei.
Schon in den 50er Jahren bereitete er „punisches Wachs"
(„Wachsseife"). Noch heute (1881 — 1889) ist er stets um seine
Mittel besorgt.
Aber inzwischen ist alles bei ihm zum Ganzen geworden.
Mittel sind ihm nicht Zweck, sondern Mittel geblieben: die
Natur so gut wie die Palette. Die Farbe (es wäre ihm
das Wort „Kolorist" lächerlich), der Ton (als Zweck!), Fertig-
machen oder durch Zeichnung brillieren, alle die Interessen
einzelner Malergruppen und Moderichtungen sind ihm an und
„EINFLÜSSE", ENTWICKELUNG, AUTODIDAKT 19
für sich nichts, sondern lediglich Ausdrucksmittel, die zur
Hand sein müssen, wenn er seine Fülle an Naturfreude dar-
stellen möchte.
* *
Pecht hat Einflüsse entdeckt.
Nach Böcklin's gelegentlicher Aussage mir gegenüber waren
Vater und Grossvater „Weber", und er selbst hatte das gleiche
angefangen. Und zwar in Basel, einer wohl nicht gerade
anregenden Stadt. Was ihm also ausser der Freude am Tech-
nischen (die freilich bei ihm eine grosse Rolle spielt) angeboren
und in der Jugend angeflogen sein kann, sehe ich nicht ein.*)
Denn an Holbein und die Basler Sammlungen darf man doch
wohl kaum denken.
Hol bei n interessierte den Knaben, ja, weil er ihm so
erstaunlich lebenswahr und einfach erschien, aber dieser junge
Mann malte dann Landschaften, ging zu Schirmer etc.
Hess kannte er garnicht. Übrigens war Hess nicht ein-
mal barock, sondern talentlos ungeschickt und in dem, was
Böcklin instinktiv interessierte, in Bezug auf die Farbe, völlig
unwissend und gefühllos.
(Der Einfluss von Hess gehört ins Fabelreich. Wenigstens
hat Böcklin ihn in Basel nicht gekannt und ihn, als er später
Bilder von ihm sah, für einen gewöhnlichen und ungeschickten
Menschen erklärt, der z. B. von der Bedeutung einer Farbe
keine Idee gehabt habe, — : „die Zürcher Truppen waren rot,
also streichen wir Zinnober hin, bis in den Hintergrund.")
* *
*
Wir sprechen von Schirmer. „Ja, ich war lange Schüler
*) Diese Anschauung des Verfassers möchte ich durch seine spätere,
die hier Platz finden möge, berichtigen: „Wie viel Unentwickeltes geht ins
Grab und keimt unter besseren Verhältnissen beim Kinde, vererbt, auf. Wie
viel Glück gehört dazu, dass nur ein Keim zu seinem Recht komme — ein
Wort zerstört ihn oft. Die Eltern waren vielleicht ganz dumme, unschein-
bare Leute. Aber wer weiss, was in ihnen unentwickelt lag und mit ihnen
begraben wurde, ohne dass sie oder sonst wer daran dachten. Vielleicht
weil des Lebens Not andere Kräfte ganz in Anspruch nahm. Vielleicht
musste der Vater Pfennige umdrehn, die Mutter zweimal. Und plötzlich
wacht es in dem Sohn auf, dem irgend ein Sonnenstrahl darauffällt, und das
Kind „unbedeutender, obskurer Eltern" ist zu aller Erstaunen ein Genie.
Und auch das war Vererbung". A. d. H.
?*
20 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
von Schirmer, aber ich habe auch lange gebraucht, um mich von
ihm loszumachen." „In was?" „In der ganzen Weltanschauung."
Auch die Pariser Schreckenstage haben Böcklin
gewiss nichts gegeben, was er nicht bereits bei der Seele hatte.
Zu spüren ist von ihrem Einfluss nicht das Geringste. Er
ging vielmehr ruhig und mit offenen Augen seine eigenen stillen
Wege, nebenher mit den Augen, dem Crayon (trotzdem Pecht
letzteren nicht wahr haben will) etc. studierend.
Franz Dreber war bei allem künstlerischen Verstand
schwerlich der Mann, der diesen zielbewussten Kopf, ihn längst
überflügelnden Geist, beeinflussen konnte.
Feuer bach war damals unzufriedener und suchender als
je und malte überhaupt nicht. Wenn Böcklin einsam herum-
strich, so geschah das, weil er mit sich selber allein sein wollte,
musste, weil er sich mit den anderen nicht einig fühlte. Die
Einflüsse des nun beginnenden Experimentierens sind jedenfalls
seinen Bildern, die alle wohl erhalten sind, nicht schädlich
geworden.
Einfluss von Poussin — warum Poussin, wo er selbst
wie jener in der gleichen Landschaft in gleicher (nicht erzwun-
gener, sondern seinem Genie eigener) Weise im Spazieren-
gehen zu schauen, aufzunehmen und zu begreifen liebte.*)
Auch die Antike hat ihn durch ihre Formenwelt nie
direkt beeinflusst (er benutzt nur die Allgemeinverständlichkeit
ihrer Formensprache), so gern er auch seine Stoffe bei ihr er-
gänzt. Und hier handelt es sich um Erinnerungen an Lektüre
und um die Freiheit von irgendwelchem Kostümzwang, also
nur um eine scheinbare Wurzel seines Schaffens.
(Er malt meist, was man so Antike nennt. Aber er malt
es, weil seine Phantasie sich dort freier bewegen kann, weil es
dort keine vorgeschriebenen Kostüme und Farben, dafür aber
jede Möglichkeit des Nackten giebt — kurz weil er dort ganz
freier Mann, ganz Künstler sein darf. Übrigens sind seine
Figuren ja auch nur relativ und nicht als Darstellung dieser
*) Wie mir Landsinger erzählte, machte ihn Böcklin wiederholt auf
die vier Landschaften des von ihm hochgeschätzten Gaspard Poussin (Dughet)
im Pitti aufmerksam, — wie die Landschaft dort auseinandergehe etc. A. d. H.
.EINFLÜSSE", ENTWICKELUNG, AUTODIDAKT 21
oder jener Sage da: sie helfen eben nur irgend einen persön-
lichen Natureindruck deutlicher zum Ausdruck zu bringen.)
Seine Lektüre antiker Schriftsteller und sein römischer
Aufenthalt spielen wohl eine Rolle. Auch seine Vorliebe für
den Umgang mit gebildeten Nichtkünstlern. Aber die klassischen
Schriftsteller boten seiner ganzen Art nach nie den Stoff, son-
dern nur den Einschlag in die von der Anschauung her bereits
gespannte Kette.
Auch der Einfluss Italiens wird sicher überschätzt. Man
sieht das, wenn man an seinen Bildern nachrechnet. Böcklin
hat wohl an der lebendigen, farbigen italienischen Natur seine
Phantasie befruchtet, dagegen nie Anschluss an irgendwelche
italienische Malerei gesucht. All seine Farbenrechnungen —
wenn sie nicht so sehr harte, eigene Erfahrung wären — decken
sich vielmehr mit den Alt-Niederländern und Deutschen, bis
auf Rubens, aus deren Bewunderung er denn auch nie ein
Hehl gemacht hat.
Die Einwirkung der Quattrocentisten auf ihn war nur
eine scheinbare: Er ging den Weg des Autodidakten, lebte also
lediglich vom Beobachten, Versuchen und Lernen, er musste
sich die Ausdrucksmittel für das, was er sah, und was in ihm
glühte, selber schaffen, und Autodidakt war er, weil er bei den
Zeitgenossen für sich nichts zu lernen fand und alle Wege in
die Überlieferung zurück für verschüttet erachtete. So fragte
er, auf eigene Faust Erfahrungen summierend, direkt bei der
Natur und bei den alten Meistern, wo diese ihm in seinem
Sinne zielbewusst vorzugehen schienen, und die Kräfte der
Farbe bewusst in ihren Dienst stellten, nach dem „Warum"
und „Wodurch" ihrer kompositioneilen Eigentümlichkeiten und
einfach grossen Wirkungen.
Nur so fielen ihm auch die Florentiner auf.
Was er gefunden zu haben glaubte, versuchte er praktisch,
— manches fand er auch, während er es direkt auf der Lein-
wand versuchte, in der nötigen Grösse . . . .: und so entstand
manches seiner „florentinisierenden" Bilder, so und nicht etwa
aus einem seiner Zeit abgewandten Sichversenken in den Geist
einer aus anderen Abgründen heraus schaffenden anderen Epoche.
Er hat stets an den Beschauer appelliert, soviel
Kluges er ihm auch, erleichternd, zu geben hatte. Daher seine
22 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
Florentiner Gartenmauern etc. Die Vorstellungs- resp. Ein-
bildungskraft seines Publikums wollte er durch das Geheimnis-
volle seinem Bilde zu Nutzen machen.
Und dies Quattrocentomotiv der Mauer etc. soll eine Ent-
lehnung oder eine Anlehnung sein? Lebt nicht die ganze
Architektur von „Baumotiven", die sie neu zusammenfügt?
Und die Monumentalbildhauerei? Warum soll da der Maler
nicht ein Bildmotiv gebrauchen, über dessen Herkunft er sich
lediglich in praxi informiert hat, d. h. welches ihm nicht bloss
auf den Bildern der Alten als Atelierüberlieferung aufgefallen
war, sondern welches ihm, wie damals jenen, täglich wieder
neu zuwuchs: sobald er nur aus Florenz vors Thor ging,
war die Wirkung da, wie sie es für jeden ist, von der direkt
malerischen Brauchbarkeit zunächst noch ganz abgesehen. (Wer
vor Florenz spazieren geht, als Maler und Poet, empfindet bald
nicht bloss den Zwang dieser ewigen Mauern, sondern gewinnt
ihrem Vorhandensein den Reiz ab, den sie haben können.)
[Ähnlich der Witz mit der Nische oder dem schmalen
Teppich mit Ausblick nicht oben, sondern schmal zu beiden
Seiten (hier handelt es sich um einen dunklen und gemusterten
Hintergrund, dessen Ton und Behandlung das Fleisch auf
ihm isoliert, weiss und ruhig erscheinen lässt) mit den zwei
flankierenden Heiligen und den Knieenden unten. Er geht
ebenso durch. Um den Stoff und seine Anordnung hatten sich
die Renaissance-Leute nicht zu kümmern. Freilich haben sie An-
strengungen gemacht, um aus dem Gegebenen herauszukommen.]
Jene scheinbare Beeinflussung war also mehr eine Beein-
flussung seitens der neuen Landschaft, des Bodens mit seiner
uralten, überall zu Tage tretenden Kultur — alles Übrige war
Neugierde und Versuch sie durch ein Experiment zu be-
friedigen.
Böcklin ist Beobachter, überall bohrt er sich hinein, geht
er dem Wesen nach. Also sah er gleich die kluge Art wie die
Toskaner sich mit Loggien und Terrassen auf die Hügel hinauf-
bauen, mit sichtbaren Strassen, die dazu führen, mit den
Cypressen und Oliven, dazu der grossblumige Blütenschmuck
der Frühlingswiesen — alles das musste gemalt werden.
Sonst kann ich versichern, dass er in den Uffizien ausser
nach den beiden Rubens hauptsächlich nach Memling und Rogier
„EINFLÜSSE", ENTWICKELUNG. AUTODIDAKT 23
van der Weyden lief, die er, wie die alten Deutschen überhaupt,
aufs höchste bewunderte. Freilich interessierte ihn dabei auch
die unlösliche Frage nach ihrer Technik, — wie sie alle die
feinen Fädchen der schönen Muster aufgesetzt hätten, wie das
alles so unbegreiflich ungemacht aussähe.
* *
Die Italiener, von denen Böcklin bei genauester Kennt-
nis sehr wenige achtet, hat er als Künstler nie geschätzt, sie
vielfach ausgelacht und gern an den berühmtesten Qatt ro-
und Cinquecentisten (Florentiner) über ihre kolossale Un-
fähigkeit, Unfreudigkeit und Unkenntnis doziert.
Ich habe also von Einflüssen wenig Direktes entdecken
können. Der Künstler selbst weiss von solchen auch nichts.
Woher auch sollten sie gekommen sein, zu einer Zeit, wo kaum
jemand in seinem Sinne etwas wollte oder konnte. Nein, er
steht merkwürdig allein, allen geltenden und verlassenen Be-
strebungen widersprechend.
Es wird wohl starken Charakteren immer so gehen, dass
nichts auf sie Einfluss gewinnt, als was gewissermassen ihres
eigenen Geistes ist, von ihnen ebensogut hätte gefunden werden
können. Sie erkennen, was sie stützen kann, weil sie es suchten,
weil es in ihrem Sinne, von ihrem Geiste.
Auf sich wirken lässt das bewusste Talent nur das Ver-
wandte, über die eigenen Ideen Aufklärende, Bestätigende.
Und das fand Böcklin nie bei den Italienern, sondern nur bei
den Süd-Niederländern und Alt-Deutschen.
Soweit ich sehe, hat er sich selten imponieren, nie dumm
machen, brauchen oder mitfortreissen lassen, weder von den
Lehrern irgend einer halb- oder ganzkonventionellen Schule noch
gar von einer Ästhetik, sondern ist mit offenen Augen zur Natur
und zu den Alten gegangen, um dort Geistesverwandte zu
suchen. Die Negation der herrschenden Kunstprinzipien, mit
der er begann, war die erste Äusserung seines gewaltigen
Natursinnes. Bei den verwandten Deutschen und Flam-
ländern fand er zuerst dem Ausdruck gegeben, was er in der
Natur sah, und worüber er studierend Klarheit suchte. Da er
sofort auf die Unzulänglichkeit seiner bisherigen Ausdrucks-
mittel für das Gefundene stiess, so ging von Anfang an das
Bedürfnis und bei seiner energischen und positiven Natur das
24 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
Suchen nach Flüssigmachung und Erweiterung derselben Hand
in Hand. Das eine lebte in dem andern, beide blieben sein
Leben lang eins, untrennbar verbunden: das Streben nach
immer eindringlicherer Naturwahrheit in Einfachheit und Deut-
lichkeit und die Entwicklung aller irgendwie deutlichen Mittel
und Hilfsmittel. In beiden Beziehungen verschmähte er selbst-
verständlich das Beispiel jener nicht, die vor ihm ähnliche
Ziele erstrebt und zu ihrem Teil in seinen Augen erreicht
hatten. Von irgend einem andern Einfluss auf seine künst-
lerische Individualität war dabei keine Rede.
Dass in ernsthaft koloristischer Beziehung, d. h. Kom-
position durch die Farbe im Florentiner Quattrocento voll-
ständig kindliche Bewusstlosigkeit herrscht, sollte wenigstens
jeder Kunstschreiber wissen, jeder Historiker voraussetzen.
Wir andern haben bisher stets so gethan, als ob wir die
Farbe verachteten, d. h. wir kannten sie nicht, und noch heute
kennen ihre Kräfte die wenigsten. Wir kamen nicht von der An-
schauung, sondern von der Abstraktion, nicht auf künstlerisch
eigenem, sondern auf historisch-philosophischem Schulwege. Wir
kamen von der „Erkenntnis" des Altertums von Winckelmanns
Gnaden, und unser Weg führte über die Italiener, die — was
z. B. Florenz anlangt — ähnlichen Weges kamen, durch ähn-
liche Irrtümer hindurch und nie etwas von Farbe verstanden.
Man vergleiche als Laie nur die Flamländer in den
Offizien etc. und ihre Florentiner Nachahmer daraufhin: von den
Pollaiuoli bis zu Ghirlandajo. Man sehe ihre ältere schwarz-
weisse (später ganz farblose) Architektur. Dort, in der Malerei
steht z. B. in allen Plänen, hinten und vorn, das gleiche Rot
in gleicher Valeur; hier machen sie die Gliederungen schwarz
auf weiss, obgleich doch weiss vortritt und schwarz zurück.
Von der Schilderhäuserei ganz abgesehen.
Böcklin konnte von allem, aus der Natur, andern Meistern,
Büchern etc. lernen, d. h. wie sie das machten und erreichten,
was ihm dienlich schien; aber sich von irgend etwas beein-
flussen zu lassen, war er nicht der Mann; auch nicht von
Hunger, Familie, Ehrgeiz, Mäcenen, Kritik, Mode, Menge etc.
Ebensowenig war er so einseitig, jenen Künstlerhochmut zu
besitzen, den man ihm nachsagt: nur an sich zu glauben und
sich um die Welt nicht zu kümmern. Er freut sich im Gegen-
„EINFLÜSSE", ENTWICKELUNG, AUTODIDAKT 25
teil stets, etwas Hübsches mitzuteilen, ein reizendes oder über-
mütiges Naturmärchen zu erzählen.
Wo es ihm damit nicht glückte, lag es selten an ihm,
sondern an der Art des Beschauers. Freilich kann der Künstler
immer nur von Gewissen und unter gewissen Voraussetzungen
verstanden werden. Und irgend Konzessionen zu machen,
gegen seine Individualität und seinen Kunstglauben, ist ihm
allerdings nie auch nur von weitem eingefallen. Gerade in der
geschlossenen, vollentwickelten und vollbewussten Individualität
sah er alle Möglichkeit einer wahrhaft künstlerischen Wirkung
auf andere, auf die „andern", die überhaupt in Betracht kommen.
Und schadet es schliesslich irgendwem, uns, wenn Böcklin
sich wirklich einen und den andern malerischen Gedanken,
eine und die andere erprobte Werkstättenerfahrung be-
wusster Tage — die früher zu lernen das höchste Bestreben
war — aus der allgemeinen Überlieferungslosigkeit wieder auf
dem Erfahrungswege herausgerettet hat?
Es giebt keine Kunst ohne Verabredung, Konvention,
Überlieferung und darauf beruhenden Voraussetzungen; beim
trompe l'ceil so gut wie bei Schwind. Ein Bild ist eben nichts
Zufälliges, sondern etwas Gewolltes.
Böcklins fortwährend wechselnde Produktion sollte ihn
schon vor dem Verdacht bewahren, als sei er in seinem Innersten
beeinflussbar gewesen. Er malte in Rom die Eindrücke rö-
mischer Campagna und Berge, in Basel die Gänsehaut, die
er sich in den menschenfeindlichen Hochgebirgsschluchten
geholt hatte, oder die fürchterliche Naturgewaltigkeit der Hoch-
gebirgseinsamkeit. Er ward unheimlich, weil ihm wollüstig
unheimlich zu Mute gewesen war. Er malte in Florenz floren-
tiner Landschaft und suchte zu ihrer Erkenntnis unter an-
derm Aufklärung bei den Alten, wenigstens interessierte es
ihn, wie sie sie gesehen, angewandt und zur Wirkung ge-
bracht hatten. Das italische Meer entzückte ihn, aber hätte
er es so unübertrefflich herzaubern können, wenn nicht alles,
was dazu gehörte, in ihm gelegen wäre? Geht es ihm doch
ebenso mit Felsen, Bäumen, Lüften, kurz mit allem, was er
anpackt.
26 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
Die italische Landschaft hat ihn in dem beschränkten
Sinne beeinflusst, als sie ihm zu immer farbigeren, licht-
volleren Scenen den äusseren Anlass gab und die Verbin-
dung mit innerlichen, aus antiker Lektüre geschöpften Ideen
herstellte.
Wäre er nicht in Italien gewesen, so fehlten uns natürlich
die italienischen Motive unter seinen Bildern. Seine Art zu
sehen, anzupacken, zu vereinfachen, das Wesentliche gross und
verständlich hinzustellen, hätte sich offenbar gerade so ent-
wickelt, die Grösse des Malers gerade so gut ausgewachsen,
wenn für das schwärmende Publikum auch mancher Reiz ver-
loren gegangen wäre. Böcklin sah am ersten Tage in Zürich
mit so viel Freude in die Natur ( — gleich erschien denn auch
ein blühender Apfelbaum auf einem der nächsten Bilder — )
wie am letzten am ligurischen Meer.
* *
•
An wen erinnert denn sein Prometheus, seine Toteninsel,
Meeresidylle, Seetingeltangel*), seine brennenden Schlösser, an
wen erinnern sie? An niemanden. Selbst die Bildung der
Fabelgeschöpfe gehört seiner Laune und Phantasie, seinem
Humor, und das ist es ja gerade, was die perplexen Schul-
meister ihm vorwerfen, weil sie ihm mit ihren festgenagelten
Überlieferungen nicht folgen können, wenn sein Einhorn das
Hörn anders trägt als die auf Seite so und so viel, wenn seine
Sirenen nicht der Beschreibung des X. entsprechen u. s. f.
Es hat ihm so ein federschwingender Schulmeister allen
Ernstes aus Meiers oder Müllers archäologischem Handbuch
nachgewiesen, dass die Sirenen garnicht so aussahen, wie
Böcklin sie malt. Ein anderer macht die Kentauren kurfähig,
indem er ihre Verdienste aufzählt und die Achtung konstatiert,
die sie derentwegen genossen . . . Wie ein Einhorn ausschaut,
weiss jedes kleine Kind, bloss Böcklin nicht.
* *
*
Weder die Zeit noch der Widerspruch der Zeit waren
von Einfluss auf ihn. Kaum dass er sich immer mehr zuspitzte,
je mehr er sich im Gegensatz zu den Kunstanschauungen der
*) Gemeint ist „Im Meere" (1887), in Basler Privatbesitz. Böcklinwerk
der Phot. Union, Band III, 14.
Original in der Schackgalerie in München.
i
DIE NEREIDE
.DIE SEESCHLANGE-
„EINFLÜSSE-, ENTWICKELUNG, AUTODIDAKT 27
herrschenden wechselnden Richtungen fühlte. Er blieb sich
selbst treu, und die scheinbaren Schwankungen beweisen nur,
dass er darunter kein Selbstanbeten, kein Stillstehen verstand,
sondern ein fortwährendes autodidaktisches Ringen nach dem
Erwerb der richtigen Ausdrucksmittel und Formen, der Er-
kenntnis der Grenzen, dem stets lebendigen Interesse an neuen
oder ihm unbekannten Problemen.
Von Büchern und Bildern sprechend, sagt Böcklin: „Wer
nicht aus allem lernen kann, der lernt nichts."
Die ganze sichtbare Welt gehört dem Künstler, sowohl
jene, welche in der Natur, als die, welche in Kunstwerken für
das Auge vorhanden — er kann lernen aus allem.
Ein anderes Mal: „Man kann nichts lernen von andern.
Man muss alles an sich selbst erfahren. Und von den Alten
erst recht nichts. Es giebt ja kein Bild, das heute in der Farbe
noch so aussähe, wie sie es gewollt haben."
In diesem Sinne und in Rücksicht auf unseren Mangel an
Tradition ist Böcklin durchaus Autodidakt zu nennen, soweit
das eben möglich ist. Klare Erkenntnis seines Zieles, gesunde,
bewusste Willenskraft und ein gewaltiges, rapid bewegliches
Gedächtnis, auf starke Anschauungs- und Empfindungsfähigkeit
gestützt, befähigen ihn dazu.
Bei Schack und heute.
Bei Schack siehe Böcklins erste Richtung, wie er
selbst sagt ; damals war ihm das „Poetische" die Hauptsache,
die Malerei Mittel. Jetzt ist ihm nur noch die reine Malerei
Zweck. Den Anfang in dieser Hinsicht bedeutet bei Schack
die „Meeresidylle"*) („Seeschlange").
Nur noch malerische Ziele, fest und klar im Auge. Alle
Weichlichkeit, Sentimentalität, Zweideutigkeit, alles Konzessionen-
machen, und was sonst eine Figur unklar erkennbar macht, ist
von ihm abgefallen, wenn je etwas davon da war.
Wenn Böcklin sagt, mit der „Meeresidylle" habe er den
Poeten ganz aufgegeben, so will er damit doch wohl nur sagen,
dass ihm nichts als der malerisch empfangene und darstellbare
Eindruck mehr den Pinsel führt, dass er solche Vorwürfe resp.
Effekte nicht mehr malt, die etwas Ungelöstes, Spannendes, kurz
ein Nacheinander enthalten, sondern nur noch den Moment.
Zur ersten Art gehören dann „Via Mala" — kriegt der Drache
die Ausreisser? — die „Erinyen" — dito — der „Panische
Schrecken"**) — alles stürzt in wilder Bewegung vorwärts u. s.w.
In den späteren Arbeiten, beginnend mit der „Meeresidylle",
ist der bewusste Gegensatz zu aller Geschichts- und Geschichten-
malerei betontes Prinzip, ist die Reinigung der Lehre von der
Malerei im Böcklinschen Sinne praktisch vollzogen, freilich von
einem Menschen, der die Welt mit seinen eigenen Augen und
Hirn sieht.
•) Böcklinwerk der Phot. Union Bd. III, 27 („Triton und Nereide").
••) Böcklinwerk der Phot. Union, Bd. II, 33. („Die Felsenschlucht." 1870)
II, 29. („Ein Mörder von Furien verfolgt." 1870.) I, 40. („Pan erschreckt einen
Hirten.") A. d. H.
BEI SCHACK UND HEUTE 29
Er musste damals schon ein anderer sein, weil seine
Kunst, die der Farbe, damals noch nicht getrieben wurde, also
nicht bekannt war, weil ihm keine Atelierüberlieferungen und
Traditionen lebendig zur Seite standen, weil er sich folglich, von
Natur und den alten Niederländern auf ein anderes gehetzt,
um seine Mittel mit ihnen schlagen musste, bis er sie klar-
bewusst besass, — so klar, dass ein heutiges Bild eine erfolg-
sichere Rechnung ist, an der man keinen Strich hinzufügen oder
ändern dürfte, ohne zu merken, dass man die überall lebendige
Gesamtabsicht, das Kunstwerk, zerstört hat.
Auch die Klarheit dessen, worauf es ankommt, des reinen
Anschauens, fehlte mit den Mitteln, den verwirrenden Prinzipien
der Alteren und der Erziehung des Publikums, bei seiner eigenen
Jugend. Sie kam ihm erst als und weil er aus allem zu lernen
verstand.
Mit dem Klarsehen und Beherrschen der Mittel wurde
seine Kunst immer breiter, offener, heiterer.
Es handelt sich nicht mehr um ein kraft- und kunstvoll
zusammengezwungenes Zweierlei, nicht mehr um eine poetische
Auffassung, für deren malerisch gewollten Ausdruck die Mittel
nicht reichten und die Idee sich nicht allein an das Auge wandte,
also für die Mittel auch nicht bezwingbar war, selbst wenn sie
schon in sicherer Hand gestanden wären. Nicht dass er nicht
damals schon so zielbewusst gerungen hätte, wie heute. Aber
heute erst ist das damals Gewollte ganz erkennbar geworden in
schlackenloser Einfachheit und Deutlichkeit: lauter klar dar-
gestellte, grosse, reine Anschauung eines durch und durch be-
wussten feinfühligen Malermenschen.
Die Dumpfheit, von der Heyse singt, war nur die Ahnung
der Gesetze, die er heute voll und bewusst vertritt.
Alles Mitmachen, alle Mode hat er von jeher, alle Geschick-
lichkeit seit Schack („Seeschlange") direkt vermieden.
* *
*
Er war ein grosses Glück für mich, der erste Böcklin,
den ich bei Schack sah. Da konnte man doch noch anteilsvoll
mitgehen, mit diesem Wollen.
Alles kräftig, gewagt, jugendlich, liebevoll und voller Leben,
alles nach einem Ausdruck ringend. Es gab also doch noch
Erstrebenswertes in der Kunst!
30 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
Aber die heutige Ökonomie, jene weise Sparsamkeit, die
griechisches Nationaleigentum war, hat er nur im bewussten
Erwerb der Mittel mit der Erfahrung der Jahre, der Ruhe der
Mannesjahre erreicht. Heute freilich steht man bei ihm stets
einer unerbittlich geplanten Anlage gegenüher, die mit dem Not-
wendigsten an Mitteln die höchste Deutlichkeit erreicht. Und das
Vernünftige, Verständliche, Beherrschte ist doch die Hauptsache.
* *
#
Er hat damals, als er für Schack malte, noch Flöte ge-
blasen und Glöcklein geläutet vor seinen Bildern — er hätte
so gern die Musik mit darauf gemalt. Dann als fertiger, seine
Mittel überschauender Mann hat er eingesehen: das geht eben
nicht. Er hat lieber ein Gedicht zu machen versucht, um auch
das Nichtdarstellbare zu seinem Recht zu bringen. Er hatte
noch im Jahre 1887 auf seinem Lebensbild eines. Das liebe
Kind Musik hat er hinausgeworfen und ist hart geworden, —
gerade weil es ihn so viel gekostet.
* *
*
Bruckmann nennt ihn einen Romantiker. Seine Bilder,
erinnert er mit Recht, haben stets einen subjektiven inneren
Anlass, ihren Ursprung in seiner jeweiligen Stimmung. So die
„Pietä"*), deren Entstehung auf den unter besonders tragischen
Umständen erfolgten Tod seines Töchterchens zurückzuführen
ist. Der Tod mit dem Wirbelwind, Blitz und Brandstätte**)
ist nicht umsonst 1871***) gemalt, wie auch die „Via Mala" nur
seine Angst gemalt haben will, die er empfand, als er von Italien
zu Fuss da durchkam.
[Böcklins Bilder sind nie Illustrationen. Nehmen
wir die Drachenhöhle: Das Grauen der starren, menschen-
feindlichen Alpenschluchten stieg mächtig in ihm auf — nicht
die Vedute, nicht der Goethe'sche Vers-f) — aber mit der
*) Böcklinwerk Bd. II, 28.
*•) Ebenda I, 32. („Der Ritt des Todes.")
***) Das Bild ist 1870 in Basel entstanden, allerdings unter dem Ein-
druck des deutlich vernehmbaren Kanonendonners. A. d. H.
f) Die letzte Strophe von „Mignon":
„Kennst du den Berg und seinen Wolkensteg?
Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg;
In Höhlen wohnt der Drachen alte Brut;
Es stürzt der Fels und über ihn die Flut." A. d. H.
BEI SCHACK UND HEUTE 31
schnellen Ideenassociation des Künstlers, der um jeden Preis
deutlich werden und sich auf alle mögliche Weise ausdrücken
will, fiel ihm zu der schaurigen Felsklamm von weitem die
Teufelsbrücke und der Goethe'sche Vers ein, und aus der Vor-
stellung des Grauens war ein sprechender Bildgedanke ge-
worden.
Vers und Bild haben den gleichen Ursprung.
Und wenn er heute im Sturm auf dem Mittelmeer segelt,
sagen wir mal bei den Ponza-Inseln und sich an die Sirenen
erinnert, so ist bald ein Bild da; in der sonnigen Campagna
bei gutem Wein wird sich anderes verbinden; bei einem Ver-
lust und einer Totenfeier kann er im Gegensatz dazu doch, um
den Schmerz auszudrücken, auf eine Pietä kommen.
Nicht alle landschaftlichen Eindrücke scheinen ihm, zur
Lebendigmachung der ihnen für ihn innewohnenden Stimmung,
so grosse Figuren zu brauchen. Die eine kleine war gross
genug für die einsame überwucherte Villa am Meer.]
So einige Beispiele genügen. Sie sollen ja nur die Bild-
entstehung aus dem Subjektiven, die behauptet wurde, beweisen
und nicht in den vorbereitenden Stimmungen und Schicksalen
des Künstlers herumgraben. Weiter als die Bilder selber
sprechen, geht uns das nichts an. Kunstwerke wollen aus sich
selbst heraus verstanden werden.
Wenn das Romantik ist, dass der Künstler subjektive
Empfindungen auf andere zu übertragen strebt, dann ist Böcklin
gewiss Romantiker, trotzdem man ihn vielleicht noch einmal
einen Klassiker der Farbe nennen wird.
Ich will ihm zu allerletzt den Poeten absprechen, wie es
bei diesen Auseinandersetzungen über den Böcklin bei Schack
und den seit der „Seeschlange" in aufsteigender Linie scheinen
könnte. Ich will nur betonen, dass seine Phantasie immer
selbstbewusster oder lediglich auf die ausgedehnteste Kenntnis
seiner Kunstmittel und Grenzen gründet.
Künstlerische Charakteristik.
Der künstlerische Mut, mit dem Böcklin die heterodoxesten
Sachen anpackt, sein unentwegter Glaube an sich selber, stehen
heutzutage fast einzig da in ihrer Art.
Wir müssen doch wohl nicht so satt sein „des Kramens
in anderer Worten, des Schauens mit anderer Augen, des
Denkens mit anderer Gedanken", wie Karl Hillebrand meint.
Denn wenn einer kommt, der er selbst ist, „der die Kraft dazu
hat, die Selbstverleugnung, sich selbst zu bejahen", so ver-
stehen wir ihn nicht, geben uns auch keine Mühe darum,
sondern belächeln ihn.
Böcklin hat schwer gearbeitet, um die künstlerische Welt-
anschauung seiner Düsseldorfer Zeit los und er selbst zu werden.
Nicht etwa im französischen Sinne „pour arriver", um dann
wenn er sein Terrainchen, seine Specialität in Reitern, Soldaten,
Rokokofiguren gefunden, ja nichts mehr daran zu ändern, son-
dern in dem deutschen Sinne, dass der, der still steht, aufhört
Künstler zu sein. Er geht unentwegt gerade aus, aber seinen
Weg, von seiner wachsenden Erfahrung und Erkenntnis ge-
leitet, weder rechts noch links fragend. Es ist manchmal recht
dunkel um ihn her gewesen, aber jetzt hat es denn doch längst
angefangen hell zu werden.
Er hat niemals seiner Zeit geschmeichelt, noch den Be-
dürfnissen irgend eines „Mäcens". Aktualität und Konnivenz
sind für ihn nicht Sache der Kunst.
Ich glaube seine Unfähigkeit Haupt- und Staatsaktionen
mit vorgeschriebenen Gesichtern, Uniformen und Empfindungen
KÜNSTLERISCHE CHARAKTERISTIK 33
zu malen, oder sich sein Bild von einem andern vor- resp.
durchdenken zu lassen, beschwören zu dürfen. Er kann nicht
und nirgends unfrei sein.
* *
*
Böcklin erzählt in seinen Bildern doch nicht eigentlich.
Es ist freilich stets eine gewisse ganz deutliche Handlung da,
oder doch eine sprechende Staffage. Aber jene berichtet nie
über einen historischen oder genrehaften Einzelfall, sondern
sucht unter dem Einzelnen das Allgemeine darzustellen. Nehmen
wir an, er malt eine Schlacht, so wird er sich nicht durch
Waffenröcke und Porträts an den Einzelfall binden, sondern
den sozusagen elementaren Charakter des wilden Ringens dar-
stellen. Höchstens dass er der allgemeinen Bewegung den
Gegensatz eines ruhigen Feldherrn entgegensetzte und dadurch
auf diesen den Blick lenkte, dem Ereignis auch nach dieser
Seite hin seine Individualität wahrte.
Ich denke dabei an Rubens, der es ebenso machte,
speziell an seinen prachtvollen Sieg Heinrichs IV. in den
Uffizien. Schlacht — das heisst für ihn Kampf: Alles ist Be-
wegung, Verkürzung, überall noch Gegensätze, nirgends breites
Ausruhen, Ausgleiche. Gegeben war nur die gepanzerte Figur
des Königs: die hellsten Glanzlichter auf dunklem sehr aus-
geführtem Grund. Alles andere konnte er nun, im Gegensatz
zu ihr, breit und wild gestalten, als freiesten Ausdruck künst-
lerischer Absicht, nicht weiter fertig als es zu dieser Grund-
idee ihm nötig schien — umsomehr blieb trotzdem die Majestät
des Siegers Hauptsache.
Oder im andern Fall: er erhöht durch seine sprechende
Staffage nur die Deutlichkeit der empfundenen Stimmung, ver-
körpert noch einmal das Angeschaute, hilft ihm zu zweifelloserem
Ausdruck — er ist zu reich, um sich mit der blossen Land-
schaft zu begnügen, so sehr er ihrer Herr ist. Er muss die
Natur — gleich den Alten — vermenschlichen, beleben, nicht mit
Individualitäten, sondern mit Verkörperungen ihrer Kräfte. Sie
sind nicht ihrer selbst wegen da, sondern relativ, sie helfen seinen
Eindruck ins Grosse, Allgemeine erheben. Es ist nicht bloss
Stimmung auf diese Weise, es sind Naturmythen, die er dichtet.
* *
Floerke, Böcklin. 3
34 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE.
Böcklin ist jedenfalls der bewussteste und konsequenteste
Farbenrechner und Malkünstler, den wir seit den grossen Tagen
unabgeblasster Malerei besassen. Und das will in unserer
traditionslosen Zeit etwas sagen. Wie dies möglich war, wird
nach uns — als Illustration zu unserer verwissenschaftlichten
Streberepoche — manch einer noch schwerer begreifen als
wir selbst.
Im Gegensatz zu der Färb- und Freudlosigkeit und Kor-
rektheit unserer heutigen Kunst, welche durch stramme Haltung
die fehlende innere Wärme zu ersetzen sucht, steht hier die
heitere genussfrohe Farbenkunst, die jugendliche treffsichere
Bewusstheit Böcklins.
Bei ihm ist keine Farbe, kein Ton, kein Strich, der nicht
das freie Walten einer mit allen Machtmitteln ausgerüsteten
überzeugt malerischen Phantasie bewiese. Natürlich verstehen
wir darunter nicht willkürliche Phantastik, sondern die Erschei-
nungswelt im Lichte einer sich selbst und die Mittel ihrer Kunst
beherrschenden, auf Anschauung beruhenden Einbildungskraft.
Er sucht und weiss stets gleich, wo die Wirkung liegt, —
oder wie er sagt, — „der Witz liegt". „Accentuieren!" „Es
kommt immer mehr Zusammenhang in die Sache."
H. Ehrlich sagt von Schubert, Schumann, Mendels-
sohn, sie „sind nicht mehr wie ihre Vorgänger die reinen Mu-
siker, sondern ihre Werke enthalten eine poetische Tendenz,
sind schon „Programmusik", da sie sich auf bestimmte poetische
Gedanken beziehen, wie schon die Titel vieler Mendelssohn'scher
Musikstücke zeigen: „Sommernachtstraum", „Fingalshöhle" etc."
Einen umgekehrten Gang könnte man Böcklin nachsagen.
Er hat sich vom Poeten herkommend, der seine Mittel zwang,
immer mehr zum reinen Maler durchgearbeitet. Die Titel seiner
Bilder sind nicht von ihm selbst.
„Man sollte keinen Bildern Namen geben müssen. Das
Wesentliche, worauf es dem Maler ankommt, wird ja dadurch
doch nur gestreift, die Entstehungsart verschleiert oder ge-
fälscht. Man nimmt den Stoff, der auf der Strasse liegt — und
mit dem sich wohl die Unfähigkeit deckt — für den Autor,
der etwas zu sagen hat. Was er geschaut, was er empfunden,
KÜNSTLERISCHE CHARAKTERISTIK 35
hat — das aber sieht niemand, danach fragt keiner", sagt
Böcklin.
*
Böcklin und Schwind sind unsere einzigen originellen
und unerschöpflichen Künstler.
Böcklin ist niemandes Schüler, aber er hat es vermocht,
jeden zu verstehen, der ihm kongenial war, von allen und aus
allem zu lernen, was seiner Fülle assimilierbar erschien.
Seine Bilder sind Wirklichkeiten, die Photographiebilder*)
sind nur seelenlose Abbildungen, Schein irgend eines toten
Moments, gewesener äusserlicher Wirklichkeit, kalt und tot wie
die Kerlchen, die's machen, und für die Menge in Menge.
Freilich ist er ein Gebildeter seiner Zeit, und der Künstler
in ihm kann aus seinem reichgefüllten vollen Innern künstlerisch
schaffen, er kann sich selber malen, während die andern nichts
bei der Seele haben, also etwas anderes abschreiben müssen.
Seine „unmöglichen" Geschöpfe sind viel lebensfähiger,
seine „zu blaue" See ist viel mehr See, als alle noch so schön
vor der Natur heruntergemalten. Er hat das Wesentliche ge-
sehen, behalten und wiedergegeben, die andern alles Zufällige;
denn was wissen und sehen die vom Wesentlichen, Ewigen.
Ihnen hat das Viele das Grosse und Wahre umgebracht.
Bei Böcklin giebt es nichts Hübsches, Einzelnes, was
seiner selbst wegen auch noch da wäre. Alles bezieht sich aufs
Ganze oder quillt aus diesem (der Idee, der Begebenheit) hervor.
„Ich sehe gar nicht ein, warum ich hübsche Weiber malen
muss. Ich male ja nicht aus Höflichkeit, oder damit es jedem
geilen Kerl gefällt."
Ein absolutes Nichteingehen auf alle von aussen kommenden,
also nicht mit der Empfindung zusammenhängenden Ansprüche
seitens Zeit und Publikum ist es, was Böcklin charakterisiert,
und für die Menge, — die demnach nichts mit ihm anzufangen
weiss — der er nirgends die Hand reicht, unzugänglich macht.
Für diejenigen, die ihre allerlei Kenntnisse zu Hause lassen
*) Hierunter sind nicht Photographien, sondern Kopien der Natur zu
verstehen. A. d. H.
3*
36 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
und sich Zeit nehmen, ist seine Kunst eine Führerin zu den
dunklen Schätzen des eigenen Innern.
Keine Spur von Eitelkeit oder Spekulation, kein Prunken
mit Können und Wissen — wie das alles nur die ganz in sich
Ruhenden entbehren können.
Ich kann ihn meinen Lesern daher auch nicht näher führen,
indem ich sein Wurzeln in nationalen Ideen nachwiese.
Das Ausschlachten der Kunst zu patriotischen Zwecken
und damit verbundenen weiteren Annehmlichkeiten lag ihm
schon als Schweizer fern.
Der Staat etc., der Patriotismus mögen sich der Kunst
bedienen, — das ist ihr Recht — die Kunst ihrerseits aber
muss, um zu sein, was sie sein will, solcher ihr fundamental
fern liegenden Interessen entraten können, muss von ihnen, wo
sie unverfälscht thätig sein will, fernbleiben.
Und ich kenne kaum jemanden, der sich so wenig in den
Dienst ausserkünstlerischer Interessen gegeben hätte, seien sie
noch so empfindsam privater oder noch so bestechend öffent-
licher Natur.
Mit hellen ungetrübten Künstleraugen sieht er seinem Stoff
ins Gesicht. Seine Stoffe (oder besser Anlässe; denn Stoffe,
die ihn in irgend einem Sinne bänden, giebt es für ihn nicht.
Er will keinen Mythos illustrieren, nichts von anderen Ge-
dachtes bindet ihn. Es handelt sich nicht um ein malerisches
Abfinden, Zurechtlegen. Kein Kostüm, keine Ähnlichkeit, kein
Modell zwingt ihn, zieht ihn ab. Keine Forderung oder Vor-
schrift macht ihn seufzen. [Daher nutzt er seine „Stoffe" auch nicht
aus: z. B. Prometheus*) ohne Najaden, Angelika**) ohne Felsen]),
seine Anregungen („Stoffe") findet er in eigener Anschauung,
eigenem Empfinden und schnell sich ankrystallisierenden, schnell
zuschiessenden Vorstellungen und Erinnerungen — (Ideen-
Association, zuschiessende, sich zusammen als Eins krystalli-
sierende, an die Oberfläche des Bewusstseins tretende Ideen,
ja, — aber diese Ideen sind rein malerische, sind lebendig
*) Böcklinwerk Bd. I, 23.
**) Ebenda, Bd. III, 24 („Ruggiero befreit Angelika aus den Klauen
des Drachen.")
ttS/m- "*■* "
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Original im Besitz z'on F. A. Simrock in Berlin.
DIE TOTENINSE1
Ol vw/ im Besitz des Grafen von Oriola in Biideshehn.
II, IM
Original in: Besitz von Frau T. Schöu-Rtiu in II',
DIE TOTENINSEL
(ERSTE UND ZWEITE WIEDERHOLUNG)
Original im Städtischen Museum in f.- ■
Original int /■'< r/V ■'. I ■■ Benary in Berlin.
DIE TOTENINSEL
(I)RITTI UND VIERT1 \\ II I il RHOLUNG)
KUNSTLERISCHE CHARAKTERISTIK 37
werdende und lebendig machende Anschauungen, irgend einmal
erworben, die sich werdelustig zur Verfügung stellen), sie ver-
deutlichen ihm das Empfundene, vergrössern es, ermöglichen
ihm die Übertragung auf andere.
Dabei schliesst seine rein malerische Natur von vorne-
herein alles aus, was nicht lediglich mit den Mitteln seiner Kunst
(der Palette im weitesten Sinne) ganz deutlich zu machen ist,
ohne Rest aufgeht, irgendwelche Interessen anruft oder An-
sprüche (Captationes benevolentiae) erhebt. Schon in der Idee
will sein Bild nur den Beschauer von sich selbst befreien und
in die blosse Anschauung versenken. Alle seine Poesie und
Phantasie bewegt sich bewusst in diesen Grenzen. Sie alle
dienen nur dem Maler. Alle sind an der Hand der Natur, d. h.
aus Anschauung, Empfindung und momentaner Ideen-Association
entstanden.
Die gewaltige Naturnähe in seinen Sachen kommt von der
bewussten Beschränkung, sowohl was das Sichtbare anlangt,
als was das Zurückziehen auf den Gesichtssinn und seine Fort-
setzung in der Arbeit betrifft.
Böcklins Talent besteht zu einem grossen Teil in der
Fähigkeit, künstlerische Erfahrungen zu machen und diese in
Fleisch und Blut aufzunehmen.
Seine „Wiederholungen" bedeuten stets ein Weiter-
bilden und Ausreifen, sie werden jedesmal einfacher und
schlagender.
Grimm redet viel von diesen Wiederholungen. Aber
weniger weil Böcklin „sich nicht losreissen konnte", sondern
weil anderen das nicht glücken wollte, und sie ihm keine Ruhe
Hessen, bis er ihr Geld nahm und das Bild in neuer Redaktion
— um sich nicht selbst zu langweilen — noch einmal malte.
Zwei gleiche Bilder hat Böcklin nie gemalt, noch weniger sich
selbst kopiert.
Er hielt es nicht aus, gebunden zu sein, das Neugestalten
fand er viel leichter. Das beweist, wie wenig Bedeutung der
„Stoff" hat.
Um zu sehen wie Böcklin immer klarer geworden ist und
das für ihn Sichtbare immer mehr an Stelle des Subjektiven
(Denken, Empfinden) gesetzt hat, vergleiche man nur seine
„Wiederholungen", z. B. die toskanischen Villen, den Vinum
: : : - . : : : s : - : - : z
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KÜNSTLERISCHE CHARAKTERISTIK 39
sofern er völlig in den Dienst jenes getreten und nichts mehr
zu fürchten ist.
Die sogenannte S t i m m u n g ist durchaus nicht immer etwas
Sentimentales, Poetisch-phantastisches, welches den Menschen
beherrscht, sondern ein Sichtbares, welches der Maler packen
und beherrschen kann. Sonneneinsamkeit, Meeresöde, Waldes-
schweigen sind in den sie zusammensetzenden Naturerschei-
nungen keine Produkte unserer Empfindsamkeit, sondern für
den Sehenden erkennbare charakteristische Lebensäusserungen
gewisser wiederkehrender Naturmomente.
(Auch eine Landschaft hat ihre Individualität, die Böcklin
zu entbinden strebt, jeder Winkel Erde, jede Tageszeit hat ihre
Stimmung, jede Stimmung ihr entsprechendes Stück Welt, Jahres-
und Tageszeit, und es ist nur Sache der schnellen Ideen-
verbindung, dass sich das Entsprechende von selbst zusammen-
findet, um zu überzeugendem Ausdruck zu gelangen.)
Ich kann beim „Sehen" des Lebendigen das Leben nicht
übersehen, ebensowenig beim Anschauen der Natur. Licht,
Luft und Raum sind sichtbar und also Gegenstand der Malerei.
Die Fabelwesen, welche solchen Anschauungen oder Vor-
stellungen zu stärkerem Ausdruck verhelfen, sind darum noch
lange keine eitle Ergänzung oder Verbesserung der Natur.
Sie bedeuten nichts weiter, sie wenden sich nicht an unser
gelehrtes Wissen, — sie sind das überzeugende Produkt solcher
eigenartigen Naturmomente: und wenn sie auch zufällig noch
niemand gesehen hat, sind sie darum in ihrer Naturumgebung
nicht minder wahr — gleichviel ob die Natur sie zu machen
vergessen oder nur kein Mensch bisher sie gesehen hat. Nichts
Idealistisches, Bezügliches macht sie schattenhaft oder entrückt
sie dem reinen Gebiet der Malerei: der Verlebendigung des
vom äusseren oder inneren Auge Wahrgenommenen.
Böcklin ist immer mehr Maler geworden. Aber in einer
Beziehung doch nicht in Conrad Fiedlers Sinn. Ihm genügt
das ewige Figurenstilleben von Adam und Eva, des Porträts,
der Sante Conversazioni nicht.
(Das rein Malerische ist ihm auch zu wenig. Darum liebt
er z. B. die Italiener nicht und begreift ihre Sante Conversazioni
und schön posierenden Zuschauer nicht. Freilich empfängt auch
er seine Bilder lediglich durch die Augen, aus der Anschauung
40 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
der Natur, auch ihm ist das malerische Problem die Haupt-
sache, aber dann, sei es auch erst während der Arbeit, muss
das gewählte und verwandte Material, müssen die Requisiten
ebenso streng geschlossen dem Ausdruck eines Vorganges dienen,
wie sie ursprünglich wegen eines malerischen Problems er-
funden und verteilt worden sind, z. B. sein Kentaur, der sich
den Huf beschlagen lässt.
„Wie kommen Sie dazu?"
„Ganz zufällig natürlich. Ich dachte nicht daran einen
Witz zu machen, etwas zu erzählen. Mir fiel das plötzlich ein,
und nun muss es herauskommen."
Nach einigen Tagen: „Sie haben das Ganze verändert."
„Ja, der Junge war überflüssig. Der Meister sah nach
der dicken, weissen Kentaurin. Das war falsch und brachte einen
Nebengedanken in das Bild. Er muss den Kopf sachverständig
und überlegend schief halten, nur sehen, wie sich das wohl
machen lässt, während der ganz rohe Bauernkentaur ihm seine
Schwierigkeiten mit diesen ewigen Eisen klagt. Zürich 1885.)
Ohne Sentimentalität und ähnliche Nebenempfindungen
oder Nebengedanken sieht er ausser der Form die Bewegung,
das Leben und sucht es durch die Arbeit zu ergründen ; er
sieht nicht nur sie, sondern das Geistige, welches der Form
wie der Gruppe ihren darwinischen wie momentanen Stempel
aufdrückt: er sieht die Scene, die Stimmung, und sucht auch
sie als etwas in der Natur Geschehenes, dieser Eigentümliches,
voll und klar zu entbinden.
Höchste Lebendigkeit, knappstes Zusammenfassen, streng
gefugt, bis zur grössten Einfachheit und doch oder darum Be-
stimmtheit, Sachlichkeit, Deutlichkeit, Klarheit — reizbarste
malerische Feinfühligkeit — überall gegenwärtige Kritik, das
ist's, was Böcklin in seinen Arbeiten auszeichnet.
Ich wüsste keine bewusstere Thätigkeit als die, welche
sich in jedem Strich Böcklinscher Bilder ausspricht — und
darum erst recht ist das Kunst.
(Keine Zufälligkeiten, auch wenn es frappant so aussähe,
keine Zweideutigkeiten, dabei viel mehr Natur als in den
gemalten Zufälligkeiten anderer.
KÜNSTLERISCHE CHARAKTERISTIK 41
Man müsste das doch sehen oder dahinter kommen können:
hier ist alles Absicht, nichts Zufall. Weil das eine so ist, muss
das andere so sein; weil das eine spricht, muss das andere
schweigen; nichts ist ungekonnt, sondern urteilsmässig nicht
gewollt; keine Farbe, Form, Unruhe, Helligkeit ist um ihret-
willen oder gar allein da, sondern alles ist relativ, dient dem
Ganzen.)
Klar und eindeutig muss er sein. Darum schreibt er auch
noch — so sehr auch alles zweckdienlich zur Sache spricht —
„Vinum bonum" über die antike Osterie oder „Melancholia"
auf den Spiegel seiner schönen letzten Figur. (Zürich 1885.)
Ihn füllt jene Vorstellung der sichtbaren Welt, auf die er
sich konzentriert, und die er immer körperlicher verdichtet,
ganz aus mit ihrer lebendigen Gegenwart und Werdelust,
alle seine geistigen und körperlichen Kräfte nimmt sie in An-
spruch.
Wenn schon, so möchte ich, ohne vergleichen zu wollen,
was ich übrigens in vielen Beziehungen nicht scheuen würde,
an Rubens denken, der die Natur packt, wo es gerade ist
und sie hinstellt: eccola qua! Auch Böcklin bemächtigt sich
ihrer mit ähnlich gewaltiger Selbstverständlichkeit, wenn er die
hinreissende Kraft von Rubens auch nicht besitzt.
Das Bewusstsein für malerische Mittel und Notwendig-
keiten (welches mit dem Ästhetischen oder mit der sogenannten
poetischen Empfindung gar nichts zu thun hat, sondern ihnen
weltfern steht) ist selten so ausgebildet verkörpert gewesen wie
in Böcklin.
Wenn man sich ehrlich über Malerei unterhält -- unter
der Voraussetzung, dass man weiss, um was es sich dabei
handelt (und hier ist das Loch im gegenseitigen Verständnis) —
so muss man zugeben, dass wir es hier mit dem klarsten,
positivsten, bewusstesten Vertreter der Kunst unter den Lebenden
zu thun haben.
Gerade ihm gegenüber sind alle laienhaften Vorstellungen
von phantastischer „Genialität", von interessanter Nervenüber-
reizung (oder gar Originalitätshascherei) absolut lächerlich und
beruhen auf vollständigem Nichtkennen seiner Person und
— unverbesserlichem — Verkennen seiner Werke.
Die heitere Kraft Böcklins, auch wo sie am übermütigsten
42 BOCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
mit den Kombinationen seiner Phantasie spielt, wurzelt immer
fest und sicher in dem realen Boden der Naturwahrheit, seine
tollsten Fabelwesen sind körperlich durchaus organisch und
ebenso organisch mit ihrer Landschaft verbunden.
Bei jedem Erklärungsversuch der Böcklinischen Kunst
muss man von seiner unbegrenzten Genussfähigkeit gegen-
über der Natur ausgehen, von seinem unerhörten Gedäch t-
nis andrerseits. Jene lehrt ihn an allem Eigentümlichen und
Sprechenden sich freuen, der Individualität eines Naturmoments
mit künstlerisch geniessendem, verstehendem Auge nachzugehen,
— dieses bewahrt ihm das Genossene und sendet aus seinem
Reichtum eine Fülle des Verwandten, sei es des Erlebten oder
Assimilierten, sodass aus geringem Anlass mit rapider Ideen-
association ein Bild vor seinem geistigen Auge entsteht. Das
Gedächtnis aber ist die Grundlage dessen, was wir Phantasie
nennen.
(Phantasie = Beweglichkeit, Erregbarkeit, Sichtbarwerden
des Gedächtnisses, d. i. der in uns ruhenden Summe von
irgendwie Erworbenem.)
Das Arbeiten aus dem Gedächtnis bringt es mit sich,
dass der Künstler ungebunden von den mit tausend Zufällig-
keiten behafteten Einzel- und Momenterscheinungen, frei mit
dem für ihn Wesentlichen zu schalten vermag, mit dem, was
ihm wirklichen anschaulichen Genuss gewährte, was ihm die
Eigentümlichkeit des Moments aussprach, offenbarte.
Böcklin sagt: „Man darf absolut nichts Unwahrscheinliches
machen. So ein Münchner macht dahinten irgendwo, um den
Raum zu füllen, als ob es sich um eine Arabeske handle, eine
Fahne, die sohin weht, und Bänder, die andershin flattern.
Und die Schreier nach Natur finden nichts dabei."
Er ist der personifizierte künstlerische Verstand bis in
den kleinsten Strich, bis auf den unscheinbarsten Ton, in jeder
Unterlassung nicht minder. Dieser Verstand ist Herr der
reichsten, unermüdlich selbsterworbenen technischen Erfah-
rungen. In ihrem Kreise hält er, an strenger Longe, den un-
KÜNSTLERISCHE CHARAKTERISTIK 43
erschöpflichen Vorspann eines allseitigen Gedächtnisses und die
Naturempfindung eines wahren Künstlers.
(„Form und Farbe müssen sich der Idee unterordnen", sagt er.
Nein — das trifft bei ihm nicht ganz zu: denn er em-
pfindet oder sieht beides zugleich mit, wenn er seinen Eindruck
im Kopfe zum Bilde fertig komponiert. Er dichtet sozusagen
nur im Kreise seiner Ausdrucksmittel. Das Farbenproblem
deckt sich bei ihm mit dem dichterischen. So wird letzteres
ja auch erst ein malerisches. Wo die Form eine direkte Rolle
spielen soll, bei ganzen Figuren etc. wird auch sie ihm zugleich
mit klar sein. Er ist ja doch kein Illustrator oder Darsteller
von anderer Leute Gedanken.)
Freuen wir uns, wenn einem noch die Sonne ins Hirn
scheint, dass er Licht und Farbe sieht und aufweisen will, wo
für andere nur weissliches Grau ist!
Es ist in der Kunst wie Kette und Einschlag — beides
gehört zum Gewebe — die Natur und der Mensch, der sie zu
neuem Besitz bildet. Aber begreiflicherweise kommt alles da-
rauf an, ob diese Weberei bloss ein dressiertes Können ist,
wie z. B. bei Lenbach, oder eine jedesmalige eigenartige An-
schauung.
Ich weiss den einzigen Vergleich mit unserem Freund
Gottfried Keller, der auch sein künstlerisches Gut in festen
Händen trägt und es blitzen lässt, wie er will, nicht mehr und
nicht weniger. Beide haben durch hellen allgegenwärtigen Ver-
stand ihr Talent zu etwas ungleich anderem gemacht als zu
einem blossen selbstleuchtenden Ding.
Es ist eine Freude, Böcklin jetzt (1887) im Atelier zu
sehen. Nur noch „giudizio". Wie er so vor seinen grossen
Bildern steht und abwägt. Die letzten Decimalstellen ausgleichen
— überlegen: welche Dummheiten muss ich stehen lassen, um
Anderes, Wertvolleres zu erreichen — das ist so jetzt seine
Hauptarbeit. Die sichtbare Arbeit ist immer im Augenblick
gethan.
Es giebt da kein „das bedeutet", sondern nur „das ist"
und zwar „ist" ohne Hintergedanken und Hineingeheimnisstes:
Anschauung für die Anschauung.
44 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
Wie ein Ringer, voll allseitig gespannter Aufmerksamkeit,
Kraft und Klugheit, packt er seine Aufgabe, sie überall fassend,
wo sie fassbar wird während des Kampfes, jeden blitzschnell
gefühlten, neuentstehenden Vorteil, so weit es geht, auszu-
nutzen.
*
Noch originell sein, — das, dächte ich, hiesse allein schon
etwas — nach so weithin übersichtlicher Kunstentwickelung!
* *
*
Böcklin ist natürlich nicht nur Bewusstsein und Berech-
nung. Ungeheuer viel undefinierbarer Instinkt, wunderbar aus-
gebildetes künstlerisches Taktgefühl steckt doch in ihm — ein
Können, Fühlen, für welche Fähigkeit, für welches Halbbewusst-
sein es keinen Ausdruck giebt.
Das lediglich Empfundene kann man wohl sicher aus-
üben, aber nicht bewusst beherrschen, d. h. definieren. Vieles
weiss Böcklin, und er dringt hinein in das Unbewusste (seit
Schack) mit der Leuchte des Forschers — aber vieles, vieles
bleibt, das er nur ahnt. Und er macht es dennoch, eben weil
er seines Gefühls sicher ist, nicht seiner Berechnung allein
(obgleich auch dies Gefühl in all seinen Berechnungen seine
sichere Rolle spielt).
Irgend ein seiner Zeit erschautes Stück Natur taucht vor
dem geistigen Auge des Künstlers wieder auf, und bei der
Übersetzung in seine Farbensprache fliessen ihm plötzlich, ohne
dass er sich immer Rechenschaft geben könnte, wo, in welchem
Zusammenhang, und ob irgendwann er sie gesehen, und ohne
dass er sie je gemalt, Dinge — Kleinigkeiten — auf die Lein-
wand, die, Stimmung von jener Stimmung, echt und wie un-
trennbar erscheinen, weil sie aus dem Ganzen geboren sind.
Das Individuelle, Stimmunghaltende ist haften geblieben,
— dies baut er nun als ein Naturwahres und doch ihm persön-
lich Gehöriges wieder auf, das Warum dem Beschauer durch
Übermittlung der eigenen Stimmung deutlich machend.
Um ihre Eindringlichkeit zu erhöhen, sucht er diese
Stimmung durch Figuren, die geistig, in Lebensbethätigung und
Farbe ihren Charakter festhalten, noch einmal lebendig aus-
zusprechen.
KÜNSTLERISCHE CHARAKTERISTIK 45
Wie fein und sensibel solche künstlerische Stimmungen
sind! Bruckmann kommt ins Nebenatelier, ohne zu denken,
dass Böcklin da ist und fängt ganz laut und derb an, sich die
Marseillaise zu pfeifen. Aber nach den ersten vier Takten
sieht er irgend etwas, was ihm auffällt, und er hört auf.
Böcklin, der Gott weiss in welcher Grotte unter dem Meere
war, kann, wie die Fortsetzung gar nicht kommt, nicht anders
— er muss sie weiterpfeifen. Damit kommt er aber auch zu
Bruckmann ins Atelier und sagt ihm: „Herrgott, jetzt hast Du
mir glücklich mein Motiv totgepfiffen!"
Für jeden Künstler, denk' ich, wird das Gewollte, Wer-
dende etwas anderes, wenn es in Form seiner Mittel Gestalt
annimmt und wächst oder zurückbleibt, wenn die Vorstellung
locker und modellierbar bleibt oder auf einem Punkt versteinert.
Die augenblickliche günstige oder ungünstige Stimmung
übt während der Arbeit den grössten Einfluss aus.
Ich habe erlebt, dass Böcklin, wohl in der Meinung fertig
zu sein, drauf ging wie ein Wilder, aber oft genug etwas anderes
fand als den Ausdruck seiner Vorstellung, und so habe ich ihn
vieles wegwerfen sehen, was ihr nicht in einem Guss aus-
reichend entsprach.
Auch er wusste, wenn er anfing, nicht ganz genau, wohin
er kommen würde. Er wartet auch, was aus dem Reichtum
aus ihm heraus dazukommt — während der Arbeit — und dann
meinetwegen anderes umstösst. Auch er muss oft, ohne sich
alles Zugehörigen vorher kühl bewusst zu werden, wagen, ver-
suchen wie weit die Kräfte reichen, wie weit seine Empfindung
stark genug gewesen, um schöpferisch vorzuhalten bis zum
Fertigsein, bis die grosse Rechnung stimmt.
Die meisten Künstler allerdings kommen erst durch die
Anschauung des Werdenden, die Anregung der entstehenden
Zufälligkeiten zu ihrem kaum vorher berechneten Resultat.
Noch einmal die Sensibilität künstlerischer Schöpfungs-
launen: Goethe schrieb Hermann und Dorothea ohne das
Zimmer zu verlassen, d. h. er hatte anstatt der hundert kleinen
gar kein anderes Verhältnis zu irgend etwas auf der Welt als
das zu seinem Stoff, zu dieser Sache. Und nun macht er nicht
46 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
etwa einen „Prometheus", sondern kommt der Antike viel
näher, macht etwas Gutes, indem er das formt, was er genau
kennt, über das spricht, wovon er am meisten (intimsten) zu
sagen weiss. Er will durchaus nichts Grossartiges machen. Er
lebt nur von dem einen Gegensatz — der gross und einfach
ist — zwischen der beschaulichen, philisterhaft befriedigten
Ruhe des kleinstädtischen Marktplatzes und den hineingeworfenen
Versprengten.
* *
*
Der Künstler ist vor allem ein gesunder Mensch. Nur
der sieht die Welt richtig in seinem Lebensgenuss. Der Kranke
sieht all seine Qual in die Welt hinein und will und kann
andern keine Freude mitteilen. Böcklin macht das Fenster
auf, und die Sonne lässt das Meer erglänzen und lebendig
werden.
Eine weise, offene, zugängliche Kunst, voller Erfahrung
und ohne Geheimnisse (für die, die sehen, den Faden nehmen
wollen), ein staunenswertes, überall stichhaltendes sich-Decken
und sich gegenseitig Unterstützen zwischen Mitteln im weitesten
Sinn und Zweck — Zusammenfallen der beabsichtigten Erregung
des Auges i. e. Aufmerksamkeit des Beschauers und des
Interesses, des Rätselworts des Bildes: gerade da steht das
„Sesam" — (nicht, „wo ist die Katz" wie meistens) — also des
sprechenden Ausdrucks des mit dem Ganzen Gewollten.
Böcklin arbeitet wie ein Bildhauer: schon wenn dieser
das Gerüst zusammenbiegt, weiss er ganz genau, was er will,
hat er seine Arbeit in der Vorstellung fertig. Ebenso Böcklin,
wenn er an die Leinwand tritt. Und dann geht's schnell.
Merkt er in der praktischen Arbeit, dass er sich verrechnet
hat, so ist's gleich aus. Weg damit!
Wir können und besitzen ja viel mehr als wir alltäglich
zur Hand haben. Er kommandiert das in glücklichen Momenten
alles mit einander genau für denselben Zweck.
Wie männlich bewusst, unerschrocken und frei von aller
Gefallsucht ist diese Kunst, diese unbekümmerte, alles, was
nach Geschicklichkeit aussieht, ängstlich vermeidende Malerei
eines Mannes, der seine Zeit vollauf kennt und ganz auf sich
und sein künstlerisch Erarbeitetes angewiesen ist, gegenüber
den Palaisposten — voran Anton von Werner — und jedem
KÜNSTLERISCHE CHARAKTERISTIK 47
anderen, der nach rechts oder links und nach den Achselstücken
schauen muss, oder gar vor Publikum und Kunsthändlern (Mode)
salutiert.
*
„Wenn es im Lauf der Arbeit plötzlich irgendwo fehlt,
so fehlt es meistens nicht da, sondern in der Idee, von vorn-
herein. Man sucht dann mit Schärfen, mit Durcharbeiten die
Sache zu zwingen, zu etwas zu kommen, — das alles ist nur
ein Verstecken, das nutzt alles nichts. Alles Sichschinden und
-Plagen, Schönmachen und Appretieren, Suchen etc. nutzt nichts
— es fehlte von vornherein in der Rechnung. Dieser böse
Punkt, wo die Mittel versagen, war übersehen."
Dieser Satz gehört zu Böcklins besten Weisheiten, wie er
selbst sagt.
Was er macht, ist ihm (trotz alles Zuhorchens auf den
einschiessenden innern Reichtum von Neigung, Vorstellungs-
kraft, Leidenschaft etc.) nicht passiert, sondern das hat er
durch und durch ziel- und zweckbewusst geschaffen.
„Deutlich werden, mit äusserster Ausnutzung aller Mittel"
könnte man seine Devise nennen, d. h. das Vorgestellte, wel-
ches also noch nicht da war, so herbringen, dass es nun real
dasteht. Deutlich sein ist die erste künstlerische Bedingung.
Das Unverständliche, Unklare reizt unser Denkvermögen und
wirkt damit nur indirekt auf unser Empfinden.
* *
Ordnende Kraft hat er sich im höchsten Masse erworben.
Er weiss genau wie ein Glasmaler des 13. Jahrhunderts, welchen
Ton es giebt, wenn er z. B. soviel von dem Blau und soviel
von dem Rot so oder so zusammenbringt, wie eine Farbe der
andern hilft oder vom Amte hilft oder ein Drittes zeugt.
Er steht vor einem Bilde, oder man steht mit ihm nach-
denklich davor. Glockenklar muss das sein und wird das sein;
die Empfindung hatte man wohl bei einander; aber eine bar-
barische Klarheit wird nun auch verlangt! (Da waren z. B.
nur noch die Augen einer tragischen Muse, die ihn schon
drei Tage gekostet hatten.) „Wenn gerade dieser Ton nicht
ganz scharf und richtig angeschlagen wird, stimmt der ganze
gewollte Accord nie."
48 BOCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWURFE
Wenn das Rechenexempel im Kopf fertig ist, kommt es
nur darauf an, dasselbe so leicht begreiflich und deutlich dar-
zustellen wie möglich. Das ist die Novelle ä la Paul Heyse.
Das Individuelle, Persönliche liegt wesentlich in der Wahl und
Stellung der Frage, des Exempels — dann im Vortrag, nicht
in Figuren und Charakteristicis. Die Wirkung, auf die es an-
kommt: das „Dämonische des Einfachen" ist fast allemal
erreicht; vieles freilich ausgeschlossen, was denn doch sein
Recht haben dürfte, auch wenn es hier keinen Platz finden
darf — ebenso in der erzählenden Kunst neben den Heyseschen
Novellen, wie in Böcklins summarischen, monumental-dekora-
tiven, zielbewussten — oder sagen wir gleich: siegreich am
Ziel jubelnden Bildern. Brandes hat darin Heyse gegenüber
gewiss die richtigen Einwendungen gemacht (Rundschau).
Glaubwürdig sein ist Böcklins erste Forderung an seine
Arbeiten. In jeder Beziehung glaubwürdig machen, was man
zu sagen hat. Er sucht so viel wie möglich von dem Reiz des
anschauend Genossenen in seine Übertragung hinüberzuretten.
Und er weiss die dafür mögliche Ausdrucksweise stets mit
lebendigem Gefühl zu finden.
Und die kleinsten Reize hat er genossen und aufbewahrt.
Man findet sie und empfindet sie überall, wo es eben geht,
ohne zu stören. Überall noch Beobachtung. Aber zu wissen,
dass ein Mensch noch ein Ohr hat, wenn er schon so seine
Wirkung thut, dünkt ihn keine Beobachtung, kein Genuss der
Mitteilung wert wenigstens.
Bei all seinem Zug nach dem Einigen, Grossen steckt die
unbegrenzte Freude an allem Lebendigen, Sichtbaren in ihm, wie
etwa bei Dürer. Er muss manchmal, wo es nicht stört, mitteilen,
wie sehr er auch das und das noch genossen hat. Er lässt dann
all seine Anschauungsfreude spielen: dahinein und dahinein sah
ich auch noch und fand die Welt schön — ohne aber je damit
der Hauptsache Abbruch zu thun, im Gegenteil, das Ganze
erheiternd oder der Genussfröhlichkeit des Ganzen entsprechend.
Sag' mir, was du von der Welt hast. Lass es mich be-
greifen, nachempfinden. Wie kommt dir der Frühling vor, der
Tag, die Sonne, das Weib, — sag' mir das ganz und voll, dann
bist du ein Künstler.
KÜNSTLERISCHE CHARAKTERISTIK 49
Einen unsichtbaren Inhalt eines Kunstwerks giebt es nicht.
(Conrad Fiedler.)
Aber was das Auge beginnt, das künstlerische Gestaltungs-
vermögen im Sinne der späteren darstellenden Thätigkeit durch
die Hand — soweit das möglich — ausreift, das wird uns,
unter Einsatz aller vollbewussten seelischen Kräfte und Hilfs-
mittel, so zielbewusst und abgeklärt lebendig gemacht, in so
klarer sprechender Bestimmtheit zu eigen gegeben, wie nur bei
den Grössten.
Ihm wachsen die Bilder nicht gedanken- und vorstellungs-
los aus der Technik heraus, so sehr er Techniker ist.
Mit welcher alles wagenden Plötzlichkeit, mit welchem
Elan, mit welchem lodernden Zusammenraffen aller Kräfte er
wohl manchmal auf eine starke Empfindung, wie auf eine Hoff-
nung einer augenblicklichen Erweiterung seiner Mittel stürzen
mag, um so schnell, so viel wie möglich davon zu retten, zu er-
reichen. Wie manche geniale Farbenkumulation mag so entstanden
sein. Und im nächsten Augenblick ist er wieder ganz abwägen-
der Verstand, ganz Selbstkontrolle. Dies sein geniales Übersich-
selbsthinausgehen kann natürlich niemand von ihm lernen.
Wie oft mag er denken, oder sagen wir jedesmal, — da
bin ich bei der letzten Möglichkeit angelangt, weiter haben wir
nichts: wenn ich jetzt nur noch einen Ton weiter, näher hinzu
könnte! Die Natur ist ja immer viel prachtvoller als alles
Erreichbare.
Es ist bezeichnend für den Stand unserer Kunstanschauung,
dass man überall sagt: er ist Poet! Kolorist! u. s. w. Aber
keiner achtet darauf, wie gross und bewusst er in den Aus-
drucksmitteln, im Technischen, im Material ist (woran die andern,
die ihre Farben beliebig kaufen, gar nicht denken).
Er sucht fortwährend, weil er ja nicht eine Technik er-
lernen wollte, deren man eines Tages Meister sein kann, sondern
der Sache, die man, je näher man ihr kommt, immer besser
sieht, so stark und wesentlich wie möglich auf den Leib zu
rücken. Es ist entschieden ein Zeichen von Beschränktheit,
Floerke, Böcklin. 4
50 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
wenn man glaubt: man kann es und stehen bleibt. (Ich denke
gerade an Franzosen wie etwa Cabanel im Gegensatz zu Henner.
— „Es giebt nur einen Cabanel ! a „Gott sei Dank!")
Farbe, Ruhe oder Bewegung etc. Wir wissen sehr wohl,
dass die Geschicklichkeit Mittel hat, um die eigentümlichen
Wirkungen dieser zu paralysieren. Böcklins Eigentümlichkeit
ist es fast allein, gerade diese physiologischen (optischen) Eigen-
schaften seiner Mittel bis zum äussersten zu erkennen, aus-
zunutzen, in einem Brennpunkt zusammenzufassen.
(Die mühsam erkannten physiologischen Gesetze scheinen
Böcklins Auge angeboren zu sein, und die in diesem Sinne ge-
leitete Erfahrung hat die Gabe — ohne wissenschaftliche Stu-
dien — zum unfehlbaren Bewusstsein verstärkt.)
Böcklins Ästhetik.
„Gieb acht, was auf dich wirkt. Erst wenn du das
„Warum" weist, kannst du's auch."
Böcklin giebt sozusagen nur den untersten Ton an, und
der soll weiterklingen, bei dem Beschauer alles zusammenraffen
und mit emportragen zum vollen Accord wie im Battistero
zu Pisa.
Die Kunst kann nur Anregungen geben, in gewisser
Richtung zwingende Anregungen, die den ganzen Menschen in
Thätigkeit setzen, wie der ins Wasser geworfene Stein je nach
Kraft und Grösse und Uferausdehnung seine Kreise erzwingt.
Ein Kunstwerk muss also, so einfach und deutlich es
auch sprechen soll, in der Seele des Beschauers etwas voraus-
setzen (wie der Schall Gehör, das Sichtbare ein Auge, oder
wie Saiten eines Instruments einen Resonanzboden), für seine
Phantasie etwas übriglassen, so sicher es sie auch hält und
führt. Es muss zwingend, mit sicherer siegreicher Hand und
doch kaum merklich, im gewollten Sinne, in der gewollten
Linie anregen, alles Vorhandene aufrütteln, und so in seinem
Beschauer lebendig werden.
Böcklin will in erster Linie deutlich sein, unmittelbar
durch die Augen wirken, die Empfindung anregen. Man kann
sich denken, wie wenig er zu Richard Wagner passte, der
ihn doch für von seiner Art hielt und Dekorationen von ihm
wollte.
[Bezeichnend ist auch sein Harmonium (nicht Klavier,
weil er da dem einzelnen Ton kein Leben geben kann) und
seine Noten: einfache Motive von Bach, Händel u. s. w. Klare,
grosse Motive in breit einherschreitenden Accordfolgen.]
4*
52 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
Böcklin will auf den ersten Blick, ohne Studien und Vor-
aussetzungen verstanden sein und auch bei längerem Betrachten
den Beschauer nie von der ersten Empfindung abziehen, son-
dern dieselbe nur und überall verstärken.
Das Wesentliche erkennen und zur Geltung bringen, das
macht den Künstler. Schon deshalb (auch wenn es nicht lang-
weilig wäre) kann man nicht alles gleichwertig behandeln oder
nur mitteilen. Man kann auch in der Malerei geschwätzig sein.
Den meisten Dingen ist mehr als ihr Recht geschehen, wenn
man sie andeutet. Böcklin macht nichts, was nicht wirkt, also
auch nicht irgend Überflüssiges. Er erzählt seine Eindrücke
und Vorstellungen mit den wenigsten Mitteln.
„Man muss absolut nichts mehr machen, als für die, für
die man malen möchte, unerlässlich ist."
„Man ist durchaus nicht so frei beim Malen, wie es aus-
sehen könnte. Einem darf nur einfallen, was nützlich ist."
Das Malen ist eine Sache, die Applikation oder Nutzbar-
machung resp. Fruktifizierung ausserhalb liegender Ideen eine
andere, für die die Malerei etwa Raum gewährt, wie ein Roman
für Archäologie, Patriotismus oder sonstige an sich schöne
Sachen. Das eine hat mit der Kunst (durchaus nicht bloss mit
der Technik, sondern mit den wahrhaftigen Mitteln und Grenzen
der Kunst) zu thun. Das andere mit dem Verkaufen oder der
gesellschaftlichen Stellung, die man hat oder sucht.
Böcklin ist sicherlich ein grundsätzlicher Gegensatz zu
dem, der sich Historien- oder Genremaler nennt, er ist Maler,
d. h. er sieht mit malerischer Phantasie die Natur, und hat,
was er braucht, in sich und auf der Palette. Hilfe oder Ehre
aus seinen Stoffen oder deren Behandlung zu ziehen, liegt ihm
absolut fern. Verbindet sich eine verdeutlichende Reminiscenz
oder Idee mit der aus der Natur geschöpften Anschauung —
va bene — so zieht sie mit am Wagen.
Man muss nie etwas „Bedeutendes" machen wollen. Das thun
die Streber, die nur an den Erfolg denken. Man muss machen,
was einem gefällt. Das ist der einzige Weg, auf dem was wird.
Die andern reden schon von dem göttlichen Michelangelo, ehe
sie was verstehen und können. Und daran kennt man sie.
„Was kann ich mit meinen Mitteln machen?" sagt Böcklin.
Was können sie leisten? Das ist die ganze Frage. Darin
BÖCKLINS ÄSTHETIK 53
besteht die Kunst: in ihren Grenzen, an ihrer Hand seine
Vorstellungen und Gedankenverbindungen zu haben und deut-
lich zu machen."
„Je leichtflüssiger die Mittel, je schneller man das bischen,
was man Eigenes zu sagen hat, hinschreiben kann, um so
weniger geht durch die Hindernisse des Materials verloren."
„An Einfällen fehlt es nicht. Der Verstand muss nur
Ruhe und Klarheit genug haben, um von vornherein die
Ökonomie des Ganzen zu übernehmen. Nächst dem Zusammen-
fassen seiner Vorstellungen und Mittel besteht die Kunst in
dem Erkennen und Hinauswerfen des Überflüssigen. Das
kostet die meiste Zeit. Viel weniger noch darf man etwas
hineintragen wollen. Das weg, das weg — dann erst geht
einem plötzlich ein Licht auf, dass man mit seiner Vorstellung
recht hatte und wie sie ausführbar ist: richtig, darauf kam es
an in praxi! Alles andere macht sich dann von selber und
schnell — da kommt einem alles, was man ist, kann und im
Gedächtnis hat — man weiss oft selber nicht woher — willig
zu Hilfe. Nur nicht phantasievoll sein wollen — die Phantasie
braucht man schon genug ad hoc, um das Wesentliche lebendig
zu machen. Nur nicht geistreich, sondern einfach, nicht künst-
lich, sondern natürlich!"
Sandreuter sagt gelegentlich, als er uns ein neues Bild
zeigt: „Ich glaube, ich habe diesmal in Böcklins Sinn das
Viele vermieden, was mir bisher stets das Grosse zerschnitt."
„Ja", sagt Böcklin, „es gehört so wenig dazu. Man macht
meist zu viel. In allen Künsten. Was bleibt z. B. klar und
sicher im Gedächtnis? Immer nur das Bestimmte, Einfache.
Die meisten aber machen immer wieder Sachen, die sie, noch
dazu in dem Augenblick, gar nichts angehen."
„Jedermann behält das, was ihm in seinen Kram passt.
Warum auch anders? Ich dachte früher auch an alles Mögliche,
was ich noch in mir ausbilden könnte. Ich bin froh, dass ich
mich beschränkt habe. Ein jeder muss begreifen, was er vor
allem kann, und nur das machen, und dann nicht rechts und
nicht links. Ich z. B. will kein Historienmaler sein. Auch
kann ich keine präcisen Umrisse machen. Ich ziehe mich also
vollwissentlich auf rein malerische Wirkungen zurück, auf vage
Vorstellungen aus dem Kreis dessen, was mich beschäftigt."
54 BÖCK.LIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
„Der Maler sieht und lebt mit den Augen. In ihm klingt
irgend etwas, das verbindet sich mit den Formen und Farben,
belebt das Angeschaute und wird dadurch zu etwas Bestimmtem."
Die Welt redet durch die Augen zu ihm und weckt das
Schlafende in ihm zu schneller Verbindung und Neuschöpfung.
„Ich sei intolerant, sagen die Leute, gegen andere Rich-
tungen. Richtungen! Es giebt nur eine Kunst, aber so viele
Individualitäten wie wirkliche Künstler oder solche, die es
ehrlich werden wollen. Aber Affaristen und Leute, die sich
vor ein gefälliges Stück Natur setzen, um es nachzuahmen und
höchstens den Ausschnitt aus dem Ganzen, das Format, be-
stimmen, sind eben keine Künstler."
Es steckt hinter diesem, „es giebt nur eine Kunst", nicht
die Engherzigkeit oder Eitelkeit des Professors, sondern das
ist der weite Blick des Genies und die Erfahrung des Ringenden,
der oft genug die kleinen persönlichen Zwecke des ausgenutzten
und angewandten Talents neben sich hat zu ihrem Ziel kommen
und sich decouvrieren sehen.
Es führen doch nicht alle Wege nach Rom!
„Die Kunst für alle." Sehr vorzüglich! Eine nette Sorte!
Ungefähr von der Güte: „Aus dem Volk für das Volk."
„Ich verlange vom Künstler, dass er einer der im besten
Sinne Gebildeten seiner Zeit sei. Raffael z. B. hätte gewiss
auch aus sich selbst heraus etwas Gescheidtes aus den Stanzen
gemacht, etwas Entsprechendes, festlich Würdiges, etwas, was
dorthin gehört, und nicht etwa einen Schäfer, der seiner Herde
etwas vorflötet, oder so was. Man hätte ihn nicht durch ein
Programm zu binden brauchen. Unterstützung war das durch-
aus keine, wie feinfühlig, klug und malerisch er sich auch
damit abgefunden haben mag. Das beste eben lag nicht im
Programm, sondern leistete seine künstlerische Empfindung. Die
hinzugethanen Figuren, die ganz sein unabhängiges Eigentum
sind, sind sogar regelmässig das allerbeste in den Bildern."
BOCKLINS ÄSTHETIK 55
„Mach' nichts bestimmt, behaupte nichts schon, bevor du
dir nicht ganz klar bist (auch über alle Folgen), dass es dein
ist, — das andere sind Skizzen. Sei vorsichtig, suchend, aber
dann mit ganzer Kraft, Tugend. Und es gehört eine Art spar-
tanischer Kraft dazu gegenüber dem Geschmack unserer Tage."
„Man soll jede Vorstellung so hoch als möglich schrauben,
sie bis ans Ende verfolgen. Man soll sie aber auch nicht eher
anpacken, als bis man sie ganz hat, von allen Seiten, und dann
nicht loslassen, bevor nicht die letzten Mittel erschöpft sind.
Man kommt gewöhnlich höchstens bis an die Hälfte des Weges,
dafür ist gesorgt! Die Florentiner wollten ein gewaltiges
heiliges Gotteshaus und kamen bis zu einer schönen Kuppel.
Hildebrand möchte alles in seinem Marmor und bleibt schon
im Anlauf stehen." (Gelegentlich seines Diskuswerfers.)
Bei Böcklin ist alles im Bilde des Bildes wegen da, nicht
seiner selbst willen, alles relativ. Darum erscheint ihm die
Vollendung des Einzelnen — sobald er seinen Bildgedanken
ausgesprochen und das Auge gezwungen hat, ihm zu folgen —
unnötig, langweilig, falsch. Formen, Farben, alles hat seinen
Zweck, bedingt einander und vermittelt den Ausdruck der Idee,
wie er sie will. Er ist darin der absolute Gegensatz zu Marees,*)
der in seine prächtigen Figuren und Kompositionen alles Mög-
liche und Unmögliche hineingeheimnissen möchte, denen man
alles, was sie je gedacht, erlebt und wert gewesen, ihre Be-
stimmung etc. soll ansehen können, die stets den absoluten
Menschen alles in allem darstellen wollen: Adam und Eva mit
ahnungsvollen Kindern.
Ob oder dass ein Ding an sich, für sich, schön oder voll-
kommen, so oder so sei, ist Böcklin gleichgültig, für ihn steht
es in Reih und Glied, ist es nur da als Hilfsmittel seine Bild-
empfindung zum Ausdruck zu bringen. Es steht nichts müssig
da, um zu prahlen, den Raum zu füllen, hier hat alles und jedes,
ich wiederhole es immer wieder, die Devise: „ich dien'."
Und mehr Diener als er braucht werden nicht angestellt, damit
sie sich nicht im Wege stehen.
*) Siehe den Abschnitt „Böcklin und Hans von Maries" S. 167. A. d. H.
56 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
Wollten wir nach einem grossen und deutlichen Beispiel
suchen, so Hesse sich Böcklin am ehesten mit Rubens ver-
gleichen. Dieser scheint wohl manchmal die Natur zu verge-
waltigen (d. h. die Natur, welche die „anderen" sehen), aber
in Wirklichkeit macht er sie nur seinen künstlerischen Neu-
schöpfungszwecken dienstbar. Und diese künstlerische Wahrheit
ist nun einmal — alles in allem überlegt — wahrer als alles
vermeintliche Ab- oder Nachschreiben.
Die moderne Sucht nach scheinbarem Reichtum, das
Hier-noch-was und Da-noch-was, kennt Böcklin nicht. Er
will ja nicht das und das und noch was darstellen. Die Kunst
des Nebeneinander und Auseinander ist nicht seine Kunst; die
heisst: mit- und durcheinander. Er will nicht das Geschaute
darstellen, sondern das Angeschaute, d. h. das beim Sehen
Empfundene. Er will irgend einer seelischen Erinnerung zu
möglichst knappem und deutlichem Ausdruck verhelfen. Bild-
lich: nicht das Rad in der Uhr interessiert ihn, sondern seine
Funktion und das Resultat, und darum und bis dahin macht
ß;r es. Sprechende Formen, Farben und Bewegungen, das
st die Hauptsache. Das Übrige, soweit es unerlässlich, ist in_
seiner Behandlung gleichgültig. Drücken drei Hände das aus,
was empfunden war und mitgeteilt werden soll, so ist die vierte
überflüssig, wenn sie nicht geradezu stört. Für die Farbe gilt
das gleiche. Farbe als Selbstzweck (Kolorismus) ist ihm ein
Unsinn.
Das Objekt liegt auf der Strasse. Zum künstlerischen
Leben gelangt es erst durch das Erkennen (die Anschauung)
seitens des Subjekts. Seinen sehr verschiedenen Wert in
malerischem Sinne verdankt es eben der Verschiedenheit der
subjektiven Anschauungen (Gehirne, Genies).
Landläufiger Begriff des Realismus: das scheinbar auf-
fassungslose „Abschreiben" der Erscheinungswelt (scheinbar,
denn faktisch ist das ja auch eine Auffassung, wenn auch keine
künstlerische) von irgend einer Ecke an bis zu einer beliebigen
anderen.
Auch wir sind Naturanbeter — aber anders. Gerade weil
wir es sind, haben wir eine höhere Sorte Respekt vor ihr, als
BÖCKLINS ÄSTHETIK 57
dies Sichkümmern um ihre alten Hosen und Stiefel, Runzeln
und Warzen.
Ohne Übersetzen, Beherrschen, Verdauthaben, Extrahieren
des Stoffes ist von Kunst nicht die Rede.
M. war auch an der Riviera gewesen und konnte mit
seinen Studien beweisen, wie es da aussah, genau da z. B., bei
dem und dem Himmel, um 2'/z Uhr, am 16. Mai u. s. w. —
„Ja", sagt Böcklin, „aber darum, um das zu wissen, reist man
doch nicht nach Italien. Wenn da für den Menschen und
Künstler keine höhere Anregung und Wahrheit zu holen ist,
genügen ja von nun an die Studien, die ganz echt aussehen".
Böcklin hat die Courage, seine Vorstellung darstellen
zu wollen und meint durch den Versuch, dieselbe darzustellen,
werde erst der Mensch sich seiner Kraft und künstlerischen
Aufgabe gewärtig. Und diese Freude an der Erkenntnis und
Mitteilung, die er hat!
„Nur was machen, arbeiten! Nur sich nicht sorgen, wie
es wird. Lieber was Schlechtes als gar nichts. Überhaupt
nichts Bedeutendes, Endgültiges machen wollen. Nur sich selbst
und seine Freude am Geschauten, Begriffenen mitteilen!
Marees verrannte sich in die Sackgasse des Sichniegenug-
thunkönnens und machte deshalb nichts, verzehrte sich. Was
thu' ich mit Leuten, die bloss immer sagen: Heute habe ich
von dem das gelesen, von dem dies gesehen! Selbst was machen !"
„Willen will ich sehen in jedem Strich, nicht Sklaven!"
„Was nicht entschieden ist, wirkt nicht", sagen alle seine Sachen.
„Der andere soll aus meinen Bildern verstehen, was ich
an Natur, Leben etc. genossen habe; also muss ich mir vor
allem klar darüber sein und mich klar ausdrücken können."
„Jemand, der sich statt des ganzen Eindrucks einzelne
Teile anschaut, halte ich für einen Knoten. Man setzt sich
doch nicht hin und malt Hände und Füsse für irgend jemand."
„Wenn man nur ein paar Farben und Gegensätze hat,
kann man schon in beabsichtigter Weise auf die menschliche
Seele wirken."
Eine klare, knappe, interessante Idee, — Böcklin macht
sich eine deutliche Vorstellung davon, wirft alles, was Un-
nötiges daran hängt, weg — er kann es ja als reicher Mann —
und da habt ihr das Bild.
58 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
In unserer Zeit des Stiefelputzens und Wäschezeichnens,
die sich mit ihrer Dressur und mangelhaften Produktionskraft
auch noch aufbläht, ist eine solche Erscheinung doppelt merk-
würdig, unendlich erfreulich, erfrischend.
Seine Ästhetik, wie sie aus jedem seiner Bilder zu uns
spricht, dürfte wenig Ähnlichkeit haben mit jener des herr-
schenden Gelehrtentums. Auch die Menge kann weder die ge-
lernten Phrasen auf seine Schöpfungen anwenden, denn der
fremde mitgebrachte Masstab stimmt nirgends, noch sich an
äussere Hilfsmittel halten, die dem Bildungsmenschen etwa aus
dem Gemälde die Hand entgegenstreckten. Von allem, was
dem nicht künstlerisch sehenden Auge schmeicheln könnte,
kommt ihm nichts entgegen : weder Erbauung noch Patriotis-
mus ziehen mit an den Strängen, nicht dramatische Erregung
oder Charakteristik, weder Geschichte noch Geschichten im
landläufigen Sinne, kein stupend gemaltes Kostüm erregen das
„stoffliche Interesse", kein abstrakter Gedanke wendet sich an
den rätselgeübten Verstand, — jede Eselsbrücke fehlt, die schein-
bar zu einer Art äusserlichen Verständnisses des Kunstwerks
führen könnte. Nur die Kunst waltet hier mit ihren eigensten
Mitteln, freilich sich höchster Deutlichkeit befleissigend, aber ihre
Sprache vernimmt nicht der Verstandesmensch, sondern nur
der „Sehende", sei es, dass er noch unbefangen anzuschauen
vermöge (was heutzutage wohl kaum noch vorkommt), sei es,
dass er den Bildungsstaub unseres Jahrhunderts wieder aus
Augen und Herz zu wischen vermocht und wieder sehen ge-
lernt hat, was auch nicht gerade jedem mehr gelingt, und so
die heitere Kunst wieder auf sich wirken lassen kann.
Kompositionsmittel. Bildentstehung.
Bilder.
Das Bild ist im Kopfe fertig, bevor Böcklin anfängt. Das
kann auf dem Sopha geschehen sein. Nun handelt es sich
darum, zunächst beim Übersetzen auf das Brett, alles hinaus-
zudenken, was sich nicht absolut zur Verdeutlichung des Ge-
wollten, der eigenen lebendigen Vorstellung, nötig erweist und
darum stören oder ablenken könnte. (Mitteilung von Vorstel-
lungen ist eigentlich Kunst. Ich sehe wohl den und den vor
mir, kann ihn aber nicht malen. Unsere meisten Maler auch
nicht — er muss sich schon daher setzen. Sie haben keine
Vorstellung und nicht die Fähigkeit, das etwa Vorhandene mit-
zuteilen, mit den Mitteln ihrer Kunst.) Diese Bilder sind also
keine Skizzen, sondern bis auf das Wesentlichste, Sprechendste
konzentrierte künstlerische Vorstellungen, aus denen alles für den
Ausdruck dieser Empfindungen Unwesentliche hinausgeworfen
ist. [Wer von einer „Verachtung der Form" bei ihm spricht,
hat wenig von ihm gesehen und wenig Fühlung mit dem, was
Rubens z. B. unter Umständen für unnötig, ja schädlich hielt.
Es giebt für den Maler höhere Gesetze als die der Form: Jene
der Bildeinheit und der schlagenden Übersicht der Idee mal ge-
wiss. (Nicht alle seine Figuren sind durchmodelliert, aber nicht
jedes Bild verlangt das. Mit dem Modellieren des Gipses oder
Aktes unter bestimmtem Licht haben wir es im Bilde ja über-
haupt in den seltensten Fällen zu thun.)] Wo sich Detail wie
blumige Wiesen, sprossende Stämme, findet, da erblüht es aus
der Freude des reichquellenden heiteren Grundgedankens, dem
es auch seinerseits zum Ausdruck verhilft (wie bei Dürer).
60 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
Dabei ist aber die grösstmögliche Ausnutzung und An-
spannung der Farbenskala seine ganze Freude. Für ihn sprechen
alle Farben und wiederum übersetzt sich alles, was er auch
äusserlich oder innerlich (ohne das Auge, welches ja nur farbige
Eindrücke empfängt) wahrnimmt, in Farbe. Ich bin überzeugt,
dass für ihn z. B. ein Trompetenstoss zinnoberrot ist.
Böcklin weiss sehr wohl, dass er hier und da verstärken
(übertreiben) anderswo massigen muss, um möglichst viel für
die Glaubwürdigkeit des Ganzen in seine Übersetzung hinein
zu retten.
Jedes Bild ist eine Übertragung aus der riesigen Licht-
skala des Sichtbaren in die unzulängliche der Palette, nicht nur
was Licht (Farbe) angeht, sondern auch aus dem Raum auf die
Fläche, aus dem Vielen ins Einheitliche, aus dem Unendlichen
ins Abgeschlossene, aus dem Grossen ins Kleine etc.
Es wird von Ästhetikern wie Publikum, scheint mir, viel
zu wenig Wert gelegt auf die innerhalb der Optik der
Malerei gefundenen Ausdrucksmittel. Wer giebt sich, wenn
er eine Wirkung empfindet, Rechenschaft über ihre äussere
Veranlassung?
Alle Wirkung beruht auf Gegensätzen von Farben, Be-
wegungen, Mengen, Ruhe und Unruhe etc. — Kontraeffekten —
warum soll man seine Ausdrucksmittel, seine Macht über das
Auge nicht kennen und benutzen?
Böcklins Liebe, durch Gegensätze Leben zu schaffen, kann
man bis in seine eigentümliche Technik hinein verfolgen.
Es ist schon physiologisch klar, dass alles, was man em-
pfindet, nicht allein, sondern nur im Gegensatz zu anderem
zur Wirkung kommen kann. Alles, was auf der Welt unter-
scheidbar, wirksam ist, beruht auf, besteht aus Kontrasten.
Künstlerisch gilt genau das Gleiche. Alle Wirkung beruht auf
Gegensätzen, die überall zu sein haben und (allein) Leben
bringen, den Geniessenden fesseln, ob er das Mittel merkt
oder nicht.
Und wie das schon die Alten gewusst haben! Man sehe
nur so einen antiken Kopf an. Immer und überall Gegensätze.
Geht es hier beim Ohr hinaus, geht es daneben ganz betont
hinein, da hinauf, daneben herunter. Im Profil niemals etwa
eine hohe Stirn und eine lange Nase. Sondern Stirn niedrig,
KOMPOSITIONSMITTEL. BILDENTSTEHUNG. BILDER 61
Nase lang, Oberlippe kurz u. s. w. Gegen die grade, ruhige,
längere Linie von Stirn und Nase tritt die bewegte kürzere
von Mund und Kinn.
Man könnte an Shakespeares komische Intermezzi er-
innern, wenn nicht die ganze Musik, so wie sie da ist, ein so
einziges Beispiel böte.
„Es ist ein einfaches optisches Gesetz, dass man z. B. das
Zarte nicht als zart empfinden kann, wenn nichts Derbes da-
gegen steht als Gegensatz" (gelegentlich der derb eingerahmten
Poesie von Raffael, Stanzen-Decke).
Auch ein Pigment allein wirkt ja nicht farbig an sich,
sondern nur neben andern, im Gegensatz zu diesen.
Die Geschichte von den Komplementärfarben ist nur der
Anfang, die Kinderstufe. Denn z. B. um es wirken zu machen,
brauche ich nicht neben Grün Rot zu setzen, sondern nur
Dunkel. Die Rechnung beruht vielmehr auf dem Gegensatz
von positiven und neutralen Farben.
All das Können und Wissen, von dem man da redet, ist
ja nur Voraussetzung, fliesst in einen (nicht mehr mit stetem
Bewusstsein ad hoc hergestellten) schöpferischen Strom zu-
sammen. Man wird wie ein gut ausgespieltes Instrument, das
hunderte von Mitteltönen mit Leichtigkeit, wie von selbst,
wiedergiebt, nur — was doch der Zweck ist — überzeugender
wirken. Was alles dazu gehörte, zusammenkommen musste,
geht ja den Geniessenden nichts an. Will man aber speciali-
sieren, — wie vielerlei, wie vielen überall waltenden Verstand,
wird man entdecken!
Das Bewusstsein der Gegensätze von hell und dunkel,
kalt und warm ist das roheste, ebenso wie die Geschichte von
den Komplementärfarben — das kennen selbst die Genremaler.
Dann kommt die Beobachtung, dass positive Töne (orange,
rot etc.) in ihrer Wirkung erhöht werden, dadurch, dass man
neutrale daneben setzt, dass umgekehrt diese durch jene zurück-
getrieben werden. (Aber auch scharf in die Augen fallende
Blau's können vorne stehen, vortreten, so gut man selbst
Zinnober zwingen kann, zurückzutreten, wodurch er also im
Hintergrund verwendbar wird, wenn man z. B. warmes Braun
daneben setzt und ihn dadurch zurückhält.)
Auch die Form thut für diesen Zweck viel. Ein Rund
62 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
wird das Auge weniger beschäftigen als ein Dreieck. Also
scharfe Formen kommen mehr nach vorne als runde; z. B. ein
rundliches Ornament wird, abgesehen von der Farbe, einen
Mantel im Hintergrund mehr zurücktreten lassen als ein scharf-
zackiges, welches selbst eine neutrale Farbe, die man vortreten
lassen möchte, herausrückt.
Die genaue Kenntnis der Farbenwerte und ihrer Wirkung
gegen- und übereinander ist das eigentlich malerische Mittel,
um Raum zu schaffen, und selbst die göttlichste Linearperspek-
tive wird durch Farben wieder aufgehoben.
Denn das Loslösen von der Tafel, das Glaubwürdigmachen
ist die ganze Kunst des Malers. Aber an etwas menschlich
Interessantem muss er sie geltend machen können. Sonst
brauchte man ja nur einen glaubwürdigen Würfel zu malen.
Zu dem kommt bei Böcklin dann ungeheuer viel Erlebtes,
Genossenes [bis ins Nebensächlichste hinein, so die Türkisen
in den goldenen Kapitalen der „kastalischen Quelle".*) (Er er-
innerte sich aus seiner Jugend an eine schöne Frau, die in Gold
gefasste Türkisen als Ohrringe hatte und ihn aufhob resp. sich
über ihn beugte, als er krank war.)] Man behält einen fröh-
lichen, traurigen etc. Ausdruck, den die Natur hatte, Kleinig-
keiten, die einem aufgefallen sind — und giebt sich Rechen-
schaft darüber.
Böcklin erzählt z. B.: „Ich ging in München quer durch
den Hofgarten und sah eine Reihe winterlicher Baumstämme,
mosig schwarz. Darauf Epheu, auch dunkelgrün mit grünen
Rippen, dazu ein einziges Chromgelbes Blatt, auf fast weissem
Hintergrund. Ich habe nie vergessen, wie ernst das war.
Kein fröhlicher Dur-Accord, keine Auflösung. Scharfe Gegen-
sätze gegen das Dunkel; nicht eine einzige freundliche Ab-
weichung, nicht einmal in dem Grün des Epheus oder Mooses.
Wäre das Blatt rot gewesen, — ich wäre pfeifend vorüber-
gegangen, das Ganze hätte mir keinen Eindruck gemacht."
Das ist ein Beispiel von hundert Kleinigkeiten, die einem
von der Kinderzeit her bestimmte Eindrücke gemacht haben
und geblieben sind.
Alles dies und so vieles andere, was das bewegliche Ge-
*) Gemeint ist „Dichtung und Malerei" und zwar die erste Version mit
der Pergola. A. d. H.
Original im i m n Berlin.
HERBSTGHDANKI N
KOMPOSITIONSMITTEL. BILDENTSTEHUNG. BILDER 63
dächtnis besitzt, fliesst mit der dauernden Darstellungsarbeit in
einen Strom zusammen (fast unbewusst, wie ein Mensch, der
z. B. schluckt, auch nicht daran denkt, welche Muskeln er dazu
in Bewegung setzen muss), aber man muss das erworben haben
und sich dessen jeweilig bewusst werden können. Leute wie
Makart hatten davon auch manches, ohne klares Bewusstsein
freilich, und machten damit in gutem Sinn Wirksames, bis zu
einem gewissen Grad Gutes. Etwas auszusprechen, mitzuteilen
(ich möchte das Wort „erzählen" vermeiden, es deckt sich nicht
mit dem „Erzählen" im Sinne Böcklins!) muss man haben.
Das kann einem kommen wie einem Novellenschreiber. In
einer halben Stunde kann ihm aus kleinen äusserlichen An-
lässen sein Thema gekommen und klar geworden, alles Un-
nötige weggedacht, abgestreift sein, der Ton, der nötig ist,
im Ohr klingen, und wenn nachher die Arbeit fertig ist, sieht
er, wieviel scheinbar gar nicht Gemachtes, aber doch Beob-
achtetes, Erlebtes, Berechnetes darin ist, ohne dass er noch
alle die — inzwischen erworbenen — Kräfte mit Mühe hätte
aufmarschieren lassen.
* *
Nicht nur durch das Dunkelsichabheben gehen Figuren
vom Himmel vor, resp. dieser zurück, sondern auch dadurch,
dass man sie in positiven vorleuchtenden und körperhaften
Farben hält, während man so einen Himmel, der fern zurück-
gehen soll, doch nicht mit reinem Blau hinstreicht, sondern in
helleren neutralen Tönen halten wird.
Ein Beispiel zu den „positiven und neutralen" Farben:
An der Rämistrasse*) haben sie drei neue Häuser gebaut. In
den Fries über der letzten Etage sind Marmorplatten eingelassen,
beim Mittelbau rote, bei den Flügelbauten graue. Sieht man nun
von gegenüber (von der Promenade, also von gleicher Höhe
ungefähr wie die Marmoreinlagen) die Häuser an, mit dem
Auge auf diese ihre Krönung gerichtet, so scheint es, als ob der
Mittelbau weit vor die Flügel vorspringe, während in Wirklich-
keit das ganze Risalit den Flügeln nur um die Stärke einer
Halbsäule vorgerückt ist.
Böcklins erste Frage ist immer: warum steht die Farbe
da, gerade die Farbe, in der und der Menge? Welchen Faktor
*) In Zürich. A. d. H.
64 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
bildet sie in dem schwierigen Rechenexempel, welches man —
im Sinne des Materials, mit dem man malt — also der Farbe —
ein Bild nennt. Wie kommt sie zur Geltung oder wie hilft sie
andern zur Geltung? Kurz was leistet sie, mit welchem Zweck-
bewusstsein nimmt sie ihre Stelle im Ganzen ein?
Das heisst, er hat die Rechnung stets gegenwärtig. Er
weiss, warum er dort z. B. gestern Blau hingesetzt hat .... es
fehlt auf der andern Seite eben noch das Gegengewicht, dazu
kam er nicht mehr und so sieht das Blau einstweilen noch
kurios aus. Mit dem Rot daneben bekommt es erst seinen
wirklichen Wert, sieht man es nicht mehr an sich.
Dies Rechenexempel umfasst natürlich zugleich den ganzen
Bildgedanken. Die Ausführung ist nun nichts als die Zuspitzung,
die Verdeutlichung dieser Idee, des dargestellten Zusammen-
hanges oder Vorganges. Denn das eigentlich „Erzählende" oder
„Dramatische" ist trotz allem andern Schein nicht seine Sache.
Wenn Böcklin so was hinsetzt, wie das gleich hundertfach
seinen Zweck erfüllt und nicht etwa bloss dem einen koloristi-
schen Accord zu Liebe dasteht, sondern Stimmung bedingt,
deutlich macht, trennt oder verbindet, vorrückt, unruhig oder
ruhig, festlich oder ernst macht, das Hauptgewicht verlegt, mit-
erzählt etc.
Aber nicht nur durch die Farbe sind seine Sachen sprechend,
sondern auch noch, wenn diese mit dem Licht verbleichen oder
sich verändern, in Hell und Dunkel völlig klar und in Ordnung
(Gefilde der Seligen).
Verachtet Böcklin auch ziemlich die „Sante Conversazioni"
der Italiener, so spricht das nur scheinbar gegen meine Auf-
fassung. Denn dieser Mangel an Fühlung erklärt sich aus
Gründen der Farbengebung (seitens der Italiener) zuerst, dann
freilich steht ihm diese Art puppenhaft Nebeneinanderstehens,
das völlige Verachten eines mehr als koloristischen Zusammen-
hanges fremd gegenüber, — und selbst diese koloristische Idee
der Italiener ist ihm eine durchaus unzureichende, weil er sie
nicht durch das ganze Bild überall als zielbewusste Rechnung
nachweisen kann — im Gegenteil überall Schnuseleien in dieser
Hinsicht bemerkt, die er wohl im zeichnerischen Fertigmachen
zulässt, sobald nur das Wesentliche da ist, oder wenigstens zum
völligen Ausdruck des von ihm Beabsichtigten und für das
KOMPOSITIONSMITTEL. BILDENTSTEHUNG. BILDER 65
Wesentliche Gehaltenen ihm nicht mehr nützlich erscheint.
(Darin geht er gewiss vielen zu weit. Aber die kümmern ihn
nicht. Sie verlangen von ihm etwas für ihn Unnötiges. Er hat
sich ausgesprochen — also verstehen sie seine Sprache nicht,
wenn sie noch mehr verlangen. Wie der Bildhauer das, was
die Farbe vollständiger ausspricht, nicht macht, sondern dem
Maler überlässt, so macht auch der Zeichner nicht, was mit
einer farbigen Andeutung genügend angedeutet ist.)
Nicht bloss als hervorragendes Modellier- und Komponier-
mittel ist aber die Farbe bei Böcklin verwendet, sondern sie
schafft zugleich mit Form und Raum auch wesentlich an der
Stimmung des Bildes mit, sie erfreut oft bei ihm sogar zu-
gleich um ihrer eigenen Pracht willen. Mit seiner Form-
gebung verhält es sich ähnlich. Scharfe, eckige Formen ziehen
das Auge an; zugleich aber machen sie durch den Gegensatz
andere Teile des Bildes ruhiger, scheinbar einfacher und ge-
statten doch deren grosseste Ausführung, sind vielleicht nur
deswegen da.
Ich erinnere mich an ein Bild von ihm : ein melancho-
lischer Wiesenabhang voll von tausend blassen Herbstzeitlosen,
eine einsame blaue Frauengestalt starrt in den verrinnenden
Bach, die Luft darüber aber ist erfüllt von scharfzackigen
Platanenblättern,*) und sie waren es zum grossen Teil, welche
durch ihren Gegensatz die Wiese trotz allen Details so still
und herbstlich öde machte. („Sie glauben hoffentlich nicht,
dass ich diese zackige Geschichte um ihrer selbst willen gemalt
habe! Van Dyck und andere waren klugerweise im stände,
einen Kopf, der ruhig erscheinen sollte, trotz aller Arbeit darin,
— mit einem Teppichornament etc. zu umgeben. Einen Stoff
um seiner selbst willen, so einen bunten Lappen malen, weil
er glaubt, das sei was, kann doch nur ein Münchner.")
Und wie so jemand seine Teppichornamente oder Tapeten
um den Kopf herum malt, um ihn ruhig erscheinen zu lassen,
so malt Böcklin seine Platanenblätter und Ästchen in die Luft
hinaus, damit es drunter um so einfacher und stiller werde.
•) „Herbstgedanken", Böcklinwerk Bd. III, 13. A. d. H.
Floerke, Böcklin.
66 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
(Er bekennt, nur einen Jugendeindruck vermitteln zu wollen,
der ihn stets stark gepackt habe — Herbstzeitlosen.)
Daher auch seine Fischschwänze, Kentauren etc. Er hält
sich nicht von den Verhältnissen des menschlichen Oberkörpers,
den er malt, für das Untere gebunden, sondern sucht einen
Gegensatz.
Wie lustig gerade da, wo alles sich rundet und abgleitet,
ein aufwärtsstrebendes rauhes Faunenschwänzchen !
Böcklin ist eben Maler, dessen Kunst den dekorativen
und sprechenden Teil ihrer Wirkung in klug berechneten Gegen-
sätzen sucht.
Der glücklichste Zustand, als ein Fördernder, ist für den
Menschen der Moment des Verstehens.
Das Verstehen liegt im Vergleichenkönnen.
Das Vergleichenkönnen wird um so leichter, je verschie-
dener die verglichenen Dinge sind, oder: Kontraste machen
begreifen.*)
Ein gutes Kunstwerk ist lauter Kontrast und macht des-
halb zunächst den Beschauer glücklicher, indem es ihm gestattet,
im Gegensatz zum Erkennen in der Natur, mühelos zu be-
greifen. Da es eine verkörperte Vorstellung ist, so steht es;
im Kontrast zur Wirklichkeit, beide werden dadurch deut-
licher: das Unfreie, Vergängliche, Zufällige der unmittelbaren
Wirklichkeit und das Freie, Gewollte, Göttliche der vorgestellten.
Dass der Mensch den Begriff der Vergänglichkeit etc. der
wirklichen Welt habe, ist für ihn förderlich und zu seiner Ent-
wickelung nötig; das Leben ist kurz; dass er sich in einer vor-
gestellten Welt davon befreie, ist auch für ihn förderlich und
nötig; denn er muss an die Ewigkeit des Bestehenden und des
Strebens glauben, damit er schafft, d. h. begreifen mag, geniessen
mag — strebt.
Ebenso, nur in viel höherem Masse, wird er im Kunst-
werk beglückt, gegenüber dem Zustande, in welchem er die
Natur geniesst, dadurch, dass das Kunstwerk aus lauter Kon-
trasten und zwar im besten Falle aus den grösstmöglichen
*) Zu erinnern wäre an den Witz. Jeder Witz beruht auf Kontrast. A. d. H.
KOMPOSITIONSMITTEL. BILDENTSTEHUNG. BILDER 67
besteht, was in der Natur kaum oder nur durch ausserordent-
lichstes zufälligstes Zusammentreffen denkbar ist.
Dazu kommt noch das erhebende Gefühl, dass dies von
seinesgleichen gewollt und gekonnt ist und kein Zufall.
Das beste Kunstwerk wird man daran erkennen, dass die
Kontraste alle in der Vorstellung, die ausgedrückt werden sollte,
notwendige Faktoren sind.
Wie unlebendig, wie langweilend ist eine direkte Wieder-
holung, sind zwei gleiche Dinge nebeneinander, besonders für
das Auge (sie können ja unter Umständen gerade durch Häufung
für den Kontrast arbeiten), wenn der Kontrast ausbleibt oder
nicht berechnet ist. Zwei Finger gleich lang, zwei gleichartige
Falten, zwei ganz ähnlichwertige Farbentöne — und wie müde
wird der Beschauer! Also hält man das Interesse nur wach,
flösst ihm nur Leben ein durch Kontraste, Gegensätze in allem,
in jedem Sinn — gespannt und schlaff, blank und stumpf,
flüssig und fest, hinaus und hinein etc., von den grossen: viel
und wenig, ruhig und unruhig, horizontal und vertikal, lang
und kurz, breit und schmal, hell und dunkel, erregend und
neutral gar nicht zu reden.
(Z. B. Durch daneben gesetzte Unruhe macht man das
Ruhige um so ruhiger, gewinnt das Mittel, es mehr ausführen
zu können, ohne diese Ruhe zu schädigen, also sie in diesem
ihrem nötigen Wesen zu beeinträchtigen und zugleich das Auge
zu dieser Ruhe und Wirklichkeit, als der Hauptsache, hinzu-
führen.)
Ein Satz Böcklins: „Sehen Sie, es kommt darauf an, dass
die Nachbartöne ihn (einen wesentlichen Ton) nicht schwächen,
sondern stärken, so kräftig wie möglich machen. Die Skala
unserer Palette ist kurz, aber sie kann, mit solchem Bewusst-
sein beherrscht, das scheinbar Unmögliche an Licht und Raum
schaffen."
„Im Gegensatz liegt die Kunst", sagt Victor Hugo.
Übrigens wissen das die Welt und die Jahrtausende und
verstehen sich darin. Da liegt ein persischer Gebetteppich, an
dem ich täglich meine Freude habe. Da ist bald etwas ver-
schwommen, etwas Scharfes daneben — prachtvoll bloss. Und das
ist aus einem andern Weltteil, einem andern Jahrhundert, von
einem Volk andrer Rasse für andere, fremd religiöse Zwecke
5*
68 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
gemacht. Und hier sitz' ich und erkenne mit vergnügtem Be-
wusstsein, warum das so schön wirkt. Daran muss doch wohl
was sein.
„Sagen Sie mal — wie servieren wir am hübschesten den
Fisch?" ... Böcklin stellte die Schale mit dem Tier auf eine
geflochtene Matte und diese erst auf das weisse damastene
Tischtuch. Wie blank und glatt nun der Fisch wurde, wie
interessant die unruhige Matte, wie ruhig und breit — und
doch leise belebt — das damastene Tischtuch!
„Wenig hell steht immer gut zu viel Dunkel (auf einem
dunkleren Hintergrund), von der gleichen Farbe." Wie schön
war das kleine Stück neulich, die rosa Kerze im eisernen
Schraubenleuchter auf atelierrotem Hintergrund!
Man erinnere sich bei so scheinbar kindlichen Beispielen,
dass diese Böcklinsche Malerei lauter so unendlich einfache
Weisheit, so klar und bewiesen ist. Man sollte meinen selbst-
verständlich. Aber es scheint, gerade darum ist er „verrückt",
gerade das versteht ein moderner Schädel nicht. Das was
jeder Maler wissen und pflegen sollte, was ihn zum Maler
macht, das kümmert ihn möglichst wenig.
Natürlich will Böcklin auf seinem eben gekennzeichneten
Wege (i. e. durch Gegensätze) zu einem Resultat kommen, wel-
ches den Beschauer gefangen nimmt, ohne dass dieser den Weg
zurück zu verfolgen brauche, den er gegangen, ohne all die ein-
zelnen Faktoren nachzurechnen, aus denen das Exempel ent-
standen.
Mit andern Worten: das Konstruktive verschwindet vor
der errungenen, leuchtenden Form, Bilderscheinung oder wie
man will.
Damit ist nicht gesagt, dass es dem Wissenden nicht grösste
Freude machte, all die kleinen und grossen malerischen Ge-
scheidtheiten zu verfolgen, die gerade diese Farbe und keine
andere, gerade diese Linie, diesen Gegenstand, gerade so viel
und nicht weniger oder mehr dort nebengesetzt, abgewogen
haben.
Es ist ja keine Hexenmeisterei, was Böcklin will. Der
Verstand hat daran seinen überall greifbaren Anteil, ebenso wie
KOMPOSITIONSMITTEL. BILDENTSTEHUNG. BILDER 69
die künstlerische und handwerkliche Erfahrung. Er verlangt
ja nur, dass jeder die Wirkungsfähigkeit und die Wirkungs-
grenzen seiner eigenen Kunst (seiner Mittel) kenne und danach
vorgehe, dass er die Natur als Maler behandle und nicht wie
ein Apparat oder Geschichtenerzähler oder ein sezierender oder
beschreibender Gelehrter. Er verlangt ja nur, dass man seine
jedesmalige Aufgabe unerbittlich auf das Wesentliche hin prüfe,
sie innerhalb seiner Mittel sich vorstelle und suche ebenso
alles Nebensächliche davon abzuthun wie jenes selbst zum Aus-
druck zu bringen.
Dass diese jedesmalige Aufgabe nicht in so oder so ver-
teilten drei Tönen (Calame), in dem oder jenem Farben-
kontrast allein besteht, versteht sich bei einem Manne von
selbst, der von einem Künstler verlangt, dass er zu den Ge-
bildetsten seiner Zeit gehören solle. So einer sieht mit allen
Geisteskräften und wird nur gefesselt, wo — auf dem Wege
malerischer Anschauung — seine künstlerische Empfindung ge-
troffen wird. Diese dann dem Beschauer im stärksten Masse
zu übermitteln, das ist dann die Aufgabe.
Gelegentlich seiner Pietä*) (die er eigentlich nicht verkaufen
wollte, weil seine verstorbenen Kinder darauf sind): „Wenn
ich da z. B. die ganzen Engel auf die Wolken setzte, zöge
das ab. Es käme da zu viel zu sehen und zu viel hell. Ich
könnte den Ausdruck der kindlichen Teilnahme nicht heraus-
oder zwingend zum Bewusstsein des Beschauers bringen, auf
den es mir doch allein ankommt, da ich ihn nicht festhielte."
Wer Böcklinsche Bilder in ihrer Plötzlichkeit hat entstehen
sehen, der ist überzeugt, dass irgend ein Naturmoment, welches
irgend einmal, vielleicht in der Jugend, auf die empfängliche
Seele des Künstlers Eindruck gemacht hat, vor seinem geistigen
Auge anschaulich aufgetaucht ist, in einem Augenblick, wo eine
*) Das Bild von 1873 in der Nationalgalerie zu Berlin. Böcklinwerk
II, 28. Die Pietä hat lange Jahre im Atelier gestanden und zeigt sich heute
nicht in ihrer ursprünglichen Fassung. Ich glaube, dass Böcklin dreimal
Änderungen daran vorgenommen hat, denn ich erinnere mich, 1885 oder 86
in Böcklins Zürcher Atelier nur die untere Hälfte gesehen zu haben. Die
obere war gelöscht. A. d. H.
70 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
verwandte, mit jenem sich schnell verbindende Stimmung ihn
bewegt, und dass er dieser durch die beseelte Wiedergabe jenes
Ausdruck verleiht; oder dass sofort Phantasie und künstlerischer
Verstand an die Arbeit gegangen waren, das eine durch das
andere zu gestalten und durch schnell sich ankristallisierende
Ideenverbindungen zu verdeutlichen und zu beleben.
Man überzeugt sich dabei leicht, dass — wenigstens seit
der „Meeresidylle" — es in erster Linie durchaus nur malerische
Anschauungen waren, welche seine Phantasie in Bewegung
setzten; dass er alles im lebendigen Bewusstsein seiner Dar-
stellungsmittel zur malerischen Vorstellung zusammengeschlossen,
und dass er mit der vollendeten, von nun an stets gegenwärtigen
Rechnung, mit dem fertigen Bild im Kopf vor die Leinwand
getreten sei und sich mit der Darstellung nur so spielend, mit
dem Hinauswerfen des Überflüssigen und der Beschränkung
auf das wirklich zur Sache Sprechende aber angestrengt be-
schäftige.
Dann wird das ganze Arsenal der Mittel in Bewegung
gesetzt. Und so falsch es immer ist, die Kenntnis, Beherr-
schung und Erweiterung dessen, womit man sich auszudrücken
hat, zu unterschätzen, so doppelt falsch ist es in unserer über-
lieferungslosen Zeit, in welcher jeder einzelne, der wirklich von
Erkenntnis zu Erkenntnis steigt, sich dieselben erst einzeln
wieder zu erobern hat. Denn er steht auf keines Schultern,
und auf Beifall hat er, wo es keine Wissenden mehr giebt,
nicht zu rechnen. Auch Böcklin hat lange — die Schackschen
Bilder beweisen das — die Mittel, die ihm zur Verfügung ge-
standen, gequält, damit sie ihm seinen Willen thaten und einer
freilich wesentlich poetisch konzipierten Idee zum Ausdruck
verhalfen. Heute hat er sich den Kreis des Möglichen, Dar-
stellbaren durch unablässiges Suchen und Versuchen derartig
erweitert, hat durch scharfes Nachdenken und Erfahrung den
Kreis seiner Ideen derartig auf die aus rein malerischer Natur-
anschauung Entsprungenen beschränkt, dass man sagen kann,
er denkt mit seinen Mitteln, innerhalb derselben.
Was ist ein Bild? Der möglichst knappe und deutliche
einheitliche Ausdruck einer rein malerischen, d. h. innerhalb
KOMPOSITIONSMITTEL. BILDENTSTEHUNG. BILDER 71
1 .
der zur Verfügung stehenden voll ausgenutzten Mittel empfun
denen Anschauung samt allen sich anschliessenden Ideen-
associationen ... so etwa sagte ich.
„Na ja", sagt Böcklin, „und dann muss es noch eine ge-
schlossene dekorative Wirkung üben. Es muss nicht nur eine
Empfindung ausdrücken, sondern auch etwas Prachtvolles sein,
das Schönste, Herrschende in dem Raum, in den es kommt."
3
Auch Böcklin hat immer etwas zu erzählen: „man muss
immer etwas zu erzählen haben", — es klingt wie ein Märchen,
wie eine Romanze aus seinen Bildern — aber das ist nur in
sogenannte Handlung übersetzte Stimmung der Natur, die er
belauscht, er spricht das Gleiche noch einmal aus, um seine
Erklärung schlagender, seine künstlerische Naturbelebung um
so deutlicher zu machen.
Ein Bild ist wie ein Sonett. Welche Menge von Erfahrung,
geübtem Gehör, Geschicklichkeit gehören dazu, wieviel Vorstel-
lungen und Ideenverbindungen müssen dem Maler im Moment
zuschiessen resp. gegenwärtig sein, sozusagen ungetrennt, —
wenn er nicht hölzernes leeres Gereimsei machen will.
Zur „Veritas"*) die sich enthüllt: „Dorthin allein muss
das Auge; denn nur dort in dieser Bewegung liegt der Sinn
des Bildes. Der erste Blick muss dort gefesselt und das Bild
klar werden. Ich finde jetzt, wo sie fertig ist, dass ich sie zu
weit entblösst habe, das Auge wird abgelenkt und nicht ge-
zwungen." (Zürich 1885.)
(Spätere Notiz): Er hatte eine „Veritas" gemalt, die sich
enthüllt, fertig. Sie hatte sich schon zu weit enthüllt. Der
Blick wurde nicht mehr auf die Enthüllungsbewegung hin-
gezwungen, sondern hatte zu viel Spielraum nach unten. Farbe,
Helligkeit und Gedanke sollten aber überall gleich sich decken,
zweckbewusst zusammenarbeiten. Am andern Morgen war das
ganze lebensgrosse Bild abgekratzt und das leere Brett stand
*) Vergleiche die „Veritas" von 1881, Böcklinwerk Band I, 18.
A. d. H.
72 BOCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWURFE
da. Es kommt ihm auf die klare Vermittlung seiner Empfin-
dungen an, nicht auf die Reize des Modells oder auf sonstige
Wahrheiten gleicher Güte. (Zürich 1885.)
Hätte Böcklin in Genf*) in den jungen lernbegierigen Jahren
nur einen Lehrer gehabt! So hatte er für manches (zu lernen
und später zu besitzen) keine Zeit zur Aufmerksamkeit, so
schnell und mühsam ging er seinen eigensten Zielen nach.
Siehe später seine „Amazonenschlacht", die eine Skizze blieb.
Er wusste nicht (und merkte plötzlich, dass er nicht wusste)
wie ein Pferd so oder so auf den Beinen stand. Alle Anatomie
half ihm nicht locker.
Die Kreuzabnahme war nicht schön. Sie war in einem
viel zu kleinen Atelier gemalt, in dem man nichts übersehen
konnte.
Basel.**) Man muss nur den Opferhain unter der ver-
schwommenen Dianajagd sehen, um das fast erschreckliche
Anwachsen des Positiven, Klugen, Bewussten zu erkennen,
gegenüber dem Dusel von früher — so schön der doch ist.
Wie kahl und — reich ist in jeder Beziehung der „Hain".
Wie sieht man alles, was draussen liegt, mit fast nichts gegeben!
Ebenso die Kentauren. Man muss die Sachen bei ein-
ander sehen, um den Fortschritt zum Bewussten, zum Be-
herrschten zu empfinden. Wie hat sich der Mann — vielleicht
zum Bedauern der Romantiker in jeder Weise — zum Positiven
*) Hier muss hinzugefügt werden, dass der Verfasser, ehe ihm Böcklin
seine hauptsächlichsten Lebensdaten aufschrieb, der Meinung gewesen war,
dass der Meister vor seiner Düsseldorfer Zeit in Genf gewesen sei.
Obenstehende Notiz stammt aus dem Jahre 1886. A. d. H.
**) Der Verfasser ist vor Mitte 1886 mit Böcklin von Zürich aus in
Basel gewesen. Bereits am 5. Februar 1886 hatte dies in seiner Absicht
gelegen, was aus einem gleichzeitigen Notizbuchvermerk hervorgeht: „Wir
wollten heute zusammen nach Kloster Wettingen, Königsfelden, Basel und
Kolmar — und nun liege ich da und habe ihn allein reisen lassen müssen."
A. d. H.
l/. von Hevi in Darmstadt.
SIEH, ES LACHT DIE AU!
KOMPOSITIONSMITTEL. BILDENTSTEHUNG. BILDER 73
ausgewachsen! (Bei den Kentauren zeigt sich schon die Liebe
für die „Flecken" i. e. Gegensätze, wie bei dem Fischweib in
Blau, so hier in Braun.) Man sieht keine Bergspitzen, nur ganz
schliessendes, geballtes Gewölk und wenig Blau; links alter,
grauer Schnee vorn auf dem wenigen Fels. Sonst nimmt er
die Situation mit dem wenigsten und lässt sich auf keine Ver-
führungen ein.
Auch seine Farbe gehört ihm; denn er hat sie sich auf langem
Wege erworben. Nichts lehrreicher als eben seine Dianajagd
und der heilige Hain darunter resp. die Kentauren vis-ä-vis.
In der Jagd der Diana ist meinetwegen das Angeborene;
sie ist noch aus der süssen Dumpfheit herausgemalt; — die
Genussfähigkeit Böcklins graste noch sozusagen herum, freilich
bereits die besten Kräuter mit beneidenswerter Gourmandise
erschnuppernd. Aber darunter hängt die erworbene lächelnde
Bewusstheit.
Er macht tausenderlei in seiner Dianajagd — unter an-
derem die rosablühenden Bäume — die nicht wirken, nicht ein-
mal für den Wissenden sichtbar werden.
Er ist durchaus schwarz in seiner Magdalena, um nur
zu wirken.
Ich halte die Frage Böcklin auch für eine Geschmacks-
sache. Aber in dem Sinne, dass, wer künstlerischen Verstand
verlangt (und ein Recht hat zu verlangen) ihn finden wird, der
hingegen doch auf die Dauer unbefriedigt bleiben wird, der
sich durch romantische Äusserlichkeiten angezogen fühlt. Noch
klüger mit seinen Mitteln rechnen wird nicht leicht jemand.
Siehe Basel (Museum).
* *
•
Zürcher Bild von 1880, Frühlingssehnen und Frühlings-
lust: eine Florentiner Landschaft im Erwachen wie sie keiner
je gemalt, mancher empfunden hat. Ich habe an Giorgione
gedacht, wie wir ihn uns vorstellen müssen.
Welchen Stoff zum Spott dürfte diese Farbenoffenbarung
mit einigen Böcklinschen Eigentümlichkeiten ( — ich habe nicht
nötig schöne Weiber zu malen, sagt er selbst) dem Mann der
„Didaskalia"*) geben!
*) Gemeint ist wohl ein Kritiker, der sich in der Zeitschrift „Didas-
kalia" erging. A. d. H.
74 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
Pappeln — magerer Fluss auf roter Erde — dann Früh-
lingsblumen in Pracht. Alles schlankes Frühlingsgewächs,
Quellen und Wachsen, Frühlingssehnen — auch das Alter wird
wieder jung, und von den fernen Bergen leuchtet noch der
Schnee.
Die Köpfe seien zu gross, zu allgemein — du lieber Gott,
was doch nicht so jemanden alles an einem Bilde interessiert!
Übrigens individualisiert Böcklin solche Figuren nicht,
diese Frühlingssymphonie mit ihren tiefatmenden vollen Ac-
corden hat dazu keinen Platz. An allzuviele wendet sich dies
Bild natürlich nicht.
[Wie verschiedenes Interesse man an der ewig gleichen
menschlichen Figur nehmen kann, beweist z. B. die „Aldo-
brandinische Hochzeit" und ein Böcklinisches Bild, etwa
der Frühling in Zürich aus der Florentiner Zeit. Manche
haben freilich die menschliche Figur (die uns immer das nächste
bleiben wird) nur als Arabeske genommen.]
(„Bei San Domenico" 1887.*) „Erst wenn alles bestimmt
dasteht, das Ganze wiegt und, was man so nennt, fertig aus-
sieht, erst dann nach abgeschlossener und für richtig befundener
Rechnung kann man sich hier und da das Vergnügen machen,
seinen Erinnerungen die Zügel schiessen zu lassen, — da in
der im Ton stehenden Ecke die ersten Tulpen in dem dürren
vorjährigen Gestäude erblühen lassen — das macht dann nichts
mehr."
Andrerseits, je leuchtender, stärker er die Damengruppe,
selbst herausbringt, um so tiefer wird der Himmel hinter ihr,
um so mehr kann er zugleich in die Cypressengruppe, an die
sie heranschreiten, Details hineinmalen, kleine hübsche Beob-
achtungen anbringen, ohne dass es stört, auffällig oder un-
ruhig wird, um so deutlicher wird der Gegensatz zu den links
ganz im Wald- und Mauerschatten blumenpflückenden Land-
mädchen.
Also immer wieder: Ein Bild ist eine fortwährende Balance
nach allen Seiten, ein Spiel mit zehn Kugeln. Hier zu ernst,
da zu süss — dort kräftiger werden und doch das Ganze im
Auge behalten. Wenn ich aber erst z. B. eine Figur fertig
*) Gemeint ist: „Sieh, es lacht die Au". Böcklinwerk Bd. I, 10.
A. d. H.
m Mitsettm .
II, 71
MEERESSTILLE
KOMPOSITIONSMITTEL. BILDENTSTEHUNG. BILDER 75
mache, so bin ich selbst fertig — ich weiss nicht mehr, was
meine Palette mir nachher noch übrig lässt, gestattet, ob ich
nicht in allem oder einzelnem zu weit gehe.
Gestern waren die Cypressen noch Orangen. Heute ist
deren leuchtende Farbe auf die reiche Damengruppe über-
gegangen und dort noch verstärkt: die eine ist zinnoberrot (die
reine Farbe noch gesteigert durch allerlei Pelzbesatz), die andere
in festes, voller goldiger Lichter strahlendes Grün gekleidet —
dazwischen eine dritte in violettem Schwarz. Die Cypressen
bleiben dabei doch noch tief leuchtend, weil dort eben stärkere,
schärfere Gegensätze stehen — so z. B. das schmale, senkrechte
(fast weisse) Licht (Durchblick) zwischen den Stämmen.
In einer anderen Art Gegensatz stehen dann zu der
heiteren, geschmückten, licht- und glanzvollen Gruppe rechts
(prächtige Laute schlagende und singende Florentinerinnen) die
zwei im Schatten links blumenpflückenden resp. anbietenden
Landmädchen.
Kreuzabnahme; Madonna etc. Bei den gegebenen
Motiven, kam es ja gar nicht auf das Motiv an, sondern auf
das immer neue, lebendige Verhältnis, das der jeweilige Bear-
beiter zur lebendigen Natur zu gewinnen wusste, auf das indi-
viduell freie künstlerische Bewusstsein, auf die Erfüllung der
vorgeschriebenen Komposition mit Leben, Eigenem. Da lag
auf jedem Fussbreit vorwärts das Persönliche, — das einzig
künstlerisch Befreiende, alles, was in Frage kam.
(Hier wäre der „kosmischen" Motive zu gedenken, die
immer da sind, jedem gehören — so das Tragende (Säulen)
und Lastende, — hier das Blau und Gold der Madonna, das
immer unvergleichlich schön ist u. s. w.)
Susanna im Bade. Er ist weder für noch gegen
jemand. Das ist bloss seine künstlerische Freude. Da Anti-
semitismus wittern ist Unsinn, heisst Böcklin gar nicht kennen.
Ihm gehört alles, was für ihn aufnehmbar ist, damit basta.
76 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
„Meeresstille" 1887.*) Hier das vereinfachende Zusammen-
fassen aller der künstlerischen Weisheit und poetischen An-
schauungsfähigkeit, die er zuerst ganz in der „Seeschlange" be-
wiesen. An klarer Einfachheit und Klugheit ist er allen über.
Der reine Palma! — Sie, die Nereide ist gerade auf ihrer
flachen, buntbewachsenen Klippe aus einem bösen Traum er-
wacht, den sie wie einen Alp von sich stösst, in noch halb
traumhafter Bewegung, — auf ihr sitzen noch drei Möven —
während das Untier, das sie wirklich belauscht hat, just — Ringe
bildend — in die Tiefe verschwindet, den bunten stachlichten
Schwanz noch draussen. Wie der Kerl unterm Wasser gesehen
und gemalt ist, das ist schon unglaublich — in all den Ringen.
Über dem Ganzen schwerer, dunstiger Himmel, atembeneh-
mende, luftlose Mittagshitze, bei der einen der Schlaf unwider-
stehlich zwingt.
Auf der Nereide sitzen, wie gesagt, drei Möven — er sah
sie selber auf Delphinen sitzen oder Dr. Dohrn in Neapel hatte
ihm solche Fälle erzählt — aber es sind andere Möven — mit
schwarzen Köpfen und roten Schnäbeln, so gut wie auch das
Weib kein gewöhnlich geschautes ist, das Ungetüm noch nicht
gefischt wurde. Dass es indes solche Geschöpfe giebt, davon
ist man gleich überzeugt, nur ist das so weit weg, dass so
leicht kein Herr Naturforscher hinkommen wird, und Böcklin
selber wird ihm seine neuentdeckten Gegenden gewiss nicht
verraten.
(Späterer Zusatz: 1887. Wieder eine prachtvolle Meeres-
idylle, diesmal das Frauenzimmer mit drei schwarz und weissen
Möven — er hatte so was gebraucht; da waren ihm die schwarz-
halsigen Schwäne am Quai in Zürich eingefallen, und er machte
solche Möven. Später erfuhr er in der ornithologischen Samm-
lung des Polytechnikums, dass es auch solche Möven gäbe, die
aber, ich weiss nicht wo, und auch da selten seien. Ja die
Möven! Was werden sich die Leutchen darüber den Kopf
zerbrechen. Die Wohlwollenden werden nachdenklich in ihrem
mytho- oder sonstwie logischen Material umherfahren und fragen,
was sie wohl bedeuten sollen, wie sie als Attribut zu erklären
seien, was der „gelehrte Maler" wohl mit ihnen habe sagen
*) Böcklinwerk II, 11. Museum, Bern. A. d. H.
Original im Bt l rnst Seegcr 'n
MEERESIDYLLE
KOMPOSITIONSMITTEL. BILDENTSTEHUNG. BILDER 77
wollen. Die andern werden sagen, dass es solche nicht giebt
und ihm wieder den Beweis der mangelnden Natur und der
"Willkür aufbrummen.)
Wer hätte nicht auf offenem Meer die Empfindung gehabt
(ganz abgesehen von den aufgefischten Wundern der Tiefe und
den an die Oberfläche kommenden Walen, Haien, Delphinen,
Robben etc.): warum sollte jetzt oder dort nicht ein wunder-
bares Geschöpf auftauchen ? Die Gipfel der Gebirge, die aus
der unbekannten Tiefe des Wassers hervorragen, sieht man
wohl und noch ein Stück hinab — aber dann ist's aus — eine
Welt, die nicht die unsre ist. Sehen doch selbst Seeleute immer
wieder die Seeschlange. (Und siehe Jules Verne's Erfolge;
muss denn aber jede Phantasie in unkünstlerischen wissenschaft-
lichen Bahnen wandeln?)
Diese Böcklinschen Sachen sind ja gar nicht willkürlich
gemacht, sondern natürliche Folgen des Eindrucks — eines
wiederholt Genossenen — den das Meer und das Meerleben
auf den Künstler gemacht hat. Heine sah versunkene Städte
auf dem Meeresgrunde — Böcklin, der gar kein Träumer ist,
lässt seine „Seekälber" die Einsamkeit des hohen Meeres noch
viel eindringlicher aussprechen.
Zur Deutlichkeit rechnet Böcklin, dass er einen alten
Hausknecht*) nicht wie einen jungen Gott malt, dass er diesen
interessanten Meerbewohner die Folgen seines Elements in Form
von allerlei Zeug tragen lässt, mit dem er bewachsen ist, wie
ein alter Karpfen oder Schiffskiel, dass die Küchenokeaniden
(die das klassische Altertum und darum Herr Professor
Bluemner nicht kannte), mit denen jener sich seinen Sonntag
macht, nicht wie Amphitriten oder des westlichen Okeanos
liebliche Töchter aussehen — die für die Kunst ohne jegliche
Bedeutung sind — schon damit niemand glaube, seine, Böcklins,
Scene spiele im Altertum, irgend welchem, und habe deshalb
das Placet der Herren Archäologen einzuholen. Schon darum
macht er sie so wahrscheinlich, in ihrem Element lebensfähig.
Ein Esel braucht auch nach den „Regeln der Schönheit"
nicht wie ein Pegasus auszusehen, und einen federschwingenden
*) Und da sie Knaus malen darf, warum er nicht auch — die seiner
Phantasie? Anm. des Verfassers.
78 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
Schulmeister würde man nicht wie einen in die Leier greifen-
den oder gar eidechsentötenden Apoll darstellen.
Anregungen aus Lektüre der Alten — ja. Aber nur für
die innere Anschauung. Und nur Anregung. Denn die Ge-
lehrsamkeit hat kein Recht an ihm. Sein Meervolk ist von
jeder Bedeutsamkeit frei, lebt aus sich selbst — gehört ihm
resp. seinem Element. Böcklin liest, ja, — aber als ein Sehen-
der, als Maler. Aus ähnlichen Gründen greift er zum Märchen.
„Wie mir diese Vertikale gut thut, glauben Sie gar nicht",
sagt er, als ich über die Inschrifttafel auf seinem Lebensbild*)
wie über einen Abreisskalender spotte. Nebenbei, es steht
drauf:
„Die Jugend ist ein Morgen
Voll Licht und ohne Sorgen,
Jedoch sie hält nicht an.
Das Kind wird Weib, wird Mann.
Es folgt ein rastlos Streben
Nach höherm Glück im Leben,
Bald Freude und bald Not,
Zuletzt der süsse Tod."
„Tritonen, Meermenschen mit dem Seehund."**)
Lauter kluge, bewusste Gegenbewegungen in diesen Geschöpfen,
die da zu einem Bilde zusammenstehen.
„Der Seehund — oh, der wird ganz schön apfelartig. Ich
habe mal als Schuljunge so einen Tornister gehabt, der steht
mir ganz vergnügt und lebendig vor Augen."
„Wenn ich das Wasser male, dann kommt mir allerlei,
so Spielereien, von denen ich nicht mehr weiss, wann ich sie
gesehen habe, die mir aber geblieben sind."
*) Von 1887; jedenfalls „Vita Somnium Breve", das dann 1888 seine
heutige Redaktion erfahren hätte. Museum zu Basel. Böcklinwerk I, 7. A. d. H.
**) Böcklinwerk III, 12 („Meeresidylle" 1887). A. d. H.
Original in der Kimsthalle in Bremen.
i
DER ABENTEURER
KOMPOSITIONSMITTEL. BILDENTSTEHUNG. BILDER 79
„Dem Bilde wird der Rahmen gut thun, — d. h. für den,
der's nicht gemacht hat."
Ja, denn wenn man's macht, rechnet man bereits mit dem
Gold, man setzt keine konkurrierenden Töne gegen den Rand,
kein Rosa, Orange etc., sondern grau, schwarz, blau, grün etc.
Aber dann wird freilich mit dem blanken Gold alles plötzlich
weit, tief, geht zurück — wenn's sonst recht war."
„Das weiss jeder Maler, was sein Rahmen wert ist. Aber
das „Warum" scheint's, in seinen Bildern wenigstens, ist ihm
wurscht. Warum sonst macht er seine ganze Farbenrechnung
nicht nach dieser Erfahrung?"
„Seit der Rahmen da ist, habe ich gesehen, dass ich mich
verrannte und viel zu viel Wert auf feine Tonunterschiede
legte — jetzt im Rahmen sehe ich nur wieder die Hauptsache,
das eine."
* *
„Was einer nicht sucht, sieht er nicht." (Das bezieht sich
auf das Raffinieren in feinsten Tonunterschieden, die nur der
krankhaft raffinierte Maler sieht und sich zu sehen zwingt
[und die er plötzlich für das allein Wertvolle hält], die aber
seinem Beschauer nicht erschlossen werden und der Sache nicht
weiter dienen.)
* * *
Man sagt, Böcklin sei Landschafter und fordert immer
Landschaften von ihm. Ja, aber er ist es ungern. Bei Figuren,
die er viel lieber malt, ist die Freiheit eine viel grössere, die
dekorativ wirkenden und hauptsächlich sprechenden Gegensätze,
Gegenbewegungen etc. liegen viel breiter in der Hand des
Künstlers. Er kann so einer Figur je nach Bedürfnis ein rotes
oder ein schwarzes Gewand anziehen, kann das Hemd zeigen
oder verdecken, den Hals mehr oder weniger sichtbar machen,
Farbe gebrauchen, in welcher Menge, fast an welcher Stelle er
will. In der Landschaft nun ist, abgesehen von dem Plus des
Gegebenen (für ihn also des Bindenden), viel mehr von
kleinen Gegensätzen, mit denen man sich abfinden muss, um
80 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
zu wirken, d. h. seine Anschauung ins eigene beschränkte
Material zu übersetzen.
Er zeigte mir das über Figuren und Landschaft Gesagte
an der „Herodias" und der brennenden Stadt mit den See-
räubern (1887).*) Er schnitt ein rundes Loch in ein weisses
Papier: die bedeutendsten Unterschiede in dem ganz toll ge-
malten Felsen waren kaum wahrnehmbar, Farben gab es in
dem Ausschnitt neben dem Weiss eigentlich gar nicht, sondern
nur unbezeichenbaren Schmutz. „Mit solchen Lumpereien hat
sich der Landschaftsmaler herumzuschlagen, um seine Wirkung
zu balgen." Legte man das durchlöcherte Papier auf die Grenze
von Fleisch und Hemd oder Gewand oder Hintergrund etc. der
Figur, so waren überall scharf sprechende Gegensätze.
Von seinen Seeräubern sagt er: „Wenn ich heller würde,
würde ich das Rätselhafte verlieren, was bei so einem halb
nächtlichen Vorgang not thut. Auch die nasse Abendluft brächte
ich nicht heraus, die über allem liegt."
Anschliessend an Viollet-le-Duc**) VII. 93, könnte man
bei Böcklins Meerbildern auch sagen: Neben solchem Blau,
gehoben durch diese polierten Gold rahmen, ist keine Farbe
brillant oder intensiv (d. h. rein) genug.
Er wagt alles, jedesmal. So einen Wirbelwind wie auf
seinem „Tod auf der Brandstätte" (1870)f) hat noch kein Mensch
gemacht. Ja, die andern, die schimpfen, die malen in ihrer
Gedankenfaulheit eine Mittagsstimmung — und darin sitzt eine
Kuh und schaut die andre an, und damit ist das Bild für den
Goldrahmen reif.
* * *
„Ruggiero"ff) — ich wette darauf, dass Böcklin noch heute
*) Autotypie in der „Kunst für Alle", IX, 2. A. d. H.
**) Viollet-le-Duc: „Dictionnaire raisonne de l'Architecture francaise du
XI. au XVI. siede." A. d. H.
t) Böcklinwerk I, 32. („Der Ritt des Todes.") A. d. H.
ff) Gemeint ist der „Abenteurer", wie mich S. Landsinger, der
das Bild entstehen sah, berichtigt, nicht „Ruggiero befreit Angelika". A. d. H.
Original n, ;-ou M. von N . ^armstadt.
"
HEIMKEHR
KOMPOSITIONSMITTEL. BILDENTSTEHUNG. BILDER 81
nicht weiss, dass er so heisst — ist doch keine Illustration zu
Ariost. Aber im Sommer ist das Bild gemalt, das weiss ich
nicht nur zufällig, sondern das sieht man. Ich denke mir,
Böcklin ging über so ein Stück weisser, unerbittlicher Sonne,
am Strand, und es fiel ihm (lachend) ein, wie nun erst so einem
schönen Ritter in schwarzem Eisen zu Mut sein möchte, müsste
er da hinüber hindurch.
Der „Flagellant" (bei Schack)*) war in Rom als Feder-
zeichnung gemacht, dann in München gemalt.
Die (Fünfzig Gulden-) Nixe oder Nymphe**) (sehr nach-
gedunkelt — nach Pechts Meinung ä la Poussin) in Rom
gemalt.
„Gefilde derSeligen".f) Ein scharfer Gegensatz, eine dreiste
Überschneidung — wie viel Leben kann das bringen, in Raum,
Farbe, Empfindung, nach allen Seiten. Allerdings immer nur
für den Mitempfindenden.
Eine Bemalung verändert die Form nach Belieben: eine
blosse Überschneidung zerstört die ganze schöne Rechnung und
damit den sichersten Effekt oder, wenn richtig gewollt, macht
ihn erst voll: macht das Lagernde weich, ruhig, fern. Herr
Bluemner freilich, der die Hälse der Schwäne „schön" krumm
haben will (die Schönheitslinie, das kann man lernen und
glauben, ist krumm) ahnt das nicht. In diesem Sinne wird dem
Publiko manche zweckbewusste That Böcklins unverstanden
und ungeniessbar vorkommen. Wer kann was dafür?
„Ruggiero und Angelika".ff) Skizzenhaft sagen viele. Es
ist die alte Geschichte: Er für sich war fertig. Er hatte gesagt,
•) Böcklinwerk II, 38. („Ein Anachoret ir. wilder Felsgegend.")
**) Böcklinwerk III, 39. („Ideale Landschaft.") A. d. H.
f ) Böcklinwerk I, 16. A. d. H.
ff) Böcklinwerk III, 24. A. d. H.
Floerke, Böcklin. "
82 BOCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWURFE
was er Neues hatte. Weiter wollte er die Gutmütigkeit dem
Publikum gegenüber doch nicht treiben.*)
* *
*
„Heimkehr".**) Der Wasserspiegel und sein Reiz auf den
Menschen. Immer stand er davor, sprach davon, und als er
gefunden hatte, wie sich das ausdrücken lässt, die Gegensätze,
die es thun (den Reiz auslösen), hat er das Bild gemalt: Mühle,
stiller Hügel mit Buchenwald, eng und idyllisch, und er — der
Landsknecht — schaut hinab in reicher Kriegertracht.
Die „Villa am Meer",f) so schlagend für Böcklins Kom-
positionsprinzip der allseitigen Deutlichkeit — besonders einem
modernen pressanten Beschauer gegenüber. Hat der Maler
aber erst einmal den Dreiklang: verfallene Villa, ödes Wetter
und die übriggebliebene schwarze Dame, so hat er die Stimmung
und den Beschauer. Nun bleibt der stehen, fängt an zu be-
trachten und schenkt dem Maler die Aufmerksamkeit, die dieser
zunächst verlangt. Er wird ihn dann schon nicht loslassen,
sondern ihn weiterführen von Baum zu Baum.
Deutlichkeit — da liegt zugleich die Frage vom Fertig-
machen, wie es der Laie liebt. Wir standen vor seinem „Freien
Sonntag" (oder wie diese Seetiroler sonst getauft worden sind.-H*)
„Sehen Sie, die Frauensperson soll schreien — man muss sie
singen hören, — das ist der Zweck, so wahr muss das Ganze
wirken. Ich habe tagelang nichts gethan als darauf hingearbeitet,
dass es in Meer und Luft immer stiller und lichter werde,
immer weiter und die Farbe nur da zu konzentrieren, wo sie
direkt auf einen Blick aufnehmbar ist, zur Hauptsache spricht.
Das ist so fertig, dass ich vorn in den Figuren machen könnte,
was ich wollte, sie ausführen bis ins Kleinste. Aber — ich
habe versucht z. B. wenigstens die Backen der Frauensperson
*) S. Landsinger sagt mir: Svertschkoff hatte Böcklin das noch nasse
Bild ohne weiteres von der Staffelei genommen und es mit ca. 1000 Mark
bezahlt. Das damals namentlich in der Fusspartie der Angelika noch un-
vollendete Bild wurde einige Monate später von Böcklin fertiggestellt. A. d. H.
**) Böcklinwerk II, 3. A. d. H.
f) Böcklinwerk I, 38 und II, 31. A. d. H.
ff) Gemeint ist „Im Meere". Böcklinwerk III, 14. A. d. H.
Original im Bs5. ; t~ z'<m A. Mylius in Basel.
IM :
IM MEERE
.SEETINGELTANGEL"
KOMPOSITIONSMITTEL. BILDENTSTEHUNG. BILDER 83
mehr zu modellieren — nichts leichter als das, — sehen Sie
selbst (und im Augenblick war mit einigen sicheren Strichen
das relativ Richtige gemacht), aber es musste und muss wieder
weg. Sie hat ein Ohr, natürlich" — da sass es auch schon —
aber die modellierte Ohrmuschel zog ab: „ich darf nur das
machen, was das Schreien ausspricht, nicht das für ihre absolute
Existenz Nötige. (Übrigens kann so ein Seetier auch ohne Ohr-
muschel auskommen.) Man soll um Gotteswillen nicht
am unrechten Ort zeigen wollen, dass man ein fleissiger
Schüler war, dass man Kenntnisse erworben hat, zeich-
nen kann etc. Für solche Knabenrenommistereien hat das
einheitliche künstlerische Wollen keinen Platz. Alles an seiner
Stelle."
Aber noch einmal: die ganze sogenannte realistische Füh-
rungsverpflichtung ist Unsinn. Man überlege nur, was von dem
ganzen Apparat wirklich wirkt, und dass man meist mit wenigem
Bewussten in der Kunst mehr macht. Das bisschen in den
Moment (den allein die Kunst darstellen kann) zusammen-
gedrängte Leben darf doch nicht der Aufmerksamkeit entzogen
werden durch das (ermüdende) Gleichwertigmachen alles dessen,
was die verwendeten Geschöpfe oder Gegenstände sonst noch
haben, ausser den zum Ausdruck des Moments nötigen Organen,
Affekten etc. Ich rufe, um deutlicher zu werden, die Kari-
katuren an, Oberlaender z. B., der die gleiche künstlerische
Kraft besitzt, das Nichtwahre wahrscheinlich zu machen — mit
allen Mitteln. (Oberlaender ist sehr fein: er macht nur das
Komische. Alles andere lässt er durch seine witzige Form so
draussen, dass niemand es von ihm verlangt. Jedes Mehr wäre
zu viel bei diesen Zeichnungen und bedeutete [für die zwangs-
weise scharfe Auffassung des Wesentlichen, Lächerlichen]weniger.)
Das Glaubhafte, Wahrscheinliche, was Oberlaender hineinbringt
in irgend einen dummen unmöglichen Witz, macht ja erst das
Künstlerische, den Oberlaender. Man glaubt, dass ein Velo-
cipedist über einen wütenden Stier hinüberradelt, der Länge
nach, so wohl thut das Kitzeln der Bestie, so stolz arbeitet der
Radfahrer, so dumm schauen die Kühe zu. (Mit welch blutigem
Ernst Oberlaender so eine halbe Stunde zusehen kann, wie die
Rekruten Stechschritt machen, um sich das Komische darin
auf das Tvpische zu reduzieren; dem es dann niemand mehr
6*
84 BOCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
übelnimmt, wenn er nur macht, was ihm dient, und dem man
für dies Bewusstsein und diese Weisheit wirklich dankt!)
Gerade in dieser Gedankenrichtung wäre eine Verwandt-
schaft zwischen Oberlaender und Böcklin notwendig zu finden.
Auch letzterer macht mit der klarsten Anschauung, der alles
umfassenden Vorstellung, mit jedem Mittel und der grössten
Konzentration auf das hin, sein Phantasiegebilde wahrscheinlich,
glaubwürdig, naturwahrscheinlich.
Auch muss ich — pardon, sans comparaison — Immer
bei ihm an die so simple und doch so bewundernswerte Zweck-
bewusstheit japanischer und chinesischer Naturnach-
ahmungen denken. Wie haben die Kerle das Wesentliche
weg und mit wie fast lächerlichen Mitteln stellen sie es wieder
dar! Etwa einen ganzen Vogel aus drei grossen Federn, etwas
Spahn und Draht, und der ist viel mehr Vogel als alles, was
die mühseligste europäische Imitation, die an allem gleichwertig
klebt und darüber das Leben verliert, zuwege brächte, — wir
haben ihm gegenüber viel mehr Lebensgefühl als vor mühsam
ausgestopften. Uns steht die Wissenschaftlichkeit geradezu
im Wege.
Woher hat Böcklin das alles, fragt man vor seinen Bildern.
Nur vom ungeheuren Interesse, mit dem er alles an den Dingen
sieht und begreift. Nicht vom Kennen des Innern, nur von
der Wirkung. (Das anatomische Studium darf nie der Aus-
gangspunkt sein, nur für einen ganz festen Künstler. Sonst
macht man anatomische Entgleisungen wie in der Renaissance,
— die Antike kennt das nicht.)
Da muss einer den Glauben haben an seine Sache und
die Erfahrung wie ein altgewordener Mann.
Hier entsteht die einfache Klarheit des malerischen Ge-
dankens durch Form und Farbe, die nur und ganz in dem
Masse da sind, wie sie zur Verdeutlichung jener bewussten
Empfindung dienen. Früher quälte er seine Kunst des Ge-
dankens wegen. Andere und die Meisten schaffen eine Form
auf Kosten des Gedankens. In Goethe's Faust II. Teil kann
man andererseits sagen, hier sei nirgends die geringste Schädi-
gung des klarsten Gedankens durch die reinste Formvollendung
herbeigeführt.
Modell? Vor der Natur?
Böcklin malte und zeichnete seiner Zeit auch viel nach
der Natur. Zuerst in Düsseldorf, dann in Genf. (Auch
sein Kopieren in Brüssel, Antwerpen und Paris muss in
Anschlag gebracht werden.) Ebenso, trotz anderweitiger Behaup-
tung, in den Sabinerbergen (ich selbst habe solche Studien
gesehen, in denen er mit unsäglicher Liebe und Feinfühligkeit
der Natur nachging) und in der Campagna. (An der Via
Flaminia, in Torr'del Quinto liegt noch eine ganze Mappe
voll. Der junge Künstler stand dort des Regens wegen unter
und verbarg, um weiter zu gehen, seine Mappe in einem halb-
zerfallenen Gewölbe. Als er sie wieder zu holen kam, war
das Gewölbe eingestürzt und nichts mehr zu wollen.)
Jetzt malt er schon lange, lange ohne Modell und Studien,
weil er den Maler vor der Natur unfrei findet und unfähig
Nebensächliches, Zufälliges zu unterscheiden und zu vermeiden.
Ihm das nachzumachen möchte ich freilich wenigen raten.
Er arbeitet nicht vor der Natur. Das setzt sein eminentes,
stets zur Verfügung stehendes Gedächtnis für die Erscheinung,
seine stets lebendige malerische Anschauung voraus. Wenn
Phantasie nichts anderes ist, als Beweglichkeit des Gedächt-
nisses, Zurhandsein alles auf irgend einem Wege Aufgenommenen,
so ist die seinige eine der reichsten und zugleich positivsten.
Aber auch in der Neugestaltung seiner Empfindung, in
der Umwandlung derselben — die doch am Ende auch mit zur
Phantasie gehört — steht dieser Sommernachtstraum- und
Wintermärchenerzähler als einziges Sonntagskind da. Vor ihm
öffnet das Meer, das er so oft befuhr, seine Buchten in Augen-
blicken, wo gewöhnliche Sterbliche vor Grauen sterben. Er
86 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
sah alles, was die schlauen Phönizier den Leuten vorschwatzten,
und betrat die seligen Inseln wie die Toteninsel. Das Grauen
des Hochgebirgs wusste er so gut auszugestalten wie er auf son-
nigen Wiesen mit Kindern Blumen zu pflücken verstand. Ihm
waren die Herbstzeitlosen nicht zu gering, wenn sie den Menschen
an den herannahenden Winter erinnern. Im deutschen Walde
begegnete er dem Einhorn. Er trank römischen Wein mit
römischen Soldaten, legte mit Seeräubern Feuer an Küsten-
schlösser, er hat die bekannten Kentauren denn doch noch
anders gesehen als Genelli, er hat den Prometheus angeschmiedet
erblickt, wie keiner zuvor, ist nach Emmaus gegangen und hat
den Hain des Herakles betreten etc. etc.
„Die Natur hat zwischen höchster Helligkeit und tiefster
Dunkelheit für das menschliche Auge eine Skala, die wir von
1 — 100 annehmen. Dann habe ich auf der Palette eine solche
etwa von 45 — 55. 50 ist also mein Mittel, an das ich mich
halten muss, wenn ich für Licht und Schatten noch ausreichen
will. Schon darum kann man nicht nach der Natur malen,
weil man, bei aller nötigen Übersetzung doch bei seinen Nach-
ahmungsversuchen stets zu hoch greift und nachher nichts
mehr auszugeben hat, den Natureffekt erst recht nicht erreicht.
Nein, das Exempel muss vorher im Kopf fertig ausgerechnet
sein und aus der Erinnerung die Vorstellung wiedergegeben
werden. Man sollte vor der Natur höchstens richtig stellen,
(so machte er's z. B. bei Kellers Porträt, das er nur nach der
Natur in der Zeichnung korrigiert und dann ohne dies malt)
aber nicht mit der Palette vor sie hinsitzen."
Die meisten jungen Maler werden dadurch verdorben, dass
sie in den Jahren, wo sie noch empfänglich sind, ganz einseitig
Studien malen. Die Entwickelung und Anregung der Phantasie
müsste damit mindestens gleichen Schritt halten. Später glauben
sie sonst — ehrlich und fest - - das sei das einzig Wahre, das
sei alles, was zu erstreben und zu können sei. Als ob die
Natur Zweck und nicht Mittel sei aller Kunst.
Böcklin selbst sagt: „Das Studienmalen sollte verboten
MODELL? VOR DER NATUR? 87
werden. Im Atelier hat man nachher doch was ganz anderes,
kann die Studie nicht brauchen. Auch vom mnemotechnischen
Standpunkte ist Studienmalen ein Unsinn. So einer, der immer
nur den augenblicklichen Schein abmalt, lernt nichts, ist das
nächste Mal wieder hilflos. Nehmen wir einen ganz einfachen
Fall. Sie zeichnen ein Vergissmeinnicht ab. Aber dadurch
lernen Sie es nicht verstehen, können es sich nicht vorstellen,
wann und wie Sie wollen. Sie wissen nicht, wie sich das aus-
einander entwickelt, wie dieser Teil an jenen ansetzt, wie das
Gelb zum Blau umrissen ist etc. Sie können eben nur wieder
das abmalen, was Sie sehen. Sehen Sie's aber an und versuchen
nun, sich das Ding aus dem Gedächtnis zu zeichnen, sich davon
Rechenschaft zu geben, vergleichen Sie das Gemachte dann mit
der Natur oder gehen, wenn Sie nicht weiter können, wieder
auf sie zurück, so korrigieren und befestigen Sie Ihre
Begriffe. Und Vorstellung ist nötig, Nachahmung rötlich."
Bei ihm ist denn auch alles aus Vorstellung entstanden
und diese auf Angeschautes (d. h. Erlebtes, Genossenes, Empfun- •
denes) zurückzuführen.
Er sieht auf diese Weise nicht bloss den schönen Schein
der Dinge, sondern die Sachen selbst lernt er kennen, er sieht
sie im Zusammenhang, auch was dahinter ist, drum herum. (Er
sieht sie nicht geistreicher, vielmehr auf ihr Wesentliches
reduziert.) Schon darum haben seine Bilder alle Raum, nicht
nur, weil er ihn mit Perspektive und Farbe zu schaffen versteht.
Die Modellmaler beherrscht die Erscheinungswelt (auch
die Stimmungsmaler, die erst durch die Natur in eine gewisse
Empfindung gebracht sein wollen). Böcklin aber beherrscht
sie mit seiner durch und durch bewussten Kunst.
Die Natur — im Böcklinschen Sinne innerlich geschaut
— bindet nicht, sondern macht frei.
Man lache nicht, indem man etwa an Hans von Bülow
denkt, der auch „zur Erhöhung des Effekts" aus dem Gedächt-
nis spielt. Dies aus dem Gedächtnis-Produzieren und -Reprodu-
zieren macht den Künstler frei, lässt nur das wirklich Unter-
scheidende oder doch das wirklich Genossene zu.
Wenn du etwas hast und weisst, was dein ist, von dir,
— dann geh' her und mach' es. Wenn du dir aber, weil du
nichts hast, etwas herholst, ein Modell, um irgend etwas zu
88 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
ersetzen, was du eben nicht hast, um eine Lücke deiner lahmen
Vorstellungskraft auszufüllen, oder um diese überhaupt zu
ersetzen : so hörst du auf irgend etwas Selbständiges, auch nur
Interessantes zu machen. Du betreibst eine von vornherein
unmögliche Repetition. Du machst etwas, was nicht dir gehört,
folglich nicht und nichts ist. Du bist kein Schöpfer, sondern
ein Sklave. Du stehst nicht über, sondern unter der Sache.
Du bist einfach abhängig vom Modell.
Schau nach, was auf dich wirkt. Wenn du erst das „Warum"
weisst, kannst du es auch beherrschen, d. h. andern mitteilen. Erst
durch den Versuch deine Vorstellung darzustellen, wirst du deiner
Kraft und der Tragweite deiner künstlerischen Aufgabe gewärtig.
Caran d'Ache dreht dem Apoll, den er zeichnen soll, den
Rücken zu, und es geht plötzlich.
„Et c'est cela justement qui donne aux dessins de Caran
d'Ache leur caractere si personnel. II ne fait pas poser son
modele immobile. Son oeil, toujours aux aguets, epie les
mouvements de la vie, et c'est dans sa memoire extraordinaire
comme une collection de photographies instantanees, saisies
au vol. De lä la grandeur epique et tout ensemble si diver-
tissante de sa formule."*) Sehr verständig.
„Das ist mir ein schöner Künstler, Schöpfer: wenn er einen
kleinen Finger braucht, muss er warten, bis die Lina Zeit hat."
Böcklin wird seine prachtvolle Welle im „Spiel der Wellen"
wohl auch nach dem Modell gemalt haben! „Kommen Sie
morjen früh wieder!" Ja mit eurer Modellmalerei. Ich bestelle
mir morgen einen Wald ins Atelier.
Da muss einer einen Schuh malen — das weiss er schon
zwei Tag vorher — und dazu braucht der ein Modell und
läuft in der ganzen Stadt herum, um grad so einen Schuh zu
erwischen, sonst kann er nichts.
(Modell im Nebenzimmer.) Die Vorstellung, auf deren
Freiheit alles ankommt, wird leicht erdrückt oder abgelenkt,
•) Figaro, 22. Mai 1888.
MODELL? VOR DER NATUR? 89
— besonders da, wo sie während der Arbeit plötzlich sich
unsicher erweist, nicht ganz ausreichen will — durch das Modell,
das man um Rat fragt, und seine Zufälligkeiten. Man will ja
nicht den Augenblick um seinetwillen, nicht das zufällige Lebe-
wesen und seine Reize, sondern die Korrektur der eigenen
Vorstellung, ihre Auffrischung, Verstärkung, man will begreifen
lernen, drum herumgehen, um das „Warum" zu verstehen und
nicht bloss die Lage nachzeichnen. Z. B. Hand und Arm im
Zusammenhang sind keine Dinge zum Abmalen in einer zu-
fälligen Lage, sondern zum Verstehen, kluge auch zu weiteren
komplizierten Bewegungen fähige Werkzeuge, deren Funktionen
man verstanden haben, und die man verständlich, selbstver-
ständlich machen muss. Aber die Reize der Naturerscheinung,
des Modells, sind für den formfreudigen Menschen leicht zu
stark, er folgt ihnen und kommt von seinem graden Wege.
Es handelt sich bei solchem Anschauen eines Modells im
Nebenzimmer also einmal um sichere Stärke der Vorstellung
des gewollten Ganzen, zweitens nur um Sachen, Erkenntnisse,
die man etwa ebensogut aufschreiben könnte, nur dass ein
Zeichnen des vermissten Zusammenhanges etc. bequemer, kürzer,
näherliegend ist.
So würde Marees denken; Böcklin geht weiter. Ich
erinnere an seine „Flora" bei Fiedler.*) Da sass schliesslich
der eine Arm in der Schulter wie ein hineingesteckter Röhren-
löffel, der nur diese eine Bewegung machen konnte. Aber
diese sprach, was sie an dieser Stelle zu sagen hatte. Mehr
wollte, mochte Böcklin nicht. Und es schadet auch wirklich
nichts. Das Bild ist doch so schön, wenn auch nicht leicht
und bestechend. Jenes Plus, welches zu vermissen wäre, geht
einen nichts mehr an, der ganze Kerl ist da, und damit basta.
In dieser Unbekümmertheit, in seinem „ach lassen wir
das, wozu noch?", „darauf kommt's ja nicht an" könnte man
eine Grenze seiner künstlerischen Persönlichkeit sehen: ich
glaube, es ist richtig zu sagen: darin liegt ein bewusstes Selbst-
oder Glaubensbekenntnis, eine deutliche Erklärung über seine
ästhetische Ansicht vom Wesentlichen im Kunstwerk.
(„Warum über die Strasse schicken nach einem Stümpf-
*) Böcklinwerk I, 20. A. d. H.
90 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
chen, wenn einem das Licht ausgeht, wo man ebensogut Feier-
abend machen könnte? Ein andermal!" sagt Böcklin.)
Marees würde natürlich im Gegensatz dazu darstellen
wollen, wozu ein Arm oder Glied alles fähig ist, wie es sich
auch noch bewegen kann, es biegsam und benutzbar zeigen.
Er hat zwei Räume. In dem einen, wo er arbeitet,
herrscht die Vorstellung — im andern wartet vielleicht das
Modell. Wenn ihm die Vorstellung irgendwo unzureichend
erscheint bei der Darstellung des Figürlichen (wo der Maler
gebundener ist als im Landschaftlichen), geht er also hin, legt
oder setzt sich die Person zurecht und macht sich (im Kopf)
seine Notizen. Aber wenn er ins Atelier kommt, hat er
wieder volle freie Anschauung und nicht das zufällige Modell,
das zufällige Licht. Er kann den Arm etc. dicker, länger,
anders machen, er arbeitet ja wieder allein aus seiner Vorstel-
lung heraus, ihm bleibt auch jene von der Wesenheit des frag-
lichen Gliedes mit allen seinen beweglichen Möglichkeiten
unbeschnitten. Er ist nur um den Akt herumgegangen, um
das „Warum", sagen wir einer Muskelanschwellung oder Ver-
schiebung, zu verstehen: „Aha! daher kommt das, darum sitzt
das Licht dort, deshalb wirkte das bei mir nicht, wie es
sollte ..."
Böcklin sagt: nur wenn und soweit er aus der puren
klaren Vorstellung schafft, ist der künstlerische Wille frei und
unentwegbar, den Zweck allein vor Augen. Durch die hinein-
tretende Erscheinung des zufälligen, an sich existierenden
Modells muss er vom Dienst des Ganzen abgelenkt werden.
(Marees, auch während er nach dem Modell zeichnet, hat
doch immer seinen Zweck vor Augen, sieht den Vorgang, der
ihn gerade beschäftigt und nicht den zufälligen Wuchs. Er
weiss davon ganz zu abstrahieren.*)
* *
*
Bruckmann bekehrt sich zum Modell.
„Ich habe bemerkt, dass ich nach so und so vieler Arbeit
auch vor der Natur frei werde, und dazu wird mir das End-
resultat garantiert. Gewisse Richtigkeiten sind denn doch mass-
gebend und unverrückbar, wer die nicht hat, kommt nie zu
einem ausreichenden Eindruck."
*) Siehe den Abschnitt „Böcklin und Hans von Marees" S. 168 fg.
Porträt.
„Wer auf der Akademie einen fleissigen Studienkopf her-
untermalen gelernt hat, kann ja auch das, was die Leute ein
ähnliches Porträt nennen, machen."
Porträtmalen erinnert Böcklin an Modellmalen und steht
ihm so hindernd am Eingang zur Kunsterkenntnis für die Menge.
Wie er sich auch damit abfindet, — es bleibt ihm zuviel Ge-
gebenes, und das langweilt ihn. Alles steht fest, alles Wesent-
liche, woran er sich halten muss. Der Raum, der Mensch wie
er ist, Gesicht, Figur etc. — alles, was spricht, ist gegeben,
also kommt der Künstler selbst nicht zu Wort; ihm bleibt
nichts zu erzählen, nichts Eigenes hinzuzuthun, womit er zu
der Seele des Beschauers sprechen, ihn packen könnte. Böcklin
ist zu voll, und mit einer in sich selbst ruhenden Einzelfigur
ist so wenig anzufangen.
Was der Photographie auch passieren kann, hält er nicht
für künstlerisch wertvoll. Schon darum auch das Porträt nicht,
,,die elendeste aller Kunstgattungen, weil der Künstler dabei
am meisten gebunden ist".
Ein Porträt kann wohl mit dem Eindruck stimmen, den
ich (der Maler) von der Person habe, aber nie mit dem Menschen,
der daneben sitzt, und der noch mit der gesteigerten Palette der
Natur sichtbar gemacht wird.
Aber Böcklin hilft sich auf allerlei Weise. Muss er z. B.
eine schöne Frau malen, so malt er sie aus dem Kopf, nur das,
was ihm von ihr im Gedächtnis geblieben. Denn das muss
seiner Meinung nach dasjenige sein, was sie von tausend anderen
schönen Frauen unterscheidet. Hingegen sie als Modell behan-
deln und alles Gleichgültige, Allgemeine und Zufällige auch
92 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
noch malen, wie die Maschine, nur aus dem dummen Grund,
weil es gerade da ist, alles sehen müssen, was ein Friseur,
Hühneraugenoperateur, Zahnarzt etc. auch noch sieht, das giebt
sicherlich kein richtiges Bild von dem, was an dem Original
erfreulich und individuell ist.
„Ich habe von ihm gemacht, was ich an ihm liebte, was
mir sein Eigentümliches, Unterscheidendes, Erfreuliches war.
Was geht mich's an, was die Gattung für Merkmale hat."
(Ich zeigte ihm das Porträt meiner Schwiegermutter von
G. Richter und sagte: „Neunundneunzig Sitzungen und doch
nichts geworden." „Eben darum nicht", antwortete Böcklin
lachend. „Das kann ja nur ein gemalter Steckbrief werden, in
dem alles steht, was gleichgültig ist. Das beweist nur, dass der
kein Künstler war, der auf diese Weise ein lebendiges Indivi-
duum packen und darstellen wollte.")
Wo Böcklin kann, hilft er sich auch noch auf andere Weise
aus der Langweile der Einzelfigur. Der Frau Gurlitt*) giebt
er ihr Kind auf den Arm, und es giebt nun alles zu sagen.
Er zeichnet Gottfried Keller auf, nachdenklich vor einem
Glas mit Blumen sitzend. „Ja", sag' ich, „man sieht nie Blumen
bei ihm." „Macht nichts", meint Böcklin, „dann sind das seine
Gedichte."
Natürlich mussten auch seine Selbstporträts noch etwas
sagen — einmal dem Geigenspiel des Todes lauschend malt er
sich**), das andere Mal stramm, in heiterem Geniessen, hält er
das volle Weinglas in der Rechten f).
Und noch eins kann er von eigenem dazuthun: Den Kopf
in breiter Lichtwirkung sich einfach und ruhig abheben lassen
vom Hintergrund. Sei es durch Farbenkontraste oder durch
Linienkontraste.
(Zu erinnern wäre z. B. an van Dyck, der einen Kopf,
der ruhig und einfach, trotz aller Arbeit darin, erscheinen
sollte, mit scharfzackigen Krausen, einem Teppichornament etc.
zu umgeben wusste.)
*) Reproduziert bei F. H. Meissner: Arnold Böcklin („Das Künstler-
buch"), pag. 65. A. d. H.
**) Böcklinwerk I, 1. (Bild von 1872 in der Nationalgalerie zu Berlin.)
A. d. H.
f) Siehe das Titelbild.
PORTRÄT 93
„Na überhaupt das Porträt, trotz dem bisschen, womit
man sich unterhalten kann! Zum Glück hat van Dyck anders-
wo Gelegenheit gehabt, zu zeigen, dass er mehr konnte als
Porträtmaler sein."
Was die Porträtmalerei in der Kunst wert ist, das beweist
immer mehr die Photographie, geradeso wie in allen Fällen,
wo es sich um Abmalen der Natur handelt. Ich habe Kinder
wohl zwanzigmal photographieren lassen, bei Momentphoto-
graphen, die nicht lange quälten und retouchierten, und mehr
malerisch liebenswürdige Menschlichkeit gewonnen, als in allen
durch die Herren Maler erzielten Porträts, trotz aller „Auf-
fassung".
Was diese anlangt, siehe überhaupt Lenbach und die
Albertschen Bismarck-Photographien. Ästhetischer
Schwindel alter Schule. Sand in die Augen.
„Keine Natur!"
Die Leute, auf welche Böcklin den grössten Eindruck
macht, sagen: wundervoll, nur darf man nicht nach Natur-
wahrheit fragen. Ich wüsste niemand, der mit so kindlicher
Freude, so stets offenen Organen an den Brüsten der Natur
söge. Ja, wenn er jedes Tönchen und Färbchen nach der Natur
malte, müsste er ebenfalls mogeln und wirkte nicht so ein-
dringlich. Jedes Bild ist übrigens eine Rechnung, eine Über-
setzung.
Welche ist mir da lieber: die sklavisch-philologische, in
der ich jedes Wort wieder finden kann, oder die geistvoll-
künstlerische, freie? Welche entbindet den Geist mehr und
wirkt eindringlicher? In der Malerei will das heute niemand
verstehen. In der Litteratur weiss längst jeder, dass lange
Landschaftsbeschreibungen gar keinen Eindruck machen, sondern
ein kurzer voller Blick dem Leser viel mehr Genuss gewährt
und Kunst verrät.
Unsere verwissenschaftlichte Generation mag anders denken,
aber es wird auch wieder anders werden.
Also das ist keine Natur! Man sollte glauben wir stünden
schon ganz im Zeichen des Zola, oder könnten Kunst und
Wissenschaft nicht mehr unterscheiden. Naturbeschreibung
allerdings nicht! Böcklin hat sich nicht dumm davor gesetzt
und, soweit das geht, abgemalt, was er sah. Sondern er hat
sich Rechenschaft gegeben: warum wirkt diese Landschaft,
diese Jahreszeit so ganz anders als jene, worin besteht ihr
unterscheidender Reiz, womit wirkt sie, und warum ist das,
womit sie wirkt, da?
Auch der flüchtigste Moment wird ihm so einen Stimmungs-
„KEINE NATUR!" 95
eindruck hinterlassen. Aber den bewahrt er in der Seele des
Poeten bis zum rechten Augenblick.
Er idealisiert nirgends in dem Sinne, dass er sich über
die Natur erheben wollte, sie zu verbessern trachte — im
Gegenteil, — selten wohl sind die „Grenzen der Kunst" so inne-
gehalten, aber auch mit so raffiniertem Bewusstsein ausgefüllt
worden, wie von ihm. (Und damit bitte ich um die Erlaubnis
zu wissen, was ich thue, wenn ich die Klugheit auf den Thron
hebe. Ich bin gewiss der letzte, welcher den künstlerischen
Instinkt, dem jene dient und hilft, unterschätzt. Nur nebenbei
ist es nicht wahr, dass die Kunst im Düstern geboren wird
und von Bauernjungen oder Salontirolern getrieben werden
kann. Die eine Hälfte freilich ist Begabung, Individualität, die
andere, sehr notwendige, Erkenntnis, Abschätzung, Direktion . . .)
Er verkehrt mit ihr so intim, dass er sie wohl in manchem
glücklicheren Moment belauscht hat, als andere, und durch-
schnittlich wird ihm die Idee zum Pinsel zu greifen erst
kommen, wenn er den wesentlichen Ausdruck eines Moments
oder Gegenstandes erkannt zu haben glaubt und genossen hat.
Diese echte Naturwahrheit hält und belebt auch seine phan-
tastischsten Sachen.
Er reinigt die „Natur" (d. h. die zufällige) im Aristoteli-
schen Sinne, er „legt sie aus" im Sinne Goethes.
(Es heisst, er verstehe die sichtbare Natur falsch. Man
versteht die Natur überhaupt nicht. Sie entsteht erst in uns,
indem wir sie ansehen. Wir malen uns und können uns natür-
lich das grösste Armutszeugnis von der Welt geben.)
Alle unsere „Italienkenner" kennen das „Land" durch
einen Winter in Rom, durch meinetwegen alljährliche, sechs-
wöchentliche Rundreisebillets, durch zweckbewusste, auf Archive,
Galerien oder Gesellschaft abzielende Reisen in die grösseren
Städte, — aber wer hat jahrelang mit offenen Maleraugen in
Sonne und Kälte gesessen, Schiffe gechartert und sich vom
Winde führen lassen, die Natur belauscht, wo sie eigentlich
ein Recht hatte, vor Fremden sicher zu sein? Wer kennt die
unwirtlichen Inseln, wenn sie in der schweren Sommermittags-
hitze, wo selbst der grosse Pan schläft, brennen, oder wenn
der Sturm sie vor der lebenden Welt verschliesst?
Keiner von denen, die ihre zu kurzen kritischen Zollstäbe
96 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
an das Werk des Meisters legen, dessen Blicken die Natur all
ihre Geheimnisse preisgeben musste.
Böcklins Bilder sind von geradezu gewaltiger Naturnähe
— aber eben weil er nicht sklavisch gebunden die Einzelheiten
nachmacht, sondern das Ganze, das was er vor seinem innern
Auge genossen, wieder aufbaut.
Wo gäbe es einen genussfroheren Naturkultus als den
seinen. Aber er respektiert seinen Schatz und malt ihn nicht tot.
Es ist gerade die ungeheure Freude an der Natur, das
Geniessen im Beobachten, was Böcklin eigentümlich ist. Er
wird zunächst immer nur das darstellen, was er genossen,
durchempfunden hat. Sein künstlerischer Verstand wird dann
freilich das Unwesentliche ebensogut auszuscheiden suchen, wie
das zum deutlichen Ausdruck seiner Empfindung Unnötige.
Aber man kann nicht sagen, dass gerade das innere Leben, das
Wesentliche, vom Zufälligen Abgeklärte, seine künstlerische
Phantasie zuerst beschäftige und sich herauskrystallisiere.
Also die Natur als Ganzes — nicht die Figur als Profil,
als Ton, Relief, Überschneidung, nicht das Gegenständliche als
Coulisse und körperloses Versatzstück — sieht Böcklin. Das
heisst, er sieht den mit körperhaften Gegenständen gefüllten
Raum, dessen Grundriss man zeichnen könnte, dessen Gegen-
stände rund gesehen und gedacht sind wie von einem Plastiker.
Er sieht, dass ein Fels soo gewaltig hineinrückt, er sieht hinter
ihn, und was dort hinten steht und sichtbar wird, ist wieder
rund in Licht und Luft.
Freilich macht er nicht alles, was, rein optisch gesprochen,
nacheinander sichtbar wäre. Er malt nur seine Freude, die er
als genussfroher, prächtiger Mensch am Leben, an der Erschei-
nung gehabt hat. Es handelt sich natürlich um ein künstlerisches
Geniessen: er sieht z. B. das ist eine kräftige, eine nervöse
Hand; und so wie er das mitsamt dem „Warum" auf einen
Blick sieht, stellt er es auch nur so mittels des Eindruck-
machenden, Unterscheidenden, Sprechenden dar.
Was ist denn die „Natur", die die Menge sieht? Die
Geschichte, die Gegend, die Tageszeit, die Ähnlichkeit, der
Ausdruck, die „Zeichnung", das Moderne, Konventionelle, Sen-
sationelle etc. Die Leute wollen immer mehr Detail — Zier-
raten, Kunststücke, Gelerntes — aber sie sehen die Sache nicht.
.KEINE NATUR!" 97
Alles, was nach Geschicklichkeit aussieht, macht Böcklin
nicht mehr, das zieht ab. Er geniesst die Erscheinungswelt,
aber er seziert sie nicht zu dem Zweck, er will sie lebendig.
Zudem ist Kunst auch keine Natur, sondern mitgeteilte Vor-
stellung.
Man braucht es ja einem Menschen mit Augen nicht zu
sagen, aber: all das Intimste, was man durch Sehen geniessen
kann, hat er bis ins kleinste aufs Andächtigste im Freien studiert
und genossen. „Und dabei wird einem immer noch was dazu
geschenkt: eine Schlange, ein Eichhörnchen etc.", sagt Böcklin.
Naturwahrheit haben alle Künstler aller Zeiten angestrebt,
rufen die modernen Realisten. Ja, ich wüsste nicht, was man
selbstverständlicheres sagen könnte. Alle Kunst basiert auf der
Anschauung. Fragt sich nur, wer anschaut. Die sichtbare
Welt spricht zum Menschen, fragt sich nur, wie die Organe
beschaffen sind, die sie vernehmen sollen. Denn so wenig man
die Natur eliminieren kann, so wenig kann man das Anschauungs-
vermögen des Gehirns loswerden, dessen Besonderheit ihr Bild
reflektiert. (Das Streben nach Naturwahrheit, lehrt die Kunst-
geschichte, war allen Malern das Höchste etc. — Gut. Sollte
da nicht wirkliches Leben und ganze Lebensfähigkeit das erst
sein, was Wahrheit gäbe? Oder sind es wirklich die toten Zu-
fälligkeiten, mit denen das Leben sich bekleidet, die einzelnen
Organe, mit denen es funktioniert? Malt man mit der pein-
lichen Wiedergabe von so und so viel Muskeln Leben? Das
Leben kann nur der Geist verstehen und festhalten. Nur der
Künstler.)
Eine direkte Reproduktion giebt es nicht, kann es nicht
geben. Da liegt der Irrtum derer, welche auf die panorama-
tische, photographische, impressionistische etc. Naturwahrheit
schwören. Es giebt, so lange es sich um Kunst handelt, nur
eine künstlerische Naturwahrheit, die man nicht mit der des
Anatomen, der das Leben beim Sezieren totschneiden muss,
oder mit der des Weinreisenden verwechseln sollte. Und das
nicht abschreibbare Leben, welches man mit der minutiösesten
Anatomie noch lange nicht zu Wege bringt, gehört ja vielleicht
auch zur Welt des Sichtbaren.
Floerke, Böcklin. '
98 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
Schon die Beschränkung der Palettenskala gegenüber jener
des Lichts, des Raumes gegenüber der Unendlichkeit der Er-
scheinungswelt, die Notwendigkeit der abgeschlossenen Einheit,
die daraus hervorgeht, sollten auch den Eifrigsten daran er-
innern, dass derjenige, der in seinem Bilde Naturwahrheit an-
strebt, schon durch ganz äusserliche Bedingungen gebunden ist.
Er sollte ferner bedenken, dass der Mensch seine Persönlich-
keit, sein Hirn nicht loswerden kann, dass es nicht die Natur
ist, die er darstellt, sondern das, was er von ihr sieht, d. h. dass
die Welt des Sichtbaren für ihn erst in seinem Schädel entsteht,
dass je energischer und gewaltiger diese somit schöpferische
Persönlichkeit der Erscheinungswelt gegenübertritt, die Wesen-
heit des Geschauten — bis in die Darstellungsmanier hinein —
einen anderen Charakter annehmen wird. Denn nicht die Natur
hat den Künstler, sondern er hat sie.
Auf den Wert der anschauenden Persönlichkeit — und
wie anders spiegelt sich in Böcklins Kopf die Welt — wird es
also immer ankommen, und wenn jemand diese auf das Niveau
eines photographischen Apparats reduzieren zu müssen glaubt,
— und es scheint wirklich manchen von ihnen*) nicht schwer
zu werden — so wird er eben wohl nicht viel mehr bei der
Seele haben. Sähe er mehr und besser, so würde er wahr-
scheinlich besser zu malen versuchen und das Beschämende
eines solchen Vergleichs nebst dem Überflüssigen solcher Be-
strebungen selbst einsehen.
Die ganze einsichtige Kritik hat denn auch Böcklins
ungeheure Naturnähe erkannt. Für den Rest — die Majorität —
scheint es in unserer Zeit der Demokratisierung der „Kunst"
zunächst die fehlende Kalendergeschichte zu sein, die diesen
Realismus irgendwelcher exklusiver, aristokratischer Neigungen
verdächtig macht. Bedenklich sind von vornherein die offenen
Mittel — reine Farben ohne Sauce — mit denen dieser Realis-
mus des Sonnenscheins, des Raumes, der Öde, der Meeresweite
und -Tiefe hergestellt wird, verdächtig in unserer weiss-grau-
schwarzen Zeit.
Noch niemandem ist, scheint's, die Realität des Märchens
begegnet, — es muss nun mal die der Wachtparade, des sozialen
") Sc. Modernen. A. d. H.
„KEINE NATUR!" 99
Elends oder dergleichen „für alle" sein. Warum soll er seinen
Werken nicht „unbegreifliche", „dämonische", ja „grässliche"
Elemente einfügen, wenn es die Erhöhung der Vorstellung gilt!
Um die Menschenfeindlichkeit des Hochgebirgs ganz aus-
zusprechen, warum kein rasender Ken taurenkampf über
den Wolken des Abhangs, um das Grausenerweckende des
stürmischen Meeres deutlich zu machen, warum keine See-
schlange etc.?
Das alles ist hinzugethan, um zu dienen. Wo es einem
graust, wollte er Grausen erwecken, so als er die Schrecken
der „Via Mala" erhöhte, da er nicht mit den gleichen Mitteln
wie die Natur: Einsame Verlassenheit, Gefahr etc. wirken konnte.
Und dann sind diese Schreier nach Naturwahrheit noch
in einem anderen Irrtum befangen, abgesehen von ihrer eigenen
wahllosen Nüchternheit und Anschauungsblässe: man erzielt
durchaus nicht den Eindruck der Naturwahrheit, wenn man
alles malt, was etwa für den spazierengehenden Blick noch zu
sehen wäre. Das Viele schliesst das Bewusste aus, macht aber
auch äusserlich das Ganze, gewiss das Grosse tot. Man muss
die einfachen breiten Mittel sehen, mit denen die Natur wirkt
und mit ihnen — im Verhältnis seiner übertragenen Sprache
wieder zu wirken suchen.
Die ganze Wirklichkeit hat niemand, auch der nicht, der
sie will.
Man muss überall opfern in der Kunst, um mit seinen
andersartigen Mitteln und eigenen Absichten nur halbwegs auf
die Höhe zu kommen, man muss übertreiben und vernach-
lässigen. Zwischen Nicht-Können und Vernachlässigen ist ein
Unterschied, wie er auf diesem ganzen Gebiet nicht grösser zu
denken ist. Man opfert die Richtigkeit der Proportionen der
Ausdrucksstärke der Geste, die relative Wahrheit des Tons
seiner Wirksamkeit, die Zeichnung der sprechenderen schöpfe-
rischen Farbe etc., in summa den Zufall in der Natur und
seine Wahrhaftigkeit der Absicht und ihrer Wahrheit. Die
Kunst erfordert ein ewiges Zugestehen des Wissens an die
Wirkung. „Man muss der Verständlichkeit zu Liebe manches
thun", sagt Böcklin. Und gerade dies ununterbrochene Ab
wägen der Vorteile und das Opfern der geringeren ist ein
grosser Teil seiner Kunst. Böcklin greift, ähnlich wie zur
7*
100 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
Antike, zu Märchen wesen, weil ihn da die Richtigkeitskrämer,
— so wähnt er! nicht kontrollieren können. „Entschuldigen,
Sie werden mir's nicht übel nehmen — aber ist der Arm nicht
zu kurz?" Ja, meinetwegen. Aber mir kam es auf ganz etwas
anderes, Sprechenderes an, ich wollte Sie fesseln, dass Sie der-
gleichen so wenig nachrechnen, wie ich in dem Bestreben nur
in der einigen Hauptsache recht deutlich zu werden. Und wer
sagt Ihnen, dass so ein Wesen nicht so kurze Arme haben
muss? Kennen Sie seine Existenzbedingungen, Herkunft etc.?
Er lügt nicht, und wenn er lügt, ist es erst recht richtig.
Ein gutes Märchen ist auch voller Natur. Er mutet einem
auch nicht zu, aus dem herauszugehen, was man schon hat,
sondern rechnet damit und vergrössert höchstens. Und jedes
Kunstwerk ist eigentlich ein Märchen. Der Superlativ,
der zweckbewusste heisst das, aus der Unähnlichkeit der Mittel
hervorgehend, ist auch eine Kunstform. Böcklins Kentauren etc.
sind Phantasielogik, freilich keine Erfahrungslogik oder Be-
obachtungslüge.
Bei Böcklins kolossalem „Realismus" (Naturwahrschein-
lichkeit, Momentwahrscheinlichkeit, Stimmungsstärke), wegen
dessen die modernsten Impressionisten, die er auslacht, ihn
vergöttern, bei dieser seiner Wirklichkeitsnähe, sollte man sich
vielleicht auch an die ungeheure (allerdings unbewusste und
ganz unkontrollierte) Realität des Traumes erinnern.*)
*) Zu den hier, vorher und nachher immer wieder vertretenen An-
schauungen vergl. folgende Sätze Friedrich Nietzsches: „Ein geborner
Psycholog hütet sich aus Instinkt, zu sehn, um zu sehn; dasselbe gilt
vom gebornen Maler. Er arbeitet nie „nach der Natur", er überlässt seinem
Instinkte, seiner camera obscura das Durchsieben und Ausdrücken des „Falls",
der „Natur", des „Erlebten" . . . Das Allgemeine erst kommt ihm zum Be-
wusstsein, der Schluss, das Ergebnis: er kennt jenes willkürliche Abstrahieren
vom einzelnen Fall nicht."
Und weiter: „Die Natur, künstlerisch abgeschätzt, ist kein Modell.
Sie übertreibt, sie verzerrt, sie lässt Lücken. Die Natur ist der Zufall.
Das Studium „nach der Natur" scheint mir ein schlechtes Zeichen: es ver-
rät Unterwerfung, Schwäche, Fatalismus, — dies Im-Staube-Liegen vor petits
faits ist eines ganzen Künstlers unwürdig. Sehen, was ist — das gehört
einer andren Gattung von Geistern zu, den antiartistischen, den thatsäch-
lichen. Man muss wissen, wer man ist . . . ." Aus: „Streifzüge eines
Unzeitgemässen" 7. A. d. Herausgebers.
Korrektheit und Fertigmachen.
Wie manches dem Laien Unentbehrliche kann malerisch
überflüssig sein ! Ich betrachte z. B. eben „Amor profano e
sacro" von Tizian und sehe den linken Arm der Nackten
nicht. Das Bild ist darum nicht ärmer geworden.
Unkorrektheit und Unfertigkeit hat man Böcklin so oft
zum Vorwurf gemacht.
Bei Rubens, Tizian etc. unterwirft man sich dem kunst-
wissenschaftlichen — mitgebrachten — Urteil. Sogar schon bei
Herrn von Lenbach, weil er Mode ist und Rembrandt zu
Vorwand und Entschuldigung hat. Und dann, weil es Porträts
(nebenbei grosser Leute) sind. Denn dabei sagt wiederum die
„Wissenschaft" erklärend, dabei kommt es nur auf das Wesent-
liche, Unterscheidende, auf den Kopf und in ihm hinwieder auf
die Seele an, die z. B. schon mit Augen und Mund allein fertig
ausgesprochen sein kann. Wenn aber das so einfach wahr ist
(und es kann wahr sein, nur bei Herrn von Lenbach nicht, der
ganz gewiss nicht zur Abwechslung einmal ä la Holbein malen
würde*), warum gilt das gleiche Gesetz nicht auch für andere
moderne, für andere auf knappe einheitliche Wirkung mittels
malerischer Mittel komponierte, d. h. berechnete Bilder?
Warum soll sich ein Maler, wenn er das Seinige eindring-
lich und knapp ausgesprochen hat, noch lange mit Details er-
müden, „die heutzutage jeder leicht lernen kann", und die,
wenn sie auch nicht notwendig abziehen, doch sicherlich nur
solche Beschauer freuen würden, zu denen der Künstler gewiss
nicht hat sprechen wollen. Hat er seinen Natureindruck künst-
•) Siehe pag. 247. A. d. H.
102 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
lerisch herausgestaltet, so fehlt nichts mehr als ein genügend
empfänglich gewordener verwandter Mensch, um mitzuempfinden,
und wenn's weiter geht, das künstlerische „Warum" des Aus-
und Eindruckes zu begreifen.
In Florenz, im „Niobidensaal", also als Hintergrund
resp. Dekoration einer Sammlung weisser (z. T. bedeutend über
lebensgrosser) Marmorfiguren hängen zwei der schönsten R u-
bens*), die er jedenfalls völlig höchstselbst gemalt hat. Aber
sie haben zwei Fehler. Einmal den (ich will nicht sagen der
Konkurrenz; denn daran nur zu denken, sind die Italiener zu
eitel; aber den) der A usländerschaft. Und schon deshalb
verkommen sie. Der zweite Fehler sind die Niobiden, die
auf Gott weiss welcher Gartenmauer gestanden haben mögen,
und — diesen Bildern gegenüber — besser ständen. Die Nio-
biden sind — scheint es — fertig; die Rubens nicht. Ergo!
Die Niobiden sind antik, die Rubens nicht. Jene sind berühmt,
diese nicht (weil sie in Florenz hängen). Punktum für das
Galerievolk. Alles für das Volk! Die Kunst für alle! Aus
dem Volk, für das Volk! Evviva! Referendum in Kunst-
sachen! Ecco.
Korrekt sein! Seit herausgemessen ist, dass der Schädel
der Venus von Milo total unmöglich, nach allen Dimensionen
falsch modelliert ist (siehe die Hasse sehen Messungen), wird
den Ruhmestitel der Korrektheit wohl niemand mehr für den
künstlerisch unerlässlichsten halten. Der Künstler wird doch
wohl gewusst haben, warum er's nicht „besser" gemacht hat,
und gemerkt hat's ja bislang auch keiner; die beabsichtigte
Wirkung war also da.
So sagt Böcklin auch nicht „richtig", sondern „deutlich".
Und weil so viel Richtiges, Massgebendes in seinen Bildern
da ist, glaubt man alles andere zu sehen.
Es fehlt ja nicht bei ihm, es kommt nur darauf an, dass
seine unerbittliche Kritik ein Mehr für notwendig hält. Dann
ist es gleich da. Die Anschauungen des Malers von seiner
Kunst mögen ja, je nach der Privat- oder Dutzendästhetik des
Beurteilers, mangelhafte genannt werden können, sein Können
*) Einzug Heinrichs IV. in Paris und Sieg Heinrichs IV. in
der Schlacht von Ivry. Siehe pag. 22 und 33. A. d. H.
KORREKTHEIT UND FERTIGMACHEN 103
schwerlich, wenigstens nicht für den, der sich mit ihm be-
schäftigen konnte. In all solchen als „Unfertigkeit", „Skizzen-
haftigkeit", „Unkorrektheit" gestempelten Fällen fehlt einfach
das Wollen des Künstlers, sein Urteil sagt: halt! — und dies
Urteil ist der innerste Kern seiner künstlerischen Indivi-
dualität.
Diese „Nachlässigkeiten" etc. sollten von der künstlerischen
Klugheit Böcklins zeugen und thun es auch jedem künstlerisch
Anschauenden gegenüber. Man schwatzt nicht mehr lange,
wenn man seine Sache gesagt hat, wie man sich's vorher über-
legt hatte. Pedanten und Handwerker nur kräuseln Schnitzel,
das ist ihr Geschäft, das für die Menge und ihren Verbrauch
zu vertreten sie da sind.
Der Maler muss absolut nicht mehr machen, als für die,
für welche er malen möchte, unerlässlich ist, — eigenes nie
störendes Vergnügen ausgenommen.
Das Männliche an Böcklins Kunst liegt eben gerade
darin: der Zweck steht deutlich und einfach vor Augen, und
nur zu seiner Erreichung nötige Bewegungen werden gemacht.
Das Künstlerische liegt dicht daneben, oder sagen wir,
deckt sich fast damit. Es liegt in der Fähigkeit, unbedingt
malerische Gedanken zu erzeugen und in der gleichzeitigen,
erregtbleibenden, bewussten Fähigkeit der rein malerischen Ge-
staltung derselben.*)
Man erinnere sich an das Schreibheft des kleinen
Moritz von Oberlaender. So hatte neulich der kleine
Barth**) einen Mann gezeichnet, der hoch oben an der Wand
einen Strich zieht. Es war alles falsch daran, alles, aber den
Strich zog er doch — und viel überzeugender vielleicht, als
*) Brücke (> Physiologie der Farben«) sagt pag. 297 von alten Ge-
weben: »Die Mehrzahl von ihnen unterscheidet sich wesentlich dadurch von
den modernen, dass in ihnen alles, selbst, wo es sein musste, die Solidität
der Technik, der künstlerischen Wirkung untergeordnet ist, der
künstlerischen Wirkung in dem Abstände, für welchen sie berechnet war.<
Und nun vergleiche man erst die Berechnung bei alten Glasgemälden
und die Scheiben nahe bei! Anm. d. Verfassers.
**) Sohn des Malers Ferdinand Barth. A. d. H.
104 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
wenn alles von einem unserer Durchschnittsmeister richtig
gemacht worden wäre. Man sah nur das und lächerlich ein-
leuchtend.
„Und mag ein Ding auch noch so ungeschickt oder ver-
zeichnet sein, egal, ich will in jedem Strich den Willen sehen,
das ist alles, Korrektheit nichts", sagt Böcklin.
Was ist Zeichnen?
„Komposition", „Zeichnen" sind die Hauptschulmeister-
wörter.
Komposition ! Als ob nicht jeder wirkliche Maler kom-
poniere, wenn es dem Philister auch nicht sichtbar, bewusst
wird. Die Schulmeister, die diesen Begriff gepachtet haben
wollen, verstehen nicht genug von der Malerei und ebenso-
wenig von der Herkunft ihrer Ästhetik. Sie überlegen nicht,
dass der Maler nicht bloss seine Linien und Körper symmetrisch
aufzubauen hat, sondern dass er ebensowohl seine Farben —
und Tonmassen — die auf das Auge verschieden wirken —
gegeneinander und zum Ganzen abwägen muss und dadurch
komponiert.
Damit ist es gerade so wie mit dem ewigen Schreien von
Zeichnen- und Nichtzeichnenkönnen. Jene verstehen darunter
eigentlich nur „Umrisse machen". Von einer Zeichnung implicite,
wie sie der eigentliche Maler meist allein anwenden kann, von
einer Formgebung durch die Farbe, begreifen sie nichts, dazu
können sie nicht genug zeichnen. Oder ist das kein Zeichnen,
alles das, was man von Form haben will, an seine richtige
Stelle, in richtige Funktion und wirksamen lebendigen Zusammen-
hang zu setzen?
Ist es keine Perspektive, wenn Böcklin, wie gewiss wenig
andere, dem Raum und der Form durch die Farbe Ausdruck
zu verleihen weiss?
Bei Böcklin findet sich freilich nicht die aufdringliche
Zeichnung jener, die nicht farbig sehen, sondern abstrahieren,
jener also, die nicht Eindrücke empfangen, und daraus erwachsene
Vorstellungen aussprechen, sondern Gedanken ausdrücken
106 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
wollen, indem sie ihnen allerlei malerischen Faltenwurf um
den blassen dürren Leib hängen und sich gewöhnlich vorge-
nommen haben, bedeutend zu sein. In Bildern von Böcklin
ist, wie in jedem echten malerischen Kunstwerk, Zeichnung
implicite, — jedes Licht sitzt an seiner rechten Stelle, das
Terrain ist verständlich ohne affichierte Linienführung, wie von
selbst. Jenes ist Abstraktion, dieses unmittelbar. Zeichnen
muss der Maler können, nicht wollen resp. wie ein Akademie-
schüler zeigen wollen, dass er's kann. Böcklin zeichnet also
wie ein Maler und nicht wie ein Zeichenlehrer oder einer aus
dem Publikum, der bei so einem „zeichnen" gelernt hat.
Wo unsere „Koloristen" scheinbar (d. h. für das Laienauge)
keine Form sehen, sehen sie das, was jene unter Umständen
zum Teil aufhebt: Licht, Luft und die mit ihnen zusammen-
hängende Farbe, durch welche erst die Erscheinung sichtbar wird.
Zeichnen mit dem Stift (akademisches Zeichnen) und
Zeichnen mit der Farbe, Sehen in Licht und Luft und ab-
strahierte Form, sind also zwei sehr verschiedene Dinge, die
ganz verschiedene Voraussetzungen, Bedingungen haben.
Ich kann ja einen Schäfer unter einem blühenden Holunder-
strauch zeichnen, und das kann, wenn z. B. Ludwig Richter
das macht, ganz poetisch wirken. Wenn derselbe aber malt,
kann z. B. das Weiss dort gar nicht möglich sein, und darauf
kommt es dann an, ob das Weiss dahin passt. Ich erinnere
mich an ein Liebespaar in der Rosenlaube versteckt von dem
Zeichner Richter gemalt: ja, man sah viele Rosen, aber die
Hauptsache, das Liebespaar, geriet so ins Dunkel, dass man das,
was das Bild wollte, gar nicht sah.
Den einen reizt die Kohle, den andern die Farbe. Aber
der Kartonzeichner soll nicht verlangen, dass man einen Karton
koloriere, wenn man malerische Wirkungen erstrebt, — er
wird ja aus einer Farbenskizze auch nicht klug und kann nichts
mit ihr anfangen.
Zeichnen sollte doch weiter nichts bedeuten als Projizieren
der Form resp. des Raumes auf die Fläche, mit dem — freilich
durch die Kunstgewöhnung vielfach erleichterten — Schein des
Runden, Räumlichen. Nur in diesem Sinne kann man die
Farbe bekennende Malerei eine zeichnende Kunst nennen —
indem sie Form und Raum durch Farbe, Ton und Gegensätze
WAS IST ZEICHNEN? 107
aller Art, nicht durch Zeichnung im engeren Sinne, bestimmt
(welch letztere immer eine gewisse Abstraktion der wirklichen
Erscheinung ist).
Ein Zeichner, — abgesehen davon, dass er es nicht kann —
wird schon darum keine brillanten Farben gebrauchen, weil
diese von der Wertschätzung seines Ausdrucksmittels, seiner
Technik, auf die es ihm doch ankommen muss, abziehen
würden.
„Merkwürdig", schrieb ungefähr ein französischer Kritiker
(in der „Gazette des Beaux Arts'% „da ist ein Mann, der kann
nicht zeichnen und nicht malen, und ist doch ein malerisches
Genie." Ja, da haben wir, was man heutzutage unter zeichnen
und malen versteht: l'art, c'est le fini. Dieser Herr hat da-
mit von seinem befangenen, modern französischen Standpunkt
aus nur erkannt, dass weder Kalligraphie noch Pinselfechterei
für Böcklin irgend einen selbständigen Wert haben. Zeichnen
ist Prunken mit akademischer Kenntnis und ordnungsmässiger
Richtigkeit aller Art, die heutzutage jeder Langweiler erwerben
kann („die mein Pudel auch lernen kann", sagt Böcklin). Glatt-
machen in der Malerei kann jeder Handwerker, der nichts zu
sagen weiss, und das verstecken möchte. Es ist kein Kunst-
stück, ein Sonett zu machen — womöglich nach gegebenen
Reimen. Erst wenn jedes knappe Wort darin sich in jeder
denkbaren Richtung als dienstpflichtig erweist, kann das ein
Kunstwerk sein.
Ton, Farbe.
„Ist mal Ton und Farbe bewusst mein Aus-
drucksmittel, so muss ich, will ich nicht rein
dekorativ werden, mit der Palette in diesem
Sinn bewusst komponieren und modellieren."
A. Böcklin.
Böcklin folgt in all seinem Denken und Schaffen selbst-
verständlich keiner der Ästhetiken, die aus den Irrtümern der
Renaissance resp. Winckelmanns hervorgewachsen, noch
heute unsere Gewohnheit beherrschen. Ihm ist die Farbe die
Natur und das ihm gegebene Pfand, das er auszunutzen hat.
Seine Kunst ist sinnlich, unmittelbar, nicht abstrakt, gedanken-
haft, auf Umwegen wirkend.
Ist die Natur die feinfühligste, unfehlbare Koloristin bis
ins kaum bemerkbare Detail, warum soll der Mensch — der
Farbenmensch Maler! — in dieser Richtung stumpfsinnig un-
ausgebildet bleiben müssen? Weil er sich, einmal verrannt
und einseitig künstlerisch geschult, natürlich seine künstlerische
Theorie zurecht macht, damit er und andere nicht mehr an die
sauren Trauben zu denken brauchen.
Wir haben keine anderen Eindrücke von allem Sichtbaren
als farbige, je nach dem Licht heller oder dunkler, können
keine anderen haben. Denn das Licht wird uns — zurück-
geworfen von einer Oberfläche — erst und nur als Farbe sicht-
bar. Nun ist der Maler wie keiner auf das Sehen angewiesen.
Wie soll er seine farbigen Eindrücke nun übersetzen? Womit
malt er denn? Mit Farben dächte ich. Soll er sich da ihrer
enthalten, sie nicht studieren? Soll er dies sein Hauptaus-
drucksmittel nicht so weit zu vervollkommnen suchen, als ihm
nur möglich?
TON, FARBE 109
Ein Sänger, der seinen Ton in der Kehle bildet und nicht
vorn im Munde, ist ein Esel; denn er nutzt sein Pfund nicht
und versteht seine Kunstmittel nicht. Aber ein Maler soll
seine Farben in den Tuben behalten oder doch ihre Ausnutz-
barkeit und Wirkungsfähigkeit für seine Farbenkunst nicht
verstehen. (Er soll sie höchstens hinstreichen, wie man eine
Zeichnung koloriert, nach ikonographischen, kostümgeschicht-
lichen oder sonstigen Regeln.) Merkwürdig! Womit stellt er
denn dar, was er an Eindrücken empfangen hat? („Mein Gott,
womit malt man denn?" fragt Böcklin ganz erstaunt, wenn er
erfährt, dass man ihm die konsequente Ausbildung des Farben-
materials, der Technik und der Farbe in ihrem künstlerischen
Auftreten vorwirft.) Wozu die Blässe des Gedankens, die zwi-
schen Anschauung und Wiedergabe tretende, das Kunstwerk
unweigerlich zerstörende Abstraktion? Ich habe nie begriffen,
warum einen Maler die Farben nicht geradezu führen sollen,
die doch seine einzigen Ausdrucksmittel sind. Gerade diese
seine Mittel lehren ihn seine Wege und Grenzen. Und da
letztere eng sind ( — mit Licht und Luft malt er nicht, und
doch kann er sich ohne deren Existenz nichts vorstellen und
nichts darstellen; sie in ihrer Qualität als Farbe sind überall
Gegenstand seiner Darstellung; alles, was in sein eigentliches
Gebiet fällt, existiert für ihn durch das eine und in dem
anderen — ), so ist er schon auf ein Rechenexempel, auf eine
Übersetzung und Vereinfachung angewiesen, die nicht jedem
draussenstehenden Interesse Rechnung tragen kann.
Erst durch die verschiedene Stärke des Lichts (Ton) und
seine Qualität (Farbe) wird in der Natur die Form dem Auge
wahrnehmbar. Die Reinheit und Leuchtkraft der Farben wird
um so sprechender auftreten, je glänzender das Licht, je
durchsichtiger die Atmosphäre ist. In diesem Sinne unter-
stützte die italienische Erscheinungswelt Böcklin in seinen
Bestrebungen, bereicherte seine Farbensprache und machte
ihn kühner und positiver. Hier konnte man nicht mogeln,
wie in der dicken nordischen Luft, sondern man musste
Farbe bekennen ohne Gnade, nackt zeigen, was man be-
herrschte und von Anfang an gewollt hat. Mit Schmieren und
Zusammenlasieren kann man hier keinem Bilde „Haltung"
geben. Nicht die matt gewordenen Wände von Pompeji,
110 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
sondern der dunstlose Himmel des Südens lehrten ihn immer
farbenfroher sehen.
An die stillschweigende Konvention in der Malerei (die
ihre Grundlage ist) denkt niemand. Sie muss mit zehn Prozent
der Mittel, durch welche die Natur wirkt (d. h. sich sichtbar
macht), dieser scheinbar gleichzukommen suchen. Die so be-
schränkte Farbenskala der Palette scheinbar zu erweitern, ist
eine beabsichtigte Eigentümlichkeit der Böcklinschen Bilder.
(Wie viel grösser die Skala der Natur ist, erhellt am besten
aus Beispielen. Was ist z. B. das höchste Licht im Bilde
gegen ein Glanzlicht, das auf den Goldrahmen fällt! Was ist
das leuchtendste Orange, die leuchtendste aller Farben, plötz-
lich für ein dunkler Dreck, wenn ein Schimmer Abendsonne
darauffällt!)
Daran, dass alle Farbe — als eine Qualität des Lichts —
in der Erscheinungswelt relativ ist, denken auch wenige. Dass
sie (als Einzelfleck) nur ein Faktor in der Rechnung des
Künstlers ist, die man Bild nennt, ebensowenig. Das isoliert
sich irgend einen Fleck aus dem Bilde, eine Farbe, sieht sich
fest, wo es gar nichts zu suchen hat, und sagt: „Das ist gelb
(oder Neapelgelb mit Beinschwarz) — so sieht kein Weisser aus."
Die eigentümlichen Fähigkeiten seines Materials legen dem
Bildner in Böcklin Bedingungen auf, wollen nicht gequält
werden, sondern zum Ausdruck kommen und ausgenutzt werden.
Diese Rücksicht auf das Material gilt nicht nur im Kunst-
gewerbe (in welchem Falle die „Gebildeten" nichts mehr da-
gegen haben), sie gilt ebenso in der Kunst, und ein Maler ist
nur in seinem Recht, wenn er nur innerhalb der Grenzen und
unter möglichster Ausnutzung der Fähigkeiten seines Dar-
stellungsmittels, der Farbe, erfindet.
Die Farbe schafft Raum, modelliert, macht Stimmung, sie
komponiert, führt das Auge und verdeutlicht ihm die künst-
lerische Gliederung, sie reizt die Aufmerksamkeit und fesselt
sie im Sinne des Künstlers — sobald er ihre Gesetze erkannt
und zu den seinigen gemacht hat.
Böcklins Farbe, d. h. die Art sie anzuwenden, schafft ihm
die tiefe lebendige Glut seiner düsteren, den zauberischen
Glanz, die ungebrochene Heiterkeit seiner in den krystallenen
Äther des Südens getauchten lichten Kompositionen. Er weiss:
TON, FARBE m
alles koloristische Leben hängt für die mit lichtlosem Schlamm
malende Kunst von dreisten (ganzen) Farben ab, die allein-
stehend übertrieben, aber durch berechnete Gegensätze, im
Zusammenhange, auf das wahrscheinliche Niveau zurückgeführt
erscheinen, aber doch, unmerklich, lebendiger zum Ganzen
wirken, als eine direkte Übersetzung der Lichter und Schatten,
der Lokalfarben und Reflexe etc. in zahme gebrochene Paletten-
tönchen.
(Frühere Notiz: Er hat wieder mit ganzen Farben ange-
fangen zu malen, weil er ihre grössere Wirksamkeit [optisch]
erkannte und damit sozusagen seine Palettenskala erweiterte, und
weil er die Verlegenheits- und Verlogenheitsmalerei der Sauce-
maler, die Natur heuchelten, ihr Nichtskönnen verbargen, so-
wenig wie die fleckige Buntheit der Neueren (seit Fortuny),
welche ihm das „Wesen der Farbe, mit der sie spielten, nicht
verstanden", leiden konnte.)
In dieser seiner selbsterworbenen Beherrschung und Dienst-
barmachung seiner eigensten Darstellungsmittel — die er in
ihren Kräften und Wirkungen studiert hat, wie etwa Viollet-le-Duc
die Eigenschaften der gefärbten Gläser etc. für die Glasmalerei —
liegt ein grosser Teil des Geheimnisses seiner Leuchtkraft, mit
der er uns so häufig über den geringen Umfang unserer Palette
der Natur gegenüber hinweggetäuscht hat, uns in Glanz und
Leuchten versenkend.
In der künstlerischen Gesamtrechnung geht vieles Erreich-
bare verloren, um anderes ad hoc Wertvolleres dafür einzu-
tauschen, in der Farbe so gut wie in der Formausbildung. Um
das höchste Licht zum Ausdruck zu bringen, müssen alle Mittel-
töne — die wir hätten — in ihrer Kraft und Helligkeit ver-
ringert werden, damit ein der Erscheinungswelt ähnliches Ver-
hältnis eintritt. Um das Interesse zu konzentrieren und damit
künstlerisch zu befriedigen, kann manche Form nur als bewegte
— helle oder dunkle — Masse dastehen. Z. B.: Das und das
ist in diesem Zusammenhang gar kein Gesicht wie es auf einem
Porträt sein müsste, wo es alles wäre, sondern nur ein Teil
eines bewegten Lichtes, das Ausklingen eines Vorgangs etc.
oder, das sind in dieser Gesamtrechnung doch keine Hände,
an denen später einmal bewiesen werden soll, dass auch wir,
resp. Herr X., Anno so und so fünf Finger daran hatten.
112 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
Ferner, hätte Böcklin seinen formlosen Drachen (Via Mala) in
blutiger Heraldik hergestellt, mit allen Stacheln seiner schreck-
lichen Phantasie herausgekitzelt, so hätte jener mehr Interesse
absorbiert als er durfte — ist er doch nur das Pünktchen auf
dem längst für die meisten lesbaren i. Dass einer da und auf-
merksam geworden war, war genau genug.
Man kann von einem Farbfleck reden, der seine sprechende
Deutlichkeit ganz allein dem Wissen und Wollen des bild-
abwägenden Künstlers verdankt und nur in diesem Sinne in-
teressiert und etwas ist (nicht etwa bedeutet). Dass er bei
Böcklin immer auch noch etwas andeuten wird (einen unwesent-
lichen Leibesteil, ein Stück nötige Nebenperson etc.) ist eine
andere Sache.
Auch Farbe und Ton sind ihm so wenig Selbstzweck, dass
er über die Bezeichnung „Kolorist" lachen würde. Das wäre
ein dummer Mensch, der mit Verdeutlichungs-Ausdrucks-Mitteln
spielt, anstatt sie, wie etwas Dienstpflichtiges bis aufs äusserste
im Dienste seiner Idee anzuspannen. Sie müssen da sein wie
alle übrigen aus der Natur, dem Wissen, der Erfahrung, dem
Empfinden, der Phantasie zur Hand sein müssen, wenn er seine
Fülle an Naturfreude darstellen möchte.
Wir sprechen von Koloristen: „Alles kann man doch nicht
mit der Palette machen", sage ich. „Nein", sagt er, „im Ge-
genteil ist die Palette nur dazu da, so weit möglich zu helfen."
Und von den Graumalern sprechend, sagte er: „Sie sind
Esel, auf das, was sie irgend an Ausdrucksmitteln haben, zu
verzichten."
Böcklins Farbe ist die des Bedürfnisses, der Notwendig-
keit. Er hat sie entfesseln gelernt, um deutlich werden zu
können, und zwar mit den Mitteln des Malers, als deren
oberstes und Vernachlässigtestes er sie erkannte.
Er konnte diese seine Farbe von niemand lernen. Es ist
vielmehr durchaus die Farbe des auf sich und seinen innern
Vorstellungsdrang angewiesenen Autodidakten, der freilich für
seine Zwecke aus allem zu lernen vermochte, und der sich
dabei der Gesetze, unter denen die Übertragung aus der wirk-
lichen Erscheinungswelt des Lichtes, der Form und des Raumes
in die nachgeahmte, auf der Fläche dargestellte Welt der Pa-
lette möglich ist, wie kein anderer bewusst wurde, und darauf-
TON, FARBE 1 13
hin keinen Meister zu studieren, resp. ihm auf die Knochen
zu fühlen, unterliess. Praktisch suchte er sich über das
„Warum" der Wirkungen klar zu werden oder den Zweck
gewisser, immer wiederholter kompositioneller Eigentümlich-
keiten zu erkennen, die ihm bei Schulen auffielen, deren Zweck-
bewusstsein in diesem seinem Sinne ihm klar geworden war,
und denen er das Geheimnis ihrer einfachen und grossen Wir-
kungen abringen wollte.
So hat er farbentechnisch aus allem gelernt, manches selber
gefunden, das meiste sich selber wieder erworben — aber
ebensoviel ahnt er zur rechten Stunde, ist eine momentane
Steigerung oder unerklärte Konzentration seines Gehirns.
Er erzählt, er habe einmal eine rote Blume an einem
langen grünen Stengel gemalt und habe plötzlich gesehen, dass
die Blume zu schwanken anfange. Der Grund für diese
natürlich unbeabsichtigte Erscheinung lag offenbar in dem Hin-
undhergezogenwerden des Auges durch danebenstehende, sehr
verschieden erregende Töne, in dem Verhältnis der Blume zum
Stengel, in Ruhe und Unruhe der in Frage kommenden Bild-
stelle etc. Bei einer geringen Änderung verschwand die Er-
scheinung und war auch trotz aller Versuche nicht wieder zu
erreichen*).
* *
*
„Grün! Grün leuchtet nie", sagt er zu Svertschkoff,
der auf seinem Bilde, auf welchem nur Grünzeug ist, absolut
keine Brillanz herausbringen kann und Böcklin seine Not klagt.
Elementare Sätze:
Ein Ton wirkt nicht allein, sondern durch seinen oder
seine Nachbarn; es kommt also für seine relative Kraft, die
beim Malen allein interessiert, darauf an, in welcher Gesell-
schaft er steht.
*) Vergleiche den Aufsatz: „Ober autokinetische Empfindungen" von
Sigm. Exner, in der Zeitschrift für Psychologie und Physiologie der Sinnes-
organe, Bd. XII, pag. 312—330. A. d. H.
Floerke, Böcklin. 8
114 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
Ebenso kommt es auf die Menge an, in der er resp. seine
Nachbarschaft auftritt. (Also auf die Verteilung und Bewegung
der Massen.) Die Mengen, in denen sich zwei Töne gegenüber-
stehen, bestimmen die mehr oder minder angenehme Wirkung
auf das Auge.
In Bezug auf die Intensität handelt es sich noch besonders
darum, nie zwei Töne von gleichem Wert (valeur) nebeneinander
zu setzen.
Man kann denselben Ton durch seine Nachbarschaft fad
oder strahlend machen, zurückdrängen oder doppelt erregend
wirken lassen.
„Pour donner ä un ton toute sa valeur qu'il doit avoir,
il faut qu'il ne se presente ä Voeil que par parcelles, par
echappees" , sagt Viollet-le-Duc. (Man vergleiche Böcklins
Tupf- und Fleckenmanier: „nicht mischen, sondern rein neben-
einander setzen".)
Weiter sagt Viollet-le-Duc: „Aucun genre de decoration
n'est plus entrainant que la peinture. Si vous monlez un ton, il
faut monter tous les autres pour conserver Vaecord."
Ein nachgedunkelter Böcklin z. B. — das geht nicht. Ein
Bild bei ihm ist eben wie ein Musikwerk, in dem alles stimmen
muss. Wenn nicht alles so genau auf einander angewiesen wäre,
würde das ja soviel nicht machen. Aber erst in der letzten
Abwägungsfähigkeit liegt bei ihm die Sache.
(Es ist begreiflich, dass ein Farbenmensch durch und durch
wie Böcklin zu denjenigen toten oder lebenden Kollegen kein
Verhältnis findet, welche, häufig von einer hochmütigen Ab-
straktion herkommend oder infolge ästhetischer Vorurteile, die
Farbe beim Malen nur sozusagen aus Gewohnheit, als notwendiges
Übel anwenden, der Not gehorchend, nicht dem eigenen Trieb,
sie folglich in Misskredit bringen und ihr das Verständnis des
Publikums langsam aber sicher entzogen haben, — ebensogut
wie die auf falschen Voraussetzungen gebauten ästhetischen
Sätze der italienischen Renaissance, mit denen das ganze
Unheil anfing.)
„Ton" im heutigen Malerjargon ist ihm ein unfassbares
Ding, von dem man nicht weiss, wo es anfängt und aufhört.
TON, FARBE 115
Böcklin kennt und braucht daher das Wort in diesem Sinne nicht
(d. h. Ton als etwas an sich Wertvolles, Ansprucherhebendes).
Genau so geht es (wie anderweitig ausgeführt) mit der
Form etc. Das sind alles Mittel. Er will keine Figur machen,
sondern er braucht eine, er benutzt seine Kenntnis derselben,
soweit ihm dienlich erscheint, zur Darstellung seiner Vorstellung.
Dieser Mann will genau soviel wie die lautesten „Impres-
sionisten"; aber er hat Vorstellungen, Eindrücke und besitzt
die Mittel, sie voll und bewusst deutlich zu machen.
Nichts hat für ihn einen Wert an sich, ein Recht zum i
Dasein im Bilde. Alles ist nur Ausdrucksmittel. Aber alles ist l
demgemäss in zweckdienlicher Ordnung — (auch die Silhouette)^^
Wo bleibt bei dieser ganzen fast brutalen Anschauungs-
theorie des echten Modernen der Märchenschatz unserer Jugend,
die Freude, die naive an dem ersten Erkennen, Geniessen? der
Schatz von dem und mit dem man weiterleben sollte? Warum
werfen wir den Reichtum über Bord, den wir mitbringen und am
natürlichsten erworben, ganz unser eigen nennen können ? Warum
sollte dieser Besitz mit dem „Sehen" nicht zusammengehen, zu-
sammenschiessen können?
Die Realität der farbigen Erscheinung — der Erscheinung
durch Licht und Farbe, in ihren reiz- und machtvollsten, also
komponierenden Einzelmomenten — nicht jene der körperlichen
Reize oder Gebrechen — ist Böcklins künstlerischer Realismus.
8*
Sehen.
Sehen! Es ist ja klar, dass nicht alle Instrumente gleich
gut sind, nicht jede Netzhaut gleich empfindlich ist (— Böcklin
sieht z. B. mit seinen Augen gleich die Komplementärfarben
mit — in richtiger Sättigung und Helligkeit), noch weniger aber
alle Schädel, denen dies Instrument das Sichtbare vermittelt.
Man kann nun einmal nicht, wie sich die naiven Herren Im-
pressionisten vormachen, den Sehprozess zu einem rein opti-
schen Vorgang herabdrücken ( — die Maschine Auge arbeitet
nicht ohne das Gehirn — ), in dem Sinne, dass die persönlichen
Eigentümlichkeiten des menschlichen Einzelhirns gar nicht in
Betracht zu kommen hätten (abgesehen davon, dass dort erst
der künstlerische Vorgang beginnt). Nur das Übrige, das Per-
sönliche kann wertvoll sein, das rein Optische besorgt der gut
geleitete Apparat des Photographen am besten.
Die Impressionisten wollen „möglichst rein optisch" sehen.
Als ob in diesem Wollen nicht bereits eine Auffassung der Er-
scheinungswelt als Gegenstand der Kunst läge! Von allem
Anerzogenen, Angewöhnten, Technischen, der Macht der Kon-
vention, den Anschauungen der Richtung, gar nicht zu reden.
Auch sie schrauben sich nicht zur photographischen Platte zu-
rück, sondern sind verantwortlich für das, was sie ein Kunst-
werk nennen.
[Conrad Fiedler („Ursprung der künstlerischen Thätig-
keit") konstruiert sozusagen ein eigenes isolierbares Organ des
Sehens. Doch geschieht jedes Sehen nicht nur mechanisch auf
der Netzhaut, sondern im Gehirn. Der rein optische Eindruck,
das ophthalmologische Sehen, darf aber mit dem künstlerischen
Sehen, der lebendigmachenden Anschauung, trotzdem nicht ver-
SEHEN 117
wechselt oder zusammengeworfen werden : das Sehen des Laien
(und wenn er auch Künstler ist) geht aufs Detail, das rein
künstlerische Sehen aber aufs Ganze, ersteres sieht Einzelheiten,
die es addieren kann, um dann noch lange nichts Künstlerisches
gesehen zu haben, letzteres empfängt einen Gesamteindruck,
ein Bild.]
Jedes Sehen ist subjektiv, das künstlerische Sehen aber
— welches Meldung macht von der Art und Stärke der künst-
lerischen Beanlagung (welche nichts anderes ist, als starke Sub-
jektivität, Eigentümlichkeit), ist das Subjektivste, was es giebt.
Ein Künstler sieht nur, was ihm an einem Sichtbaren gefällt,
was er daran geniesst, liebt. Dadurch charakterisiert er das
Objekt und sich (seine Auffassung). Wo dieser Prozess vor
sich geht, darf man von „Kunst" reden. Es kommt darauf an,
was sich jemand von der Welt als sein Teil aussucht; denn,
dass er die ganze nicht haben kann, begreift jeder Akademie-
schüler. Wie weit er nachher Herr seines Genossenen ist, das
ist die zweite Frage, die über den Wert eines Künstlers gestellt
werden kann und mit entscheidet.
Beobachten ist noch keine Kunst; aber eine Anschauung
haben und sie warm — also nicht auf kaltem Wege — über-
tragen, da fängt sie an. Nicht dass einer sieht, sondern was
er sieht, d. h. in wem sich's spiegelt, und was er davon als
interessierend und wesentlich erkennt, ist das Entscheidende.
Mein Hausknecht sieht auch.
(Ein Mensch, der beobachtet, ist darum noch lange kein
besonderer Mensch. Das ist der Naturzustand. Er ist nur
kein Krüppel, nicht durch die Schule etc. verdorben. Siehe
die Kinder. Also das macht den Künstler noch nicht, da
spricht man noch nicht einmal von Kunst.)
Es giebt komische Leute, die pochen darauf, dass sie nichts
lernen wollen, weil sie „ihre Individualität" zu verlieren fürchten.
Als ob einer von der loskommen könnte! Sie versäumen also
nur das — gewöhnlich nicht sehr Besondere --zu erziehen.
Solche komische Leute erklären dann gewöhnlich, dass
sie malen, „was sie sehen". Als ob nicht alles darauf ankäme
wie einer sieht, und was er bei der Seele hat.
118 BÖCKLIN-AUFZE1CHNUNGEN UND ENTWÜRFE
Es giebt gebildete und ungebildete Menschen und eben-
solche Augen.
Schliesslich ist ja jedes Sehen eine Auffassung, eine Ge-
hirnfunktion.
Verschiedenen Leuten wie verschiedenen Zeiten kommt
es auf sehr Verschiedenes an. Jeder sieht was er brauchen
kann, auf seine Art.
Ein Chinese, ein Hottentotte, ein Quattrocentist „sieht
sich die Sache an". Sollte er sie nicht anders sehen als wir?
Und wenn?
*
Es kommt schon darauf an, wieviel Blut im Gehirn ist.
Jedes Kind weiss, dass die Farben sich verstärken, wenn man
den Kopf zwischen die Beine nimmt.
Je leerer das Hirn, um so „optischer", unbeeinflusster ist
das Sehen. Es lebe der Packträger!
„Mais", sagt Viollet-le-Duc, „ce n'est pas sur lagrossier-
ete des sens du plus grand nombre que nous pouvons etablir
les regles de l'art."
Der Frosch fragt den Adler, der da ganz oben kreist:
„du, was siehst du?" Und der erzählt ihm von Wäldern und
Gebirgen und Flüssen und Städten. „Du Schwindler", denkt
der Frosch, der im Graben sitzt und sich auch noch in seinem
Loch ganz genau vorsieht, dass ihm kein Schaden von irgend-
woher geschieht.
Wenn man nur immer das Bewusstsein des absolut ver-
schiedenen Gesichtswinkels sich erhalten wollte, unter welchem
zwei Menschen, die auf verschiedenen Wegen daher kommen,
die Welt anschauen, noch dazu ein Maler und ein Gelehrter!
Man sollte nicht bloss sagen: das sieht mein Hausknecht
auch, sondern auch: das sähe mein Schuster, Schneider, Friseur,
ein Weinreisender, mein Pudel etc. aber ein Maler nicht.
Sehen! Ja Sehen und Sehen. Was alles haben Böcklins
Augen — wie seine Bilder beweisen — gesehen!
Anstatt sich zu freuen, dass wieder einmal jemand indi-
viduell ganz mit eigenen Augen aus eigenem Schädel zu sehen
wagt, schrieen die Philister wie immer: er sieht anders als die
Herde, als wir — kreuzige ihn! Freilich ist das ein besseres
Zeichen für ihn, als wenn sie Hosiannah! geschrieen hätten.
SEHEN 119
Wer sieht denn in Deutschland? Paul Meyerheim sagt:
„Die Deutschen sehen mit den Ohren."
Wir wollen ausserdem unserem Wissen Genugthuung be-
reiten, nicht nur unsere Phantasie anregen lassen, die nun ein-
mal nicht zu Hause bleiben kann, wenn wir ein Kunstwerk
betrachten.
„Denkfaul" sagt man wohl. Sehfaul ist noch viel häufiger.
Dass in der Kunst (also in der Anschauung und Dar-
stellung des Sichtbaren) das allgemeine Stimmrecht resp. die
Majorität wenig Wert hat, sollte in weiteren „denkenden" Kreisen
begriffen sein.
* *
Horner in Zürich, damals wohl unser bedeutendster
Augenarzt, erklärte unserem Böcklin, er habe noch keine so
vollkommenen Augen gesehen.
„Sie können wohl in ziemlich helles Licht sehen?"
„Ich sehe sogar gern in die grösste Sonne."
Über das, was einer Sehen nennt, ist schwer höflich zu
streiten. Man diskutiert dabei eben um seinen Intellekt.
Kunstwerk und Beschauer.
Wir sind nicht mehr gewohnt, so viel Erfahrung und Ver-
stand lediglich im Dienst einer künstlerischen, in keiner Hin-
sicht spekulierenden (rechts oder links schauenden) Bestrebung
thätig zu sehen.
Wir wenden uns mehr als je mit unserer Kunst an die
Massen, und diese sind mehr als je verstandesmässig erzogen,
ihre Bildung ist immer abstrakter geworden. (Die Eitelkeit
der „gebildeten Masse" in der Kunstfrage, ihr Eintritt in die-
selbe, ist gleich der der Ungebildeten.) Die „Kunst" ist dabei
in Angebot und Nachfrage auf den Markt geworfen, hat den
Forderungen ihrer Abnehmer nachzuforschen, und ist damit
ruiniert. Der Markt will nicht, kann nicht — ergo haben wir
keine Kunst.
Wer sieht denn, ohne zugleich an eine Verwendung für
sein Empfindungs- oder Verstandesleben, für sein Interesse zu
denken, wer vergisst sich selbst und seine Welt, sowie die Welt
um sich herum vor der Welt des Kunstwerks? Wer stellt
den Strom seines eigenen Lebens ab, um nur allein durch die
Augen in der Anschaungsthätigkeit eines anderen zu leben?
Man kann ja in ein Kunstwerk mancherlei Interessen
hineintragen (und das wissenschaftliche, archäologische, histo-
rische, ästhetische etc. ist dabei genau so viel wert, wie ein an-
deres, an sich geringeres) - - aber je nach ihrer Befriedigung
den Künstler beurteilen, den keines von diesen Interessen
geleitet hat, ist doch wenigstens gedankenlos und ungerecht.
Was den Laien an einem Motiv oder Bild interessiert,
wird den nicht spekulierenden Künstler meist als unvermeid-
liches Vehikel langweilen.
KUNSTWERK UND BF.SCHAUER 121
Jeder sucht eine Wiederholung des ihm als vorhanden
Bekannten im Kunstwerk. Aber alles Kennen und Wissen führt
uns dem fremdartigen Leben desselben nicht näher.
So ein Bild auf das betrachten, was einen persönlich inter-
essiert, kommt mir vor, als wenn man in den Freischütz geht
wegen der Wolfsschlucht.
Wer sich nicht an ein Kunstwerk ausliefern kann, viel-
mehr dasselbe an sich selber misst; wer nicht sozusagen gläubig
(mit gutem Willen), sondern kritisch (mit sozusagen bösem
Willen) herantritt, hat schon keine Berechtigung mehr mit-
zusprechen. Vor einem Kunstwerk sollte man gar nichts denken
und gar nichts fragen. Sobald man das thut, hat der Künstler
seinen Zweck verfehlt.
Offen, klar und voll wie ein Glas Wein muss das Kunst-
werk sein.
Freilich für den Beschauer, der nur Zerstreuung sucht
(der nur sich mitbringt, anstatt sich zu Hause zu lassen), öffnet
sich kein Kunstwerk.
Alle „Korrekturen" und Ausstellungen des betrachtenden
Publikums beruhen auf Kennen und Wissen, haben aber gerade
darum mit dem künstlerisch-schöpferischen Sehen gar nichts
zu thun.
Wir haben uns nur beim Künstler (vor seinem Werke)
Rats zu erholen über das, was er gewollt (wir müssen ver-
suchen, dem Werdeprozess des Kunstwerks zu folgen), gewiss
nicht bei uns, unserem Denken, Empfinden, unseren Interessen
und Wünschen.
Umgekehrt muss der Maler mit seiner Umrechnung den
Beschauer daran erinnern, was dieser selbst einmal von der
Natur etc. gehabt hat. Er muss darauf rechnen. Denn seine
Farbe ist eben sein Dreck in Tuben. Er hat schwarz und weiss
und dazwischen allerlei Pigmente, die wohl farbig sind, ja, aber
ihm fehlt das Glänzende, Strahlende. An dessen Darstellung,
Beschreibung sozusagen, muss er einen grossen Teil seiner Ge-
schicklichkeit, Geistesgegenwart und Erfahrung wenden.
Böcklin als Lehrer; Schüler.
Böcklin hat niemals eigentliche Schüler gehabt (geschweige
solche, die ihm hätten helfen können), trotzdem er in Weimar
Professor und in Florenz der Mittelpunkt eines grösseren
Künstlerkreises war.
Man hat auch behauptet: er dürfe existieren, aber Schüler
verdürbe er. Ich stelle das Paradoxon auf, dass die ganze
deutsche Malerei bei ihm in die Schule gehen soll. Ein Lehrer
sollte er sein für die malerisch schaffende und empfindende
Welt. Die Logik seiner Kunstwerke sollte beide in Erstaunen
versetzen, umsomehr als sie immer nur der technische Träger
einer Idee ist und niemandem eine Träumerei verdirbt. Ich
glaube, unsere malerische Zukunft liegt in diesem Mann, und
wenn ich, wenigstens in Künstlerkreisen, um mich schaue, sehe
ich — und gewiss am meisten in der Reichshauptstadt — die
Zahl derer wachsen, die nicht zu Nachahmern und „Schülern"
gemacht sind, sondern deren klares Talent sie die Klarheit
Böcklins erkennen und ihm folgen lehrt, auf eigenen Beinen.
(Er ist ein eminenter Lehrer, aber freilich nur für Er-
wachsene, die nicht glauben, sondern erkennen und darum doch
sich selbst nicht preisgeben. „Da hat er Recht", muss einer
sagen können — „da aber fange ich an". „Das kann ich
brauchen, damit kann ich wachsen" — und das wird ungeheuer
viel sein!)
Eine Reihe von Böcklins „Schülern" haben ihn (ä la
Lang) in ihrer unkünstlerisch ästhetisierenden Simpelei zehn
Jahre schlechthin für ihresgleichen gehalten und missverstanden,
und später, als sie sich enttäuscht fanden (gesellschaftlich und
persönlich wurde ihm so einer gelegentlich zu dumm, seine
BÖCKLIN ALS LEHRER; SCHÜLER 123
Geduld riss, er überlegte sich's, mit wem er da eigentlich seine
Zeit versitze und Hess ihn fallen) erst recht, indem sie ihn
plötzlich für roh, einseitig, handwerkerhaft, vorurteilsvoll, in-
tolerant erklärten. Sie erklärten damit nur sich selbst.
Böcklin streitet jedem die Berechtigung ab, sich seinen
Schüler zu nennen. Den einen und anderen, besonders Sand-
reuter (der fähigste aus dem Kreise) habe er wohl häufiger
im Atelier besucht und wie immer seine Meinung offen aus-
gesprochen. Wenn der aber ihn nachahme und sich verrenne,
dafür könne er nichts.
Allerdings möchte er Schüler haben, d. h. Mitarbeiter in
der alten Bedeutung, dass sie in seinem Sinn fertig machten,
was ihm, der sich künstlerisch ausgesprochen, seine Aufgabe
gelöst hat, durchzuschustern zu langweilig wäre, während sie
dabei, ausser der Übung und Erfahrung lernten, worauf es ihm
ankommt (seine grosse Anschauung und einfache Darstellungs-
art). Aber dazu sei der Geringste zu stolz.
Sandreuter, der so fliegende kluge Studien vor der
Natur macht, skizzenartig, aber alles Wesentliche enthaltend —
Sandreuter krystallisiert sich niemals sozusagen eine ganz sein
gewordene Figur, sondern interessiert sich studienmässig für
das Einzelne, und so wird dann, während er etwa einen Fuss
zum „Fuss" machen will, daraus ein Ding soo lang und ge-
waltig .... Das Ganze war ihm darüber verloren gegangen.
Von denen, die bisher „mitgemacht" haben, ist der einzige
Bruckmann vielleicht eine Hilfe für ihn — obgleich er im
strikten Gegensatz zum Alten (den dieser empfindet und aus-
spricht) nicht recht von der Stelle kommt und etwas Tiftler
ist. Andrerseits ist zu überlegen, dass Bruckmann noch stark
mit sich ringt; denn er kommt von Marees, Hildebrand etc.
her. (Böcklin wirft Marees etc. vor, dass ihr Theoretisieren
an Bruckmanns römischer Unthätigkeit Schuld sei). Sobald
man ihn vor eine positive Arbeit stelle, arbeite er wie
einer, wie man an der (inzwischen zusammengefallenen) Licht-
spenderin*) sehe.
Einfluss? Böcklinianer? Ich sehe keinen und kenne
keine. Auch die italienische Farbe ist spontan und ganz
*) Fackeltragende Sklavin aus Tettmayerschem Stuck. A. d. H.
124 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
anders gemeint. Er hat nichts damit zu thun (wie Dr. Hans
Barth gelegentlich der venetianischen Ausstellung von 1887 im
„Berliner Tageblatt" meint).
Böcklins optische Weisheit macht ihn schon zum Lehrer,
(nicht einzelner Schüler, sondern der modernen Malerei) — durch-
aus nicht seine Genialität, seine grossartige Anschauung. Er ist
Lehrer für alle, die absehen von den Surrogaten und Reizmitteln
in der Kunst, von der angewandten Kunst. (Patriotismus,
Sinnlichkeit, Atelierwitze etc.)
Man soll von niemandem — so wenig von einer ver-
gangenen Zeit wie von einem lebenden Menschen — lernen
wollen, was er macht, sondern wie er's macht: seine Prin-
zipien, Erfahrungen. Und hier sind Erfahrungen gemacht,
mangelnde Überlieferungen ersetzt, Wahrheiten wieder in Erinne-
rung gebracht, Raisonnements bewiesen, Prinzipien wieder auf-
gestellt und ohne jeden akademischen Schein ad oculos demon-
striert, hier hat er der Malerei wieder zu einem bewussten und
umgänglichen Schatz von lebendiger Erkenntnis verholfen und
ihn in seinen Bildern aufgespeichert.
Darin muss er Vorbild, Lehrer sein, epochemachend,
wenn es noch einmal wieder aufwärts gehen soll.
Ich weiss nicht, ob wir nicht ein Recht auf den Wunsch
nach einem Glaubensbekenntnis hätten, warum wir es nicht
haben sollten ( — in der Kunst meine ich, der lebenden; denn
die Tempelwächter, die Ästhetiker, haben ihre Bekenntnisse).
Der Dilettantismus zusammen mit dem Lernbaren greifen immer
erschreckender um sich unter den sogenannten Malern, — was
will man da vom Publikum sagen! Es ist hier wie mit dem
Theater. Man sucht die Ausstattung, nicht das Stück, den
Virtuosen voller Nuancen, nicht den auf warmem Wege schaffen-
den Künstler.
Die Summe von Erfahrung, Können und Wollen, die grosse
Anschauung, die Fülle dieses Hirns und Herzens, die sich hier
zur einfachsten Einheit kombinieren, müsste anziehen, sollte die
Berufenen nachdenklich machen und zur Selbstprüfung anregen.
Aber im Lande der Denker (— und mit Denken allein
fasst man allerdings das Kunstwerk nicht — ) giebt das Ausder-
BÖCKLIN ALS LEHRER; SCHÜLER 125
uniformtreten keinen Kredit, das gesellschaftlich Nichtmit-
spielen noch weniger.
Jeder, dem es um die Kunst ernst ist, und der den Preis kennt,
um den sie, selbstzufrieden genug, heute Mode ist, resp. dienen
darf, müsste mit Hoffnung und Dankbarkeit auf die unabhängige
selbstbewusste Gestalt Böcklins blicken.
Böcklin und das Monumentale.
Mit seinem Sinn für Improvisieren aus der reichen Fülle
seiner künstlerisch empfangenen und poetisch vorgestellten
Eindrücke, ebenso mit seiner — wie bei jeder Farbenkunst —
dekorativen Art auch das Intimste klar auszusprechen, anstatt
des Zufälligen das Wesentliche, statt des Vielen das Grosse zu
suchen, einer Richtung, die ihn von allen Seiten ebenso von
der blossen Landschaft wie vom Porträt wegzieht und selbst-
verständlich vor jeder Gedankenmalerei, vor Historie und
Genre bewahrt — mit dieser seiner künstlerischen Individualität
hängt auch Böcklins Sinn für das Monumentale zusammen, den
zu bethätigen er so wenig Gelegenheit hatte.
(Alles Monumentale kann und sollte unbeschadet aller
anderen berechtigten Ansprüche dekorativ — so sehr dies Wort
im heutigen Atelierjargon verpönt ist — sein, d. h. durch die
Farbe, Licht und Schatten räumlich, klar, deutlich, einfach und
gross wirken [und für seinen Platz gedacht sein].)
(Das Monumentale muss — trotz aller ästhetischen Ein-
wendungen — dekorativ sein, muss es in allen wirklich lebendigen
Kunstperioden gewesen sein, und braucht dadurch an Grösse
der Anschauung nicht zu verlieren.)
(In unserem Sinne [d. h. für den Böcklinschen Fall] ist
das Monumentale zugleich das Dekorative, wie früher, wo alle
Kunst nur dekorativ gedacht war, wo die Künste „sich nicht
gegenseitig schwächen, sondern stärken, zur Geltung bringen
wollten". [Viollet-le-Duc]
Dass die Kunst nicht stets dekorativ sein müsse, konnten
uns erst die Akademien [wieder die Renaissance, ebenso wie in
der Farbenfrage bei der Skulptur] lehren, [in deren geistiger
BÖCKLIN UND DAS MONUMENTALE 127
Gefolgschaft wir noch heute marschieren] indem sie die Malerei
und Skulptur ins Atelier verwiesen und selbständig machten.
Dort liegt die Wurzel aller Missverständnisse, aller Dekadence
— und auch alles modernen ästhetischen Schlittschuhlaufens.)
Von anderer Seite befähigen Böcklin sein erworbenes
technisches Können, seine mancherlei Erfahrungen und seine
gewaltige praktische Arbeitskraft dazu. Nur in den Dienst
einer Tendenz ( — der Geschichte z. B.) wäre er nicht zu
ziehen.
Trotz alles Gegenscheins, trotz meiner Behauptungen von
seiner unbeeinflussten Subjektivität, hat er doch fast noch nie
malen können, was er wollte, d.h. sich, ganz von allen Bedingungen
äusserlicher Art frei, selbst darstellen können. Es war ihm
stets nur möglich im kleinen er selbst zu sein.
Wer sich wie Fr. Pecht die Mühe nicht hat verdriessen
lassen, die Basler Fresken zweimal zu sehen und sie zu
bewältigen, der wird zum Lohn die Überzeugung gewonnen
haben, dass alles in ihm zum Monumentalen drängt und wir
ihn vorüber gehen lassen ohne zugegriffen zu haben.
Von Schack an ist er immer mehr Monumental-
maler geworden.
Auch bei ihm ist nur Natur; aber nicht mit solch miss-
verstandenen Ansprüchen der Einzelheiten, dass sie nicht
dekorativ-monumental wirken könnte.
(Die französische Landschaft hat dies Joch seit Rousseau
abgeschüttelt und ohne Widerspruch.)
Ich bin der Überzeugung, dass, nachdem der Gedanke,
die Empfindung, die Bedeutsamkeit, Tiefe etc. am Ruder ge-
wesen sind und keinen dauernden keimfähigen Frühling gebracht
haben, die Wege einer neuen Monumentalmalerei, die aller-
dings in direktem, bewusstem Gegensatz zu der verflossenen
Kartonzeichnerei stünde, allein in Böcklins Bestrebungen und
Leistungen zu finden sind.
Ich sehe in ihm den Künstler, der uns gegenüber dem
sogenannten Gedanken etc. und der bedeutsamen blassen Form,
den Weg zu einem neuen, wahrhaft malerischen, durchaus und
unverfälscht echten monumentalen Stil nicht bloss zeigt, sondern
ihn in seiner ganzen Thätigkeit als mit Bewusstsein und Er-
folg betreten aufweist.
128 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
Die Rehabilitation des Lichtes (und implicite der Farbe
— nicht der bloss dekorativen, sondern der sprechenden, kom-
ponierenden — ) und des Raumes, den es nebst der Form
schafft, als deren bewusstester Vorkämpfer Böcklin betrachtet
werden muss, ist das Wesentlichste, was unserer heutigen Kunst
vorbehalten ist. Ob sie es der Konvention und dem Affaris-
mus gegenüber löst, ist eine andere Sache.
„Eine wahrhaft monumentale Malerei soll wie eine grosse
Improvisation sein."
Zum Überlegen: Wie steht die Frage vom Repräsen-
tieren resp. nötigen Komödiespielen zu der Böcklinkunstfrage?
Z. B. ein König von Preussen setzt sich seine Krone selbst
öffentlich auf. Er kann das nicht thun ohne gewisse Feierlich-
keit etc. Für was thut er das? Für die Wirkung auf andere,
die beabsichtigt ist. Die Handlung selbst (die nun freilich kein
Kunstwerk ist) wäre vollendet mit dem simplen Übernehmen
vor den zuständigen Personen. (Etwas Feierliches brauchen
wir in der Kunst. Ohne alles Pathos geht es nicht überall.
Ein König z. B. kann sich nicht die Krone beim Hutmacher
aufsetzen.)
Das „Moderne" in Böcklin.
Griechen sein! Wir? Warum sind die Griechen Griechen?
Weil sie machten was sie sahen, wie es ihnen recht schien.
(Die Antiken haben ja keine Antiken machen wollen, soviel
ich weiss, — bloss wir wollen das.) Aber gleich das Ganze,
mit allem Leben, und nicht davon ab und unter allen Umständen
bei der ursprünglichen Vorstellung geblieben. Das müssen
wir wieder, heute, rücksichtslos. Lebensvoll, wie wir es sehen
und verstehen. Nicht ab davon, bevor nicht möglichst alles,
jedenfalls alles Erreichbare, aus dem Eigenen gesagt und ge-
geben ist. Was thun wir mit den modernen Röhrenverstopfern !
Frisches Wasser des Lebens wollen wir, und das quillt auch
uns wie immer, wie für die Griechen. Nur dann sind auch
wir Griechen, wenn wir's auf unsere Art fassen. Aber hier
schläft alles oder treibt Röhrenverstopfen.
Haben wir nicht so gut wie sie in den Butterblumen ge-
legen, unter denselben Apfelbäumen ins Blau geträumt? Ist
das nicht dieselbe Welt, aus der sie ihren Honig sogen? Ist
das Leben nicht schön? Und wenn sie anders sein mag, unsere
Natur, in der wir geboren, — vielleicht ist es doch dieselbe:
versuchen wir's nur mal! Vielleicht packen auch wir sie —
das Leben, — immer nur das eine!
Aber wie hätte wohl ein Schaffender — in dem Moment,
wo er alles in sich zusammenrafft, was ihm gehört, und darum
produktiv, fortpflanzbar, zeugungsfähig ist — Zeit daran zu
denken, wie das — sein Kind — wohl ein anderer gemacht
haben würde — Raffael oder Phidias — ganz gleich. (Wie-
viel hat man schon bei Rubens zu überwinden. Was geht uns
gar die Antike an, d. h. die Allüren der Antike. Die Alten
hatten ihre Gründe, das so und so zu machen, die wir nicht
Floerke, Böcklin. 9
130 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
mehr haben. Auf das künstlerische Erkennen und Aussprechen
der besonderen Wesenhaftigkeiten kommt es an. Mit seiner
Zeit hat man zu thun.)
Nein, die lieben Griechen haben ihre Freude haben dürfen
an der Natur und sind dadurch gross geworden: warum steht
uns nicht das gleiche Recht zu?
Von allen anderen (Begas ausgenommen, der mit seinem
Berliner Brunnen, gesteckt voll Leben, einen monumentalen
Böcklin macht) wagt sich keiner heraus. Höchstens dass mal
einer seinen Neuerungstrieb in antiquarischen oder kostümlichen
Scherzen beruhigt. Alles horcht aufeinander oder auf etliche
mit der Gewalt bekleidete, um nicht Gewaltige sagen zu müssen.
Cornelius hat doch wenigstens seiner Zeit seine Be-
hauptungen mit Stentorstimme in die Welt hinausgeschrieen, —
heute wagt keiner was.
Aber: trotz der Welt wird das Gute gemacht.
Gott sei Dank, dass wir mit Böcklin endlich einmal aus
der Kunstgeschichte herauskommen! „Das sind keine griechi-
schen Sirenen . . ." Also Gott sei Lob und Dank nein! Das
sind seine, — seine Kentauren, sein Ungeziefer, seine See, sein
Leben, „die du nicht gemacht" kann er in prometheischem
Trotz sagen, und zu denen ihm kein Wissender die Regeln vor-
geschrieben hat. Die Natur und seine Natur zeugten das allein.
Warum soll er im Meer nicht mehr sehen als das Nasse,
das Badewasser? Warum soll er mir nicht mit seinem Sturm
und Sonnenschein ins Herz greifen? Lassen wir getrost
Conrad Fiedler Recht haben und auf kalten ästhetischen
Höhen wissenschaftliche Schlittschuhblumen beschreiben, und
freuen wir uns mit Böcklin in den Butterblumen des Thaies,
in der lebenschaffenden Sonne.
Auch ich will hier keinen Band vergleichender Weisheit
schreiben, sondern ebenfalls nur thun und sagen, was mich freut.
Farbige Skulptur.
Die Frage von der farbigen Skulptur war Böcklin wie
mir seit dem ersten Sem per- Lesen absolut klar. Was vor-
her künstlerischer Instinkt und Vermutung gewesen, wurde
damit zur Gewissheit. Wie hatte man nur den Griechen,
diesen prächtigen Orientalen, das weisse, augenverderbende,
schreiende, in der Sonne unförmlich werdende Zeug bei den
Gegensätzen zutrauen können. Alles, was Semper, Fechner,
Treu etc. zusammen boten, war uns aus dem Herzen gesprochen.
Wir gingen weiter. Es war ja lächerlich, einem reichen Mann
zuzumuten, er solle auf das Material Rücksicht nehmen. Natür-
lich nahm man für ihn das beste, geeignetste. War Marmor
angezeigt, so wuchs er noch dazu vor der Thür. („Ach so,
das „herrliche Material!" Na der dumme Philisterschnack [Nur
nicht gleich so grob!] gehört genau wie all das andere zu den
anerzogenen Vorurteilen, der „Pauvretät", den überkommenen,
ins Blut übergegangenen Dogmen einer Zeit, die von falschen
Anschauungen ausging. Marmor ist einfach Baumaterial wie
Ziegelstein auch.") Auch Bronze, aus technischen Gründen
für gewisse Gegenstände gewählt, war nur Material und wurde
farbig behandelt (ein ägyptischer König nahm vielleicht Gold,
weil er's konnte).
Die Vorstellung wie die Ausführung war farbig, nicht
zahm, sondern leuchtendfarbig, mit Sonne, Vegetation, Dekoration,
Teppichen, Malerei im Einklang, ein gleiches Produkt gleicher
Bedingungen.
Was die Bronze betrifft, so war den griechischen Künst-
lern nicht zuzutrauen, dass sie Werke in einem Material hätten
schaffen mögen, dessen farbiges Aussehen sie nicht in Berech-
9*
132 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
nung ziehen konnten, weil es mit der fortschreitenden Oxy-
dation von Tag zu Tag ein anderes werden musste.
Zudem die leeren Augen des Marmors und die Email-
augen der Bronze. Sollte ein ungelehrter künstlerischer Instinkt
wie Böcklins es begreifen, wie einer, der Menschenbildner war,
auf die Darstellung dessen verzichten könne, was für das innere
Leben des Menschen am wesentlichsten ist, wie er das Auge
(des Marmors) „in weiser Beschränkung" tot lassen konnte?
(Man überlege doch: wenn jemandem nur ein Auge fehlt, wie
viel fehlt gleich seiner Erscheinung! Und alle beide, das ganze
Leben werfe ich weg! Allerdings helfen sich die Heutigen wie
sie eben können mit bildhauerischen [!] Pupillen. Da soll man
seinen Figuren doch lieber gleich die Augen zu machen wie beim
„Barberinischen" Faun in der Münchner Glyptothek.) Eben-
sowenig gewiss Hess sich das einsame kalte Emailauge dekora-
tiver grüner Bronzen verstehen. (Das moderne „Auge" in der
Skulptur ist eine natürliche Konsequenz der Renaissancemiss-
verständnisse und des ausdrucksmittelbedürftigen Talents. Ver-
rocchio mit seinen immer gleich spitzen Augen, Michelangelo
etc. erscheinen den Herren heute mit so einem Auge wie ein
Knopf oder wie ein Bohrloch, ein unmöglicher Eingriff in die
Fläche. — Der einfachste Schluss wäre nicht, dass man jemals
die Farbe aufgeben konnte ohne sie so oder so, also durch
die Form zu ersetzen, sondern dass man trotz der verzwungenen
modernen Bildhauerei, welche die Renaissanceästhetik auf dem
Gewissen hat, auf sie, die Farbe, in irgend einer Weise zurück-
kommen muss.)
In der That hatte Böcklin das auch nie begriffen. Und
so war der Farbenmensch bei der ersten Anregung und darauf-
folgenden Beschäftigung mit der antiken Skulptur sofort von
ihrer Farbigkeit überzeugt. (Er hat nicht, wie es die Wissen-
schaft musste, entscheidende Thatsachen abgewartet, sondern
seinem kongenialen künstlerischen Empfinden geglaubt, die
innere Notwendigkeit der Farbe in den antiken Skulpturen
gefühlt.) Hatte er doch, da er von jeher sein eigener Ästhe-
tiker war und nie wie die Menge und wegen ihrer gesehen,
keinerlei Überkommenes oder Konventionelles über Bord zu
werfen. Zudem hat er als Künstler lange im farbenfrohen
Süden gelebt, beobachtet und geschaffen. Hier wollte es denn
FARBIGE SKULPTUR 133
auch der Zufall, dass er — anfangs der sechziger Jahre, glaube
ich — den Augustus des Braccio nuovo*) in der Villa der
Livia in seiner ganzen, jetzt verblichenen Farbenpracht aus-
graben sah. Diese Vorstellung trug er seither mit sich herum,
auch nach Pompeji, wo er so manches Stück in seinem wirk-
lichen Farbenglanz der Erde entnehmen sah, das ihn über die
Farbenfreude, das Farbenbedürfnis der Alten künstlerisch völlig
aufklärte.
Die Stellen über farbige Behandlung bei antiken Schrift-
stellern hatte er bald selbst gefunden. Er höhnte schliesslich,
wenn man diesen klugen Griechen, diesen ganzen Kerlen, die
Halbheit der Farblosigkeit in ihrer Skulptur zutraute und, selbst
verbildet, sie mit den dummen Theoretikern und Affaristen der
Renaissance (vor deren Doktrinarismus und der durch ihn
irregeleiteten Kraft er nie einen besonderen Respekt gehabt hat)
in Italien verwechselte, die aus sich selber nichts hatten, in der
Natur nichts sahen, und erst als der Zufall ihnen die Antike
in die Hände spielte resp. ihr Wert klar wurde, etwas merkten,
zu messen und nachzuahmen, aber auch sofort misszuverstehen
anfingen, indem sie die farblose Skulptur erfanden, nebst den
ästhetischen Anpreisungen dazu. Diese Nachkommen der Etrusker
und Römer, in ihrem verwüsteten Lande ohne Tradition, wollten
die Griechen verstanden haben, die in Sonne und Farbe
schwammen, an dem Meer, in der Formation und Vegetation
— diese Teppichweber mit der ganzen Tradition der uralten
afrikanisch-asiatischen Welt! (Die Frage ist klar: dass wir mit
der „farbigen Skulptur" die Renaissance aufgeben müssen. Das
hat man sich durchaus vor Augen zu halten. Theoretisch wie
praktisch ist es mit ihrem Lehramt aus.)
Dazu kamen technische Erwägungen. Wer konnte denn
so einen Relieffries in der Höhe überhaupt sehen? Welcher
Narr verschwendete seine Arbeit dort. Ein Grieche? Wer
lacht da? (All die Freude, die er am Leben, an der Er-
scheinung gehabt hat, will doch gewiss der genussfrohe Grieche
aussprechen, darstellen. Und dazu gehört doch in erster Linie
die Farbe.
*) Die Augustusstatue im Braccio nuovo des Vatikanischen
Museums wurde 1863 in der Villa der Livia bei Prima Porta an der
alten Via Ftaminia gefunden. A. d. H.
134 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
Aber dies Geniessen war ein künstlerisches. Also macht
er auch nur, was ihn als Künstler freut, aber das so einfach,
sicher und prachtvoll wie möglich.) Farbe ist da, um die Fläche
aufzuheben, um Raum zu schaffen, vor- und rücktreten zu
lassen. Ihrer selbst willen angewendet, würde sie in der
Skulptur freilich Dummheiten abgeben. Sie ist da, um deut-
lich zu machen, die Figuren — scheinbar — frei und rund
hinzustellen — und um das zu wiederholen: überhaupt erst
auf die Entfernung und bei der Gesamtfarbigkeit — sichtbar
und selbständig zu machen resp. den Raum zu erweitern, die
Handlung eindringlich zusammenzufassen und zu trennen, alles
wie etwa beim Parthenonfries.
Die Farbe spricht da, wo die Form nicht mehr sprechen
kann. (Wir haben wenig Plätze, wo die Skulptur das Licht
hat, unter welchem sie gemacht wurde, und das also für ihre
gewollte Wirkung wesentlich bleibt. Ferner haben wir so wenig
wie die Alten Räume, in denen weisse Gipse oder Marmors
für einen halbwegs selbstgewachsenen und selbsterzogenen Ge-
schmack möglich sind, so wenig etwa wie Photographien und
Stiche dekorativ eintreten können, wo man auf farbige Wirkung
ausgeht — die Farblosigkeit ist eben nur übertragen, phrasen-
haft, geistreich vielleicht — mais voilä tout.)
Was für eine Natur, wie die Böcklins, den Reiz (an jenen
Entdeckungen) erhöhen musste, das war zuerst der Versuch
das am Augustus Gesehene selbst zu machen, dann aber das
neue Material: ein Zement, der heute knetbar wie Ton und
wenige Tage darauf mit dem Meissel zu bearbeiten war, an
dem man hinzuthun und wegnehmen konnte*) — aus dem man
ein Original schuf, direkt aus den Händen des Bildners her-
vorgegangen, eine Schöpfung, bei welcher der Bildhauer Böck-
lin bei der Arbeit stets den Maler Böcklin im Auge hatte, und
ersterer nichts machte, was letzterer besser auszudrücken ver-
mochte oder tot gemacht hätte. Also von vornherein keine zu
bemalende Statue, sondern eine vom Maler und Bildhauer in
*) Dieser Zement hat nun freilich getäuscht und ist nach allen Seiten
gerissen. Aber die Hoffnungen ruhen wieder auf einem neuen. A. d. Verf.
FARBIGE SKI 135
einer Person für die farbige Erscheinung und ihre Hilfsmittel
dazu erfundene, ... i te Figur.
Ich sah ihn während der Arbeit. .Weg mit den Falten!
So müssen sie liegen, dann sprechen sie. — so, das ist viel deut-
licher", oder: ..Man kann mit der, Falten nicht so tief gehen,
weil sie ja ein durchs : ges Gewand darstellen und man selbst
unter den Schatten das Fleisch schimmern sehen muss' .
_Ein Eindruck • .. gesu : werden, wie er empfangen ist
— also farbig. Darauf kommt es an, ebensogut in der Ski
Als das Allerbescheidenste wäre zu vt . .n, dass wo
die S ihr ausreichendes Licht von aussen weder voraus-
.n noch verlangen kann, sie es sich, wie die Malerei, seiber
rgt. Mindestens in diesem Sinne — der aiso den Maler
bei der Er:, gong des Kunstwerks voraussetzt, ist Büeklin
:h die 5eele der augenblicklichen Mode :nrersuchc
Bruckmanns, seines einzigen nachgiebigen und nachkommenden
Schülers. Bruckmann sucht nur auf die Intentionen des Aiten,
die die farbige Erscheinung zum Zweck und vor Augen
haben, einzugehen. Dann ist der Alte gegen das Werk des
Bildhauers unerbittlich, wie gegen sc ic c zenen. Das weg
weg — was grau in grau vielleicht von Bedeutung für
Klarlegung des Gedankens war. muss für die Farbe abs
anders behandelt werden . . . Der Meissel muss unbarmfu
heraus . . . Weg damit — denn erst seit man sich das Ding
g denkt, sieht man, dass das unnötig und folglich -
war . . .
Wie manche Antiken versteht man in ihrer rühret!
Unverschämtheit erst, wenn man bedenkt, was der prakl sc .
er dem praktischen Maler .ss. Hundert u
Fliehe Marmors werden einem klar, ein horizon;..; abge-
; mittener Hin:. . ■ e nes Sitzenden, ein rohes Gewan<
.: emaillierte Augen und tausend D erst ver-
stehen kann, wenn vorausgesetzt, - zuer sie mit
Bewusstsein seinem Kollegen von --spart h.
der das wirksamer konnte. Man macht nur die Hauptbeweg
*> Formal, nicht technisd
136 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
und nicht auch die kleinen Nebenregungen, wenn man auch
nur einen farbigen Schleier darüber legen will.
Also: was er dem Maler vorbehielt, machte der Bildhauer
nicht, was er ihm vorbereitete, wirkt heute als Selbstzweck, also
anders wie beabsichtigt. Wie Unrecht thun wir demnach immer
noch (so gut wie Winckelmann den Griechen mit seinem Lob-
gesang auf den Apoll vom Belvedere) mit Lob und Tadel
über heute farblose Skulpturwerke, wenn wir nicht lernen sie
uns, dem Künstler nachempfindend, zu erklären und im wesent-
lichen zu ergänzen. Darin geht es manchem, der genauer nach
dem „Warum" des Künstlers gefragt hat, anders als den
Archäologen und sonstigen „von der Farblosigkeit herkom-
menden" Erziehungsmenschen (so benehmen sich alle Germanen
als arme Leute oder homines novi dem Stoff [Marmor! Bronze!!
Gold!!!] gegenüber wie die Bettler. Als ob der den Griechen
hätte interessieren können, abgesehen von der vom Material
zu verlangenden Vorzüglichkeit, Vornehmheit etc.). Abgesehen
davon, dass ich gegen die Farbe niemals etwas hatte, stand ich
vor einer Menge oben angedeuteter Rätsel, die erst lösbar ge-
worden sind, seit wir uns zu so manchen skulpturalen „Nach-
lässigkeiten" und eigentümlichen Rechenexempeln den bisher
ausgelassenen Faktor der Farbe hinzurechnen dürfen.
Am komischsten waren uns die Halben ä la Kugler, die
weissen Griechen mit vergoldeten Haaren und kleinen bunten
Säumchen um die Gewänder, oder die bronzenen mit email-
lierten Augen und sonst nichts, deren Patina jeden Tag anders
aussieht, wie als der Künstler sein Werk fertig sah. Sehr ver-
ständig und positiv erschien uns dann die Rede von Guido
Hauck (Berlin 1885) über „die Grenzen zwischen Malerei und
Plastik und die Gesetze des Reliefs" bis zu der Thorwaldsen-
alternative, wo wir uns zwar nicht ganz auf die Gegenseite
schlugen (Böcklin vielleicht), aber jedenfalls ihre Aufstellung für
falsch hielten und die überkommenen Anschauungen, alias Bil-
dungsvorurteile in der Überschätzung Thorwaldsens zu Wort
kommen sahen. Aber der Gipfelsatz konnte unterschrieben
werden:
„Wenn man allgemein das Bestreben, im Relief den
Flächeneindruck zu überwinden, als ein Ausgehen auf male-
rischen Effekt bezeichnet hat, so dürfte hierin gerade im Gegen-
FARBIGE SKULPTUR 137
teil ein Entfernen vom Malerischen (d. h. von der ebenflächigen
Abbildung) und Hinzielen auf erhöhte plastische Wirkung er-
kannt werden."
Ich fand in ihm (ohne sonst gegen seine Logik etwas
sagen zu können) freilich die falsche Voraussetzung, als könne
es ebenflächige Reliefs geben, und wenn das nicht darin ent-
halten, so vermisste ich unbestritten das Bewusstsein des
Schreibers, dass dies Flächenüberwinden zum grossen Teil durch
Farbe geschah. Auch später redet er von farblosen Skulpturen,
bei denen die Griechen klugerweise nicht versucht hätten, den
Glanz des Augensternes wiederzugeben, während sie ihn in der
farbigen Plastik der Malerei überlassen hätten. Das Gefühl
vermisste ich hier, dass doch nicht die gleiche Zeit dergleichen
nebeneinander sehen kann, dass überhaupt leere Augen tot, un-
möglich, tötend für das Ganze sind und damit der beste Be-
weis für die Farbigkeit aller Skulptur, wenn wir noch Beweise
brauchten.
Treus Broschüre: „Sollen wir unsere Statuen bemalen"
(nebenbei ein unglücklicher Titel. Es kann sich selbstverständ-
lich nie um ein Färben handeln, sondern nur um das vo
vornherein farbig Denken; noch schlimmer die „Buntfarbig
keit der Antike" [Th. Alt]; ein unglücklicheres Wort wie
„bunt" gegenüber der immer ernsthaften und sozusagen monu-
mentalen Skulptur — nun gar der antiken — war auch nicht
zu finden) brachte uns als Neues also nur die Thatsache, dass
die Wissenschaft auch im Zentrum zu wanken beginnt, was
wir in Florenz und Zürich, nur der Kunst und dem Leben
zugewandt, übersehen hatten. Dass im Museo borbonico alles
einmal farbig gewesen, hatte ich schon im Jahre 1871, von dem
farbigen Pompeji aus (wo wir im Sole hausten) für mich fest-
gestellt, auf Trendelenburgs Untersuchungen mich stützend
und sie fortsetzend. Mit den Ausnahmen, an denen nichts zu
erweisen war, war nichts bewiesen. Aber trotzdem fand Treus
energisches Betonen des praktischen Probierens und sein Re-
sultat: die Berliner Ausstellung plastischer Kunstwerke, als in
dem Berlin Kuglers möglich, unsere höchste Anerkennung,
und Böcklin-Bruckmann modellierten dazu eine „Meduse",*)
*) Aus Pozzolanerde und Kalk, zerstört. A. d. H.
138 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
die, nach einigen Versuchen und Änderungen, denn auch an
verblüffender Wirkungskraft nichts zu wünschen übrig liess.
Freilich, ein „Genremaler" oder ein „Tyroler" muss nicht über
den Marmor kommen, und nicht jeder lebensgrosse Knote von
Bildhauer, der lebensgrosse Röcke, Hosenstoffe, Uhrketten etc.
aus Gips machen kann, liefert Arbeit für den Maler, oder soll
sie gar selbst anstreichen, karrieren etc.*)
Die Menge der Handwerker unter den Bildhauern, die
es so herrlich weit gebracht, diese Generation muss erst aus-
sterben. Nur in China kann man verlangen, dass jemand sich
selbst den Bauch aufschlitzt. In dreissig Jahren aber wird
über ihren Leichen bei uns alles farbig erblüht sein, wir werden
diese eitel aufgebauten Strümpfe und Würste, dieses impotente
Wollen los sein. (Wünschen wir unseren Kindern oder
Enkeln; — denn jene werden noch durch weissnäsige Schul-
meister verdorben — wieder eine farbigere, anschauungswürdige,
[und — fähige] weniger von der Blässe des Gedankens ange-
kränkelte Welt!)
Alles, was unsere, nach immer mehr Realismus strebenden
Bildhauer stachelt, ist ja nichts als die düstere Empfindung von
der Unzulänglichkeit der weissen akademischen Kunst. Wer
überhaupt heisst denn der Skulptur, dem schwarzen Rock oder
der Uniform, Garnitur Nummer so und soviel, Denkmäler setzen!
Eine farbig gebliebene Skulptur wäre dahin überhaupt nicht
gekommen. Die farbige Vorstellung und Notwendigkeit hätte
sie zurückgehalten, sich unter dem Vorwande Helden zu bilden,
alte Mäntel zu giessen.
Am blamiertesten werden dann, wenn die Polychromie
erst wieder begriffen ist, die lieben Italiener sein; denn
ihre Haupteitelkeit — die Neuerfindung der Bildhauerei, ist
dann endlich, gering gesagt, gegenstandslos, ihr technisches
Raffinement gleichgültig selbst für Laien. (Ähnlich wie viele
Maler, die nicht rechtzeitig genug das Plattenputzen lernen
können, um nach Erfindung der Farbenphotographie Photo-
graphen werden zu können.)
Die Farbe verdeckt keine Leibschäden der Skulptur, sondern
*) Siehe Kissling und seinen Alfred Escher auf dem Züricher
Bah !i hofplatz A. d. Verf.
FARBIGE SKULPTUR 139
tritt nur ein, um das ihr möglichere mit der wünschenswerten
Deutlichkeit zu übernehmen.
Freilich, dass Herr Hähnel z. B. seinen Raffael nachträg-
lich bunt bekleiden solle, meint Böcklin gewiss noch heute nicht,
wo er längst selber in der farbigen Skulptur thätig ist. Auch
die Cauersche Gesamtvergoldung dürfte ihm ein richtiges und
vielangewandtes Mittel übertreiben und wertlos machen heissen.
(Die Archäologie sagt, dass sie nur Marmormalerei auf Gold-
unterlage kennt. Damit sagt sie, als Wissenschaft, aber durch-
aus nicht mehr, nicht etwa, dass aller Marmor zu statuari-
schen Zwecken vergoldet gewesen sei. Ein Künstler sieht die
Unverständigkeit einer solchen Unterstellung sofort ein und
wird die Möglichkeit solcher unsinnigen Selbstermordung so
klug berechnenden Menschen wie den griechischen Künstlern
nicht zutrauen. Wo man so offen nach Wirkungsmitteln sucht,
begiebt man sich nicht eines der wirksamsten. Das Gold
braucht der Bildhauer, aber den Marmor auch [noch dazu
jener, der den grosskrystallisierten pentelischen hatte und nicht
die carrarische Kreide, die dann ihre eigene Technik erzeugt
hat], Fleisch wird er nie vergolden [Beweis, wenn nötig, auch
das zu Gold und Elfenbein Greifen]. Der Marmor wird mit der
Gold- oder Silberauf lage ein ganz anderer Körper [wie es ja auch
Brauen, Haare etc. sowohl dem Fleisch gegenüber als auch im
Sinne der plastischen Behandlung sind], aber kein antiker Künst-
ler, um das zu wiederholen, der nicht archaistische Scherze
machen wollte [die ja wohl zu allen Zeiten beliebt waren], wird
den Marmor da vergolden, wo er allein das Durchscheinen des
Fleisches im Gegensatz zu den vergoldeten, also gänzlich ge-
deckten Teilen wiedergeben kann. Also, um bildhauerisch so
unmögliche Sachen wie Barte, Haare, Augenbrauen zu machen,
um warmes und nicht kaltes Reflexlicht auf dem Rot der Lippen
zu haben, da braucht er Gold. Das Gold war also nur da, um
durch eine Lasur durchzuschimmern und diese leuchtend zu
machen. (Als Haarfarbe war Rotblond Regel.) Wie sollte er
sich aber der Gegensätze zwischen Fleisch und Stoff begeben,
die den Hauptreiz aller Erscheinung in der Natur ausmachen!
Wie herrlich sind z. B. die Gegensätze von Haar, flaumigen,
weichen Wangen, beweglichen Nasenflügeln, durchscheinenden
Ohren, festem Schädel und festen Brüsten! [Ohren und Nasen-
140 BÖCKLINAUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
Hügel wird kein Bildhauer, der ein Künstler ist, vergolden, wenn
er Marmor unter Händen hat.] All diesen Reiz kann der Bild-
hauer nicht einmal nachmachen, und dabei soll er doch sogar
noch mehr: er soll monumental sein, d. h. den Typus an die
Stelle der Einzelerscheinung setzen.
[Ebenso schwer geht es dem „Bemaler"! Mancher, der seine
Vorstellung nicht einmal auf die Fläche werfen kann, glaubt
Marmor „anstreichen" zu können. Ja, da soll er merken, wie
bald ihm die Mittel ausgehen, wie bald er mit Böcklin sagt:
„es geht nicht, ich habe nichts mehr" — trotz der überlegtesten
Rechnung, der raffiniertesten Ökonomie, der stärksten Wagnisse.
Eine Erscheinung auf die Fläche projizieren kann bald
jeder; aber die Reize der Natur nicht allein im Moment wieder-
geben, sondern auch noch zu monumentalisieren, ohne dass zu-
viel verloren geht — und mit wie geringen und spröden Mitteln!
das ist eine andere Sache).] Von den zarten Tönungen und
sonstigen Ängstlichkeiten begriffe Böcklin sicherlich nicht den
Grund ihres Daseins. „Das farbig Angeschaute (und andere
Anschauungen giebt es nicht in der Natur) soll der Künstler
farbig wiedergeben", sagt er und arbeitet darauf los, das Relief
sichtbar und rund machend, die Wirkungsfähigkeit der Rund-
figuren mit klug vorbedachter Farbennachhilfe erhöhend, die
Dekorationsfähigkeit der Skulptur auch für unser modernes
farbig gewordenes Haus erhöhend.
Man konnte früher, als man in der Bildhauerei noch mit
Farben rechnete, sich viel breiter und ruhiger — statuarischer
in der Form und dem Ganzen halten, viel weiser auf die
Wirkung hin vorgehen, als heute, wo das Bedürfnis nach klarer
Deutlichkeit und doch überall lebensvoller Sachlichkeit, bis zur
Ausnutzung der kleinsten, raffiniertesten Gegensätze geführt hat
— die der Bildhauerei nur das ersetzen wollen, was ihr durch
die aufgezwungene Einfarbigkeit an Sprache, Ausdrucksmitteln
entzogen ist, und die dadurch den Charakter der Skulptur viel
bedenklicher ändern — über ihre Grenzen hinaus — wie durch
vorbedachte Bemalung, die sich ja bei jedem Volk und zu jeder
Zeit, für jeden Zweck mehr oder weniger verschieden gestalten
wird. Gerade die neuere — monumentale — malerische Be-
handlung beweist, trotz aller gegen die Farbe gerichteter Äusse-
rungen der Techniker in diesem Sinne (sogar Begas; wenn
FARBIGE SKULPTUR 141
er dagegen ist, so geschieht es, weil er viel kann und die
farbige Behandlung nicht kann und das weiss), dass die Bild-
hauerei etwas vermisste, was sie sich nun auf Kosten ihrer
selbst, jedenfalls ihrer Monumentalität, auf rein marmortechni-
schem Wege wieder zu erwerben lange genug versucht hat.
Was man an die Stelle der Farbe in der Bildhauerei ge-
setzt hat — gebohrtes Auge etc. ist viel gewaltthätiger als diese.
Von hier aus allein wäre ein Rückbeweis für die Farbigkeit
zu führen.
Tiefen und beleuchtete Höhen machen sich gerade im
besten Marmor Konkurrenz — etwas Braun, und die Sache
ist da. — Man hat die Farbe durch andere Mittel ersetzt, die
sowohl der statuarischen Kunst viel ferner liegen als auch jeder
feineren Empfindung und Vorstellung wehthun müssen: Einen
Blick z. B. durch ein tiefgebohrtes Auge herstellen zu müssen;
Brauen, die der Bildhauer schon gar nicht machen kann, mit
dem Spitzeisen einmeisseln, Wimpern durch Verstärkung der
Lider herstellen, wo die beabsichtigte Schattenwirkung je nach
der Beleuchtung ausbleibt oder verändert erscheint etc.
Der Umstand, dass man bei antiken Skulpturwerken nur
fleckenlosen Marmor findet, beweist mit, dass sie bemalt waren:
denn die Eisenflecken etc. würden eine gleichmässige Behand-
lung verhindern, wo es sich nicht um starkes Decken handelt.
Der weissen Renaissance war die Fleckigkeit des Blockes nach-
her denn auch kein wesentliches Hindernis.
Es ist zuzugeben, dass man bei manchen — auch antiken
Werken — unter den richtigen Umständen kein Bedürfnis
nach Farbe verspürt. Vielleicht ist aber auch das nur ein un-
verdauter Rest unserer weissen Erziehung.
„Farbigkeit der Skulptur" - - ein Prinzip, gegen welches
sich Bildungsphilister und Gewohnheitsbildhauer begreiflicher-
weise feindlich verhalten. Sie haben es ja so herrlich weit ge-
bracht — sollen sie an ihren kurulischen Sesseln rühren lassen?
Wenn man farbig zu arbeiten anfängt, lernt man erst die
Antike verstehen. Denn für die Zwecke einer bemalten Skulp-
tur ist höchste Vollendung der bildhauerischen Arbeit und
höchste Einfachheit nötig. Die Gegner der Farbe vollenden
142 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
und vollenden bis ins letzte - eigentlich zwecklos — wo es
eine geistreiche Skizze thäte.
Die Gegner stützen sich merkwürdig wenig auf das, woher
sie kommen, auf die Antike Winckelmannscher Ästhetik. Sie
führen sogar schon die römische Dekadenz für sich an und be-
rufen sich auf die „malerische" Behandlung (im modernen
Sinne) des Marmors, um nur die böse Farbe nicht zugeben zu
müssen. Sie kümmern sich wenig um klassische Zeugnisse
und behandeln spätere (Pompeji) als spätere, zusammenhangs-
lose, sie, die Vertreter des Zusammenhangsprinzips. [Es ist denn
doch stark, die bemalten Figuren (Statuen) auf pompejanischen
Bildern nur als Beweis für römischen Geschmack des 1. Jahr-
hunderts hinzustellen. Die Villa der Livia soll auch nicht
mehr beweisen. Der darin gefundene Augustus auch nicht.
Aber machte Rom den Geschmack der Griechen, die seine
Kunst machten, oder nahm Rom die fremden Götter und Musen
wie es sie fand? Thaten das nicht schon die Etrusker, die die
Griechen imitierten und mit ihren Mustern Handel trieben?
Hat Italien je Kunst aus sich selbst gezeugt? Jedenfalls zur
Augusteischen Zeit nicht und zur Zeit der Etrusker auch nicht.
Also brachten die Griechen den farbigen Geschmack. Dass
sie ihn in archaistischen Zeiten besassen, wissen wir — dass
sie ihn zur Zeit des August übten, wissen wir auch [an die
Dummheit bloss vergoldeter Haare (der Venus von Medici)
wird kein Kunstverständiger glauben], dass ihre (Pausanias)
und spätere Schriftsteller von farbigen Figuren, von berühmten
Malern reden, die anstrichen, wissen wir auch. Woher also
die Insinuation: die pompejanischen farbigen Figuren (auf Wand-
gemälden) beweisen nur den Geschmack ihrer Entstehungszeit?]
Sie wollen nicht zugeben, dass man die Frage einmal wieder auf
ihren natürlichen Boden stelle, sondern pochen auf den Boden
der Gewöhnung, auf dem sowohl die Führer stehen, die sich
einmal festgelegt haben, wie die Menge, und sind nach gesell-
schaftlichen Gesetzen wohl auch der Zukunft sicher.
Das Lied von den alleinseligmachenden Alten wird also
plötzlich nicht weiter gepfiffen. Anstatt zu sagen, dass wir im
Irrtum waren und sie falsch verstanden, können die modernen
Griechen plötzlich nicht mehr folgen, und die Alten sind na-
türlich schuld daran. Das angenehme Wort von der „dekora-
FARBIGE SKULPTUR 143
tiven Kunst", von jener, die sich „dem Kunsthandwerk nähert",
und wie die Spässe der modernen ästhetischen Kleiderordnung
heissen, stellt sich zur Wahrnähme der ästhetischen Interessen
rechtzeitig ein. Herrliche Helden führen den Chorus — Herr
Paul Lindau, Herr Dr. Dircks etc. — während die frühere
archäologische Opposition, nachdem sie die Wahrheit einmal
nicht mehr leugnen kann, sich unverdrossen ans Werk macht,
die anfangs Unbequeme nun auch möglichst klar und ganz zu
Tage zu fördern.
(Die Geschichte von der farblosen Skulptur und Archi-
tektur im Altertum glaubt kein Mensch mehr, der in Betracht
kommt, die Historie von dem also Nichtfolgen der Antike,
sondern einen besseren Geschmack haben, glauben auch nur
noch die Beteiligten — wohl aber, dass die Bildhauerei in Er-
mangelung anderer auf der G-Saite allein hat spielen lernen
und nun diese Geschicklichkeit nicht umsonst erworben haben,
sondern weiter vormachen will. In der Not frisst der Teufel
Fliegen und mag es darin wohl auch zur Virtuosität bringen.)
Einen wesentlichen Einfluss auf unsere Entfremdung von
der Farbe, auf unsern Sinn für das Sachliche und Stoffliche,
dürfte ausser dem Raffinement der Marmortechnik, das „Schwarz
und Weiss" haben, in jedem Sinn, vor allem in dem der Re-
produktion. Durch Photographien etc., Radierungen etc., Holz-
schnitt etc. sind überall wohl gewisse Kenntnisse verbreitet,
man hat Vorstellungen erwecken können — aber immer andere
als der Maler beabsichtigen konnte, der mit anderen Faktoren
und auf sie rechnete — wenn er Maler war.
(„Die farblosen Begriffe", sagt Schopenhauer. Dies
„farblos" ist auch als Beiwort für die Abstraktion gut zu ver-
wenden, die die Mutter der farblosen Skulptur und Architektur
ist. Farblos sind nur Begriff und Abstraktion, unmöglich die
Anschauung und die auf ihr basierende Vorstellung.)
Da steht die Herkulesschale des Hildesheimer Fundes
vor mir. Oben am innern Rand ein ornamentaler Fries mit
Hasen, Antilopen, Hunden und so was, die keine Hasen etc.
sind. Ganz naiv, aber nett und lustig — das Band ist ja auch
nur da, um das zufällig darüber hingleitende Auge einen Moment
144 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
zu beschäftigen, etwa noch im Gegensatz zu der polierten Höh-
lung, die bis zum Boden der Schale reicht. — Wer das heute
machen wollte! Jeder weiss das besser. Und den Rest thut
die offizielle Prüderie. Arme Bildhauerei! Jetzt ist es genau
so weit, das man das Nackte nicht verwenden kann und das
Zeitkostüm auch nicht. Überall ertappt man sich seufzend da-
bei, dass man auf Antiquarisches zurückgreifen muss, — die
eigene Zeit gehört einem nicht. Wer wird uns da herausreissen,
uns die alte Freiheit wieder schaffen, uns die Hände wieder
lösen! Unsere Generation unmöglich. Und immer mehr wächst
uns der moralische, wissenschaftliche Schulmeister über den Kopf.
Die Skulptur müsste wieder mehr teilnehmen an dem
Schmuck unserer wohlhabenden Häuser. Vielleicht ist der far-
bige Stuck berufen, ihr die Thüren zu öffnen. Wie viel frischer
und direkter bringt er die Vorstellung aus der Hand des
Künstlers, wie viel leichter kann er für bestimmte Zwecke oder
an Ort und Stelle bearbeitet werden. — Und da kommt wieder
die Frage von der Farbigkeit hinzu. Was ist das für ein präten-
tiöses Monopol, weiss dastehen zu wollen und zu dürfen, wo
alles wieder seine Farbe hat? Das Holz des Tisches, des
Bodens etc., die Teppiche und Wände, die Bilder und Zier-
gegenstände, — und die Skulptur beansprucht das Recht, ein
Loch in diese Dekoration zu machen? Zu ihrem Vorteil gewiss
nicht. Sie schliesst sich damit selber aus manchem Räume
aus, und da sie, in weissem Zustande, die zu ihrer Deutlichkeit
nötige Beleuchtung nicht selber mitbringt, sondern ihr Licht
lediglich von aussen erwartet, so verliert das bei Oberlicht
gearbeitete Objekt in unsern Zimmern meist jede beabsichtigte
Wirkung. Wirklicher Geschmack wird ein solches Unding,
welches noch dazu stört, nicht dulden.
Zur Material- und speziell Marmorfrage: Nur der
Marmor ist, streng genommen, für die farbige Plastik verwendbar.
Das feste, nirgends durchscheinende Material, wie Stuck und
Bronze, wirft so unbekannte schwarze Schatten, besonders in
Nase und Ohren, dass man natürlich ganz falsch werden muss,
FARBIGE SKULPTUR 145
besonders in der Bemalung. Im Marmor, der durchscheinend
ist, ist diese Sache schon recht.
Ein Material kann einem Freiheiten geben, die man sonst,
selbst in der Bronze, nicht erreicht.
Andererseits aber zwingt es mich wieder, während der
grössten Zeit der Arbeit, bis zu einem gewissen Punkt der
Ausführung, ihm Rechnung zu tragen, macht mich durchaus
abhängig, begrenzt mich.
Dann aber kommt der Moment, wo der blosse Künstler
das Wort hat, allein: Gott sei Dank! Jetzt kann's losgehen, das
Material tot zu machen.
Das klare Korn des Marmors sieht man nur sehr nahe-
bei, aus der Ferne nicht. Immerhin hat ja niemand etwas
dagegen, dass der es benutzt, der seinen Vorteil darin sieht.
Nur muss man nicht immer auf das „edle Material" zurück-
kommen.
Material! Kostbar oder billig, ist ganz gleich. Nachgiebig,
brauchbar, leicht zu überwinden, heisst die Forderung. Die
Kunst ist ein Kampf mit dem Material - man kann nie etwas
besseres von ihm reden, als dass es leicht überwindbar sei.
Es kann nur darauf ankommen, es als solches ganz vergessen
zu machen, erst da kommt der Künstler zu Wort.
Wenn die Dinge im Kunstgewerbe etwas anders liegen,
so hängt das so zusammen: Auch im Künstler steckt notwendig
viel begabter und interessierter Handwerker. Fingerzeige be-
kommt dieser, je feinfühliger er ist, umsomehr, wie er das
Material bei seinen Schwächen packen, seine Stärken ausnutzen,
und ganz unter seinen Willen beugen könne, mit seinem Leben
zu füllen vermöge. Und nutzt also der Künstler sein Material
aus, so ist der Kunstgewerbetreibende, der Nutzgegenstände
macht, materielle Sachen, und dabei auf den handwerklichen
Betrieb und das Bedürfnis der Menge angewiesen ist, geradezu
auf die Ausnutzung jenes unvermeidlichen Restes einer Herr-
schaft des Materials und seiner eigentümlichen Bildefähigkeit
hingewiesen, hat sich sogar durch dieselbe anregen lassen.
Böcklin wird auf der Jubiläumsausstellung (Berlin) mit
drei farbigen Skulpturen vertreten sein, die er mit Bruckmann
zusammen gearbeitet hat: einer leuchtenden Sklavin und zwei
Hermen, die Köpfe der bekannten Meer- und Sumpfgötter
Floerke, Böcklin. 1"
146 BÖCKL1N-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
eigener Mythologie tragen. 1 ) Die eine, ganz Dienerin, soll
leuchten, in einem Treppenhaus etwa, folglich reckt sie den
Arm und biegt sich vor. Die andern zwei, Hermen, sind rechts
und links von der Thür gedacht, als Portiers. Sie glotzen ins
Leere (die Glasaugen wirken so blöd und stumpf, so wenig
lichtgewohnt, sehen einen nie an, sondern ins Nichts, weil das
Licht immer von der Seite durch die vorgequollene Iris fällt).
Alles Übrige, nicht mehr Wesentliche, ist unbelebt, einfacher
Pilaster, nicht einmal verjüngt. (Das ist doch wohl etwas rück-
sichtslose Konsequenz.) Aber das soll stark und straff doch
zugleich auch wieder gleichgültig sein, damit das Auge von den
Augen da oben gefesselt wird. Zudem steckte der Rest ja doch
im Portierrock.
Böcklin tritt damit voll und ohne Vorbehalt öffentlich für
die farbige Plastik ein. Wie er freilich sein Publikum finden
wird, welches aus seinem reinen Versuch eines Beweises Be-
lehrung ziehen will oder kann, ist unklar. Schon als Maler
wird er dekorativer skulpieren als ein moderner Marmor-
techniker. Zudem kommt es ihm in seiner simplen Künstler-
schaft nicht darauf an, das zu treffen (oder nur darauf zu achten),
was gerade „schön" heisst, oder was man an Geschicklichkeit
etc. etc. jeweilig besonders hochachtet. Seine Figuren, die eines
Malers, brauchen ja die „malerischen" Kunststücke der Bild-
hauer nirgends zu erreichen — sie werden aber ein an jenen
grossgezogenes „Kenner-" oder „Feinschmecker-" Publikum
schwer überzeugen. Auf Leute, welche die Frage ernsthaft
nehmen — sie nur einmal wieder auf ihren natürlichen
Boden gestellt sehen wollen, kommt es erfahrungsgemäss
zunächst nicht an. Die Gewöhnung hat das Wort. Ruhe in
der Minorität! Und ich fürchte, diese Ruhe wird eintreten.
Denn schliesslich lebt auch der Künstler von seinen Wählern.
Leider!
Böcklins neuer Stuck (von Prof. Hauenschild in Zürich,
hergestellt in der Fabrik von A. Fleiner in Aarau).
*) Ist bekanntlich nicht geschehen. Nur der eine Paddex, der aus
Stuck war, wurde ausgestellt, die anderen zerfielen. A. d. V.
FARBIGE SKULPTUR 147
Vorzüge: Man kann ihn kneten wie Thon, dann schneiden,
dann meisseln, dann wird er eisenhart. So lange er ganz frisch
ist, kann man ihn al fresco bemalen (er ist so hässlich, dass
sich das Bemalen von selbst versteht), später mit Kaseinfarben.
Der Bildhauer braucht nun weder Former noch Marmor-
arbeiter zwischen sich und seinem Werk. Er macht alles selbst
und vollendet da, wo er angefangen hat. Verlässt es seine
Hand und seinen Tisch, so ist es fertig. Aus seinem Material
wird durch die Luft und durch das Wasser von selber sozusagen
Marmor — der Marmor des Nordens.
„Marmor und Deutschland! Im Freien ist er nicht zu
brauchen, im Innern für weitere Verbreitung der Skulptur und
für Bemalung zu teuer."
„Sie haben in Deutschland keinen Marmor, und daher der
blöde Respekt vor ihm, und darum haben sie ihn auch nie
recht behandeln können."
„Eine Marmorarbeit ist immer eine Kopie, die mir als
künstlerische Schöpfung nur in ausserordentlichen Fällen im-
ponieren kann. Das Original war der Thon, das Wachs."
„Denken Sie an Ihre schönen, weissen Berliner Öfen, Sie
— Töpfer Sie, von denen Sie auch nicht lassen wollten. Was
hat Ihnen alle Vervollkommnung der Glasur, „des edlen
Materials" genutzt?"*)
Wie dumm, stumpf, grau und ohne Leuchten steht der
bemalte Gips da (ich erinnere daran nur zum Beweis für die oben
vertretene Theorie, dass man bei Marmorarbeiten das Fleisch
nicht durch Belegen undurchsichtig gemacht habe — wie sehr
auch das Gold etc. durchleuchtet), wie zum Verzweifeln steht
er dem Maler entgegen — , dem Marmor und Marmorarbeit
entgegen kommen würden. Wo soll man bei diesem Mangel
des Materials das Fleisch, oder gar den weichen Schmelz der
Wangen etc. hernehmen, wie den Gegensatz zu Haaren, Ge-
wand, Schmuck, Hintergrund etc. wirksam, künstlerisch wahr-
scheinlich machen?
B ruckmann, der gerade (Dezember 1887) eine Figur
*) Bezug und Zusammenhang unbekannt. A. d. H.
10*
148 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
arbeitet, die auf Farbe gedacht ist, meint, dass man in solchem
Falle es als unerlässlich empfinde, ganz aus der Vorstellung,
zielbewusst allein, zu arbeiten, immer nur an das Ganze, Beab-
sichtigte zu denken — nie nach der ja an sich interessanten
Natur, wie sie einem der Zufall oder die Wahl als scheinbares
Hilfsmittel ins Atelier führt. Weit weg vom Modell.
Böcklin hat Bruckmanns Rundrelief: Madonna mit
Kind (1888) bemalt.
Man sieht daran also eine Meinung über Polychromie ausge-
sprochen, von einem Manne, der interessieren dürfte, und die ich
verbreitet sehen möchte, da ich der Sache eine Zukunft wünsche.
Wir hatten im Atelier (München) zwei Exemplare, eines
bemalt, eines unbemalt. Das bemalte vor mir in seinem milden
Glanz, seiner weichen Deutlichkeit, soll dasselbe sein, wie das
kalte, fast unsichtbare und durch das Licht ganz ungewollt und
falsch wirkende Gipsrelief. Gips und nichts das eine. Weich
und still das andere — ganz vom Standpunkt unabhängig. Man
sieht, die weissen etwas harten Blumen im Rahmen mussten
von Anfang an gedacht sein, um diese Milde herzustellen.
(Wäre Böcklin da, so würde er die weissen Blumen des Rahmens,
die Barth etwa violett oder blau sich dächte, als notwendig nach-
weisen und die Rechnung machen wie ein Wirtshauskonto.
Vielleicht nehmen die Blumen das Licht aus dem Fleisch heraus,
— aber es ging nicht anders. Die ganze Palette war erschöpft.
Andrerseits treiben sie das „Bild" zurück und lassen den
Rahmen als etwas anderes, zweites erscheinen, lassen das Bild
für sich und schaffen Raum.) Die Haare, Augenbrauen, Lippen
zunächst mal — um keine kalten stumpfen Töne zu haben — ,
mit Gold resp. Silber unterlegt. Mit dem kalten Glanz hört
das Leben, die Teilnahme daran auf. Wärme!
Die hohen Lichter hat man mit Wachs in Terpentin ab-
gedämpft. Wenn nun gar noch der Reiz des Marmors und der
Marmorarbeit hinzukommt!
Diesen farbigen Gegenstand kann man in fast jedes Licht
hängen.
Die Bruckmannsche Arbeit ist ja nichts Vollendetes, son-
dern nur ein Entwurf (und die erfahrungsmässige Wahrheit ist,
FARBIGE SKULPTUR 149
dass nichts, was farbig auftreten soll, etwa bildhauerisch unvoll-
endet gelassen werden könne) — nur Entwurf, nur Gips. Der
Bildhauer soll so weit gehen, als er kann (darum auch das
Material nehmen, in welchem das möglich ist — Marmor), —
dann soll der Maler kommen und auch seinerseits, rein malerisch,
mit der Palette so weit gehen, als er kann.
Das ist unsere Meinung. Barth (Ferdinand) meint, es sei
ihm zu viel gemalt. Er möchte es mehr bloss kolorieren. In-
dessen ist da immer einzuwenden, dass ja nichts in der Farbe
modelliert ist.
Nochmals: da ist ein Entwurf, ein Versuch, den man
nicht gleich in Marmor machen wollte. („Hier muss ich mehr
verbergen, als zeigen. In Marmor würde ich mehr zeigen
können", sagt Bruckmann.) Ergo hat der Maler vieles für den
Bildhauer machen müssen, was von dem nicht da war. Da es
jener nicht gethan, hat der Maler das Relief zur grösstmöglichen
Evidenz bringen wollen — der Bildhauer hat dem Farben-
menschen viele Schwierigkeiten gemacht.
Böcklin selbst würde ja lachen, wenn das Ding herunter-
fiele und zerbräche.
Summe der Erfahrungen in Böcklins und Bruckmanns
Atelier: Man soll mit den reifsten malerischen Erfahrungen,
der positivsten Kenntnis der Palette, in der malerischen Behand-
lung resp. Unterstützung der Wirkung so weit gehen als man
kann. (Um mit der Natur zu konkurrieren, ihr über zu werden,
aufzufallen, sichtbar zu werden, nahm man*) [von den Formen
abgesehen] Farben, die in der Natur selbst nicht vorkommen,
schon so den Gegensatz herbeiführend. Ein rein künstlerischer
Gedanke, im Gegensatz zu den thörichten modernen Natur-
sklaven.)
„Die Auslese in Bezug auf Erfahrungen auf dem Gebiet
der polychromen Plastik war über alles Erwarten gross und
reich. Vor allem zwei Punkte: die äusserste Formvollendung
der zu bemalenden Arbeit ist unbedingt erfordert, und ohne
Goldgrundierung eine ganze Reihe von Wirkungen nicht hervor-
*) Im Altertum. A. d. H.
150 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
zubringen", schreibt mir Bruckmann am 28. Mai 1888 aus
Zürich und Böcklins Atelier.
Die Bildhauerarbeit kann für die Bemalung nicht „fini a
genug sein. Der beste, klügste Böcklin kann sonst nichts
machen. Mit Löcher Hineinschlagen, wie beim Hals des Moses
von Michelangelo (der der erste Skizzenmacher war), um nur
die gewollte Wirkung zu erzielen, ist da für die farbige Behand-
lung nichts zu machen. Die Farbe bringt alles an den Tag.
Man sehe nur die Griechen an. Sie hatten doch auch Besseres
zu thun, als den Abbozzatore, den blossen Fertigmacher zuspielen.
Die Zeit war damals für den Erfindenden ebenso kurz, der
Marmor just so hart, die Bronze gerade so schwierig zu behan-
deln, wie heute. Und doch haben sie ihre — bemalten —
Skulpturen völlig fertig gemacht und nicht auf Wirkung hin
behandelt. Sie können das nur darum gethan haben, weil sie,
die erfahrensten Techniker der polychromen Plastik, die Un-
möglichkeit anders zu wirken, genau kannten. Freilich lag die
Verführung nach rein dekorativer Wirkung durch die Bild-
hauerei allein ihnen nicht nahe, da sie für diese auf die Farbe
rechneten.
Zur Technik: Eine grosse Schwierigkeit für den nicht
absolut Sicheren: Man kann wohl mit dunkel über hell lasieren,
aber nicht mit hell über dunkel, das wird sofort schmierig.
Heller konnte z. B. Bruckmann das Gesicht seiner Mädchen-
figur nicht mehr bringen, was doch, da ihm das Vollenden der
roten Haare den Fleischton ganz veränderte, nötig gewesen
wäre.
Weit abseits von den ins Volk gedrungenen Hauptsätzen
einer ererbten Ästhetik und ebenso entfernt von den einseitigen
Bestrebungen der modernen Kunst steht Böcklin. Und doch
dürfte niemand sich über seine Kunst klarer geworden sein,
niemand sich allseitiger mit ihr beschäftigt, sie allseitiger ernst
genommen haben und nur in ihr denken und leben wie gerade er.
Ich bin der Meinung, dass dieser nicht eigensinnige, uni-
verselle Maler für uns die Malerei der Zukunft bedeutet (über-
haupt für die bildende Kunst vielfach wegweisend sein wird),
wenn sie eine haben soll.
FARBIGE SKULPTUR 151
Ich bin der Überzeugung, dass wir hier Manifestationen
der reichsten malerischen Phantasie (Phantasie im Sinne des
beweglichen, kombinierenden Gedächtnisses für das stimmungs-
voll Angeschaute oder sonst Assimilierte), dass wir bei ihm
zugleich Bethätigungen des schärfsten künstlerischen Verstandes
gegenüberstehen wie den bemalten Figuren der Treu-Aus-
stellung in der Nationalgalerie oder der akademischen
Jubelausstellung, d. h. uns ist das Wesentliche oder doch vom
Künstler Gewollte, also Nötige, ungewohnt geworden (unheilvoll
verwirrend auf unsere modernen gelehrten — und künstlerischen
Anschauungen ja hat [abgesehen von den Missverständnissen
der Renaissance] nicht bloss „Winckelmann als Erzieher",
sondern auch Lessing mit seiner schroffen Grenzsperre zwischen
den Künsten gewirkt), m i t uns den meisten Künstlern — Böcklin
aber ist das Salz nie taub geworden, keine ererbte oder an-
erzogene Schulmeinung hat ihn auch nur für Augenblicke dumm
gemacht.
Gedanken über Bildhauerei etc. (Einzelnes.)
Die Bildhauerkunst der Alten ist schon darum von uns
nicht zu imitieren, weil sie zum grossen Teil auf dem täglichen
freien Verkehr unbekleideter Leute, der Öffentlichkeit des Lebens
und dem Verhältnis zwischen Liebhabern und Lieblingen, Herren
und schönen Sklaven beruht. Wie konnten da Anschauung und
Vorstellung immer sicherer, nach allen Seiten wesentlicher, be-
weglicher werden! Wer wird da an Modell gedacht haben!
Die alten Griechen machten sich nicht zu Sklaven der
wirklichen Natur. Um ihren Eindruck zu erreichen und das
menschliche Auge zu korrigieren, fälschten sie sie. Die Kur-
vatur ihrer Tempel ist doch schon der merkwürdigste Beweis
eines raffinierten künstlerischen Zweckbewusstseins. Zwanzig
Fuss unterm Boden leidet schon jeder Stein seiner Form nach
darunter, dass der Erbauer des Parthenon einen kleinen, rein
künstlerischen Vorteil oder Erfolg erzielen will: um für das
menschliche Auge horizontal oder senkrecht zu wirken, im
scharfen Gegensatz zu der weichhügeligen, gleichförmigen Natur,
arbeitet er alles geschwungen. Also man wollte konkurrieren
mit der Natur — •, da musste man genau wissen, was seinen
Zwecken diente und wie weit die Mittel reichten.
(Man sieht all diesen künstlerischen Willen, diese Absicht,
Gewalt am deutlichsten in ihrer Polychromie: Farben be-
nutzen und ausspielen, die die Natur nicht hat, die in ihr nie
vorkommen, sich also in bewussten Gegensatz zu ihr stellen.)
Zeus vonOtricoli. Giebt es ein schlagenderes Beispiel,
wie die Griechen (auf die das ja zurückgeht) ihre Weltan-
GEDANKEN ÜBER BILDHAUEREI etc. (EINZELNES) 153
schauung allein, trotz der Natur, durchzusetzen den Mut und
die Kraft hatten ! Aber freilich, in Ordnung hatte so einer sie
auch, seine Weltvorstellung: schneidig, bewusst, praktisch.
Die alten Griechen haben der Anschauung und Vorstellung
ihrer Leute nichts zugemutet — der Armbewegung des Zeus
entsprach die Schwere der Blitze, und umwickelt waren sie
auch noch — erst mit der R e n a i s s a n c e fängt das freie ornamen-
tale Spiel mit solchen Sachen an.
Das Vernünftige, Verständliche, Beherrschte ist doch die
Hauptsache. Ich kann doch nur in der Renaissance dem Moses
zwei Lichtstrahlen aus dem Schädel gehen lassen und verlangen,
dass jemand in Marmor darin Licht sieht. (Raffael malt seinen
Knaben auf dem Delphin ganz ruhig wie auf einem Tisch,
ohne ihn einsinken zu lassen. Er durfte offenbar schon denken:
so zeige ich meinem Publikum den ganzen schönen Kerl, sonst
nur einen halben. Das hätten die Griechen nicht versucht,
noch ertragen.)
* *
Diese Anfänge der Griechen! Das ist ja der grossartigste
Trotz der Welt, dass sie das rein Vorgestellte hinauszustellen
wagen in die atembare Luft, unter die herumlaufende Wirk-
lichkeit — während man heute das Modell abgiesst oder Photo-
graphien, — je zufälliger, je wahrer!!
M: *
*
Griechischer Bildhauer und sein Abbozzatore. Der
Künstler muss dem andern wenigstens deutlich gemacht haben,
was im wesentlichen die Absicht ist: das sind die Hauptpunkte,
da geht es hinunter, da stemmt es sich im Gegensatz auf —
sonst wirkt die ganze Richtigkeit nicht.
(Die Hälfte der Eigenart griechischer Bildhauerei erklärt sich
offenbar daraus, dass der Künstler sich auf das Modellieren oder
Zeichnen des Wesentlichen beschränkte — für den Abbozzatore.
Nun kann er mir doch nicht Alles verderben. Und das Ganze
— Gruppe, Farbe, Bild — übertönt das Gefehlte.
Selbst am Parthenongiebel haben ganz ungeschickte
Hände mitgearbeitet.
154 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNCEN UND ENTWÜRFE
Wie viel Sachen muss einer oft auf seinen Namen ver-
einigen lassen! Das erklärt sich nur so. Auch Michelangelo
musste so verbohrt eigensinnig sein und 90 Jahre alt werden,
um allein das fertig zu bringen, was er hinterlassen hat.)
* *
*
Im Sinne der Abbozzatori (Marmorarbeiter im Tagelohn)
sollte man endlich mal die antiken Kunstwerke (gerade bei den
„Antiken" verdanken wir den Abbozzatore-Wiederholungen fast
alles [das Wort Abbozzatore freilich mehr im Sinne des Wieder-
holers genommen, der er ja aber auch heute, im Grunde ge-
nommen, lediglich ist]) ordnen — Mode und Handwerk einerseits,
wirkliche produktive Arbeit von schöpferischer Hand andrer-
seits, allein unterscheiden. Aber darin herrscht noch die grösste
erklärliche Konfusion, da es der Wissenschaft auf hundert
andere Dinge ankommt (von denen allein sie auch Kenntnis
haben kann), als auf die reine Kunstfrage — die freilich doch
wieder die Kulturfrage xaf 8;oxnv wäre, wenn sie auch in
erster Linie Künstlerfrage ist. Anstatt des Menschen, der
Leben will und schafft, sieht man leicht den Kopisten oder
Abbozzatore, der ohne Sorge arbeitet, pfeift, wegschlägt: das
kann er. Sein Auge ist geübt, Material und Eisen ist er ge-
wohnt, die Hand sicher. Aber wie anders, wie uninteressiert,
beziehungslos zum Lebenswillen des Ganzen sieht seine Arbeit
aus! Alles gleichwertig, nirgends das Warum oder Warumnicht,
glatt und vergnügt wie der Schädel ihres Verfertigers.
Die „Venus von Medici" und auch die vom „Kapitol"
sind gewiss für Bronze gedacht. Welche Freude könnte ein
Bildhauer daran haben — der weiss, was Marmorarbeit ist —
diese Arbeit unter den Armen weg, bald von oben, bald von
unten, zu machen und welche Stärke der ersten Vorstellung,
um, trotz all der Ableitung doch etwas Frisches zu stände zu
bringen! Das ist nicht die Arbeit eines produktiven
Menschen, von dem doch die Figur ersonnen ist.
* •
»
Wir Deutschen haben ja nie eine ordentliche nackte
Menschenfigur modelliert. Man stelle nur eine Aphrodite von
Melos neben jedes unserer Bildwerke! Immer Grillenfängerei.
GEDANKEN ÜBER BILDHAUEREI etc. (EINZELNES) 155
Wie meisterhaft ist doch dem gepflegten Königspferd des
(später daraufgesetzten) Marc Aurel auf dem Kap i toi das
Vergnügen an seiner Existenz, die Genugthuung darüber,
auf den Leib geschrieben!
* *
*
Dieser Adler des Gian Bologna, oder wer ihn sonst ge-
gossen haben mag! Ein so kluger, überlegener Künstler, der
das gemacht hat! Allen Wert hat er auf die Bewegung gelegt.
Mit wenigen leichten Federmotiven kommt er aus, infolgedessen
wird einerseits jene interessanter, da nichts von ihr abzieht,
andrerseits gewinnt er an Volumen. Dieser Adler ist nicht
unser edles, spektakelmachendes Radautier, sondern die Bestie;
nur blank und glatt im Gefieder, den Kopf lauernd zur Seite
geneigt, ganz Anschlag, Aufmerksamkeit: man sieht, mit einem
Male ist er da und schlägt mit Schnabel, Krallen und Flügeln zu. . .
Alles hat seine dekorativen Hintergedanken — darum
versteht man so manches Ding in den Museen nicht oder ganz
falsch. Sobald aber so eine Fragwürdigkeit wieder an der
richtigen Stelle steht, spricht sie wieder den Ton aus, der da-
mit gemeint war.
*
Mass nehmen beim Bildhauen. Dann bin ich ein
Schuster, der Mass nehmen muss, aber kein Künstler. Wenn
eine Nase z. B. das ganze Gesicht überstrahlt, oder die Augen
thun es, so mache ich sie grösser, resp. wie sie mir vorkom-
men, bis ich diesen Eindruck erreicht habe. Sonst wird ja z. B.
eine Büste auch mein Lebtag nicht ähnlich, da sie doch eine Über-
setzung ist in ein anderes Material mit anderen Eigenschaften.
Ich mache ja die Erscheinung, nicht die Thatsache; wie es
mir vorkommt, nicht wie es ist. Der Bildhauerzirkel macht
die Wahrheit auf seine Art, und mir nimmt er die Freiheit.
* *
Farbige Vorstellungen! Moderne Bildhauer haben ja nur
noch Vorstellungen in Gips. Was ahnen sie vom Marmor,
mit dem sie selbst nichts machen können.
156 BÖCKL1N-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
Mit der zehnfachen Schwierigkeit der Bildhauerei (der
Malerei gegenüber) hat es seine guten Wege. Zunächst kann
ich doch immer nur eine Vorstellung von einer Seite haben
und werde froh sein, wenn ich die sprechend ausdrücken,
körperhaft erscheinen lassen kann. Siehe nicht bloss die Re-
liefs (deren früher geträumtes Gesetz der zwei idealen Flächen
längst als ästhetische Willkür selbst von der Archäologie auf-
gegeben ist*), sondern auch Giebelfelder, Nischen, überhaupt
alles Figürliche auf Hintergründen. Was liegt daran, ob sie
auch hinten, unten, oben und in allen ihnen nicht zugedachten
Lagen ausgeführt sind! Zu solchen Experimenten ist doch so
eine Arbeit nicht da. — Wer nicht an die absolute Figur unter
der Glasglocke glaubt, sondern an die, welche Licht, Luft,
Raum resp. Standort und Umgebung braucht und also in Rech-
nung zieht, wird das zugeben müssen oder doch der Über-
legung wert finden.
* *
*
Abbozzatore! Kaltblütig macht er seine Sache herunter —
pfeift dazu — alle Vorstellung von Fleisch geht bei dem
Strickstrumpf natürlich verloren — , das ist eben nicht Erfin-
dung, sondern Nachahmung.
Abbozzatore! Warum nicht? Ob der, der's fertig macht,
rote oder schwarze Haare hat — was geht's mich an!
Freilich ist zu bedenken, dass sich der Bildhauer sehr
wohl seinen geschickten Marmorarbeiter — heutzutage — ziehen
darf, wenn er nur das entscheidende Übergehen in Hand und
Meissel hat.
Wenn ein Bildhauer als Erfinder soweit ist, dass er die
Stellen, wo das Licht aufprallt, fest bestimmen kann — wie
Marees in seinen Aktzeichnungen für Bruckmann — , dann
hat er als Bildhauer leichtes Spiel.
*) Abgesehen von der längst zugegebenen, bewiesenen und dogma-
tisierten Farbigkeit, hat die Archäologie inzwischen — auch für die beste
Zeit, z. B. des Phidias — , die untere ideale Ebene des Reliefs als unhaltbar
aufgegeben. Es ist klar, dass diese raummordende, schulmeisterhaft kon-
struierte Pseudoebene mit dem Augenblick lächerlich war, wo man die raum-
schaffende Farbe zugeben musste. A. d. V.
GEDANKEN ÜBER BILDHAUEREI etc. (EINZELNES) 157
Natur und Kunst. Bronzen im Freien. Wenn diese
dumme Natur an dem durch und durch absichtlichen, fertigen
Werk herum schweinigelt (sie giesst darauf herunter, was sie
hat) — in dieser Beziehung hat sie gar nichts mit Kunst und
Kunstwerk zu thun. Wenn der Künstler patiniert, weiss
er, dass er seinem Werk nachhelfen, ein bewusstes Ausdrucks-
mittel im Sinne einer farbigen Skulptur anwenden will.
Atelier! sagen die Franzosen. Studio — die Italiener
— das gilt für jeden „artiste" oder „artista" — warum sagt
ihr Bildhauer nicht „Werkstatt"? Weil ihr nicht werken
könnt, sondern wenn das bisschen Erfindung hineingeknetet ist,
Leute braucht, die das Handwerk verstehen und euch zum
Sichtbarwerden verhelfen können.
Das ist der eine Standpunkt.
Der andere — wenn Böcklinisch, richtig, sonst immer
falsch und faul — sagt: ich erfinde. Das ist der Geist. Es
wäre schade um die Zeit, das auszuführen ; denn das kann auch
durch andere geschehen. Was kann ich nicht inzwischen Neues
erdenken! Wenn — ja. Meist aber gehört auch für den Genialsten
dazu, dass er das, was sein Abbozzatore macht, im wesent-
lichen der Marmortechnik, auch könnte und bewiesen hätte.
Der Bildhauer kommt um diese Kraftprobe nicht ungestraft
herum.
Breitgesichter — von Ohr zu Ohr gerechnet, nicht
wegen der Backenknochen, sind viel plastischer und inter-
essanter als Langköpfe. Das wussten die Ägypter und Griechen
sehr genau. Bei den Langköpfen ist höchstens das Profil inter-
essant, von vorn sieht man so gut wie nichts Sprechendes,
Brauchbares — keine Flächen, alles verschwindet.
Auch die modernen Römer haben so schöne breite
Köpfe. Wenn er oder sie sich irgendwie wendet, sieht man
immer wieder neue, sprechende, deutliche Flächen.
Ein nackter, etwa 15jähriger Italiener steht an einer Thür,
den Klopfer in der Hand, wie man etwa den seelenführenden
Hermes darstellt. Das Sonnenlicht direkt von oben. Alles
158 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
klug, gross, klar und offen. Hohes dichtes Haar auf dem deut-
lichen Schädel mit scharfem Schatten über der breiten Stirn,
breitschattende Wimpern — alles klar disponiert und prächtig.
Nur die Nase soviel unregelmässig, dass das Gesicht nicht lang-
weilig wird. Aber Nacken, Schultern, Arm und Hand, diese
Brust! Darunter allerdings die bekannten Wurst-, Nudel- oder
Maccaronibeine, ohne Kniee, ohne dass man sieht, wie das
zusammenhängt, wodurch es funktioniert oder nur steht. Keine
Knochen, Muskeln und Sehnen.
Wir sind wie gotische Kurrentschrift, lauter Spiesse und
Haken und Schnörkel. Wie die schönen klaren lateinischen
Anfangsbuchstaben sind in Italien — körperlich — die
Menschen auch.
* *
*
Danneckers Ariadne. Auf dem Katzenbuckel kann ja
niemand liegen, ohne ihn einzubrechen. Von einer kleinen
Gemme mag er das haben. Da bin ich in voller (freier, orna-
mentaler) Phantasie. Wenn ich aber mal in der realen Luft
der Bildhauerei atme, geht das nicht. Dannecker hat das auch
gefühlt; denn er hat den Panther so stämmig wie möglich ge-
macht.
* *
*
Adolf Hildebrand. Er ist sehr klug, kennt seine Mar-
mortechnik und die Bedingungen seiner Aufgaben: Das ist
wesentlich; — aber das muss noch wieder weg, das beein-
trächtigt; — das spricht nicht, ist nur zufällig und in der
Übertragung störend für den Zusammenhang wie für die Deut-
lichkeit des Wichtigen - - so was wird leicht gleichwertig und
damit das andere (also als wichtiger Gewollte) aufhebend. (Ich
habe nie mit Hildebrand über seine Kunst gesprochen. War
indessen in Florenz mit Karl Hillebrand bei ihm*) und sah
sein „ceuvre" in Gips, sowie mancherlei Neues in Gipsmodell
und Marmorarbeit. Auch in Thon arbeitete er gerade davon
- ich glaube Fiedlers und Hillebrands Büsten. Ich sprach
abends bei Rossi im Palazzo Strozzi zu Böcklin. Er war aber
ziemlich indifferent.)
Wenn er in die Tiefe gehen kann, der menschlichen Natur
*) Im April 1881. A. d. H.
GEDANKEN ÜBER BILDHAUEREI ETC. (EINZELNES) 159
nach, bis auf die Knochen — also in der Porträtbüste — ist
Hildebrand ganz famos, als Bildhauer also, — als Künstler
dagegen traurig, da fällt ihm gar nichts ein.
Bei solcher Arbeit*) (Porträtbüste) ist alles sachlich, nichts
persönlich. Hat er ihn mal, so lässt er ihn auch nicht wieder
los, bis alles drin ist, was sichtbar.
(Sachlich, rein sachlich sind wohl nur die Masse, nachher
fängt schon die persönliche Arbeit an, das Material tritt in seine
Rechte, ich kann nicht mehr die Dinge machen, sondern ihren
Schein, Haare kann ich aus Marmor nicht machen, sondern nur
etwas, was den Eindruck davon wiedergiebt.)
Das System hat er nach der Natur durchgebildet und mit-
genommen, dann aber das Feinere, Lebendige aus der Erinnerung,
nach Notizen und kleinen Zeichnungen und sonstigen Ge-
dächtnishilfsmitteln in Florenz fertig gemacht und herge-
schickt.
Büste des Herzogs Karl Theodor, — als solche vor-
züglich. Genie gehört dazu keins. Eigentlich sollte das jeder
lernen können. Nur Besonnenheit, kluger Verstand. Das
Sachliche ist ihm gegeben, die nötige Abstraktion wird durch
die Übersetzung in ein anderes Material erzwungen. Da macht
er, was ihm scheint, sonst was vor ihm ist. Die höhere
Modellarbeit.
Wie ein Renaissancebildhauer, ja. Nur hat er nicht die-
selben gesunden Gründe dazu wie einer von denen.
Hildebrand bringt es auch noch dahin, dass sich kein
Mensch mehr für ihn erwärmen kann. Wenn die Leute erst
anfangen: „Wie, mag ich das?" also mit dem Verstand lösen
wollen, ist's zu Ende.
Erfinden wollen, ist die Ursache der Kunst, nicht Fixieren
des Vorhandenen. Und wenn das auch für Hildebrand nicht
ganz zuträfe, so steckt er doch sicher in der Sackgasse:
Er will nicht etwas ausdrücken, sondern er will eine Figur
machen, die Figur, das „ceuvre", über welches die Welt staunen
soll und muss.
Die Alten sind alle nur Vorahmer von ihm.
*) Auf welche Büste sich die folgenden, Anfang 1889, in München
niedergeschriebenen Notizen beziehen, konnte ich nicht ermitteln. A. d. H.
160 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
Er bedeutet schon den Eispunkt. Da hat und verbreitet
Begas*) denn doch ein bisschen andere Wärme!
Gelegentlich seines für den Münchener Maximiliansplatz
bestimmten Brunnens:
Die Rechnung in jedem Sinn famos, sobald er aber
schenken soll, ist er geizig.
* *
*
Herr Urs Eggenschwyler, Bildhauer von Zürich, der
lebensgrosse Bestien, wahrscheinlich für die Naturgeschichte
herstellt, sagt, Thorwaldsens Löwe in Luzern könne nicht
stehen.
Warum soll er stehen können?
Er kann es nicht, weil die Nische zu niedrig ist. Er kann
es nicht, weil er ergo ein liegender Löwe sein musste, ferner
weil er ein sterbender Löwe ist, der sich nimmer aufrichtet.
Wenn er nur liegt. Das ist die Hauptsache, und da lag die
Aufgabe. Wenn die erfüllt ist, hat der Künstler sich aus-
gesprochen und wenig mehr mit anatomischen Nebendingen
zu thun.
Bei einem Denkmal, welches nicht das Denkmal eines
gewesenen, veritablen Löwen ist, sondern ein Symbol, wo man
etwas mehr Stil als anatomische Spezialkenntnisse verlangt,
dürfte doch wohl sehr auf solche Einzelheiten, die nacheinander
das Auge beschäftigen müssten, zu verzichten sein.
Thorwaldsen durfte gar nicht auf das kommen, was Herr
Eggenschwyler will. Wenn man so weiter ginge, müsste so ein
Tier bald auch noch alle Haare haben.
[Siehe den Naturalismus, z.B. Eggenschwylers Löwen.
Er präpariert die Skelette, die Felle, studiert die Bestien, sobald
irgendwo eine verendet, anatomisch, sonst lebendig im Käfig.
Er kennt den Löwen in- und auswendig. Aber gerade bei
seinen Bestien sieht man es so überzeugend: Der naturge-
schichtliche Löwe muss doch erst in einen künstlerischen über-
setzt werden, wenn er andere Funktionen übernehmen soll als
die eines Lehrmittels. (Und das kann er nicht einmal. Denn
bei aller „Richtigkeit" kann so ein Naturhistoriker-Bildhauer
das „Schwinden" im Gips oder Marmor nicht ersetzen, — er
*) Gemeint ist hier der Begas des Berliner Neptunsbrunnens.
An den heutigen Hofbildhauer darf man nicht denken. A. d. H.
GEDANKEN ÜBER BILDHAUEREI etc. (EINZELNES) 161
kann ja nur abgiessen, messen und das Gefundene genau machen,
und das stimmt, wie jeder Praktiker weiss, nachher im toten
Material nicht mit dem Bilde, welches das Auge vom Leben
bewahrt hat.) Er kann nie ein Löwe werden, vor dem sich
nur jemand fürchtet, er kann niemals als symbolischer Löwe
etwas Stolzes, Grosses vertreten, sondern wird immer ein
jämmerliches Einzelexemplar werden, halb Pudel, halb mageres
Kätzchen.]
* *
*
Wenn ich nur den Raum empfinde und zur Empfindung
bringe — das ist die Hauptsache. Nicht Reliefgesetze. Ob
ich den Körper einer Figur verletzen muss, wenn ich ein
dünnes Gewand über ihn lege — durch Einritzungen — weiss
nur der Bildhauer, dem durch den geringsten Auftrag alles
anders, plump wird. Er weiss allein, dass er entweder das
thun, oder seine schönste, nackt modellierte Figur, sobald er
sie mit Gewändern bedeckt, überall auspolstern muss, damit
die Form noch durchwirkt.
Das sind die anderen Bedingungen des Materials, der
Übersetzung, die eben nicht die Natur ist. Farblosigkeit (des
Materials), Blut (in der Natur) etc. spielen doch ihre grosse
Rolle.
Floerke, Böcklin.
i:
Technisches.
Die Palettenfrage ist nie so klug und
sachbewusst zu lösen versucht worden,
wie durch Böcklin.
„Es ist ungeheuer viel Handwerkliches in der Kunst, viel
Erfahrungssache dabei, viel Probieren nötig, viel mechanische
Arbeit." (Schon darum ist sie ganz etwas anderes als die rein
geistige Arbeit des Dichters. Schon darum kann ein rechter
Maler, der etwas bei der Seele hat, viel länger und viel mehr
arbeiten als ein rechter Poet.)
Man kann nicht ganz Genie sein, man muss auch ver-
gnügter Handwerker sein.
Der Geistesgegenwart, Entschlossenheit, wie dem Plötz-
lichen in der Malerei sollte es leicht gemacht werden durch
das Material. Wie viel fliegt einem nicht zu während der Ar-
beit! Wie viel ist unvorbedacht praktische Erfahrung während
der That! Und die günstige Minute entgleitet so leicht! Am
andern Tag ist einer in ganz anderer Stimmung.
„Wir sind (die heutigen Maler) ja alle Abenteurer, ohne
Halt, Steuer und Kompass. Jeder in seiner Nusschale. Keiner
hat einen Halt an Früherem. Er weiss nichts, glaubt nichts,
schaut nach und versucht's."
Ohne Konvention, ohne Überlieferung! Wie viel geht
verloren, weil der Letzte, der es wusste und seine Vorteile
kannte, es nicht weiter sagte oder sagen konnte. Dann steht
man davor: wie ist das gemalt!? Georg Hirth sagt es
nachher, aber es ist nicht wahr. Und welche Fülle von gün-
stigen äusseren Zufällen und Kombinationen braucht es, bis so
etwas wieder gefunden ist! Wenn einer mal nicht mehr weiss,
dass Dampfnudeln und Strauben nur nach einer Seite gerührt
werden dürfen — dann verliert er seine Zeit, mit den Nudeln ist's
aus, und man kann lange warten, bis das jemand wieder auffällt.
TECHNISCHES 163
Nachdem der Farbenmensch Böcklin einmal geboren war
— und zwar mit diesem enormen Willen und Gedächtnis —
war der Techniker, der ihm erst die verlorengegangenen Aus-
drucksmittel wieder verschaffen musste, notwendig. Suchen,
Erfahrungen machen, war sein natürliches Los, weil der einzige
Weg vorwärts zu kommen. Und wenn er nie aufgehört hat,
nach immer deutlicheren Ausdrucksmitteln zu suchen, um was
ihn gefreut, immer schöner und lebensvoller darzustellen, so
kann ich darin nur eine weitere Bestätigung seines rastlosen,
nie einseitigen Künstlergeistes sehen.
Böcklin ist durch und durch Maler, der richtige Maler.
Er hat an Malmethoden soviel wieder herausversucht und fest-
gestellt wie kein anderer. Ihn lässt das immer rege Gefühl
des echten Malers für seine technischen Mittel nicht ruhen,
trotzdem er so gering denkt von der darstellenden Technik,
wo sie um ihrer selbst willen bewundert werden will. Aber
das ist bei ihm nicht Lust am Handwerkern und Zeittotschlagen.
Im Gegenteil, der Wunsch lebt darin immer schneller und deut-
licher das ausdrücken zu können, was er noch alles zu sagen
hat, immer schneller und flüssiger vortragen zu können und
nicht zum mindesten seinen Bildern Dauer zu geben.
Alles, was er in alten Rezeptbüchern auftreiben konnte,
versuchte er successive und fand so durch die Praxis manche
richtige Auslegung derselben. Auch die griechischen Schrift-
steller durchsuchte er nach technischen Rezepten, die er alle
praktisch versucht und interpretieren gelernt hat.
Wir haben zwar keine technische Überlieferung, aber eine
Vergangenheit. Wenn Böcklin irgendwo immer wieder hin-
schnuppert und den Knochen vergraben weiss, so sind es die
altrheinischen Meister.
„Man bleibt sein Lebenlang ein dummer Junge. Nach
zwanzig Jahren komme ich manchmal auf das Ei des Kolumbus.
Hätte man mir das damals gesagt, hätte ich es damals gewusst,
wieviel Dummheiten hätte ich unterlassen, wieviel weiter wäre
ich, denk' ich oft."
„Malerei ist ein Überzug. Bei jedem der halten soll,
muss die untere Schicht die härteste sein. Das Bindemittel ist
11*
164 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
das Härteste, jede Zuthat von Farbe erweicht dasselbe: Also
wenig Farbe, Farbe ruiniert. Es entstehen Risse, wenn man
das Härtere nach oben nimmt."
„Die Eigentümlichkeiten, die „Individualität" des Materials
wollen zum Ausdruck gelangen."
Schon in den fünfziger Jahren bereitete Böcklin punisches
Wachs („Wachsseife") und malte damit. Ebenso Fresko.
Von seinen für Schack gemalten Bildern war eines, ein
antikes Oktoberfest (die erste Form von „Vinum bonum" und
„Vinum Optimum") mit Weihrauch gemalt, d. h. die Farben
damit gemischt. Die zunächst blinde Malerei wurde durch Über-
gehen mit einem heissen Eisen wie mit einem festen durch-
sichtigen Firnis überzogen. (Schack refüsierte übrigens das
Bild.)
Die Eitempera führte Böcklin zuerst ein. (1874 in München
und Florenz.) Eiweiss mit Firnis gemischt, mit Terpentin ver-
dünnt und Petroleum dazu geschüttet, auf dicken schluckenden
Grund aufgetragen.
Er malt jetzt (1883, Florenz) mit purem Leim. „Was
man zu sagen hat, ist damit bald und mühelos gesagt. Die Mal-
mittel sind die Haupthindernisse."
Er hat mal wieder (November 1885, Zürich) ein neues
Malmittel erfunden. Nach Tempera, Petroleum, reinem Leim,
Fresko und Gott weiss was, braucht er nun einen Firnis, der
wie reiner Leim aus dem Pinsel fliesst. Das erste Bild, welches
er damit gemalt hat, ist in der That weniger spröd als andere,
sondern weich, morbido, im Vortrag, an Tademas Marmor
etwa erinnernd. („Vinum Optimum.") Der Firnis besteht aus
sechserlei: gekochtem Leinöl, Bernstein, Mastix, Balsam copaive,
Petroleum und Terpentin. (Er hat in seinem Leben Kameen
geschnitten, gebildhauert, farbige Skulpturen gemacht, Fresken
gemalt, die alte Tempera wieder neu belebt, mit purem Leim,
mit Petroleum etc. gearbeitet und nun benutzt er wieder ein
TECHNISCHES 165
Malmittel, durch welches faktisch der Vortrag seiner letzten Bilder
(seit dem „Vinum Optimum") etwas besonders Weiches und
Flüssiges erhalten hat. Es steckt noch ein Stück alter Künstler-
schaft in ihm, die noch etwas gelernt und erfahren haben musste
und den goldenen Boden selbsterworbener Technik hochachtete.)
Böcklin zeigt mir dabei einen neuen Zinnober und freut
sich, wie der bei (künstlichem) Licht leuchtet (während sein
stärkstes Blau farblos und dunkel wird, so dass von der Ab-
sicht, mit der es hingesetzt war, das Gegenteil übrig bleibt).
Er war auch bei Tage schön, der rote Zinnober, aber lange
nicht so. „Wissen Sie, warum ich das hingestrichen habe?
(Als Gewand eines tanzenden Frauenzimmers). So was braucht
man, nicht bloss weil es immer vornsteht, wo man's auch hin-
setzt, sondern auch, um so neutrale Töne, wie die da im Hinter-
grund daneben (Aussicht auflichtgraues Meer) zurückzubringen."
Und wie weit gingen die Fernen zurück!
(Mai 1887.) Sein neuestes Malmittel ist halb Bernstein-
firnis, halb Kopalfirnis.
Schellack, Kolophonium, Kirschharz etc. sind Lacke, jetzt
lebende Harze. Im Gegensatz dazu die fossilen Harze: Bern-
stein und Kopal. Letztere sind die einzig brauchbaren, fast
unveränderlichen, in schönen Stücken in gekochtem Leinöl ge-
schmolzen.
* *
*
Jetzt (Mitte 1888) malt er mit Kirschharz und Wasser,
nach einem von Lessing mitgeteilten Rezept.
* *
*
„Gelöschter Kalk mit Zieger*) zusammen auf der Reibplatte
gerieben, giebt eine harte, in Wasser unlösliche Verbindung.
Auch das alte Fresko war nicht allein durch die Aus-
schwitzung des Kalks gebunden, sondern durch Zufügung eines
organischen Körpers, KaseTn oder Milch. Daher Glanz und
Leuchtkraft. Alle späteren sind matt."
*) Nicht grüner Ziegerkäse, sondern Quark, d. i. die nach Ausscheidung
der Molken von geronnener Milch übrigbleibende weiche käseartige Masse.
Diese braucht der Zimmermann in einer Mischung mit gelöschtem Kalk, um
Hölzer aneinander zu kleben, welche der Witterung ausgesetzt werden sollen.
Diese Klebemasse hält die Hölzer auch im Wasser zusammen, im Gegensatz
zum Tischlerleim. A. d. H.
166 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
(Aber sollte nicht gerade die Anwesenheit eines organischen
Stoffes der Anfang vom Ende sein?)
Böcklins Basler Fresken nach Vitruv.
Freskotechnik: Grober starker Untergrund, etwas
feinere Lage darüber, noch feiner die dritte. (Drei Siebe ver-
wandt.) Die dritte Lage wird geschlagen — allerdings erwiesen
sich die Stöcke und auch die vorgeschlagenen schwanken Latten
als ganz wirkungslos, wohl aber thaten grosse, schwere und
breite Holzklötze, die an Stöcken (als Handhabe) befestigt
waren, den gewünschten Dienst. (Böcklin sah das auflschia.)
Dann noch zwei feine Schichten — fünf im ganzen. (Die
ersten nur mit dem Richtscheit abgestrichen.) Man konnte
dann vierzehn Tage feucht malen.
„Diese KaseYn-Farben sind direkt gefährlich. Man kann
mit ihnen umgehen, wie man will, darüber malen, fertig machen,
immer nochmal, bis so eine Figur blank und voller Zieraten
dasteht. Dann glaubt der Maler, der es so bequem hatte, und
alles zeigen konnte, was er gelernt hat, und womit man besticht,
er habe etwas ganz Besonderes geleistet, und das Publikum
glaubt es erst recht; während eine wahrhaft monumentale
Kunst wie eine grosse Improvisation sein sollte — denn, caeterum
censeo: das Viele bringt das Grosse um."
Weiss leuchtet nicht, d. h. pures Weiss (ohne Cadmium etc.).
Grün leuchtet nie.
Jetzt (Mitte 1889) hat er wieder nach einem Rezept des
Theophilus nichts weiter als Wasser, Terpentin und Copaiva-
balsam als Malmittel und bewies mir überzeugender als je in
der Alten Pinakothek (München), dass die ganze van Eyck-
Schule, trotz aller auf Ol lautenden Kontrakte, dass Dürer
in den meisten Fällen nicht, dass Rubens nicht und Tizian
nicht in unserm Sinne mit Öl gemalt haben können. Pinsel-
strich, Flüssigkeit, nachweisbare Schnelligkeit der Übermalung,
Farben, die es in Öl nicht giebt, etc. Eine Reihe von Farben,
TECHNISCHES 167
die noch Dürer hat, sieht er mit Neid — wir haben sie nicht
mehr. So etwas ist etwa durch Zufall gefunden und — einmal
verloren gegangen — braucht es einen neuen Glücksfall. Überall
bedauert er die Unterbrechungen in der Überlieferung. So hat
er denn auch einen Heidenrespekt vor allen schriftlichen Re-
zepten des Altertums. Denn dass die Alten auch in der Malerei
mit vollem Bewusstsein viel gewusst und gekonnt haben, ist
ihm ganz klar.
* *
*
Böcklin führte zum erstenmal wieder ganze Farben in die
Malerei ein — Siegellackfigürchen sagten die Münchener als er
Zinnober brauchte.
Sorgfältige selbstgeschliffene Gründe, er korrigiert nicht,
sondern kratzt weg und malt's neu. Seine Farben reibt er
meist selber. Er experimentiert aus, um die Sache so schön
wie möglich zu machen, das Wasser rieselnd, das Glas durch-
sichtig, das Gold flimmernd. Die wichtigsten Wahrheiten sagt
er witzig — oder andeutungsweise.
Er konnte vierzehn Tage malen an einem Bild.
Er nahm die Welt als ein Ganzes, von der dem Maler-
poeten alles gehört. Bei wenigem Fremdartigen mag allerdings
das Farbenexperiment den grösseren Anteil haben, aber ge-
schadet hat er sich mit diesem gewiss nicht.
Böcklin lacht natürlich über alles, was Ateliergeheimnis
heisst.
Böcklin und Hans von Marees;*)
eine Parallele.
Böcklin will die Erscheinung — also auch das sie Be-
stimmende — in ihrer stimmungtragenden und vermittelnden
Wesenheit. Im Gegensatz zu ihm prätendieren die Marees,
Hildebrand, Pidoll, zur Helle etc. nicht nur bis zu den
Lebensquellen einer einzelnen ruhigen Figur zu dringen, sondern
auch alles, was sie je bewegt hat, und was sie ahnt, hinein-
geheimnissen zu können.
Marees will alles vollständig, im höchsten Sinne, das,
was es sein kann, gewesen ist und sein wird, Böcklin dagegen
alles relativ, nur des Gesamten, der möglichst deutlich auszu-
drückenden Vorstellung wegen.
Zur Helle: „Nur nicht das Reizende, nur das hinaus!
Das Strenge, Wesentliche ist's, von dem nichts abziehen darf.
Abgrundtief muss so ein Menschenbild dastehen."
So steht das denn ohne Rücksicht auf malerische Wirkung
nebeneinander. Die Menge der gleichartigen, gleichwertigen
Dinge macht solche Bilder so eindruckslos, während Böcklins
Sachen auf lauter malerisch klugen Kontrasten beruhen.
Marees giebt nicht nach. Wenn er einmal eine Vorstellung
sich gemacht hat, so muss sie so und nicht anders heraus, und
*) Das Nachstehende, so weit es persönlicher Natur ist, kommt viel-
fach aus zweiter Hand. Ich habe nur insofern ein eigenes Recht daran, als
ich über Marees mit seinen nächsten Schülern und Freunden reden konnte
und seiner Zeit vielfach in deren Interessen und Anschauungen, die (was
die Kunst anlangt natürlich) meistens von ihm gepflegt und grossgezogen
waren, aufging. Anm. d. Verfassers.
Original in der K. Galerie zu Schleisshe
HANS VON MAKEES
DIE LEBENSALTER
BÖCKLIN UND HANS VON MAREES 169
wenn er jahrelang sich mit ihr und seinen (unzulänglichen)
Mitteln herumbalgen sollte.
Böcklin, der von vornherein nur innerhalb seiner Mittel
denkt, stutzt bei der ersten Schwierigkeit, sagt vielleicht zu der
Idee nochmal: dreh' dich mal um, ob's dann geht — dann ist's
aber auch gleich aus: das Ding muss von vornherein falsch
gedacht sein — weg damit!
Dem Mareesschen Selbstterrorismus war Böcklin zu be-
weglich, zu leicht — was kümmerte den eine Schulterverkürzung,
wenn er nur das Bild hatte. Marees musste aber gerade die
auch haben, und wenn auch aus dem Bilde nichts werden sollte
oder das Bild daran zu Grunde ging.
Und so malte Marees schliesslich wegen der Schwierig-
keiten, Böcklin trotz ihrer.
Marees hat seine philosophisch ausgetiefte Vorstellung
und quält um ihrer künstlerischen Verwirklichung willen die
Mittel. Bei Böcklin sind Vorstellung und Mittel eins, zu gleicher
Zeit geboren, übersehen, überlegt, und dann wird so ein Bild
das einfachste, klügste Rechenexempel, das möglich ist: „was
kann ich machen, wie weit reicht die Palette, was kann sie
aussprechen, was muss ich haben, um das und das auszudrücken
— und übrigens muss ja nicht alles gemalt werden, was einem
einfällt." Dabei ist er natürlich der gleiche Poet geblieben.
Wer wird sich selber los! Er kommt sogar dem Publikum,
soweit es sein künstlerisches Gewissen erlaubt, entgegen, er
will verständlich werden, deutlich sein, Freude machen, während
Marees sagt: Maul halten! Das (sein Bild) ist die Manifestation
einer Individualität. Anschauen, zu ergründen versuchen und
sich davor verneigen! Denn was giebt es Höheres?
Böcklin dagegen sagt: „Das Typische, die Abstraktion im
Sinne Marees' ist nichts. ObjektiveMenschen, gedachteMenschen,
wie sie vielleicht hätten sein sollen, giebt es nicht. Man muss
verständlich, durchsichtig seine einzelnen Vorstellungen aus-
sprechen". Er freut sich auch jedesmal ehrlich, wenn einer vor
ein neues Bild bei ihm tritt und seine offene Freude daran hat.
Marees dagegen sagt: Ein Laie versteht davon doch nichts.
Die andern Knoten auch nichts. Hinaus!
Was man vor 1868 in München Kolorismus nennen
zu sollen glaubte, malte Marees lange vor ähnlich bewussten
170 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
Strebungen anderer (z. B. einen Schimmel in der Sonne vor
einer weissen Mauer), dann Porträts wie sie später Lenbach
wieder aufnahm (nur hat er [Lenbach] nie diese ersehnte fette
Rembrandtische Breite erreicht), und das war schon nichts als
Versuchen, Suchen, Lernenwollen. Er ist dann später in ein un-
erbittliches, immer tiefer grabendes Formenstudium aufgegangen.
Alles, was sich nur künstlerisch erreichen und ausdrücken Hess,
suchte er durch die Form zu bewältigen, immer wollte er nur
lernen, lernen, um tiefer zu dringen, einfacher mehr zu geben.
Er ist darüber den Zeitanschauungen und Modestrebungen sehr
fremd und feindlich geworden, und die Zeitgenossen werden
fragend vor seinen Bildern stehen. Man wird sich mühsam an
ihn gewöhnen müssen, ebenso wie man sich an Böcklin erst
hat gewöhnen müssen.
Marees (der früher alles mögliche machte) sah, bei seiner
philosophisch angelegten Art, dass unsere heutige Kunst die
älteste, schwierigste, grundleglichste und ewige Grundfrage alles
künstlerischen Interesses überall vernachlässigte oder umging : das
Begreifen des menschlichen Körpers in seinem Zusammenhang.
Er warf sich nun ganz auf diesen Punkt, in welchem er zu
unglaublichem Bewusstsein und klarstem Können kam. Er zeich-
nete für seine Schüler — Bildhauer z. B. einen Akt von vier
Seiten im Gespräch hin, damit diese die Hauptsachen begriffen
hätten, bevor das Modell kam. („Glauben Sie aber nicht, dass
das mit der Kunst etwas zu thun hat, was wir hier treiben. Das
kommt noch weit vor dem Anfang", sagte er dabei.) (Marees'
Zeichnungen sprechen nicht — wie die der alten Meister oft —
für das, was er gekonnt. Er zeichnete ja nicht, um eine Zeich-
nung herzustellen, sondern nur für seinen Zweck im Bilde.)
„Der Mensch", der Mensch in der Natur war das,
was ihn ganz erfüllte. Bis zum Gewand, seinen Gesetzen und
seiner Rolle im Zusammenhang — wie Michelangelo — kam
er nicht. (Wurde auch nicht so alt.) Er sei ein Anfänger,
meinte er und könne sich noch nicht soweit vorwagen. (Andere
Lebewesen: Pferde, Hunde etc. gehörten schon in seinen
Bereich. Eine Menge Blätter von ihm sind nur Gespräche mit
dem Rötel über dies oder jenes Tier: so würde ein Hund das
machen, ein Wolf dabei so aussehen.)
vai in der K. Galei isskehn.
HANS VON MAREES
DIE HESPERIDEN
BÖCKLIN UND HANS VON MAREES 171
Schnurgerad und unbarmherzig, nirgends kümmerlich, Klar-
heit, männliche Kraft, Entschlossenheit überall, ja, — aber das
sind ja lauter Vorbereitungen. Er kommt ja nicht zu dem,
was er will, und stirbt darüber, und wenn er hundert Jahr alt
wird. Er ist mit seinen ewig ungenügsamen Abstraktionen auf
dem besten Wege, die Mittel für den Zweck zu nehmen.
Die Welt besteht doch nicht bloss aus nackten Menschen,
sondern aus tausend anderen Dingen, die dem Künstler zu-
gänglich sind.
Er blieb dabei: es kam ihm nur darauf an den bewegungs-
fähigen Menschen im Zusammenhang zu erkennen, künst-
lerisch zu erfassen. (Obgleich er zunächst das Wichtigste be-
tonte, übersah er doch nichts, was zur Mechanik des Ganzen
gehört.)
Nur auf den Zusammenhang des Körpers kam es ihm an.
(„Der Kopf ist bloss ein Kopf. Wurscht. Aber das z. B.
herauszubringen, worin es liegt, dass der so lässig dasitzt, das
ist eine Sache." [Die Beine waren nach ihm das Schwerste
— „nicht bloss, weil daran alles überall so drumherumgeht —
das ist bei den beweglichen Armen auch nicht leichter — aber
auf den Beinen steht man, sie tragen die ganze Figur und ihre
Bewegung. Fehlt es da im Geringsten, gleich ist der ganze
Kerl nicht in Ordnung".])
Vom Skelett wusste er nicht viel. Das ging ihn auch
gar nichts an.
Perspektive ist Unsinn, sagt er. Aber dafür war sein
Geheimnis, das ihn die Erfahrung gelehrt, dass alle seine Figuren
sich stets überschnitten. Allerdings tritt begreiflicherweise das
Überschneidende schon dadurch vor, dass es dies ist.
„Ach was, schön! Ein Ding an seinem rechten Fleck
ist schön" (vergl. Böcklin : „Kolorismus! Unsinn! Farbe ist
dann schön, wenn sie ihren Zweck erfüllt").
Niemals geistreich sein wollen, nur nicht posieren,
das war sicherlich eine der ehrlichsten Sorgen Marees'. Ein
unerbittlicher Verstand, ein ebensolches Herrscherbewusstsein,
Souveränetätsgefühl erfüllte ihn und trug sein ganzes künst-
lerisches Wollen.
172 BÖCKLIN-AUFZE1CHNUNGEN UND ENTWÜRFE
Sein alles waren die Griechen. Und ihm wie ihnen war
die vorgestellte Welt lieber, stand ihnen höher als die schon
einmal vorhandene.
Man ist immer in Renaissance- oder (in deren Sinn) an-
tiker Atmosphäre bei ihm, allerdings ohne dass man an Nach-
ahmung denken könnte.
D. h. was die Alten wollten, wissen wir ja nicht, so wenig
wie die Quattrocentisten: wie die Skizzen und ersten Mo-
delle ausgesehen haben mögen, die z. B. des Phidias eigenster
Geist, verkörpert, waren, nur das enthielten, worauf es ihm
ankam. Er musste die Sache ja dann dem Marmorarbeiter
weitergeben etc., denn er hatte Besseres, Neues zu thun.
Insofern sahen schon die Alten nicht den lebendigen Geist
ihrer Meister durch und durch, so lange sie auch dessen
fertiggestellte und an Ort und Stelle gebrachte Verkörperungen
„intakt" bewunderten.
Marees' Kunst steht da — zwanzig Stufen hoch — wie in
einem Chor (San Zeno) — mit der Krypta der Antike und
Renaissance unter sich, an die man erst einmal glauben muss,
und nach denen die Kirche heisst. Oben wird nur celebriert.
Was sich in den Schiffen herumtreibt, ist unheiliges Volk.
Böcklin: „Die Alten sind auch nur dadurch gross geworden,
weil sie den Vorstellungen und der Anschauungsweise ihrer
Zeit künstlerischen Ausdruck gaben. Aber wenn jemand (wie
Marees) die „drei Grazien" macht, so malt er für uns drei
nackte Frauenzimmer, die sich in unpassender Weise zusammen-
drängen und sich betätscheln. Denn, was ist uns Hekuba?
Was bedeuten für uns die drei Grazien? Welchen Platz
nehmen sie ein in unserem Glauben und Vorstellen? Sie exi-
stieren darin nicht trotz aller klassischen Bildung und Ein-
bildung Gebildeter. Sie sind Nuditäten."
Bruckmann meint im Gegensatz zu Böcklins Urteil über
etwaige drei Grazien oder ähnliches: „Marees' Figuren sind
nackt. Darf ich die Erde nackt sehen und darstellen, so
kann ich auch die aus ihr hervorgegangenen Menschen dar-
stellen, so wie sie geschaffen sind, wie sie sind, ohne den
wechselnden Kram, mit dem Prüderie, Eitelkeit und Bedürfnis
sie behängen, und der mich nicht interessiert. Und seine,
Marees', Geschöpfe wirken nicht wie Nuditäten, man kann die
BÖCKLIN UND HANS VON MAREES 173
prüdeste Engländerin davor stellen. Sie sind reine Produkte
seines künstlerischen Verstandes."
Böcklin hat sich doch wohl viel zu wenig mit Marees be-
schäftigt. „Aktzeichnen," meinte er z. B. in Rücksicht, dass
Marees scheinbar nie etwas anderes that, nie weiter kam, —
„Aktzeichnen kann doch jeder Pariser hundertmal besser."*)
Offenbar achtete Böcklin gar nicht darauf, was Marees mit
seinem Aktzeichnen suchte; gewiss nicht den Akt. Nicht den
menschlichen Körper oder das Individuum, sondern die Wesen-
heit, den Menschen, eine Art Abstraktum, und für sich suchte
er die Freiheit, das volle Verständnis, die Souveränetät. (Über
die Hesperiden**) von Marees war Böcklin übrigens seiner
Zeit so entzückt, dass er ihm einen langen begeisterten Brief
schrieb — den Marees allerdings mit seiner ganzen übrigen
Korrespondenz verbrannt hat, den Bruckmann, Böcklins
Schwiegersohn, aber noch, wie er mir erzählt, gelesen hat.)
Das Individuum kann sagen: heute will ich lustig, traurig
sein, so sein oder so sein. Das also ging Marees nichts an.
Er wollte nur das Wesen, den Begriff Mensch, oder besser
den Inbegriff alles Menschlichen, in dem alles liegt, aus dem
alles möglich und erklärbar ist, — wie er sich die Absicht des
antiken Künstlers vorstellte. „Ich kann ja aus mir von der
Sonne dasselbe herausbrüten lassen wie die Griechen", meinte
er, „die Welt hängt immer in denselben Angeln, die gleiche
Sonne scheint, alle Bedingungen sind da." Vielleicht vergass
er gerade die eine: die Böcklin sehe Heiterkeit und Sorg-
losigkeit des Schaffens.
Doch ging er mit einer fabelhaften Zuversicht immer von
neuem wieder vor.
Er mit seinen blossen nackten Existenzfiguren konnte
natürlich in unseren Tagen nur noch in Rom leben.
Langweiligen Kerlen gegenüber, die er doch nicht los werden
konnte, log er: er rettete sich so durch Produktion vor dem
faden Gespräch. Alles setzte sich bei ihm in Produktion um.
*) Siehe: „Urteile über Andere", pag. 186. A. d. H.
**) Im Besitz v. Conrad Fiedler, jetzt in Schieissheim. A. d. H.
!74 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
Häufig wandte er als Redensart den Goetheschen Vers:
„Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg", an, den er wie
entschuldigend für sich vorbrachte, wenn so ein Geheimrat an
seinen Bildern herumfragte. Und ebenso boshaft: „Man soll
nie sagen, was 'ne Sache ist." Allerdings ist das letztere
sozusagen das Motto seiner Selbstungenügsamkeit.
Marees wusste nicht, ob das was Bruckmann brachte,
Schneeglöckchen oder Maiglöckchen waren. Ich bin kein
Blümchensucher. (Hildebrand macht ihm das nach.) Erkennt
keine Liebe für das Kleine, für den Geruch, — keine Spur von
deutscher Intimität, Sinnigkeit. („Um Dürers willen wäre ich
gewiss nicht Maler geworden" [so wenig Marees Dürer nachem-
pfand, so wenig imponierte ihm Rubens. Als Künstler gar nicht
sehr. Er war ihm zu oberflächlich, schnell zufrieden, Dekorateur.
Ja freilich, Rubens beherrschte das All und malte zahllose Bilder].)
Böcklin dachte bei jener Blumenscene natürlich: o du . . .!
„Wo stehen solche Dinger?" fragt Hildebrand, durch
ihren starken Geruch auf Veilchen aufmerksam gemacht, die
jemand in der Hand trägt.
— „Grad hier an Ihrem Haus, wo alles vollblüht, habe
ich sie gepflückt."
Er wusste das gar nicht. Dergleichen Nebensachen wie
Frühling und Veilchen gingen ihn nichts an.
Da jenen nun ihrer männlichen Anlage gemäss doch etwas
Lebensaufgabe sein musste, so wurde es das Allgemeine. Philo-
sophiert wurde viel, besonders Spinoza.
Ich denke immer, das jüdische Blut, das in beide hinein-
spielt (Hildebrands Mutter war eine Jüdin, ebenso Marees'
Grossmutter, wenn ich nicht irre), kann dabei mitgewirkt haben.
Marees sah aus wie ein Franzose. Auch Bart- und Haarwuchs.
In ihm war die ganze ursprüngliche Absicht der Natur mit
seinem Stamme noch einmal zum Durchbruch gekommen.
Marees war technisch und persönlich ungeschickt. Wenn
er sagte: „so muss man den Pinsel halten" (er lehrte ja so gerne),
lief ihm der Terpentin in den Ärmel; bei den grossen gelben
BÖCKLIN UND HANS VON MARIES 175
Pflaumen auf Ischia (die wir assen, während der Bursch lang-
sam vom Cafehaus her mit dem Kaffee durch die Sonne über
die weisse Strasse kam), ging's ihm ebenso. Er konnte sie nicht
brechen, sondern zerquetschte sie, und der Saft lief ihm in die
Ärmel. Er kriegte bis der Bursch da war nicht eine, ich ass
zwölf. Eier dito: er drückte zu stark, und sie liefen ihm über
die ungeschickten Finger. Maccheroni konnte er nicht zum
Munde bringen. Wenn er fertig war, lag alles um ihn herum,
auf dem Hemd, sass im Bart etc. Fisch wurde immer mehr
unter seinen Händen — der Schweiss stand ihm dabei auf der
Stirn: es blieb dreimal so viel übrig, wenn er gegessen hatte
als vorher war: er brächte das Wunder der Speisung der 4000
fertig. Äpfel — er schälte so lange, bis er etwa einen Würfel
hatte, kaum ein Drittel der Frucht. Zu dieser Ungeschicklich-
keit kam noch, dass er sehr schwächlich war. Wenn er eine
Stunde gearbeitet hatte, war er kaput.
„Allerdings" begann Marees jede Erwiderung. Das Hess
ihm Zeit und späteres Recht zu Einschränkungen.
Auch Böcklin ist stets so höflich anzufangen: „Zum Teil
haben Sie gewiss recht", nachher hat er dann immer noch die
Möglichkeit das Ganze umzustossen.
„Sind die Lichter, die aufgesetzten, von Ihnen?" fragt
Bayers dorfer Bruckmann, der ihm Handzeichnungen von
Marees zeigt. Ich lache. Bruckmann sagt: „Wissen Sie, Herr
Doktor, wenn ihm links sein Blei nicht mehr ausreichte und
alles Lecken es nicht mehr schwärzer machte, versuchte er es
eben rechtsrum mit aufgesetzten Lichtern."
Bruckmann setzt Wollen und Können daran, die Marees'schen
Anschauungen bei Seite zu lassen, in den künstlerischen Inten-
tionen Böcklins klar zu sehen und das Seinige davon dem Alten
zur Hilfe auszuführen; und wahrhaftig — wenigstens anfangs —
oft mit grossester Entsagung des Bildhauers gegenüber dem Maler.
176 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
Unterschiede.
Böcklin erzählt, voller Freude an seinem Reichtum und
dem der Natur, mit der er auf du und du steht.
Marees will herrschen; er wartet nicht auf den glück-
lichen Moment (ich weiss Tage und Bilder, da wollte er nicht
seine gute Stunde abwarten, nichts dem überlassen, was während
der Arbeit zusammenschiesst; er wollte herrschen, und wenn
er nachts um zwölf Uhr aufstand, wollte er zu jedem Werk
ganz da sein): das ist sein Erworbenes, Erkanntes, also — .
Böcklin ist subjektiv.
Marees objektiv.
Böcklin lässt es darauf ankommen, was ihm während
der lösenden Arbeit die gute Stunde aus dem Schatz seiner
Individualität zusammenschiessen lässt.
Marees verrennt sich in die Sackgasse des Sichniegenug-
thuns, nimmt die Mittel für den Zweck. Erkenntnis, Abstrak-
tion, Begriff.
Böcklin: all seine Liebe, Sinnigkeit, Innigkeit arbeitet
mit. Er ist darin ganz deutsch. Seine Kunstwerke sind spontan,
wie Märchen, wie Poesie — er ist wie der Frühling.
Marees: mit Griechenkenntnis und Vergleichen be-
schwert. Nichts Deutsches in seiner Kunst. Den Italienern
verwandt, denen auch jede Anlage, jedes Verständnis oder Be-
dürfnis für das Liebevolle, Intime fehlt.
Böcklin will nie das Bedeutende oder gar Abschliessende
machen, sondern nur sich.
Marees arbeitet nur per far il grande.
Böcklin umfasst alles.
Marees ist nur bis zum absoluten Menschen gekommen.
Nicht bis zum Gewand. Keine Blumen, keine Stimmung.
Böcklin sagt: ich male mein Bild doch nicht wegen
der Schwierigkeiten, die umgeht man.
Marees sagt: das ist mein königlicher Wille, der muss
voll und ganz durchgesetzt werden. Fluchend macht er seine
Sachen: ich will dir schon zeigen, ich zwing' dich schon!
Der Hauptunterschied zwischen Marees und Böcklin dürfte
schliesslich der sein: Der eine wollte sich immer strecken und
recken, damit er soweit käme wie die Alten oder wie die
Renaissance, also wie andere schon gekommen waren — er
BÖCKLIN UND HANS VON MAREES 177
suchte deren verloren gegangene Wege.*) Den anderen ging
das gar nichts an, er suchte sein Gesetz allein in sich, er wollte
nur sich herausarbeiten. (Die Antiken wollten ja auch keine
Antiken machen.) Nach Marees war ihm die Figur „nur ein
Ornament", während jener sie wie ein Bildhauer fasste.
Böcklin wurde dabei immer produktiver und heiterer,
Marees immer selbstquälerischer, steriler und verbissener.
Wenn man den gewaltigen Unterschied zwischen Böcklin
und Marees einmal festgestellt hat, kann man sehr wohl
von der einzigen, konzentrierten Lebensempfindung in beiden
reden. Die Arbeiten beider sind stets die eines ganzen
Mannes; nur ein solcher kann das machen. Ferner: bei beiden
hilft im Bilde eins dem andern, nichts steht müssig oder der
blossen Erscheinung wegen da. Marees wollte etwas Ganzes
schaffen wie Böcklin, nur in ganz anderer Art, er sucht den
lauteren Begriff herauszukrystallisieren.
Es sieht fast so aus als ob er sein Individuum gewalt-
sam zerstört habe, wenigstens eine Menge Dinge in ihm,
nur um „allgemein" anschauen, auffassen zu können.
Seine Arbeiten wurden immer mehr das Wissen von
den Sachen, Erkenntnis, Begriff. Der Genuss an ihnen wird
daher auch immer mit sehr viel Reflexion verbunden sein.
Marees putzt und denkt hinweg, bis er den Begriff
rattenkahl da hat. Solange schält er daran herum, bis nur diese
Abstraktion noch übrig bleibt. Und darin ist er das absolute
Gegenteil von Böcklin. Dieser erzählt alles, was er davon ge-
habt hat und hat, er spricht sich aus. Ein Stein ist ein Stein
bei ihm, aber wirklich einer, rund herum, mit allem drauf
und dran — mit soviel Liebe ist er angesehen. Alle Blumen,
jedes Moos: so steht's in Böcklin geschrieben. Und das gehört
auch zu einem, ist deutsch, klingt wie aus alten Märchen.
(Und ich fürchte, darum werden wir intimen sinnigen Deut-
schen in dieser harten Zeit unsere Rolle ausgespielt haben.)
Marees sucht lediglich immer objektiver zu werden.
Von seiner Individualität kann man nur rücksichtlich ihrer
Trägerin, seiner Begabung und seines Willens reden. (Bei
*) >Was geht mich die Antike an<, sagt dagegen Hoffart, als moderner
Bildhauer, >an deren Überschätzung ist schon mancher talentvolle junge
Mann zu Grunde gegangen.« — Durch ihre Unterschätzung auch. A. d. V.
Floerke, Böcklin. 12
178 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
Böcklin umgekehrt alles Individualität, alles sein Reichtum,
seine persönliche Weltfreude.)
Auch Böcklin wollte vielleicht Begriffe schaffen, er
überlegt viel, um allgemein verständlich zu sein und konnte
seinerseits den Verstand nicht ausschliessen. Ausserdem ist
mit den Jahren, also in der bewussten Kunst, Besonnenheit
mehr als Begeisterung, — die fliessende Quelle vorausgesetzt.
Eine dunkle Wolke schattet über der prometheischen Ar-
beit Marees', Feuerbachs und der andern: nur Böcklin
steht heiter atmend im rosigen Licht daneben — schöpferischer
als je. Er macht seine Gebilde so gut er gerade es kann.
Wer denkt nicht an die graue Sorge Feuerbachs, an
das ewige Steinewälzen Marees', wenn er dieser heiteren
Schaffenskraft aus demselben Brodeln der Zeit und der Talente
(siehe auch Franz Dreber) gegenübersteht! Er ist schliess-
lich doch die einzige Erfüllung jener deutsch-römischen Tage:
er griff nie unselbständig auf die Früheren zurück; er griff nie
über sich und über die Grenzen seiner Kunst, d. h. die
Leistungsfähigkeit ihrer Mittel hinaus — dies Rüstzeug aber
handhabte er. (Als echter Künstler von Natur natürlich auch
die allermöglichen anderen Künste und Techniken.)
Vieles ist der Wille mit Bewusstsein sich zu entwickeln,
aber die höchste Begabung ist die stets frische Entwicke-
lungsfähigkeit.
Immerhin, die rein künstlerische Absicht, wenn sie ohne
Rück- und Aussicht auf den „Erfolg" als Lebensaufgabe dasteht,
ist doch sehr viel. In magnis voluisse l
Urteile Böcklins über Andere.
Italiener: „Nein, dieser Kerl — wie heisst er doch —
der Signorelli! Etwas Talentloseres habe ich nie gesehen.
Ich habe mich vergebens gefragt, warum um Gotteswillen der
Kerl das alles gemacht, wie er das ausgehalten hat. Von allen
Seiten aus habe ich mir's angesehen, aber nirgends ist mir
eine Erklärung geworden. Nichts hat der Kerl zu sagen, keiner-
lei künstlerischer Gedanke malerischer oder plastischer Art,
keinerlei Freude an irgend etwas, nicht einmal am Können,
nichts von Komposition oder Anatomie, oder was es sonst sei
— lauter mühseliges geduldig nebeneinander gezeichnetes Zeug."
„Wie Raffael während der Arbeit lernte, sieht man deut-
lich in den Stanzen. Das alte Motiv der Florentiner ist
so gut wie bei Fra Angelico etc. sein Kompositionsrückgrat
bei diesen Wandbildern. In der Disputa liegt es noch völlig
nackt und naiv da. In der Schule von Athen hat er dies
Hervortreten des Schulknochengerüsts gemerkt; der Witz bleibt
zwar im wesentlichen derselbe, aber er ist nicht mehr so
simpel für jedermann affichiert. Er versuchte ihn zu verdecken
durch Auflösen oder Zerstreuen der grossen, die Komposition
bildenden Glieder. Sonst haben wir wiederum die untere, von
beiden Seiten hinaufgebaute Masse, und die obere, in deren
Mitte, wie dort der hl. Geist etc., hier der lichte Bogen mit den
12*
180 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
zwei Figuren. Aber hierbei merkte er, dass das Ding unruhig
geworden war, und nun machte er den Heliodor fast auf der
gleichen Kompositionsbasis, aber frei, unabhängig und so gross
und breit in den einzelnen Versatzstücken und Figuren, dass
hier niemand mehr das Rechenexempel sieht, und wer es findet,
freut sich über seine geniale Einfacheit und Feinheit."
„Diese alttoskanische schwarz und weisse Architektur ist
sehr bezeichnend für die grossen Florentiner. Sie beweist: sie
verstehen ja weder was von Architektur noch von malerischer
Wirkung. Sonst könnten sie nicht die Sache immer gerade umge-
kehrt machen, wie sie gemacht sein will. Was soll z. B. bei dieser
Bauerei wirken? Die Gliederungen und nicht die tote Mauer.
Das Weiss tritt nun ohne Gnade vor Schwarz vor, weit
heraus. Sie aber haben es umgekehrt hinten in ihren Füllungen,
hinter schwarzen Säulen oder Pilastern. Da ist dann jede
Wirkung von vornherein aufgehoben und geärgert wird man
dazu. Umgekehrt sollten die Pilaster weiss sein und die
Füllungen etwa von poliertem schwarzem Marmor, der durch
diese Behandlung auch nicht mehr so brutal zu dem Weissen
stehen würde."
Vollständig unkünstlerisch schien ihm auch die Renais-
sancearchitektur. Die „Architektur des schönen Scheins" zu-
gegeben (wenn auch ungern), hätte man sich doch auf den möglichst
exakten Ausdruck des Notwendigen, Zweckdienlichen in der
Fassade kondensieren sollen und hätte andrerseits das Relief,
dessen man sich zur Gliederung derselben bediente, so logisch
richtig wie eben möglich durchführen sollen. Aber da sind
womöglich die Profile der Fensterumrahmungen stärker als die
- doch weit vorne gedachte — Pilasterordnung der gleichen
Etage oder des Oberbaues, die Gesimsbänder, welche die Fenster-
tabernakel verbinden, überschneiden um ihre Dicke (natürlich
von der Seite gesehen, im Profil) die Pilaster (wie sie freilich
nicht anders können), und so geht die gewollte Illusion oder
nur die logische Übertragung (einer gegliederten Fenstermauer
hinter eine freistehende Säulenhalle) verloren. Zudem werden
diese paar immer wiederkehrenden Motive, die gar keine
wesentlichen Bestandteile der Fassade sind, betont, überladen,
zum Ausgangspunkt von Spielereien und Dekorationsgeist-
reicheleien gemacht, die schliesslich nichts mehr wollen und
URTEILE BÖCKL1NS ÜBER ANDERE 181
sagen als: „sind wir nicht schön", d. h. die zur Hauptsache
werden.
„Unsere modernen Architekten gar sind, ebensogut wie
etwa der Erbauer einer Inkapyramide mit seinen unverständ-
lichen, ihm aber als notwendig überlieferten Baumotiven nichts
wie Leute, die einen gefüllten Phrasenschatz sich angeeignet
haben und nun damit neue Sätze bilden, einen fertigen Bau-
kasten, ein Mosaikspiel geerbt, mit dem sie manipulieren ge-
lernt haben."
Das wäre so ein Ballast, wie so mancher geistige, den eine
Kulturstufe von der vorigen ererbt, Vorstellungen, die zu dem
neuen Denken durchaus nicht mehr passen, aber hartnäckig
als leere bedeutungslose Formeln beibehalten werden, gerade
so wie jene zwecklosen Organe, die jede physische Organi-
sationsstufe dem weiter entwickelten Wesen der folgenden zu-
rücklässt.
„Diese Florentiner! Wenn man von den Niederländern
kommt — Nacht wird's. Kinder sind sie. Beobachtungen
machen giebt's nicht. Nach 50jahren hat Ghirlandajo noch
nicht gesehen, dass gewisse Farben immer vortreten (das ist
ihr Charakter, bei dem der Maler sie fassen muss), dass z. B. (in
der Natur) gewisse Rot in verschiedenen Entfernungen ver-
schieden wirken. Er aber setzt dasselbe hinten und vorn hin.
Kein Raum daher, keine Ruhe folglich. Und nun: nicht ein-
mal eine künstlerische Rechnung, eine grössere, haben sie
machen können. Nirgends fällt ihnen etwas ein zur Sache. Wo
ein leerer Raum bleibt, wird ein Gewandschnörkel oder ein
Blumentöpfchen hingemalt. Eine Wirkung, z. B. die mit dem
Teppich, mit der Mauer etc., einmal entdeckt, wird unerbitt-
lich weiterbenutzt als das A und O.
Nie haben sie etwas zu erzählen, etwas mitzuteilen: die
Niederländer sind bis in die kleinsten Fingerspitzen voll.
Kinder sind die Florentiner in der Kunst, ärmliche hohle Ge-
sellen sind diese B o 1 1 i c e 1 1 i etc. Während so ein v a n E y c k-
Schüler durchempfunden ist bis ins kleinste, und doch all dies
Kleine nur wieder aus der liebevoll durchempfundenen, alles
belebenden Idee, aus dem Grossen heraus, als mit dem Ganzen
Eins er- und empfunden ist."
.Nein, dieser Rogier van der Weyden z. B. Bis ins
182 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
letzte, kleinste hinein alles belebt, alles durch und durch ver-
standen, alles künstlerisch, nirgends gepfuscht. Und womit
und wie das gemalt ist, ist nun vollends ein Rätsel. Gemalt
scheint es überhaupt nicht. Man sieht keine Arbeit, kein Sich-
abmühen mit widerspenstigem Material. Mit Öl, Firnis, oder
was wir sonst haben, ist das nicht gemalt.
Daneben nun die besten I taliener als Maler. Gleich hört's
auf, überall setzt das Können aus — und nun gar an Stellen,
wo sie sich unbeobachtet glauben! Nehme man selbst jedes
Bild von Tizian, z. B. gleich die „liegende Venus" (Uff izien)
und sehe sich den grünen Vorhang an. Meinetwegen hatte
Tizian sich schon ausgesprochen und wollte sich nun nicht mehr
unnütz mit Nebendingen aufhalten. Aber er brauchte, bei der
andeutendsten Behandlung, nicht zu zeigen, dass er nicht wusste,
wie solcher Stoff in der Ferne wirkt, wie er Fällt etc. Er konnte
das mit ebensowenig alles machen und zwar richtig. „Aber
nein, dahinten pfuscht er eben."
„Wir haben da einen Perugino mit seinen ganz gewöhn-
lichen, gemeinen Ateliergewandkniffen — und wenn gleich da-
rauf Fra Bartolommeo sich eine Bettdecke hinlegt und sie
nachmalt, wird der Kohl auch nicht fetter."
„Ich kann diese Kerle von Italienern nicht leiden, aber ich
möchte doch wieder hin. Noch ein paar Jahre, und ich spiele
wieder va banque. Wollen Sie mit, gut. Sonst geh' ich allein."
(Zürich, Ende 1885.)
„Ein Volk, das so jeden Begriff von Rechtlichkeit, Sitt-
lichkeit und Zuverlässigkeit bei sich ausgerottet hat, wie die
Italiener, von welchen jeder einzelne so absolut nur an sich
und an die Befriedigung seiner Eitelkeit denkt, kann nichts
werden. Übrigens waren sie zur Renaissancezeit schon gerade so."
„Die Italiener waren stets frech, wie jeder, der unfehlbar,
also kritiklos, lächelnd von sich überzeugt ist. Und der Majo-
rität imponiert ein sicheres Auftreten immer. Danach wird
einer beurteilt. Zudem sagten und schrieen sie's von jeher
selbst. Daher die Rolle, die sie in Europa und besonders in
dem schwerfälligen, derben oder bescheidenen Deutschland
spielen konnten."
Zum Italiener — ausnahmslos — hielt er höchstens das
Verhältnis wie zu einem hübschen Haustier für möglich.
URTEILE BÖCKLINS ÜBER ANDERE 183
»Geschickt sind sie, diese Italiener. Sie gehen z. B. nach
Paris zum Salon, sehen, was neues da ist, Glück macht, geht;
sie begreifen sofort, worin das Eigentümliche liegt, und gleich
machen sie's nach."
[Das rein Malerische genügt Böcklin nicht. Auch darum
liebt er z. B. die Italiener nicht, weil er ihre „Sante conver-
sazioni" und schön posierenden Zuschauer nicht begreift.]
Auf sich wirken lässt ein bewusstes Talent eben nur das
Verwandte, und das fand Böcklin nie bei den Italienern. In
seinen Ansichten über die Italiener stimmte er vollkommen mit
Svertschkoff überein, nur dass dieser sie noch schärfer for-
mulierte.
* *
*
Deutsche: „Ja die Altdeutschen!" Jedesmal, wenn
Böcklin kam, musste ich mit in die vorderen Säle der Alten
Pinakothek (in den Glaspalast etc. ging er nicht). Jedesmal
stand er vor seinem Rogi er etc.: „Schauen Sie mal hin, — die
Luft in dem Zimmer*), die Sauberkeit, wie wohl einem da
wird, — das offene Fenster, die Reinlichkeit und Verständlich-
keit in der Landschaft draussen — ah!"
(Rogier van der Weyden: der Mut, die Klugheit der
Rechnung, das stete Bewusstsein, welches dazu gehört, um noch
solch ein Fenster zu wagen, wie auf seinem Bild in der „Alten
Pinakothek!")
Nicht die Holländer, sondern die ungesauceten bestimm-
ten, lichtvollen Flamländer sind Böcklin so viel wert.
Immer wieder seine Niederländer (die Schwind so
jämmerlich findet). Böcklin exemplifiziert auf die „Anbetung
der Könige" von Rogier van der Weyden (München, Pina-
kothek) und sagt: „man könnte meinen, das sei bloss so blau
und rot etc. ikonographisch nebeneinander gesetzt. Und ich
versichere, alles ist die klügste, nirgends ein Loch lassende
Berechnung, ein Exempel, welches auf jede Probe stimmt."
Quentin Matsijs: Pietä. „Diese Anschauung und Kennt-
nis zugleich!"
[Oho — die Niederländer Realisten! Sie haben immer ein
•) Gemeint ist Nr. 100 (Kat. v. 1898) „St. Lukas, der die Madonna
zeichnet". A. d. H.
184 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
Bild, also eine Neugestaltung der Natur in selbstgesetzten
Grenzen, immer ein Farbenproblem (was sich bei ihnen damit
deckt) und stets eine frische, vollkräftige heitere Phantasie, die,
Gott sei Dank, ihre Formen und Bekleidungen aus der einzig
möglichen Quelle, aus der unversiegbaren Natur, wie sie den
Augen erscheint, nimmt. Nur sehen nicht alle gleich. Aber
von van Eyck bis Rubens sehen die niederländischen Maler
wie Künstler, als welche sie sich ihre Aufgaben gestellt hatten.
Phantasie! Gehört zu einer raffaelischen Madonna
mehr Phantasie als zu so manchen van Eyckschen Kompo-
sitionen! Vorstellungskraft heisst das, Vorstellungsenergie dem
Geschauten und Wiedergewollten gegenüber und nicht roman-
tische, imaginäre Poetasterei, bei der die Mittel der Malerei und
jede Kunst aufhören. Und nun gar ein Kruzifix mit vier ge-
gebenen Punkten! Und doch, was ist oft daraus gemacht! Die
alten Künstler hatten überhaupt keine Patente auf die Idee. Sie
wagten sie nicht einmal zu ändern. Innerhalb derselben fanden
sie genug Raum, sich zu bethätigen. Welche Tiefe des Erlittenen
in diesem geneigten Haupt, welche Kraft in diesem Körper,
welche Festigkeit in den Schulterknochen, welch klarer, z. B.
schwäbischer Typus, welche bewusste Behandlung in diesen
armen Füssen, und welche künstlerische Freude am Können in
der Ausführung!!]
* *
*
„Holbein ist ungeschickt, wo es ihm nicht darauf ankommt,
ganz Positives auszudrücken.
Er ist nur Porträtmaler, und das waren am Ende sein
Vater auch und Ambrosius auch — wenn auch sehr sub-
jektiv (so dass er auf die Dauer unangenehm wird). Auf
seinem Th. Moore*) ist z. B. alles gleichwertig, — nur er,
der Alte, am gleichgültigsten."
Hans Holbein: „Glasscheibenbreite."
„Famos Nikolaus Manuel Deutsch, Hans Sebald
Beham, Hans Baidung Grien, Urs Graf (von den beiden
letzteren zwei Kentauren in Basel), Nikolaus Glockenton und
*) Federzeichnung im Basler Museum. A. d. H.
URTEILE BÖCKLINS ÜBER ANDERE 185
der Affentanz Dürers, — ein Heidenspass, das Lustigste, Ge-
nossenste, was es giebt."
Da waren neulich wieder vier Apostel bei Hauser zum
Restaurieren, von einem unbekannten alten deutschen
Meister, -- „mit einer Geschicklichkeit, einem Eifer, einem
Ernst gemacht, — dagegen sind die Modernen die reinen
Billardspieler. ■
* *
*
Der Rubens in Berlin ist für ihn echt. „Ein ganz vor-
zügliches Bild, jeder Strich ein Meisterstrich." Es sollen zwar
Beweise da sein, dass es nicht von Rubens, sondern von
Snyders u. s. w. sei — „das ist mir ganz egal — ich weiss
nicht, was die im besten Fall gekonnt oder nicht gekonnt haben,
aber, so leid es mir thut, dass die Schreibzeuge Recht behalten:
das ist einer der vorzüglichsten Rubens, die er gemacht hat
oder gemacht haben könnte."
Makart, Bilder in der Neuen Pinakothek: „Eine Ge-
dankenlosigkeit, eine Verwirrung herrscht da, die unglaublich
ist. Man weiss nicht, was vorn und hinten ist, warum das da
ist, — nur um sich gegenseitig zu stören, — man weiss nicht,
mit was für einem Schädel man es zu thun hat — und daneben
hängen so ruhige, einfache, klare, bewusste ältere Bilder, etwas
philiströs meist, aber doch von Männern gewollt und gemalt."
Böcklin sagt : „Y ist ein Erst hat
er mich missbraucht, später half ihm Makart. Der hat's dann
selbst mal eines Tages gesagt mit den deutlichsten Worten. Aber
nach acht Tagen war mein Y. wieder da. Dass er nach Rom
übersiedelte, war der letzte mögliche Versuch. In Deutsch-
land hatte er so ziemlich alles abgegrast. Frankreich konnte
selbstverständlich nicht in Frage kommen. England — Fred.
Leighton hätte den Zauberer schön ausgelacht. In Wien sass
Makart. Aber in Rom war damals Minghetti, sein Freund,
Minister, und die Gräfin Dönhoff hatte die Chancen heraus-
gefunden und das Ganze entrepreniert. Da kam die Consor-
teria von der Gewalt, Nicotera oder Cairoli, wer war's —
186 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
übernahm das Ruder, und mit der Herrlichkeit Y.'s ward es
nichts.
Makart ist übrigens durchaus kein Schwindler. Was er
macht, ist sein, und wenn es auch nicht sehr hoch steht, so
hat er es doch auch nie für mehr ausgegeben. Andere haben
anderes für sich darin gefunden, haben es anders genannt, und
— mein Gott — er hat es sich gefallen lassen" (1885).
„Kalckreu th.*) Der? Macht ausgezeichnete Geschäfte.
Er malt ja immer dasselbe Bild. Da weiss der Kunsthändler
ganz genau vorher, was er bekommt, und kann ruhig bestellen."
Von Gebhardts „Abendmahl" sagte Böcklin, es habe
ihm in der Photographie sehr gefallen. Als er es dann im
Original gesehen, sei es eine ganz gewöhnliche, erbärmliche
Modellmalerei gewesen.
Vor Lessings „Kirchhof im Schnee" habe er als junger
Maler staunend und mit hochklopfendem Herzen gestanden.
Menzel ist für Böcklin natürlich vorstellungslos in künst-
lerischem Sinne (wenn auch nicht im kulturgeschichtlichen).
Er sieht und erfasst nur die Oberfläche, die ihm zugewandte
Seite der Dinge, die er geistreich abzeichnet. Er stellt sich
nicht das Ganze vor, das Rundherum, das im Raum stehende,
welches auch ein Hinten hat.
Marees**). „Wer so wie er, wie ein Akademiker, an den
ersten Schwierigkeiten, die ihn gar nichts mehr angehen sollten,
scheiterte, ist doch kein bewusster grosser Künstler. Ja,
er blieb in den Anfängen stecken, nahm sie schon für die
*) Graf Kalckreuth, Direktor der Weimarer Kunstschule. A. d. H.
•*) Siehe: „Böcklin und Hans von Marees", pag. 168 ff.
URTEILE BÖCKLINS ÜBER ANDERE 187
Hauptsache. So ein Fuss geht bei ihm oft zwanzigmal in eine
Figur. Er fing eben oben an, malte sich fest, und nun sah er
das Ganze nicht mehr. Über das Aktmalen ist er überhaupt
nie hinausgekommen. Und bei nichts braucht man weniger zu
denken, als beim Aktmalen. Ein Lebewesen nur weil es einmal
da ist, mit grösser werdender Geschicklichkeit nachzumalen, es
so oder so hin- und nebeneinanderzustellen — das heisst doch
noch kein Bild malen; da fängt es ja noch gar nicht an."
„Also er hatte keine Idee von Proportion. Das Ganze
sah er nicht. Er fing oben an und endigte unten — wie Gott will."
Lenbach. „Was man nicht gesehen hat, kann man nicht
malen. Die Welt im ganzen, den Zusammenhang sah er nie.
Aber er kopiert vortrefflich, weil er nur den jeweiligen Fleck
für sich allein sieht und darum sagen kann: das ist lichter
Ocker mit Beinschwarz."
Gelegentlich eines Bildes von Lenbach: Kaiser Wilhelm I.,
in altgemachtem Rahmen : „Schmutz zu Schmutz steht immer
gut." (Das Bildnis braunsaucig, ohne Farbe zu bekennen, und
der Rahmen ohne blankes Gold.) „Diese Feigheit, keine dreisten
Gegensätze zu wagen. Natürlich malt er dann auch den lustigen
Rahmen alt."
* *
*
Böcklin lacht fürchterlich über Leibl, der drei Jahre in
einer Dorfkirche gesessen, um drei alte Weiber zu malen, unter
anderm auch eine Haube, die zu sticken viel leichter gewesen
wäre. „Muss das ein langweiliger, denkfauler Kerl sein"!
(So die Sorte Leibl sagt: Wer das Glas da täuschend
machen kann, hat mehr geleistet als der ganze Schwind. —
Sieh' her: Wenn nun noch eine Hand dazukommt und einer
malt die ebensogut mit. — Das ist noch mehr. — Und wenn
dazu noch ein Kopf kommt, der das Glas und die Hand am
Mund hat. — Das ist das Höchste. — Wenn der Kopf nun
aber Beine hat und geht. — Das kann man nicht mehr machen.
— Nein, du nicht. Aber das kann Schwind. Der kann die
Leut' auch noch schweben und schwimmen machen, dass man's
glaubt. Wer hat nun mehr Natur von euch?)
188 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
Winterhalter. „Er war ein herzlich massig begabter
Mensch, hingegen hat der alte Kaiser als Lithograph viel, viel
bessere Porträts gemacht."
Der „Jongleur" von Knaus. „Die Hauptsache der Bild-
moments, der Kanarienvogel, hat malerisch gar keinen Wert
und ist eben doch die Pointe. Aber der Philister sieht lauter
Weiber mit dicken Armen, lachenden Gesichtern etc."
Piainairis ten. „Nichts können ist noch lange keine neue
Richtung", sagte er in der Zürcher Kommission, als man ein
solches Bild ankaufen wollte, „da es doch eine neue Richtung
repräsentiere."
* *
Adolf Hildebrand. „Ein Hellenist in Renaissancesauce."
* *
*
Ich erzählte Böcklin von Schleich und Volz, mit denen
ich durch die Campagna fuhr. Der eine fand keine Lüfte, der
andere konnte mit den weissen Stieren nichts anfangen — sie
schoben enttäuscht wieder ab. „Ja", sagte er, „die italienische
Landschaft eignet sich eben nicht zum Sudeln."
Und Volz sollte mal für den Grafen Palffi einen Saal
ausmalen — die Skizze war so: links von der Thür kam ein
Zug rotweisser, lebensgrosser Kühe heran, und rechts trat ebenso
einer in umgekehrter Richtung ins Wasser. Über der Thür
ein Hochbild mit Kühen en face und daneben links und rechts
zwei gestreckte Dachauer Landschaften, auch mit denselben
Kühen, aber klein. Weisse, ungarische aber konnte er nicht.
Die hatte er nicht gelernt, sich nicht angewöhnt.
Böcklin sah den Prinz-Regenten einmal zum „Vieh-Volz"
kommen und meinte nachher : „Man merkte, er sah doch bald,
dass das nicht wichtig war, was der da malte" (in München).
„Die Kerlchen in München wissen ja alle nicht, um was
URTEILE BOCKLINS ÜBER ANDERE 189
sie sich quälen. Keiner weiss richtig zu accentuieren, weiss,
wo der Witz liegt".
* *
*
„Stückelberg ist auch so ein . . ., da malt er aus Gott-
fried Kellers „Romeo und Julie" die Kinder mit der Puppe,
und hinten pflügen die zwei Alten. In Öl — keine auch so
schon überflüssige Illustration — als selbständiges Bild, Aus-
stellungsbild natürlich. Muss ich Kellers Historien gelesen
haben, wenn ein Bild des Herrn Stückelberg zu mir reden
soll? So merkt man höchstens, dass die Puppe wohl etwas zu
bedeuten hat, dass zwischen den Kindern und den Alten ein
Zusammenhang da sein soll, den der Inhaber des Nacheinander,
der Dichter, darstellen kann und dargestellt haben mag, der
Maler natürlich nicht, selbst wenn Erzählen seine Aufgabe wäre."
* *
*
„Herr von Werner? Der empfindungsloseste Unteroffizier.
Papilloten, Kalligraphie, Pfauentum."
„Aber um noch einmal von Herrn von Werner, von dem
viel „geschickteren" de Neuville, und von wem Sie wollen
zu sprechen : das sind alles Panoramamaler, also absolut un-
künstlerisch strebende Leute. Die Stiefel, die Sporen, die
Pflastersteine werden auch noch gemalt, — alles was ein Commis
voyageur sieht, aber ein Maler nicht.
Das bisschen Malerische, was sie scheinbar haben, z. B. dass
das und das im Schatten, im Ton liegen muss — schon weil
es hell nicht mehr geht, kennt und kann heute beinah' jeder
künstlerische Konfirmand.
Wie könnten alle diese Soldatengeschichten auch was
werden! Überlegen Sie nur: ich muss doch nicht da und da
und da Rot hinsetzen, weil ich muss (wie bei Uniformen),
sondern weil es muss (weil es das Bild verlangt, aus male-
rischem Zwang, als Faktor des Rechenexempels). So ein Kerl
muss einen gelben Kragen machen, wo er Blau nötig hätte,
und wird (achselzuckend) antworten: das ist richtig so. Hier
ist also nicht das malerische Bewusstsein, sondern die militä-
rische Kleiderordnung verantwortlich in einem Kunstwerk.
Roter Zinnober z. B. ist für den, der ihn zu benutzen versteht,
eine sehr wertvolle Farbe. Wer ihn der Husaren und Füsiliere
190 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
wegen hinstreicht, ist natürlich ein Esel. Es ist ja — künst-
lerisch gedacht — so furchtbar gleichgültig, ob jemand einen
vorschriftsmässigen Rock und ein paar Hosen, selbst im Zu-
sammenhang mit einem Bismarckkopf und einem Bewegungs-
motiv darin reproduzieren kann.
So eine Malerei, die sich an allen Ecken bindet — das ist,
als wenn jemand zuerst alle Reime zu einem Sonett macht.
Das wird auch was Gescheidtes.
Neuville ist ungefähr so ein Talent wie Werner, nur
geschickter. Doch was man sich als Illustration, als Erklärung
gefallen lassen muss, warum soll man das so durchgemalt wie
eine Farbenphotographie leiden können!
Zudem hat dieser Mensch stets „Absichten", die ausser-
halb der künstlerischen Aufgabe liegen."
* *
*
Koller hat eine grosse Photographie nach Millets „Ave
Maria" hängen, die er bewundert. Böcklins energische Ein-
seitigkeit oder Klarheit geht so weit, dass er das nicht zugeben
kann. Und doch sieht auch er hauptsächlich malerisch, d. h.
landschaftlich, naturwahr (bei seinem „Prometheus" war er
unzufrieden trotz des erreichten Effekts. Solche drohenden
Wolken, wie er sie da habe, zögen niedriger), er sieht mehr
Ton als Form. Zudem wirkt der Millet doch gross, ist nur
Ton (und wie fein!) und wirkt für den, der dergleichen sucht
oder nicht gerne entbehrt, sogar als tief poetisches, religiöses
Bild. Böcklin begreift nicht, wie man sich für das Tagelöhner-
pack interessieren soll. Wäre es für ihn etwas anderes, wenn
da zwei griechische Feldherrn ständen und der Acker ein
Schlachtfeld wäre? Nein, ich glaube, Böcklin ist zu gewaltig in
Farbenprobleme verwickelt, ihm fehlt hier einfach das Arbeiten
mit und nach Farbe.
* *
*
„Ein Fresko von Bleib treu? — möcht' ich auch wohl
mal sehn!"
* *
*
„Möricke kommt mir gerade wie Genelli vor: schlecht,
weil lauter Posen, komplizierte übertriebene Stellung."
URTEILE BÖCKLINS ÜBER ANDERE 191
„Martin Salander*) — und manches andere Kunstwerk:
je länger man liest, umsomehr Zusammenhang merkt man, um
so festere Beziehungen kommen in die Sache."
„Ich habe mich wieder mit dem Professor Werdmüller,
natürlich nutzlos, herumgestritten. Es schade doch nichts,
es erfreue vielmehr eine Reihe von Wissenden, wenn histo-
rische Kostüme echt seien. Ja, darauf kommt es ja aber bei
einer malerischen Aufgabe absolut nicht an. Wer das sucht,
will ja kein Bild sehen. Was gehen mich die Kerle an, denen
das Spass macht! Wie kann einer, der an so was denken muss,
der davon nur im geringsten beeinflusst wird, eine klargestellte,
rein künstlerische Aufgabe vor Augen haben! Was mein Pudel
oder mein Hausknecht sieht, das sehe ich ja nicht."
* *
*
„Dieser B . . . . t gehört zu den Leuten, die jedes Ge-
spräch sofort ins Gewöhnliche, Triviale hinabziehen. Wir sassen
gestern beim Strozzi (meine Frau wollte den Aleatico pro-
bieren) eine Viertelstunde beisammen, und er hat in der Zeit
mehr geredet als ein anderer in vier Wochen und lauter Dinge,
die man überhaupt nicht sagt: Persönliches, Klatsch. Kaum
nannte man einen Namen, so ging's los. Alles Dinge, die uns
und ihn nichts angingen, und die wir nicht wissen wollten. Er
versteht sofort dem Gespräch jedes Interesse, alles Individuelle
zu nehmen, es zur Konversation zu machen."
Kunst- Aus Stellung, Berlin 1886. „Über die Aus-
stellung, die ich zweimal besucht, will ich kein Wort verlieren.
Ich freue mich auf die frische unverdorbene Luft am Zürisee"**)
*) Roman von Gottfried Keller. A. d. H.
•*) Stelle aus einem Briefe Böcklins an den Verfasser, datiert: Berlin,
11. September 1886. A. d. H.
Koller und Böcklin.
Koller: „Es giebt in der ganzen Malerei nichts so Schönes,
dass es nicht in der Natur noch schöner vorkäme. Die Natur
bleibt immer das Schönste."
„Grade der Tiermaler kann ohne fortwährende Natur
(Modell) keinen Schritt thun."
„Man soll sich überall als ein Könner ausweisen und sich
nicht schämen, zu wissen, was jeder Akademieschüler freilich
schon weiss. Man soll sich nirgends schämen, zu wissen, dass
auf a b folgt. Sonst beleidigt man den Augeninstinkt des Be-
schauers resp. provoziert seine nicht zur Fähigkeit des Ge-
niessens gehörigen Kenntnisse. Ein Tiermaler muss Realist
sein, d. h. wirkliche Tiere nach der Natur malen. Ein Seemaler
muss die See und die Schiffe kennen, verstehen. Man lacht,
wenn er hier rein malerisch nur Töne, Überschneidungen sieht.
Man verlangt, dass die Schiffe auch segeln können. Von diesem
Verlangen ist bei keiner Art Malerei ganz abzusehen möglich.
Das Verhältnis wird sich ja, je nach der Stärke der rein male-
rischen Potenz resp. Wirkung, sehr verschieden stellen. Auch
das mehr oder weniger phantastische Stoffgebiet hat einigen
Einfluss. Aber seine Prozente muss jeder diesem „Wissen"
des Nichtmaler-Auges zahlen, schon weil ein Maler — wie
Böcklin verlangt — zu den Gebildeten seiner Zeit gehören und
sich dessen nicht schämen sollte."
„Ob einer was davon versteht, sieht man gleich, wenn er
ins Atelier hineinkommt, wie er die Sache anpackt."
„Faune, Nymphen und Kentauren sind an sich noch nicht
malerischer als Geisbuben und Küh. Es giebt keine Rangliste
für den Maler. Es kommt auf das „wie" an, nicht auf das „was".
KOLLER UND BÖCKLIN 193
„Ich bin durchaus für die Agitation für eine Zürcher per-
manente Ausstellung."
Böcklin: „Ja, um Gotteswillen, siehst du denn nicht ein,
dass ihr schon an einer Wanderausstellung zu viel habt?"
„Ja, aber ich verkauf halt nix."
„Der ist schon zu faul und zu pfahlbürgerisch, um im
Ausland in die Konkurrenz zu treten", sagt Gottfried Keller,
„er ist Züribieter, und der Kanton soll ihn ernähren."
Mit Kollers Malerei ist das so: „Ja, weischt, das sind
Züri-See-Küh, und das sind Appenzeller. Jeder Küher kann
kommen und kennt sie gleich." (Neulich freilich korrigierte
ihn einer, und Koller änderte sofort.)
„Ja, das ist mein ganzer Stolz, dass jeder, der eppes da-
von verstaht, gleich siecht, dass das 'n Appezeller Kuh ist und
keine vom See oder von Bern."
Böcklin: „Ja, malst du denn für Bauern und Vieh-
knecht?"
Koller muss nach Hause: ihm kalbe eine Kuh.
„Was so ein Maler doch alles können und thun muss!"
sagt Böcklin. „Weil ihm ein Modell kalbt, muss er heim. Aber
das kommt von der Tiermalerei."
Böcklin freut sich schon, wenn die farbige Skulptur erst
so missverstanden sein wird, dass die Tiermaler ihre Viecher
plastisch machen und anstreichen oder vorhandene plastische
naturgetreu bemalen.
Floerke, Böckli.. 13
Böcklin über Rudolph Schick.
Er war ein ordnungsliebender, hoffnungsvoller Jüngling;
ein Ungeheuer von Ordnung. Er bezog ein Stipendium für
zwei Jahre und kam damit vier aus. Seine Crayons Nr. 2 und 3
trug er in beiden Westentaschen mit einer Schnur um den Hals
vereint.
Ein Staat waren seine Skizzenbücher, sauber, wie neu.
Vor einer Studienreise präparierte er sich das Buch und versah
es mit einer sauberen Aufschrift, z. B. „Studienreise nach Wälsch-
tirol, Sommer 79. Begonnen am 1. August." Und wenn es
glücklich ganz voll war, schrieb er darunter: „abgeschlossen den
so und sovielten. Gottlieb*) Schick." (Wenn Raffael das auch
so gemacht hätte!) Worauf er es dann befriedigt auf den hohen
Stapel ebenso grosser legt.
Und was man in so einem Skizzenbuch nicht alles findet.
Da hat er z. B. eine Genziane ganz genau lebensgross abge-
zeichnet und daneben geschrieben: blühte am 20. August da
und da, so und so hoch etc. und dazu den botanischen (nach-
geschlagenen) Namen — was ihn als Maler doch zum Teufel
alles gar nichts angeht.
Sonst richtet er seine Skizzen, wie seine Studien, gleich
so ein, dass er sie später zum Bild gebrauchen kann. Er zeichnet
sauber und penibel. Natürlich wird unter jedes Blatt Tag,
Tageszeit, Ort etc. bemerkt. Jedes wird fixiert und dann ein
Stück Seidenpapier dazwischen gelegt. Er raucht nicht und
trinkt nicht. Ich habe immer Verdacht gegen solche Ordnungs-
helden und Musterknaben. (Als Böcklin ihm einmal sagte, er
•) Der Vorname ist ironisch zu verstehen. A. d. H.
BÖCKLIN ÜBER RUDOLPH SCHICK 195
möge Leute, die nicht rauchen und kneipen, nicht leiden, ver-
suchte Schick es gleich, fing es aber natürlich dumm an, rauchte
aus einer Thonpfeife unglaublich schweren Tabak etc.)
Seine Bildung vervollkommnete er systematisch nach
eigenem System. Er hatte in seinem Atelierzimmer Rahmen
voller Photographien berühmter Leute (gez. von Jäger, R.Paul
und Konsorten), die er wochenweise wechselnd sich einzeln vor
Augen stellte, während er entsprechend ihre Werke oder über
ihre Werke las.
Natürlich besuchte er fleissig die Sitzungen des archäolo-
gischen Instituts. Wenn er vom Kapitol kam oder aus der
ihm sehr angenehmen Gesellschaft von Philologen, sprach er
ein ganz anderes, gehobenes, selbstbewusstes Hochdeutsch,
dialektlos, tief bedeutend, so aus dem Kehlkopf hervor; man
hörte gleich, dass was dahinter war: so ä la Flasch: Ordnung,
Autorität, Abgeschlossenheit ohne Widerspruch. — Freilich er
sprach nur so.
Er schenkt sich zu seinem Geburtstag einen roten Shlips,
bindet ihn um, zieht seinen guten Rock an und bittet, ihn vom
Zeichenunterricht (den er zu geben hätte) zu dispensieren: er
möchte den Tag in Feststimmung verbringen.
O dass er ewig grünen bliebe!
Edel und feierlich stieg er herab, schritt er daher. „Raffael
als Knabe", sagte Böcklin, als er Schick das erste Mal die
Stufen der Akademie herabschreiten sah, „der hat gewiss in
Dresden studiert."
Zu Schick passend wäre wohl auch die Äusserung, die
ein junger Raffael auf Capri that: „Ich male schon 14 Centi-
meter grosse Figuren und bin der fünftgrösste Maler in Weimar!"
13*
Unsere Zeit, Mode, Publikum.
Jede Zeit will die ihr eigene Kraft, ihre Lust etc. aus-
sprechen, wie ein Individuum, jede hat ihre eigene Art, in der
sie angeredet werden will.
Jede wirkliche, d. h. neue und damit nach Möglichkeit
freie Kunst beleidigt naturgemäss eine Menge von Erziehungs-
resultaten in ihren Zeitgenossen. Der in der wissenschaftlichen
wie künstlerischen Mode seiner Zeit versimpelte und darauf
natürlich eitle Mensch ist der natürliche Feind aller ausser
seiner Specialität und Gewohnheit liegenden Weiterentwickelung,
jeder in sein System nicht passenden Sondererkenntnis.
Kunst ist Fortschritt, kann nicht anders gedacht werden
und muss ergo jeden angelernten etc. Besitzstand beleidigen,
zur Verteidigung auffordern und die übrigen Armen am Geiste,
die von den Brosamen oder von dem väterlichen Kapital an
Ästhetik leben, zu jenen hintreiben. Denn das Neue — und
das ist jedes Kunstwerk — verstehen sie nicht, sie können
nichts darüber sagen, weil davon nichts in ihren Dogmen steht.
Und reden müssen sie nun mal.
Von einem Allgemeingefühl oder einem Volksinstinkt
in Kunstsachen kann ja längst nicht mehr ernsthaft die Rede
sein — weder oben noch unten, auch nicht in jenem äusser-
lichen, nationalstolzen, kirchturmeitlen Sinn wie früher.
Unsere grämlich-ernsthafte Zeit, unsere verwissenschaft-
lichte Welt versteht die Heiterkeit der Kunst nicht mehr.
Unsere ganze Geisteswelt ist seit Generationen in das Zeichen
des Schulmeisters getreten. Kunstgeschichte und Ästhetik, aber
keine Kunst; Reflexion und Wissen, aber keine Anschauung;
Präparate, aber kein Leben; Stücke, aber kein Zusammenhang;
UNSERE ZEIT, MODE, PUBLIKUM 197
Goethe- oder Shakespearegesellschaften, aber nicht der kleinste
Goethe oder Shakespeare. Wir kennen alles und beherrschen
nichts. Der Verstand wird erzogen und bestimmt unsere An-
schauung. Neben ihm beherrschen uns die Gesellschaft, der es
beliebt Moral feilzuhalten, die Politik, die Gleichmacherei etc.
Andrerseits haben zu allen Zeiten Erziehung und Gewohn-
heit uns das Konventionelle als Natur erscheinen lassen, ist
jede neue Erkenntnis den Massen unbequem gewesen; nun gar
den Kunstrichtern, die gerade die ästhetischen Dogmen, wie sie
unter anderen Voraussetzungen geformt wurden, auswendig gelernt
haben, einen Masstab zu besitzen glauben und nun wieder um-
lernen, resp. selbst anschauen und empfinden lernen sollen.
Jeder Einzelne übersieht die äusseren Einflüsse, unter
denen er steht und geworden ist. Die ästhetischen Dogmen
und Voraussetzungen unserer Väter sind auch uns in Fleisch
und Blut übergegangen, und sie wirken noch in unseren
populären Büchern und Gymnasiallehrern nach, Generationen
lang. Jener, die sich davon selbständig zu machen wussten,
und doch noch Kraft genug hatten, das Selbsterrungene zu ge-
messen oder zu gestalten, sind wenige.
Unser Denken, Beobachten, Empfinden etc. ist viel mehr,
als die meisten glauben, verstaatlicht oder vergesellschaftlicht. Wie
könnte es auch anders sein! Wir — Publikum und Künstler —
sind alle der Mode unterworfen, oder sagen wir: dem Zug der Zeit.
Man ahnt nicht wie viel bei der Beurteilung eines Kunst-
werks von der jeweiligen Modeanschauung (im weitesten und
zusammengesetztesten Sinne) abhängt. (Treu spricht, etwas zu
eng, meine ich, von den „Gewohnheiten des Geschmacks".)
Man lächelt über einen unmodischen Schnitt als auffällig,
man lächelt ebenso unselbständig oder unbehaglich über ein
Bild, welches sich nicht unter die Zeitschablone stellt, nicht
dem „Zeitgeist" Rechnung trägt.
Wir sehen konventionell, generationen-, gesellschafts-, in
Summa herdenweise. Das Publikum ist ebensogut stets
manieriert wie das Gros der Künstler. Nur Eigensinn und
Genie brechen aus und gehen eigene Wege. Natürlich versteht
das das Dutzendpacket nicht. Es lacht hinter ihnen her wie
hinter jemandem, der lange Haare trägt, wenn die Herde ge-
rade geschoren herumläuft.
198 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
Es ist neben der ererbten Gewohnheit lediglich dieser
Mangel an Selbständigkeit und Erfahrung im Anschauen und
an Nachdenken darüber (was mit „Mode" identisch ist), was
die Leute über Böcklins Farben resp. seine „Verachtung der
Form" staunen oder Künstler sein, d. h. blind dem Erkannten folgen und dem
Erkennen weiter nachstreben. Auf was spekuliert er mit seinem
Bildwerk? Ist er Künstler oder Affarist?
Böcklin hasst die Historien- und Genrefritzen, weil sie
sich abhängig machen, ihr eigenes und des Publikums Interesse
in allerlei suchen, was Kostümschneider und Militärs bestechen
kann, aber zum Ausdruck der eigenen Bildidee nicht nur über-
206 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
flüssig, sondern störend resp. abziehend sich verhalten muss,
weil sie etwas malerisch Nebensächliches zur Hauptsache
machen, Accessoirsma\er sind.
Man denke an die Düsseldorfer „Kostümpoesie". Wo
ist sie geblieben?
Man dürfte schwerlich auf die Idee kommen, einen Böck-
lin zu zerschneiden, wie z. B. einem Knaus geschehen, um
die einzelnen Hunde etc. des Bildes als Originale einzeln zu
verkaufen, als Porträts etc., — eine Idee, die, so kunsthändler-
haft sie auch sein mag, doch für unsere heutige Produktion
wie für die Konsumenten gleich bezeichnend ist.
Warum es dort hell oder dunkel ist, bewegt oder ruhig,
warum der so blau, jener so rot sein muss, wird heute bei den
wenigsten Bildern jemand sagen können. Höchstens: das geht
gut zusammen, oder: das giebt eine eigentümlich reizvolle Stimm-
ung, oder: das war so, resp. das ist Vorschrift. Weiteren Zweck
(Komposition, Deutlichmachung, kurz Ausnützung der natür-
lichen Kräfte der Farben) hat der heutige Kolorismus meistens
nicht. Rechenschaftsloser (unverantwortlicher) „Ge- _
schmack" an Stelle bewusster Kunst. „On a ce qu'on
nomine du goüt et cela sufflt, croit-on . . . ." sagt Viollet-le-
Duc. Auch künstlerischer Instinkt genügt nicht. Atelier-
überlieferung hält ihn nicht; denn die haben wir nicht. Also:
Erfahrung und Rechnung (Bewusstsein).
Es hat bis auf die Pleinairisten noch kein Mensch be-
stritten, dass der Maler — so gut wie jeder andere Künstler —
durch Gegensätze jeglicher Möglichkeit zu wirken hat. Das
sind seine Mittel, ist seine Sprache. Also hat auch noch nie-
mand bestritten, dass der Schatten (Schlagschatten) dazu gehört,
um auf der Tafel das Licht wirksamer zu machen. — Ja, aber
die Farbenkontraste! Da schreien alle. Auch die der ältesten
Observanz. Ist denn aber das was anderes als die Helligkeits-
kontraste??
Es erfasst einen ein gelindes Grauen, wenn man an das ge-
waltige Heer der heutigen Maler denkt. Wer zu nichts anderem
taugt, wird Maler. Die affichierte Originalität dieser Burschen ist
nichts als nackte Armut. Sie machen das, weil sie nichts zu
MODERNE MALEREI 207
sagen, nichts bei der Seele haben. „Wenn sie besser malen
könnten, thäten sie es schon" sagt, glaube ich, Andreas Achen-
bach. Wer keinen Überfluss zu verzapfen hat für andere, der
soll doch davon bleiben. Nicht wie die Weiber Kinder kriegen.
In Paris ist dies Naiv-Aussehen schon wieder Geschick-
lichkeit, Berechnung. So einen Körper ganz flach auf einen
Teppich stellen oder ähnliche unerwartete Witze -- das zieht.
Das Publikum will ja nur Neues oder Chic, Bizarrerie —
darum ist meist schon ein kapriciöses Modell für den Maler
alles. Hat er das gefunden, so hat er seine künstlerische
Specialität gefunden, so gut wie alle grossen Franzosen.
Aber auch das gilt noch von der Pariser Malerei: „Depuis
qu'ü est quelque avantage ä posseder du talent, chacun veut
en tenir boutique."
In Paris einer wie alle. Die Künstler verderben sich
selbst untereinander: „tu devais te faire une specialite; tous
les peintres ä la mode ont une specialite." Immer wieder
damit kommen, so dass im nächsten Salon jeder sagt: „tiens,
un Leopold Laurent! et tu seras lance." Oder: „Pas changer!
Vous etes arrive." Und darauf kommt es an. Er hat seinen
Typ gefunden, unter dem das Publikum ihn kennt, er hat seine
Specialität.
Jeder hat seine Specialität, von Meissonier bis Breton,
von Cabanel bis de Nittis, von Geröme bis Henner, von
Bouguereau bis Bastien Lepage.
Nein, „wer immer das Gleiche macht", sagt Böcklin*), „ist
ein Schweinhund. Kein Mensch, so lange er sich Künstler
nennt, kann eine Manier haben. Man bleibt keinen Tag der-
selbe. Was einem Zwanzigjährigen gefällt und richtig erscheint,
kann einen Mann nicht mehr anregen. Was man erreicht hat,
ist ab. Jedes Bild hat in diesem Sinne etwas anderes zu sagen,
und wenn es eine Wiederholung wäre.
Breton ist gerade so wie die anderen. Aber er macht
Schule. Eine Menge Münchner hat er verführt."
„Ein Künstler kann so wenig eine Specialität haben wie
eine Manier. Ein Streber oder geschickter Handwerker muss
sie haben; denn er ist an ihr kenntlich, nur sie sucht seine
*) Böcklin über Breton zu Koller, Zürich 1884. A. d. H.
208 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
Art Kunstfreunde bei ihm. Ich sage dies mit absichtlicher
Beziehung auf moderne französische Kunst. Ein Deutscher,
der so viel kann, der so weit durch ist, macht dann etwas
anderes, vielleicht nicht Besseres, aber er will doch mehr. So
ein Pariser, — nein! Er bleibt stehen und wird eleganter
Chicqueur. Und das ist die Gemeinheit. Denn wer so viel
kann, weiss auch, dass es immer noch ein Höheres, Künst-
lerischeres giebt. Aber ob damit ein „Hotel" und Tagesruhm
bei der „Nation" verbunden wären, weiss er freilich weniger
gewiss."
Diese phantasielosen rohen Kerle, die ein Stück Natur
heruntermalen können, sind um so gefährlicher, je besser sie
in ihrer Arbeit sind. Dann läuft ihnen wieder alles nach, was
Ihresgleichen ist. So hat der Knote Courbet in Frankreich
unendliche Verwirrung und viel Schaden angestiftet.
Da sind mir die fleissigen Schafsköpfe immer noch lieber.
Das ist wie ein kleines Bierorchester von zwei Geigen und
einer Flöte — bescheiden und stillvergnügt — plötzlich fängt
jemand daneben einen Trommelwirbel an, schleudert die Schlegel
unterm Bein durch etc. Damit macht er jene tot, und alles
hört nur ihn und staunt ihn an.
Dagnan-Bou veret: Porträts. Was ihm noch bleibt,
nachdem er sich aller Freiheiten begeben hat, die der Künstler
haben muss, das hat er ausgenutzt mit einem Raffinement . .
„Sie ahnen nichts von dem Zwingenden in einem Kunst-
werk, die »Modernen?, am wenigsten die Franzosen. So ein
Maler wetteifert mit dem photographischen Apparat. Die Photo-
graphie giebt alles, darunter oft das Unwesentlichste hervor-
ragend gross und wichtig, im Ton falsch, während der Künstler
sieht, wägt, begreift: hier ist das wichtig, wesentlich, bedingt
den Charakter der Erscheinung etc., — das macht er, weiter
nichts, und man hat doch und erst recht eine Auffassung des
Menschen, des Moments; die Phantasie des Beschauers ist
sicherer geleitet und angeregter, als wenn ihr alle Zufälligkeiten
gleichwertig nebeneinander aufgebaut werden. Sich aussprechen
MODERNE MALEREI 209
und sich deutlich aussprechen — je schneller, je wärmer —
das ist alles."
D i e wollen Böcklin als den Ihrigen reklamieren, die Herren
mit dem herabgebrannten Lichtstumpen (die Impressionisten)
ä la Joseph, den, der die Wände und Köpfe anzündet mit seiner
Glut? Diese affektierten Sozialisten, die in Staub und Asche
einhergehenden Elegants gehen doch den nichts an!
Böcklin hat mit keiner der modernen Malerschulen etwas
gemein. Er wird nie danach streben, eine Manier zu erfinden,
auf welche hin seine Bilder von Modemenschen gekauft werden;
er wird nie ein Stück Natur nachquälen, um glauben zu machen,
er sei ein Künstler, er wird das Geschichtenerzählen und Witze-
machen immer für die Aufgabe eines Illustrateurs halten.
Das Amüsanteste von Begriffsverwirrung vollzieht sich.
Der Mensch darf nicht mehr geniessen. Er sieht. Aber nicht
wie er. Er bemüht sich wie eine Maschine zu sehen — wie
ein Objektiv. Heilige Objektivität und deine Prediger! Als
ob nicht die Subjektivität das Einzige wäre, was in Frage
kommen kann. Objektivität! Gewiss. Aber ich will den Herrn
Objektivus haben.
Modernste. Jetzt soll das bewusste (empfundene, be-
sonnene) Kunstwerk aufhören ( — als ob das ginge) und einem
mit scheinbarem Unbewusstsein kokettierenden Platz machen.
Nur immer wieder rin in die Eier, nachdem ihr sie noch nicht
mal vom A . . . . habt, — wenn sie auch zerbrochen und leer
sind! (München 1890.)
Heute sind die selig, die da geistig arm sind.
Wenn die Kunst nur andeuten und anregen kann, so setzt
sie jedenfalls doch die vollste Kenntnis der Dinge und das
präziseste Bewusstsein seitens des Künstlers voraus.
* *
*
Floerke, Böcklin. 14
210 BÖCKLIN-AUFZE1CHNUNGEN UND ENTWÜRFE
Der Natur glaubt man alles. Ein Kapuziner wie eine
Glocke — mit einem Mal läuft er weg. Aber ein gemalter
Stein muss beweisen, dass er da ist.
Die Natur ist trotz ihrer Unendlichkeit immer harmonisch,
— das Zusammenaddieren unserer Modernen wird es, da sie nicht
mit Licht und Luft alles umfassen, nie werden, und sie werden
die wesentlichste Bedingung der Naturwahrheit nicht erreichen.
Kann jemand in der Poesie den schönsten Helden ein
Lebenlang leben lassen, oder muss er ihn durch wenige be-
zeichnende Thaten und im Spiegel seiner Umgebung zeigen?
Kann ich einen Geschwätzigen dadurch darstellen, dass ich sein
Gewäsch stundenlang stenographiere, oder bin ich um so mehr
Künstler, mit je weniger bezeichnenden Worten ich sein Wesen
klarmache ? Hier ist jedem die Wahl leicht. Der bildenden
Kunst gegenüber steht es leider anders. (Zürich, Febr. 1886.)
„Da müsst' ich ja Genremaler sein, wenn ich nicht wüsste,
dass es auf das und das ankommt, und dass lediglich der
Kunst un verstand noch anderes verlangt. So ein Genrefritze,
bei dessen, nehmen wir mal an, ganz netter Scene doch z. B.
alles auf die zwei freundlichen Gesichter von Ihm und Ihr an-
kommt, und höchstens noch auf die oder jene helfende Be-
wegung, - ja der macht noch den Hund und die Katz, und
den Ofen auch mit dem Kalender dran von 1886 und die Nägel
am Lehnstuhl und ist — stolz darauf. . . nämlich, dass er den
Blick von der Hauptsache abzieht und hin und her zerrt."
(N. : „Man kann auch noch das machen und das machen . ."
Böcklin: „Nein, man kann nicht das eine und das andere,
wenn man Maler sein will. Man kann nicht, wenn es auf zwei
Köpfe ankommt, hinaus kommt, noch Stiefel und Knöpfe inter-
essant und fertig machen. Dann kommt einmal das Gewollte
nicht heraus, und zweitens langweilt die Menge der gleichwertig
nebeneinander stehenden Dinge.")
„Alle die Hexenmeistereien auf modernen Bildern gehen
mich nichts an."
MODERNE MALEREI 211
Wenn man alle Register auf einmal zieht, giebt es ein
Geheul, aber keine Musik.
„Technik! Technik kann jeder Schafskopf haben, kann
jeder lernen."
* *
*
Nur auf eine gewisse Entfernung kann man eine Sache
richtig übersehen, kann eine Landschaft Eindruck machen,
malerisch wirken. Aber die Tiftler vergessen den Baum über
seinen Blättern und morden den Wald durch Bäume. Wen
die Blattform an sich interessiert, der mag Herbarien wälzen,
aber nicht Bilder malen: die interessieren ihn ja nicht.
Die Böcklinsche Kunst mit ihrer Verachtung aller Pariserei
etc. ist keine Einseitigkeit. Das Zusammenstellen und frappierend
Hinpimpeln von netten Einzelheiten, die mit Gedanken und
Vorgang nichts Notwendiges zu thun haben, die Richtigkeit von
Kostümen und Uniformen, kurz die ganze akademische und
sonstige Korrektheit (über die Korrektheit der Niederländer,
die sich absolut mit Böcklinschen Prinzipien vertrüge, ein
andermal*), ferner das Motiv an sich, seine Tendenz, das
Pathos, der Witz, die Erzählung, das Drama, das sog. Kolorit,
(wenn es Manier ist und nicht jedesmal mit dem Bildgedanken
selbst geboren und gross wird), das alles, und was man sonst
heutzutage noch lernen kann, hat mit der Kunst ja herzlich
wenig zu thun; die Wahrheit des künstlerisch Geschauten steht
auf der Leinwand nicht als ein Additionsexempel (welches
wohl Kenntnis aber keine Empfindung bewirken kann). Wir
verlangen in der überzeugenden Wesenheit einer auf uns über-
tragenen künstlerischen Anschauung vielmehr Empfindung, den
besonderen Fall und den individuell Anschauenden zu verstehen.
* *
*
Notizen anlässlich der III. In ternationalen Kunst-
Ausstellung in München 1888.**)
Die Kunst in Deutschland zeigt mehr als je die Tendenz
pariserisch zu werden, — jede Neigung zu nationalen Eigen-
•) Vergl. pag. 239 und 240. A d. H.
**) Auszug. A. d. H.
14*
212 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
tümlichkeiten wird, besonders bei den Jüngsten, verlacht, gilt
als komisch.
Die Franzosen haben ihre Kommune gehabt und ihren
Zola noch — warum sollen sie nicht mal auch in dem Sinn
malen? Aber was geht das uns an?
Jede Pariser Nervosität müssen unsere Modernsten auch
fühlen — wie Modedamen oder Gecken. Bei den Parisern ist
sie wenigstens folgerichtig entstanden und entwickelt; sie haben
sie erfunden. Unsere — weil einer und der andere mal in
Paris war — machen sie kalt nach und versuchend damit.
Den Malern imponieren sie immer.
Es ist unsäglich gleichgültig, jedenfalls zu keinerlei Über-
hebung berechtigend, welches Stück Wahrheit die jeweiligen
Modeführer als das Ganze oder das Alleinseligmachende pro-
klamieren. Für die Entwickelungsgeschichte ist einzig das
individuelle Streben wertvoll. Den Zusammenhang nachweisen
wollen, ist schon recht oft als müssige Schreiberei und Kon-
jekturenmacherei entlarvt.
Das ersehnte Naturstudium ist da, aber es ist nicht der
Kunst zu gute gekommen, sondern selbständig (und die Kunst
verdrängend) aufgetreten.
* *
*
Natürlich heisst es gleich seitens der Modernen: das ver-
stehst du nicht! Na natürlich. Wie kann auch ein Mensch
ohne Cul de Paris gehen, wenn man grade 1888 schreibt.
Auch ich glaube nicht an eine „historische" Kunst —
am wenigsten für unsere Tage (wo sie ausserdem fast stets nur
ein Deckmantel für zurückgebliebene Professoren und beleidigte
Ästhetiker ist). Aber ebensowenig an dies prätentiöse, im-
portierte, nach Paris gehörige Gegenteil, an die Proletarier-
malerei, „die nun mal 'ran müssen". Nein. Die Sache liegt
so: die Herren, die das hoffentlich gar nicht so blutig nehmen,
„müssen auch mal ran" — an die Berühmtheit, die Krippe etc.
Auch mir ist eine konventionelle Kunst keine Kunst mehr
(obgleich uns viel mehr Atelierüberlieferung und Gewissen not
MODERNE MALERI 213
thäte) — aber ich will dafür nicht eine andere Mode, sondern
eine, gleichviel wie, womit und über was gemachte Kunst des
Herzens, der Andacht sozusagen vor der Natur, ich will die
Begeisterung nicht aus der Welt getreten sehen — kurzum
keine Kunst des „objektiv gemachten" Auges.
Ich gebe zu, dass die Hingabe an die Natur von Zeit zu
Zeit nicht selbstlos genug geschehen kann. Aber — das sind
die Übergänge. Die Frage bleibt immer: was wird daraus?
Es handelt sich für die Kunst sicher nicht um das ver-
feinerte Sehvermögen, auf welches die Modernsten so viel und
nur zu viel Wert legen — so sehr dasselbe als Durchgangs-
punkt zu wünschen war.
* *
*
Ich spreche hier nicht für das Bedrohte, Absterbende,
Alte — dessen Beseitigung, soweit es wirklich saftlos, ich nur
zu verdanken hätte; sondern gegen die Einseitigkeit, Erkenntnis-
losigkeit (Ungebildetheit) und Unduldsamkeit der Pleinairisten,
die doch nur offene Thüren eingerannt und doch nur Sturm-
böcke geblieben sind, die höchstenfalls etwas niedergerissen
haben, aber uns glauben machen wollen, sie hätten bereits auch
die neue messianische Idee geboren. „Sarah soll Heil gebären!"
Das glaubte schon Millet und wahrlich mit mehr Recht als
seine Apostel in Deutschland.
(Die angenehme Unduldsamkeit, mit der die Modernsten
vorgehen, macht auch anderen, ruhiger Zuschauenden, den Ton
leichter, die Stechbahn frei.)
Der durchsichtige genetische Zusammenhang erscheint
mir als die Schönheit eines Bildes.
Jetzt sind sie meist nur oratorische Meisterstücke, künstlich
gefügt, blendend; aber nicht innerlich geboren, — seelenlos.
* *
*
Böcklin steht zu diesen Modeherren wie Oberlaender
zu Schlittgen. Er macht, was er weiss, was er von der Welt
in sich hat. Darum wirkt's. Er macht nicht, was er im Augen-
blick sieht und lernt.
* *
*
Die Kunst lebt heutzutage von der Verwirrung der
Begriffe und sollte doch von der Lösung derselben leben.
214 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
Die Freude am Begreifen, am leichten Begreifen ist
der Grund aller Kunst — wie auch der Wissenschaft. Das ist
die Lebensfreude, das Draussen zu vereinfachen. Die Natur
kann das nicht, kann diese Freude nicht bereiten. Sie ist viel
zu kompliziert, zu zufällig. Und es kommt doch nur auf die
(Erkenntnis-) Freude an, die jemand gehabt hat. Es gehört der
warm fühlende erklärende Mensch dazu, der die verständliche
Formel findet.
Das, was die Neuen an der Natur sehen, ist für sie augen-
blicklich alles, was an ihr malerisch und anschauenswert ist,
und in ihrer Art gehen sie dem Dogma ja so feinsinnig, fleissig
und strenge nach, dass man das anerkennen muss.
Diese Kunst ist auch sonst ganz echt. Sie nimmt, der Zeit
angemessen, überall wissenschaftliche, populäre, sozialistische,
pessimistische Allüren an.
Das Ergebnis sind Studien, die jeder, der die Malerei
(wenn auch nicht die Kunst zunächst) für eine interne Ange-
legenheit der Maler hält, zu den frischesten und feinsten rechnen
muss, die ein Vize-Photograph herstellen kann.
Gewiss, der Lebende hat Recht. Aber er braucht
darum nicht alle die totzuschlagen, die von demselben Recht
ihrer Zeit Gebrauch gemacht haben. Warum soll das nur der
Historiker und nicht auch der Künstler begreifen können!
Die ganz „nackte Malerei" wird bald erfroren sein !
Impressionismus. Es sind ja so subtile malerische
Feinheiten dabei, gewiss, sie sind aber künstlerisch meist viel
zu teuer erkauft und beweisen, dass Schulen, die dergleichen
so hoch schätzen, viel zu wenig Schulung haben und von der
Tagesmode leben. Sonst wüssten Sie, dass all das, was unser
empfindsames Zeitgenossenauge unterscheidet, für die nächste
Generation bereits in einen gleichen Brei zusammenfliessen
wird - - weil es immer die Mittel, höchstens die Nebensachen
waren, die man eine Zeitlang für den Zweck ausgab.
MODERNE MALEREI 215
Wahrhaftigkeit und Natürlichkeit — wer wünschte und
wollte sie nicht! Nur verstehen selten zwei das Gleiche darunter,
da bei der Formulierung der Begriffe von Manchen so Vieles
ausgelassen wird.
Die Malerei wird bei uns so gut, wie seinerzeit in Paris,
durch die Impressionisten aufgerüttelt werden und wie
dort Vieles von ihnen lernen. Dass sie allein in ihrer strengen
Observanz den Anforderungen irgend einer Zeit genügen sollten,
kann ich mir nicht vorstellen. Ich glaube, sie haben gethan,
was in ihrem Programm liegt und sich Dank erworben. Aber
es giebt eine grössere Welt, die noch adäquaten Ausdruck
verlangt, als jene, die sie umspannen, — eine Welt mit mehr
Blut, Herzschlag, Wärme, Erhebungsbedürfnis, Schmuckbedürfnis
und Stilgefühl, Heiterkeit und Freude an dem Glanz der Welt
und der verklärenden Poesie.
Der neue Held heisst die Atmosphäre. Die malte man
zwar auch sonst schon, aber nur „mit". Damit man das
meinetwegen neue Stückchen Wahrheit aber möglichst neu
erscheinen lassen könne, isolierte man es, indem man alle
von anderen Ausgangspunkten aus gefundenen Wahrheiten zu
negieren vorgab und z. B. auf Kompositionslosigkeit hin
komponierte.
* *
*
Es gehen mal wieder schwere Schlagwörter um, und wer
die Ohren in die richtigen Ateliers hängt und dann voll hat,
kann gleich heim laufen und einen aktuellen Artikel seinem
kurzen Darm entlassen.
Es ist die alte Geschichte — fable convenue — nur
so wirst du selig — Regierungsprinzip — Mode; dies uner-
träglich Aufdrängende wie bei Wagner: „Ihr sollt und müsst
daran glauben!"
Habemus papam! sagen die Herren Muther und Helferich.
216 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
Wenn ihr wollt, so haben wir eine neue Kunst, sagten
ihnen nämlich vorher die Herren Lieber mann und Uhde.
Die unbekannte Grösse, die man nationale Kunst nennt,
ist dabei freilich nicht deutlicher geworden (bei deren Unter-
scheidung nur Temperament, Manier resp. Schule etc. eigen-
tümlich sind, das Künstlerische aber naturgemäss überall auf
den gleichen Voraussetzungen ruht).
* *
*
Bloss malerisch kann natürlich alles gleichmässig interessant
sein, und gegen „paysage intime" hat natürlich — als gegen
alte Geschichten — kein Mensch was. Aber ein Unter-
schied bleibt es doch, wer malt. Die blosse Rechtgläubigkeit
thut es nicht. Die Poeten aus den 30er Jahren (Schule von
Fontainebleau) bis zu Bastien Lepage waren eben mehr als
blosse Augen, — Herz und Hirn dirigierten die Sache.
* *
*
Es ist ja nicht wahr, dass die Impressionisten der Natur
näher kommen. Es ist das nur ein neues Rezept zur Aus-
nutzung der vorhandenen unzureichenden Mittel — Täuschung,
Berechnung wie alle und jede Malerei — aber die Böcklinsche
(und manche andere) ist mir lieber, weil sie bewusster und
darum künstlerischer ist (von aller Phantasie und der Freude
daran abgesehen).
Auch ich halte das überzeugte Wollen für das allein leben-
schaffende, also künstlerische Prinzip. Die starke Individualität,
die persönliche, belebende, fortpflanzende Anschauung, — wo
ist sie hier, bei dieser Objektivität von Millets Gnaden?
In der Form Böcklin sehe ich ja in der modernen Rich-
tung das alleinige Heil. Aber wenn ich auch die Berührungs-
punkte nicht übersehen kann, so sehe ich doch viel deutlicher
die unüberbrückbaren Gegensätze zwischen ihm und den von
Helferich und der Breslau verteidigten Impressionisten, die
ihm noch (siehe Helferich) zum Heil der Kunst (!) überlegen
sein sollen. Aber bange machen gilt nicht, und ein Auflauf ist
keine Zeitströmung.
Die Kunst wird eben auch bald rechts, bald links geritten,
MODERNE MALEREI 217
— sie bleibt, Bereiter und Reiter wechseln, ob sie nun abge-
worfen oder — abgesetzt werden.
In diesem Sinne ist die „Malerei" vielleicht überhaupt keine
Kunst, sondern nur eine Geschicklichkeit.
Wer hat einen Wirbelwind gemalt — wer das Grauen des
Meeres — die Menschenfeindlichkeit des Hochgebirges, wenn
er auch die Erscheinung: alle Pässe, Stürme etc. mit seinen
Farben verkleinert abgemalt hätte? Das, was den Menschen bei
der Seele packt, nicht bei den Augen und rechnenden Sinnen,
das zu malen, ist des Künstlers Sache.
Es fällt gewiss mir zuletzt ein, irgendwelchen internen
Fragen der Malerei ihr eigenes Austragsrecht im geringsten
zu bestreiten; auch lebe ich viel zu sehr in meiner Zeit, um
sub specie aeterni urteilen zu wollen. Aber — die immer und
naturgemäss wiederkehrenden Einseitigkeiten und Ansprüche der
jugendlichen Mode darf man doch — von seinem Standpunkt aus
— von den dauernd Reformatorischen, Schöpferischen trennen.
Übrigens wird die ganze Frage so sehr als Privateigen-
tum der Maler resp. der Beteiligten behandelt und ist es auch
so sehr geworden, dass man kaum noch mitreden mag.
Aber es liegt nicht in der Macht des unbeteiligten, ruhig
weiterschauenden Beobachters, in einer — nehmen wir an, noch
so glänzenden — jeweiligen Zeitbethätigung das alles Frühere
ausschliessende Evangelium der Malerei zu sehen. Vieles wird
man ihnen gerne preisgeben; aber mit der Gewissheit, dass
eine spätere Generation auch von ihnen Vieles preisgeben wird.
Indessen ist das das Schicksal aller Pioniere, und wenn
die Herrn sich nur als solche ihrer Resultate freuen, darf man
sie nicht missverstehen.
Das wirklich Wertvolle in dem Streben der „Neuesten"
ist nicht ihre Hellblaumalerei, ihre „Natur", sondern ihre un-
erbittliche Stellungnahme gegen jeden Schlendrian in der
Malerei.
Eine breite Luftwelle weht daher, die vieles Alte mit sich
reisst und — und das wird sie am besten im Innern recht-
218 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
fertigen — Arnold Böcklin an die Spitze trägt. Unter dieser
Flagge kann man die unvergorene Begeisterung der Impressio-
nisten völlig willkommen heissen.
Eine Menge Jugend — die überall das Recht ihrer Kraft
hat — muss man auch immer wieder in Betracht ziehen.
Wir sind im grossen Ganzen endlich wieder ganz andere
Beobachter und Liebhaber geworden - - ä la bonne heure! —
aber da wir vor der Natur arbeiten (und nicht die Phantasie
möblieren), so haben wir es über Studien kaum hinausgebracht.
Alles auf kaltem Wege gemacht, in vollster Abhängigkeit und
Temperamentlosigkeit. Wer so die Zufälligkeit der Natur an-
betet, wird nie den störenden Ballast über Bord werfen lernen,
um in künstlerische, leichtere Luft aufzusteigen. Es giebt noch
keinen Daudet unter diesen Modernsten — ich sage absichtlich
Daudet, nicht Zola.
Die Kunst hat keine Zeit wie die Natur, sie ist auch nicht
gleichgültig wie diese; vielmehr muss sie deutlich sein und will
verstanden werden.
Auch Böcklin lebt nur von der Natur. Aber er schwelgt
in dem unendlichen Glanz der Welt und sucht ihre Pracht zu
entbinden, die bis ins kleinste Angeschaute und Ergründete in
ruhigem ordnenden Nachgeniessen, mit klarem künstlerischem
Willen komponierend, fügt er die disjecta membra nach seinem
Bedürfnis zu einem neuen Naturprodukt zusammen, das für
den Menschen verständlich und erfreulich wirkt.
Die heutigen Maler appellieren nicht an ihre Phantasie,
sondern an die der andern.
Ich kann nicht glauben, dass wir eine so bloss geschickte
und kluge, aber gemütlose Gesellschaft sind. Das ist — ähn-
lich wie Ibsen — eine Etappe, aber nicht das Ziel, hoffent-
lich auch nicht schon das Ende.
Todesfälle, Leichen, Betrübnis — wozu das alles? Die
Herren sind ja doch keine Philosophen!
MODERNE MALEREI 219
Soziale Fragen haben mit der Kunst gar nichts zu thun
(so wenig wie Staatsaktionen etc.), und wer sie hereinzieht,
handelt mindestens ausserhalb seines Mandats.
„Wer in die Kunst Tendenz bringt, der ist eben kein
Künstler", sagt Böcklin.
Alles, was sich Kunst nennt, soll auf Behagen hinauskommen.
Aber man entlässt uns mit Unbehagen. Unbehagen zu erzeugen
ist erst der modernen Kunst vorbehalten geblieben.
„Neue Kunst!" Es giebt nur eine Kunst, das andere ist
Mode, Eitelkeit, gegen deren Überwuchern sich gelegentlich
eine andere Mode aufbäumt, oder Andere, die mit was anderem
auch mal an die Reihe wollen — ehrlich und unehrlich.
Ich bin nur erstaunt, wo das Neue liegen soll. Wir sagen
Liebermann und Uhde. Ja, Liebermann vertrat seinen Pariser
Import und seine Bethätigung — übrigens schon damals mit dem
bemerkenswertesten verwandten Talent — bereits zu Anfang der
siebziger Jahre in Weimar und auch nicht als etwas Neues.
Herrn von Uhde aber als einen Apostel anzusehen, bin
ich so wenig imstande, wie seine Apostel als solche zu nehmen.
Im übrigen malt die halbe Welt längst Pariser Jargon.
(Das Malen von Vorgängen im Freien in Freilicht war zu-
dem nie eine Erfindung derer von Fontainebleau, sondern wurde
von ihnen nur in dankenswertem, bewusstem Gegensatz zu einer
erstickenden, akademischen Konvention zu den möglichst sicht-
baren Extremen geführt und mit mehr Recht ausposaunt, als
es jetzt die um Liebermann etc. uns gegenüber machen.
Die Unterschiede, auf die man sich berufen wird, werden
gegenüber demGesamteindruckderSchule bald unbemerkt bleiben.)
Lieber mann ist keinen Schritt von seinem vorgezeichneten
Wege abgegangen. Aber er ist viel feiner, ausgeglichener ge-
worden; nicht mehr so ganz Schwarzspiegel.
Ich habe meinen alten gewissen Respekt vor Liebermann
nur erhöhen können. Aber freilich immer noch lediglich vor
seiner verschärften, auf ein Ziel gerichteten Energie, nicht vor
seinem Kunstprinzip.
Es hilft doch nichts: die Kunst kommt nicht aus dem
Verstände, — der steht nur am Ventil oder am Steuer.
220 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
Was geht uns eigentlich dieser absichtlich seelenlose
Momentschein der Dinge an. Charakterisiert ist höchstens der
Augenblick (5 Uhr 25), nicht einmal etwas von den ihn (schein-
bar) zufällig bildenden Dingen selbst.
(Vergleiche Whistlers Stimmungen! 7. August, 6V2 Uhr
nachmittags etc. Das gehört in einen Nachlass, aber nicht von
einem Lebenden auf eine Ausstellung.)
Man hätte sich unter normalen Verhältnissen damit be-
gnügen können, Uhdes grosse Fähigkeit der Charakteri-
sierung zu rühmen und Liebermanns schneidiges Festhalten
und Ausbilden eines — entlehnten — Prinzips anzuerkennen —
(ohne in dem einen oder andern mehr zu sehen als malerische
Talente, die Recht behalten, Zeitblasen, die an die Oberfläche
kommen wollen) — aber seit diese Herren sich die Litteratur
dienstbar gemacht haben, muss man doch anders über sie reden.
Uhde. Wenn Filippino seine Florentiner Madonnen-
erscheinungen malte, oder Rembrandt seine Juden, so waren
sie naiv, resp. arbeiteten für ein naives Publikum, was z. B.
Herr von Uhde (der sich schämen würde, einen Rembrandt
gemacht zu haben) mit seinen Anachronismen (Abendmahl etc.)
nicht mehr sein und thun kann.
Dieser Wahrheitssucher verleugnet jegliche Wahrheit aus
Wissen und Begreifen moderner Menschen, seiner Zeit. In
dem Spitalerkostüm seiner Apostel wird die Welt nicht erobert!
Ich möchte seinen Aposteln nicht wünschen, dass sie mal denen
von Dürer in der alten Pinakothek begegneten. Was würden
sie da für Haue kriegen! Mit denen ist kein Spass zu
machen. Verbohrte Menschen. Denen glaubt man's. Aber
Uhdes Krankenhäusler sollen hinausgehen in alle Welt! Die
können froh sein, wenn sie heimkommen. Kein Realist wird
sie für grosse Fanatiker und Evangelien-, resp. Briefschreiber
taxieren. Das sind noch lange keine Sozialdemokraten, nicht
einmal Anti-Vivisektionisten. Da ist mir eine sog. konventionelle
Auffassung« la Paul Veronese oder sonst eine schon lieber.
Ein üblich gewordener Typus Christi steht den modernsten
Scherzen gegenüber. Hätte er wenigstens den konsequenten
Mut gehabt, den Herrn mit zu kurzen Hosen als Schulmeister
MODERNE MALEREI 221
oder Pfarramtskandidaten darzustellen! Warum hat er nicht
den Mut, den Herrn gerade so „realistisch" darzustellen, zu
„behandeln", wie die Apostel? Es würde eben keiner diese
Leute für Apostel halten, wenn er nicht sein konventionelles
Merkzeichen, den Christus, daneben malte, über den er ja nicht
rauskommt. Aber wenn er den braucht, dann ist's schon aus.
Dann giebt er zu, dass er mit seinem „Realismus" nicht reicht
und die Geschichte sonst ganz in Haidhausen*) spielen würde.
(Und das will Realismus sein! Realismus diesen Themen
gegenüber. Da ist mir doch Wereschtschagin noch lieber,
der wenigstens auch in Bezug auf Licht und Raum und Lebens-
art realistisch sein will und extra dazu in den Orient gereist
ist, — wenn nun doch mal in „Realismus" gemacht werden soll.)
Firle macht doch die Leute wenigstens wie sie sind —
in Gottesnamen — aber Uhde braucht noch einen geborgten
Christus dazu.
Gerade wegen dieser Betonung der exklusiven, ultra-
realistischen Modernität, verlange ich diese auch voll und ganz
(was sie ad absurdum führen würde). Es lässt sich eben nichts
trennen in der künstlerischen Thätigkeit, und was von der An-
schauung und Erkenntnis gilt, muss auch von dem erfindenden
Rest des betreffenden Künstlerhirns gelten.
Ich will, um kurz und deutlich zu sein, die einzelnen
Köpfe gern als an Ibsen erinnernd bezeichnen. Aber ich
würde der durchgreifenden, wirklich modernen Energie des
grossen Norwegers Unrecht thun, wenn ich das eigentliche
Werk, das Bild, mit seinen bewussten, geschlossenen Dicht-
ungen vergliche.
Sachgemässe, momenterklärende Charakterisierung
(d. h. nicht etwa den grossen historischen Moment) — die aber
nicht ausreicht für das Ganze, und die ja vor allem nichts
Neues ist, sondern stets mindestens ebenso gross war.
Und die Malerei? Ist dies Anschummern mit lichtem
Ocker oder Weiss, um die Tiefen aufzuheben und die Leute
in „Luft" zu setzen, ehrliche realistische Malerei? Noch weniger
wie der ganze Gedanken- und Empfindungsaufbau.
[Was geht das die Kunst an, ob z. B. Rembrandt soge-
nanntes Schornsteinlicht liebte oder ob Uhde ein Zusammen-
*) Vorstadt Münchens. A. d. H.
222 BÖCKL1N-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
schummern mit Weiss und lichtem Ocker vorzieht? Das hat
mit der jeweiligen Malmode oder einer persönlichen technischen
Anschauung resp. Erziehung zu thun. Für die Kunst hängt
wenig davon ab.]
Bei Uhde hebt das Licht den Schatten auf und der
Schatten das Licht. Was soll das sein? Womit soll das wirken?
Mehlsuppe!
Zu alledem kommt, dass er die Helligkeit seiner Figuren
nicht motivieren kann. Man müsste ein grosses Fenster auf
Seite des Beschauers annehmen, und dann wäre die Geschichte
wieder nicht richtig. Es gäbe dann ganz andere Lichtkreuzungen.
Sehr viel feines Studium wird ihm natürlich der Kenner
nicht abstreiten.
Wie Engel (Heilige Nacht) durch's Dach steigen - alles
voller persönlicher Teilnahme — mag er malen wie ein Holz-
hacker, das ist dem gegenüber gleichgültig.
Es kann auch so sein: Alles voller Teilnahme. Aber um
das frisch zu übermitteln (zu erreichen, aufzuweisen) wirft er
alles andere bei Seite.
Die Empfindung in den Arbeiten hat mir viel Freude ge-
macht. — Das Studium doch auch?
Nein. Davon hat man doch nichts. Darauf geb' ich
nichts.
(Es thut mir leid, dass dies nicht Gelegenheit bietet, um
Fleiss, Studium, jugendlichen Eifer, Gesinnungstüchtigkeit etc.
festzunageln; wir haben wenig Zeit und Raum und müssen uns
deshalb darauf beschränken, nur von Kunst zu reden.)
Wenn man Uhdes Gesamtproduktion ansieht, überkommt
einen doch eine Idee von grosser Zerfahrenheit, man sieht
keinen Hintergrund, — Eklektizismus!
Über das ganze heutige Getriebe ä la Liebermann, Uhde etc.
muss man weit hinaus kommen, ehe das was werden kann.
Bartels hat vielleicht schon am meisten wirklich intim Ge-
schautes in der „neuen" Manier.
L. von Kalckreuth. Herrgott! Etwas vornehmer könnte
doch ein Graf die Natur sehen. Das ist ja recht gut gemalt.
MODERNE MALEREI 223
Aber das zieht endlich nicht mehr, das versteht sich mal wieder
schon von selbst, glücklicherweise.
* *
*
Haider. Ernste, sinnige Kunst. Aber so sind wir ja nicht
mehr gewöhnt, Kunst zu sehen. Wir leben auf einem Jahr-
markt und sehen da die Bravourstücke der erlernbaren Pinsel-
fechterei oder des entsagungsvollen Sitzfleisches vor der Natur
— „denn Gedanken stehn zu fern". Und angenehmer kann
man es der Menge und sich nicht machen. Was hilft dem
guten Haider aller Ernst, dass er ein „innerlicher" Künstler ist,
streng und still und damit kraftvoll wie ein alter Venezianer!
Geh heim, dummer ehrlicher Kerl! Heut' haben die Harfen-
schläger und Zithervirtuosen das Wort.
Klinger. Der Rahmen! Als ob ein Zahnbrecher ausstellt.
Stellt er Rahmen aus oder Bilder? Sonst ist das dieselbe Sack-
gasse wie bei Marees und Hildebrand und das gerade Ge-
genteil von Böcklins künstlerischem Willen.
(Für so ein Auftreten kann er lange nicht genug. Und
merkwürdig, seinen Böcklin hat er gar nicht verstanden, auch
nicht geahnt. Man wäre noch eher milde, wenn er nicht alles
absichtlich „genial" machte: „da bin ich, findet euch mit mir
ab, wie ihr wollt!")
* *
*
Thoma. Auch Thoma steckt in so einer Sackgasse. Er ist
vielleicht noch beweglich und nicht eigensinnig genug, um noch
einmal wieder herauszukommen. Aber jetzt! Ja, wenn man
die ganze Erscheinung der Natur so ignoriert, — das geht
doch nicht.
Thomas Bilder: mal ganz was Dummes, dann aber auch
daneben etwas ganz Heftiges — und nun mit einem Mal zuge-
griffen, zusammengepackt und hergezeigt -ah!
Er hat doch den Wind und segelt mit seiner Vorstellungs-
kraft. Ob er dabei etwas zu weit geht oder nicht, ist eine
andere, sekundäre Frage.
Er hat Phantasie und traut sich seinen Vorstellungen
nachzugehen.
224 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
Bei den meisten anderen muss man sagen: Seine Sachen
gehen nicht individuell von ihm aus; sie scheinen, resp. sind
nur individuell, soweit er sie nach seinem Geschmack (aus
Altem) zusammengestellt hat. Bei ihnen ist sehr vieles nur
aus dem malerisch-technischen Betrieb heraus gemacht.
[Spätere Notiz.] Thoma hat Heftigkeit, Empfindung, Vor-
stellungen, aber er ist nachlässig und kann nichts; er riecht nach
alten Kleidern, er mäuselt, — viel Kümmerliches. Er weiss
nicht, was warm und kalt ist. Er kann nicht genug, um zu
böcklinisieren, weder aus der Natur, noch aus der Vorstellung,
so fällt bei ihm oft alles aus dem Rahmen einer möglichen,
wahrscheinlichen Erscheinung heraus.
Lenbach. Warum musste sich Lenbach mit seiner Sonder-
ausstellung selbst diese Konkurrenz machen? Das verstehe ich
nicht. Toujours perdrix und immer in derselben Sauce.
Wie gut (erinnernd, korrigierend) hätte das gethan unter
den blassen, blauen Bildern der Ausstellung verstreut. Und
jetzt — in der — vornehmen? — Dunkelheit!
Ebenso macht ein Bismarck dem andern Konkurrenz.
Beide Male sieht er ganz anders aus. An welchen soll man nun
glauben. Welcher ist er? Ist das eine er und das andere sein
Bruder?
Lenbach ist aber doch heftig eingegangen. Das Interesse
der Leute, die man in seinem Teppichsaal findet, ist völlig
von den Berühmtheiten absorbiert, die er gemalt hat — Neu-
gier — nach dem Künstler und seiner Kunst fragt niemand.
Bei seiner Diktatur in München (wie wäre sie sonst zu
erklären!) muss er doch wohl auch als Künstler für Künstler
etwas Fascinierendes haben. — Wenn man sieht, was für scheuss-
liches Zeug andere nach Photographien malen, muss man ihm
zugeben, dass er diese Eselsbrücke gut benutzt.
Ein Marees'sches Porträt (Selbstporträt) in der historischen
Sammlung bezeichnet sehr deutlich den Ausgangspunkt der
Lenbachschen Porträtmalerei (ganz markant).
MODERNE MALEREI 225
Die Ägypter.*) Durchweg haben die klugen Leute die Augen
so gross gemacht, wie sie wirken, nicht wie sie wirklich sind.
Und das will gar nicht mal Kunst, sondern Handwerk sein . . .
O Lenbachsaal, o Lenbachsaal, wie welk sind deine Blätter!
Man hat an ihnen das Können — die Forderungen und
das Anschauen der Zeit. Wie schön wäre es erst gewesen,
wenn man etwas ganz Persönliches, einen grossen, stark inner-
lichen, individuellen Künstlerwillen darunter gefunden hätte!
Erst sehen wir selbst, was uns nötig thut. Dann spannen
wir die Schimmel ein — die Archäologen — und lassen uns
das Weitere — Wissenschaftliche — herausholen, erklären.
* *
*
Rottmann — Rettich (Arkadenbilder). So inbrünstig
wie Rottmann das herausgebracht hat, kann ja Rettich das nicht.
Aber sonst famos.**)
*
Gabriel Max ist der einzige Münchener Künstler, der
nicht entgleist ist.
Ich vergleiche nicht gern. Aber man schaue nur mal
den leeren anspruchsvollen Piglheinf) an und dann die blasse
prachtvolle Madonna von Max, so barock es immerhin ist,
einen Rahmen in einen Rahmen zu malen. — Und dann wie
die Kerzen wirken in all dem Licht! Bei Uhde wirken sie
eben nur im Dunkeln.
An bewusstem seelischen Glanz, an konzentriertem künst-
*) Gemeint sind die in enkaustischer Manier auf Holz gemalten alt-
ägyptischen Porträts, die von ihrem Besitzer, Th. Graf in Wien, in Felsen-
gräbern der Oase Fajjüm in Ägypten entdeckt wurden. Diese Sammlung war
gegen Ende 1888 in einem Saale des Museums der Gipsabgüsse in München
ausgestellt. A. d. H.
**) Ein Kunstwerk ist das Produkt von Begabung, Temperament, augen-
blicklicher Stimmung und tausend unwägbaren Nebenumständen, die dem
Nachschaffenden, dem Kopisten, nie in auch nur annähernd gleicher Weise
zur Verfügung stehen können. Unter diesem Gesichtspunkt erhält das obige
Urteil sein volles Gewicht. — Zehn dieser prächtigen Nachschöpfungen
Rettichs haben, nachdem in München selbst das Interesse an der Rettung
von Rottmanns Arkadenfresken nicht geweckt werden konnte, eine proviso-
rische Aufstellung in der Aula der „Grossen Stadtschule" zu Rostock ge-
funden. A. d H.
f) Grablegung Christi. A. d. H.
Floerke, Böcklin. 15
226 BOCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWURFE
lerischem allseitigem Willen wüsste ich nichts neben Böcklin
und Gabriel Max zu nennen. Benlliure kommt als Ueber-
gang hinzu.
* *
*
Der Ganzeste von allen ist und bleibt — wollen wir's
hoffen — Oberlaender.
Verrückt und albern sind unter den französischen Im-
pressionisten A. Falguiere und Raffaelli. Sie führen das Prinzip
gründlich ad absurdum.
* *
*
Die Holländer gefallen mir noch am besten, meist voll
Andacht und Beschaulichkeit. Bei uns hat so etwas kaum
hie und da mal ein Landschafter, der eben draussen bummelt
oder in Ruh vor einer Kuh hockt.
Die in den Städten: Alles eine Hetz nach „Gedanken",
nach Auffallendem, — am schlimmsten sind darin die Ungarn.
Und Formate für die „Gedanken"! Ich danke. Bloss um auf-
zufallen und nicht schlecht gehängt werden zu können.
Unmittelbar aus der Vorstellung, aus dem Herzen in die
Hand ist die „Vision im Kolosseum" des grossen Spaniers
(Benlliure), voller Erkenntnis! Da soll einer staunen, wie
das gemacht ist, — gar nicht — nur so glatt und bewusst hin-
geschrieben. Wie man da jeden Luftzug spürt . . . . ! Und was
dazu gehört, so eine Leinwand nur zusammenzuhalten, geschweige
denn sie so gewaltig einfach und deutlich zu gestalten, das be-
weist der Matejko gegenüber*), der in der einen Ecke so
gleichwertig ist wie in der andern und überall. Was geht mich
das verschwendete Wissen und Können an, die Mühe und der
geistige Aufwand, den er gemacht hat. Ich will nicht sehen,
wie gekocht wird, und was alles dazu kommt, sondern was
daraus geworden ist. (Grade als ob ich fragen wollte: wie ist
das gekocht? Nur ob's schmeckt, interessiert mich.)
*) Jan Matejko: „Die Jungfrau von Orleans führt den königlichen
Hof von Reims zur Krönung in die Kathedrale". A. d. H.
MODERNE MALEREI 227
Benlliure kann Menschen, dumme schwere Kapuziner,
schweben, fliegen lassen, und man glaubt's ihm gleich. Leute
wie Leibl vermeinen bereits, dass man sie nur gehen lassen
könne. Er kann sie freilich bloss Modell stehen lassen.
Benlliure ist doch lange nicht so bewusst wie Böcklin,
bei dem Alles bewusst berechnet ist, dabei ganz ungeniert,
ganz wurscht, ob's jemand gefällt. Wenn er z. B. im „Spiel
der Wellen" „einen schönen Kopf" gemalt hätte, hätte er
sich ja sein ganzes Bild verdorben. Wer so viel kann, ist doch
nicht dazu da, „schöne Köpfe" zu malen !
So ein Spanier thut sich leicht. Er hat ja gar nicht den
Gegensatz wie wir zu unsern gescheidten Wissenschaftlern. Er
macht ein gutes Bild und — die Andern freuen sich.
Die drei Bilder von Habermann*) muss man ansehen.
Da kann man sich gleich die Seele eines Künstlers zusammen-
bauen. Er spielt halt den Pariser und ist geschmeichelt, wenn
man's merkt. Ohne allen Ernst, ohne Herz.
Skarbina („Der Mann mit dem Coke"**). Wozu malt
er das? Der Mann wäre ja ohnedem auch da. Den kann ich
mir ja kommen lassen und wieder wegschicken, wie jedes Modell,
jeden Packträger. Ein Bisschen musste daran doch wenigstens
von mir sein.
* *
*
Ich nannte nur wenige Namen, weil mir die Menge durch-
aus uniform aussieht: fleissig und geschickt. Aber nach hundert
Jahren könnten alle die Bilder von einem und demselben
unglaublich produktiven Menschen sein.
* *
*
Wir haben nicht zu viel,sondern zu wenig Überlieferung
in Deutschland. Beweis schon die Abhängigkeit von Paris,
dessen jeweilige Modekrankheiten wir unbesehens begeistert
*) ,Jagdstück"; „Ein Sorgenkind"; „Morgendämmerung". A. d. H.
**) „Kücbenbof"? A. d. H.
15*
228 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
nachmachen. Beweis ferner der Mangel an irgendwelchem
historischen Sinn bei unsern meisten Malern und der naive
Stolz darauf.
Helmholtz schreibt bezüglich Suggestion etc.: „Seitdem
(seit dem Tiermagnetismus) sind viele verschiedene Phasen
derselben Geistesrichtung einander gefolgt. Jede einzelne hat
nur eine beschränkte Lebensdauer; häufen sich die Enttäuschungen
zu sehr, so ändert man eben die Methode."
Dies gilt genau so für die zeitgenössische Kunstentwicklung.
Nachdem die intimsten Reize des Allüberall gründlich
entdeckt und zusammengestellt waren, sind sie auch einmal
herrschende Mode geworden, was nur zu begrüssen, weil sie
dadurch zum Bewusstsein aller kommen und das Gemeingut
aller Maler werden konnten. Aber eine Mode ist keine allein-
seligmachende Weltanschauung und schliesst andere Moden
schon nicht für lange aus, für nie aber die Wahrheit, dass die
Natur ausser ihren unscheinbaren Schönheiten und Wahrhaftig-
keiten auch noch anderes Sehens- und Nachschaffenswürdige
habe und das deshalb nicht aufgehört habe zu existieren.
Varia.
Reproduktion :
Alle handwerklichen oder mechanischen Übersetzungen in
Schwarz und Weiss müssen bei Böcklin Übertragungen in
eine unzulängliche Sprache bleiben.
Jemand, der alles durch die Farbe zu schaffen scheint:
Raum, Licht, Stimmung und Form könnte in Schwarz und
Weiss überhaupt nicht wiedergegeben werden, wenn nicht auch
sonst ausserdem noch alles in Ordnung wäre (Linienperspektive,
Komposition, Silhouette, Form, Ton). — „Handwerkliche Über-
setzungen in eine unzureichende Sprache" nennt Böcklin Hechts
Radierungen und Holzschnitte nach seinen Bildern bei Schack,
— nur von der „Meeresidylle" ist er wirklich befriedigt. Auch
Klinger entsprach seinen Anforderungen nicht.
In Mailand haben sie heuer die ganze „Norma" pfeifend
aufgeführt, und ich sah in Florenz den Troubadourtext als Schau-
spiel aufgeführt — nur das Publikum sang hin und wieder.
Warum sollte man nicht auch Böcklins Bilder in eine unzu-
längliche Sprache übersetzen, schneiden oder radieren?
Fiedler; Marees; Antike.
Böcklin sind die Porträts und „Sante Conversazioni"
nicht genug, er will mehr Leben. Conrad Fiedler („Ursprung
der künstlerischen Thätigkeit") betont immer nur allein, und
wie mir scheint, in zu engem Sinn, das Sichtbare, es wird bei
ihm zum Statuarischen. Aber ist nicht auch der ausgeprägte
Geist in der Gestalt (Lebensart, Rasse etc.), die zusammen-
gefasste, zum Auge sprechende Situation in der Gruppe sicht-
bar? Dies zugleich mit der eigenartigen körperlichen Erschei-
nung, im entsprechenden Ambiente von Licht und Luft zu einem
230 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
sichtbaren Ausdruck herauszuarbeiten (zusammenzuarbeiten),
das ist Böcklins reichere Kunst. Der Mensch z. B. ist doch
etwas Gewordenes, unter einflussübenden Verhältnissen Ge-
wordenes. Alles das muss man mitsehen. Daher das zottige
tierische Aussehen Böcklinscher Meermenschen. Das Meer soll
öde und bös sein. Aber seine Geschöpfe glatt und geschniegelt!
Müsste er den Kritiker malen, so würde er ihn auch nicht durch
die „Gesetze der Schönheit" glaubwürdig machen können, son-
dern die Einwirkung der verba magistri, der ungelüfteten Stu-
dierstube mit alten Schmökern und schlechter Tabaksluft an
ihm aufweisen. Und das gäbe auch gerade keinen Apollino.
Vielleicht hat es die alten Griechen gefreut, so, wie Marees
und folglich Hildebrand und Fiedler meinen, zu bilden.
Aber jede Zeit hat ihre eigene Sache zu sagen, ihre eigene
Kraft und Kunst auszusprechen und will auf ihre eigene Art
angeredet werden. Keine philosophische Untersuchung über
die letzten Dinge kann daran etwas ändern.
Alle diese Bienenarbeit Fiedlers bringt uns höchstens
die Herren von Marees und Hildebrand näher. Gletscher-
besteigung — Nordpolexpedition, um den veritablen Nordpol
zu finden und zu merken, dass von ihm nichts zu „sehen" ist.
Fiedler hat einen konzentrierten Menschen vor sich.
Alles Abstraktion. Nicht etwa einen voll Leidenschaft, der
darum auch mal eine Dummheit macht!
Ich halte Fiedlers Ausführungen über den Ursprung der
künstlerischen Thätigkeit etc. schliesslich doch für grundfalsch.
Absolutes Kunstwerk ohne Mitwirkung des — sklavischen —
Beschauers will er, Anregung des ähnlich Empfindungsfähigen
will ich vom Kunstwerk.
Das vollendetste, innerlichste Kunstwerk bleibt tot ohne
die nachschaffende Mitthätigkeit des angeregten Beschauers,
dessen eigenste Erlebnisse angerufen werden müssen.
Das Kunstwerk muss sich erst der in uns schlummernden
Erinnerungen und Vorstellungen bemächtigen, um dann wie
unser Eigentum zu erscheinen, unser zweifelloses, mühelos und
ganz zu geniessendes Eigentum.
Bruckmann meint, Böcklin sei durchaus Improvisator,
besonders aber den Alten gegenüber, die er doch wiederum als
die einzigen bewussten Maler schätzt. (Pompeji.)
VARIA 231
Er sei durchaus kein Handwerker, wie sie. Er wolle das
zwar nicht wahr haben, aber er vereinfache sich alles Dahin-
gehörige auf alle Weise und wäre froh, wenn ihm das jemand
abnähme. Böcklin selbst nennt sich im Grunde einen Skizzen-
maler. (Er sei der geborene Skizzenmacher, sagt er selbst. Das
ist nun gewiss nicht wahr. Auch nicht so Improvisator, wie
es scheinen könnte.)
Mar e es sagt: „l'art c'estle nu u — da liegt Böcklins Antike.
Warum nicht auch mal ein Kalauer: Marees wollte sein
Leben lang das Ei des Kolumbus ausbrüten, Böcklin stellte
es, jedesmal von neuem, lachend und fest auf die Spitze.
* *
*
Ausstellungen: „Ja dies Ausstellungswesen! Es wäre
leicht dafür zu malen. Aber es bringt um, wie der „Salon"
die Franzosen umgebracht hat. Jeder fragt sich bloss: was wirkt,
und dahin geht die ganze Rechnung. Besonders, was wirkt
von weitem — dieser oder jener ungewöhnliche perspektivische
Witz, sagen wir mal, eine Untersicht oder Aufsicht, ein nicht
im Bilde vorhandener Horizont, eine Zickzackperspektive etc.
Stärkeres zu finden ist der künstlerische Zweck geworden.
Das Elend, was da entsteht, sieht man." Böcklin will auch im
halbdunkeln Zimmer wirken, wie er's beabsichtigt. Licht ver-
tragen, aber nicht nötig haben!
* *
*
„Einen Ort ernsthaft gehalten ist mehr als zehn Löwen,
Helvetien, Krieger etc. in Marmor oder Bronze."*)
* *
Stufen zwischen Bühne und Zuschauerraum im Münchener
Residenztheater: Falsch gedacht, würde Böcklin sagen; das
soll getrennt sein. Das da oben ist Vorstellung (wie ein Bild
und jedes Kunstwerk), nicht Natur.
*
Böcklin spricht viel von geordneten (Bayersdorfer)**) und
*) Geht wohl auf das St. Jakobs-Denkmal in Basel. A. d. H.
**) Der Name Bayersdorfer ist vom Herausgeber irrtümlich an
diese Stelle gesetzt worden. Er fand sich als Randbemerkung zu obenstehender
Notiz. Eine später gefundene Notiz des Verfassers, die ein Wort Böcklins
232 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
ungeordneten, sowie von leicht verwirrbaren (neulich gelegent-
lich des Spiritismus) Köpfen.
* *
*
Er macht uns den Unterschied zwischen Romanen und
Germanen so deutlich, dass wir Germanen, die wir das Gegen-
teil gewohnheitsmässig erstreben, darüber erschrecken und uns
selber in ihm, unserem Bekenner, nicht zu finden wissen, oder
uns nicht trauen uns wiederzufinden.*)
* *
*
Wenn jemand eine weisse Weste an hatte und sich be-
sonders schön fühlte, sagte er gern: „Wie steht bei Cennino
Cennini?"- „Jedes unvernünftige Tier ist am Bauche weiss."
* *
*
„Wozu über Bilder schreiben? Die sprechen für sich
selbst."
* *
*
Ein Professor besucht Böcklin. Im Garten zeigt dieser
auf ein Loch, in das er seine Zigarrenstummel wirft und sagt:
„und das ist meine Tabakpflanzung". „Ja", sagt der Gelehrte,
„so geht das nicht. Da müssen Sie Samen einlegen, wenn Sie
Tabakspflanzen haben wollen " Ich erzähle diese kleine
Thatsache nur, um damit zu sagen: So stellen sich nur zu leicht
die Wissenschaftler den Künstler vor: Das ist so ein träume-
rischer Mensch, der macht etwas, was er eigentlich gar nicht
weiss, und die andern, die Liebhaber, die 's auch nicht ganz
verstehen, klatschen aus ihrer eigenen Unklarheit heraus. Ge-
fühlsduselei!
*
Böcklin geht, zu päpstlicher Zeit, in Rom mit seiner Frau
auf dem Monte Mario spazieren, schlägt vor der Villa Meilini
einen Weg rechts ein, von dem er denkt, dass er nach Ponte
wiedergiebt, lautet nämlich folgendermassen : „Es giebt Schädel, die in Ordnung
sind und solche, die nicht. Unter jenen aber solche, die sich leicht in Un-
ordnung bringen lassen und solche, die beharren. — Ich weiss bald nicht
mehr, wohin ich mit dem unter die Spiritisten gegangenen Freund Bayers-
dorfer soll." A. d. H.
*) Beziehung auf Böcklin nicht ganz zweifellos. A. d. H.
VARIA 233
Molle führen müsse. Der Weg wird immer schmutziger, so
dass er seiner Frau sagt, sie soll stehen bleiben, er will sehen,
ob es denn überhaupt noch weiter geht. Am trockenen Rand
des immer hohler werdenden Weges sich hindrückend, sieht
er plötzlich oben durch die Hecke einen ganz echten Räuber
mit Riesenperücke und Bart, Sonntagssammtjacke, Pistolen
und Dolche in der Fascia, ohne Hut und eine Trompeten-
donnerbüchse in den Händen — hätte Frank Buchser nicht
schöner machen können. Und unten, am Knick des Weges,
kniet im Anschlag auf die Ecke, um die man kommen muss,
ein zweiter. Er erinnert sich, dass oben, als sie in den Weg
einbogen, jemand mit einem schäbigen Hund, der ihnen nach-
lief, gepfiffen hatte, dem Köter wie er damals glaubte. Lang-
sam tastet er sich an der Wand zurück bis zu seiner Frau
und sagt: „Gieb mir die Hand. Komm mal her: so was
hast du noch nie gesehen. Leise!" Und er zeigt ihr die beiden.
Als sie dann wieder zurück sind und auf die hohe Heide neben
dem Hohlweg steigen, von wo man die ganze Situation übersah,
sind die Herren Banditen weg.
Böcklin brauchte einmal Tauben und hatte sie bisher doch
nie so recht angesehen. Also suchte er sich auf dem mercato
vecchio (Florenz) zwei aus, die ihm auch im Ton sehr glück-
lich erschienen, und gedachte, sie einige Tage bei sich herum-
laufen zu lassen und ihnen dann die Freiheit zu geben. Er
habe noch einen Gang zu machen, sagte er, dann, in zehn
Minuten, komme er, sie abzuholen. Als er wieder kommt,
überreicht ihm der höfliche Toskaner lächelnd zwei — nackte,
gerupfte Tierchen.
* *
„Als Jungen kriegten wir jeder zu Weihnachten einen
Teller Pfeffernüsse, mit einigen schönen Paradestücken oben
drauf. Sofort vertauschte ich meine Zuckersachen gegen die
Pfeffernüsse der anderen — und hatte dann stets einen ver-
dorbenen Magen. Das ist für mich das Bezeichnendste in der
Erinnerung an Weihnachten", erzählt Böcklin.
234 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
Die alte Mutter Böcklins schickt ihm, wie sein Ältester
geboren wird, aus der Schweiz Häubchen nach Rom, die Böck-
lin selbst als Wickelkind getragen hat, mit Seidenbändchen etc.
Der Alte muss damit von Schalter zu Schalter gehen, fünf Scudi
zahlen und einen Tag verlieren. Dabei war auch ein grün-
seidener Geldbeutel mit einer scheinbar güldenen Perle daran . . .
und dabei kein Geld, nichts zu essen haben!
„In Deutschland scheint keine Sonne. Sie lag mir auf
den Schultern, aber ich fühlte sie nicht. Die Schatten schleier-
artig und doch der Himmel blau. Und nun diese Profusion
von Licht, dies Brennen plötzlich diesseits der Alpen. Ich
habe den ganzen Tag nur Licht genossen."
*
Böcklin auf Ischia (Krankenbesuch). „Ja, ich bin
zwar kein Doktor, aber als Forestiere weiss man doch immer
etwas mehr. Also wo ist der Kranke? Gut. Erst mal die
Fenster auf, dass er was zu atmen hat, wenn er kann. Dann
Schnee auf den Kopf, auf die Hände. Und dann einen Brodo*),
sobald er Hunger, zu trinken, so oft er Durst hat ... —
Ja, aber das frisst und trinkt ja alles das Fieber . . ?
Unsinn! Und zuerst mal alle die alten Weiber weg! (Die
ganze Nachbarschaft umstand heulend über seinen nahen Tod
den Kranken.)
Tamarinden: Die giebt's überall in Italien, die erfrischen,
— via!
* *
*
Wir gehen spazieren. „Herrgott", sagt er plötzlich, „wie
das Grün mit einem Male frisch, kräftig und satt wird, seit die
Sonne (die warme Beleuchtung?) weg ist!"
* *
*
„Bei nichts braucht man so wenig zu denken, wie beim
Aktzeichnen", sagt Böcklin.
*) Fleischbrühe. A. d. H.
VARIA 235
Ich versuchte (zeichnend), ob ich gesehen hatte. Böcklin
wusste bei jeder Statue, von der wir sprachen, nach wenigem
Suchen die Stellung und karikierte sie. (Florenz 1881.)
„Ich glaube, dass der Ort, sowie der Umgang sehr wenig
Einfluss auf den Menschen haben, wenn derselbe von innen
heraus schafft, und dass ein Trunk 83er z. B. und ein auch nur
einigermassen erträglicher Umgang genügen, um einen gesund
angelegten Mann auf dem Damm zu erhalten."*)
Ein alter Herr, Franzose, kommt tagelang und sitzt stumm
vor Böcklins Arbeiten. Am letzten drückt er ihm unter der
Thür die Hand: „Continuez, continuez, et vous arriverez" !
Natürlich doch bei der Ehrenlegion. So denken die Franzosen
über Kunst.
[Notiz; Zürich, vor Mai 1886.] Böcklin erzählt: Frau
Direktor Piloty mit der grossen Bewegung: „Dann werden
Sie ausgestossen" ! „Woraus"? (fragte Böcklin und hätte lieber
gesagt: „stehn Sie einen Augenblick still"! Er sah nur das
blauseidene Mantelfutter und das interessierte ihn.) „ — aus der
Künstlerschaft". (Böcklin sollte mit ausstellen. München
müsse alle seine Kräfte zusammennehmen, in einer Art histori-
scher Ausstellung sein Werden und heutiges Können zeigen.
Er sei kein Münchener, sagte Böcklin, gehöre keiner Schule
Münchens an, halte sich nur vorübergehend hier auf, halte
übrigens Ausstellungen für schädlich )
Wedekinds Bilder**) sind auf Shirting mit Leim und
Kleister gemalt.
*) Aus einem Brief Böcklins an den Verfasser; datiert: Florenz,
28. Jan. 84. A. d. H.
**) „Die Beziehungen des Menschen zum Feuer", Wandbilder-
cyklus von Böcklin in der Villa Wedekind, Berlin. A. d. H.
236 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
Bei Schack sind „Amaryllis"*) und „Seeschlange"
in Eitempera gemalt.
Schack bezahlte die „Villa am Meer" mit 1000 Gulden,
die „Seeschlange" mit 3000 Gulden, bei den übrigen Bildern
handelt es sich um „Hunderte" von Gulden, nicht mehr.
Der Mäcen hat ihm drei Bilder refüsiert: Ein „Oktober-
fest", eine „Villa am Meer", und ein grosses Bild, das später Kopf
in Rom besass: „Faunfamilie im Frühling an der Quelle."
Typhus 58—59.
„Dianajagd" in Basel wurde 62 gemalt; die „Masken"**)
im Jahre 71 gemeisselt.***)
Basler Masken. Böcklin giebt von Persönlichem gar
nichts zu. (Er kann keine einzelnen gemeint haben; denn
es müssen grosse Gegensätze sein. Er lebt mit seinen sehen-
den Augen unter denen und findet schliesslich, als die Arbeit
kommt, dass er fünf bis sechs Typen unterschieden hat, und
die macht er.)
Böcklin und Gottfried Keller. Die im Reich hat
Krieg und Politik gebraucht. Die Deutschen draussen — in
der Schweiz — haben uns das Beste gegeben — inzwischen —
was unsere Zeit in Kunst bezeichnen wird.
Gottfried Keller. Man sollte es überall am Pulsschlag
greifen, dass das Erlebnis für den Künstler war, was er gemacht
hat. Man sieht überall so recht, wo die Wurzeln sind, wo die
Scholle ist, auf der er wächst, mit der er notwendig zusammen-
hängt die schönsten Sterne Edelweiss wachsen gerade auf
dem schwierigsten Boden.
Er hat darin niedergelegt, was er vom Leben hatte und
verstand — diese höchste Freude des erkenntnisfrohen Menschen
*) „Daphnis und Amaryllis" („Die Klage des Hirten") siehe
Böcklinwerk I, 35. A. d. H.
**) Sechs Sandsteinmasken an der Gartenfassade der Kunsthalle zu
Basel. Autotypieen dreier Masken im „Böcklinwerk" und in der „Kunst
für Alle", III, 2. A. d. H.
***) Diese Notizen sind einem Briefe von Böcklins Schwiegersohn,
Peter Bruckmann, an den Verfasser entnommen. A. d. H.
VARIA 237
— in die Breite und in die Tiefe. Wenn das leicht ist, hat er
sich leicht gethan; im allgemeinen nimmt man aber doch an,
dass das schwer sei.
Die Sieben Legenden sind nun mal ganz froh und
heiter, rein geschenkt, versöhnlich, — ariostisch.
Keller. Ein merkwürdiger Zwiespalt: In seiner Litteratur
hat er so viel Teilnahme, dass er alles verzeiht, an allem noch
etwas findet, um sich daran zu erfreuen. Und im Leben ist
er unbarmherzig: nach sieben Seiten guter Leistung z. B. fällt
er über die achte her, wenn sie ihm nicht gut scheint und
verzeiht sie unter keinen Umständen.
Böcklin wie Keller: Er fasst an, man fühlt er hat die
Hände voll, es geht nicht anders, er ist unbekümmert, will
nichts scheinen, sondern nur machen.
Manchen sieht man ganz genau mit dem blossen Auge
rosten, der so blank dastehen könnte! Aber alle Tage um die-
selbe Ecke, mit den gleichen Leuten auf der nämlichen Zunft
siehe Gottfried Keller in Zürich.
Der richtige Abstand von einem Bild ist nach Böcklin die
doppelte Länge desselben.
* *
*
Merkwürdig ist doch, dass sich Qualitäten, die die Herren
Pleinair-Maler so hoch schätzen, auf dem ihnen diametral ent-
gegengesetzten Wege — durch Böcklin — den sie zu den Ihrigen
zählen möchten (!), und der sie für Packträger hält, erreichen
lassen!
* *
*
„Kunstwerke werden im Arbeiten geboren", sagt heute
wieder einer (Hoffart), im handwerklichen Arbeiten, nicht vor-
her auf dem Sopha. Ich gebe das soweit zu, als ich sage:
Raffael ohne Hände ist, trotz Lessing, eine ästhetische Dumm-
heit. Ein Künstler, der bloss im Kopf arbeitet, ist keiner; denn
er wäre keiner, sobald man ihm die Hände dazu gäbe.
238 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
Die ästhetische Kleiderordnung (welche einteilt in Historien-,
Genre- etc. Maler) wurde nicht von den Schaffenden, sondern
von den Registrierenden erfunden, nicht der Künstler, sondern
nur der Gewerbetreibende oder Emporkömmling wird sie sich
gefallen lassen.
* *
*
Alle ästhetischen Meinungen sind Abstraktionen, d. h. aus
dem Geschaffenen gezogen, kommen also stets hinterher und
können nie Gesetze werden, — ausser — leider — für einige
Generationen Publikum. Inzwischen sorgt dann die Kunst für
neue, wenn es einen guten Jahrgang giebt.
[Die Ästhetik ist nur der Versuch, die jeweilige Kultur
zusammenzufassen und zu erklären, aber sie ist nichts Dauerndes.
Nach so und so viel Jahren giebt sie nach und macht das Gleiche.]
Mein Verhältnis zur Ästhetik ist dasselbe, welches Fon-
tenelle zur Metaphysik unterhielt: „Ich war recht jung, als
ich darin unterrichtet wurde", schreibt er irgendwo, „aber schon
damals habe ich angefangen, nichts zu verstehen."
Die Allegorie, z. B. ein „Amor sacro e profano" ist
der Anteil der Zeitmode. Dass er den Maler nicht erdrückt,
sondern belebt hat, ist ein Beweis mehr für sein Genie. Das
Interesse an dem, um dessentwillen etwas gemalt geglaubt war,
kann lange tot sein und das Gemälde doch noch leben.*)
* *
*
Dürer: „Ritter, Tod und Teufel". Für den „Forscher",
der vom Gedanken herkommt, ist es natürlich viel interessanter,
zu ertüfteln, was Dürer sich gedacht als was er gemacht. Was
er künstlerisch konnte und geleistet hat, empfindet er nicht,
*) Hier möchte ich mit Hinweis auf Seite 5 eine gelegentliche Notiz
des Verfassers zur Diskussion stellen: „Amor sacro e profano. Über
den Vorwand sich zu streiten — den nun einmal jeder Maler zu seiner Be-
thätigung braucht — hiesse dem eigenen Verständnis der Kunst und gar jener
Tage Unrecht thun. Was war dem Künstler, was ist uns Hekuba: Anders
ist, wenn man sich den Anlass renaissancemässig so denkt, dass Ercole
Farnese sich von Tizian die Lucrezia Borgia und dieGonzaga, die
lesbisch in einander verliebt waren, und die er beide besass, ohne dass sie
gegenseitig darum wussten, malen liess. Das Wappen der Gonzaga, die
VARIA 239
weil er von den Vorbedingungen zur Entstehung eines Kunst-
werks nichts weiss, so gelangt er nur zum Versuch, den Ge-
danken zu verstehen.
Übrigens bis zu Dürer, der doch den Sozialisten, den
Sektierer, Fanatiker etc. in seinen Aposteln auffasst und fest-
hält, macht bei uns doch jeder seinen Nachbarn aus der Strasse
oder der Trinkstube. Immer fällt ihm wieder der ein. Man
sieht ordentlich die Leute noch hinter ihren engen Mauern
wohnen.
* *
*
Die kleine Nürnberger Madonna. Nicht hölzern und
nicht steinern sieht sie aus, d. h. die Mittel, mit denen der Hand-
werker in jedem wahren Künstler so lange kämpfen muss, bei
jedem neuen Werk, sind überwunden und das reine Kunstwerk
ist ganz frei geworden.
Die Gotiker, oder sagen wir gleich Germanen, lassen sich
doch wenigstens nie von den Mitteln verführen, von ihrer Idee,
Vorstellung, von dem, was sie darstellen wollen, abzugehen und
nur mit jenen oder gar mit dem Material zu prunken. Die
I taliener z. B. sofort. Sobald sie nur etwas Neues Technisches
erworben haben: einen Arm richtig und lebendig mit dem
Brustansatz verbinden, oder sonst irgend etwas gelingt, so wird
ihnen das unter den Händen zur Hauptsache. Sie machen in
Neugierde, Vergnügen und Eitelkeit einen Akt anstatt der Vor-
stellung, mit der es losging, schreiben aber nachher doch da-
runter: Johannes der Täufer.
Alte Italiener. Kein selbständiger Sinn für die Er-
scheinung. Keiner sagt sich: „ich sehe ja Wasser genug",
sondern : „Wasser macht man so", „mit Wellen so". Erst die
Schlange, die eine Jungfrau frisst, ist am Sarkophag. Sieben Jahre lang
stand Tizian mit den Borgia in den nächsten Beziehungen; er hat die Lu-
crezia oft gemalt; aber alle diese Porträts sind verschwunden. Amor, der
zwischen beiden das Wasser trübt, ist auch da. Aber das soll natürlich auch
nichts als eine Renaissancevermutung sein." A. d. H.
240 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
Niederländer, und was dazu gehört, sahen so etwas, und mit
der unglaublichsten Liebe und Innigkeit (bis zu Dürer und
Böcklin), ohne sich ihr Kunstwerk im Geringsten durch ihr
Überallsein stören zu lassen.
Später ist es dann gerade die Erlösung und Bethätigung
dieser selbständigen Erkenntnis der Wesenheit und der Lebens-
äusserungen der sichtbaren Welt (seitens des einzelnen), die
in den immer gleichen, gegebenen Kompositionen Genüge findet
(sich sogar zunächst der Schranke nach einer Seite hin freut,
weil sie sich ganz auf die andere werfen kann), und sich unbe-
kümmert bethätigen kann, indem sie jene mit individuellem
Leben füllt.
Das ist eben mein Umbrien, mein Sposalizio, sagt z. B.
Raffael. Weil ich eben ein anderer Mensch bin und mich
male, muss es auch innerhalb des Kompositionszwanges und
der Schulmanier ein anderes Bild werden. Der Zwang hindert
damals nicht nur nicht, sondern lässt das neue Bedürfnis sich
auf sein Wesentlichstes, Persönlichstes konzentrieren und da-
durch schnell erstarken.
Von den Pollaiuoli her, also seit dem Ankauf Hugos
van der Goes,*) Memlings etc. haben sie eine Menge neuer
„Malmotive" sozusagen (wie man Baumotiv sagt) von den Nieder-
ländern. Den Teppich, resp. die Gartenmauer, die Fenster, die
Durchblicke rechts und links. Und diese malerischen Klug-
heiten, deren sich die meisten kaum bewusst geworden sind,
hat Lionardo allerdings in erstaunlicher Weise verstanden und
ausgenutzt.
Alle anderen haben von diesem „in die Tiefe arbeiten"
der Niederländer kaum eine Idee.
(Merkwürdig ist die Doppelarbeit H. v. J. Goes' z. B.
schwebende prachtvolle Engel — die er doch nicht vor der
Natur gemalt haben kann, und schwarze Fingernägel etc. genau
nach dem Modell auf demselben Bilde, und zwar auf einem
Bilde.)
Mit van Eyck tritt eine der heutigen Zeit absolut ver-
wandte Richtung auf die Natur ein. Nur als Teil von ihr ist
die Figur gedacht. Nur in ihr, zu ihrem malerischen Ge-
*) Der Porti narialtar in Sta. Maria Nuova in Florenz. A. d. H.
VARIA 241
samteindruck, wird sie, die bewegliche, farbenspendende, ver-
wendet. Die Komposition löst sich und macht dem scheinbaren
Zufall der Gruppen Platz. Scheinbar insofern die Figuren nicht
in feste Gruppen, sondern frei wie im Leben verstreut sind,
künstlerisch bewusst aber doch, insofern sie die Träger notwen-
diger oder schöner Farbe sind. Das Licht und mit ihm die
leuchtende Farbe tritt auf.
* *
*
Das was Herr Lessing über die „Dekoration" sagt, die
nie die „Form" zudecken solle (Frauen-Zeitung, April 1885),
ist sehr richtig für die Lehrjungen, Handwerker etc. etwa wie
die Religion für die Masse. Es steht da wie der verstandes-
mässige (wissenschaftliche) Begriff dem künstlerischen Anschauen
gegenüber. Wo bleiben da die soviel gepriesenen Chinesen,
die rein malerisch wirksamen Dekorationen? Dass er im Grunde
Recht hat — so weit sich die Sache für die Ästhetik ausschlachten
lässt, weiss jeder Schuljunge.
Wenn die Alten z. B. blaue Fernen malten — so blau ist
das ja nicht, auch der Himmel sieht nicht so aus — so macht
das nichts. Aber wehe einem Modernen! Jene wussten wohl,
dass die Palette nicht ausreicht, um den Glanz der Welt dar-
zustellen.
* . *
*
Realismus! In der Theaterkunst halte ich das z. B. nur
für eine Vortragsart. Denn das ganze Ding, Stück geheissen,
das Verhältnis zu den Coulissen, dem Publikum, dass ich, den
jeder kennt, für einen ganz anderen genommen werde, das alles
ist doch von Anfang bis zu Ende nie etwas Reales, sondern Kon-
vention. So geht's in der Malerei auch. Bleibt die Frage als
einzig entscheidend — wenn wir nicht von blossen Virtuosen
reden: was haben sie zu sagen, vorzutragen?
[Was heisst Realismus in der Malerei? Schon die Be-
grenzung ist Sache der Individualität, welche suchend vor die
reale Natur tritt, dann gar die Farbenskala; denn jene der Natur
ist nicht die des Malers.]
* *
*
Floerke, Böcklin. 16
242 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
Romanische Skulptur: Gemacht ist das nicht, aber ge-
dacht. Dumm ist das Detail, aber der Künstler fühlt, dass er
einem Künstler gegenüber steht, der nur — unbegreiflicher-
weise — nicht so gross ist wie der Architekt seiner Zeit.
Wie so ein Kerl geglaubt und gewollt hat! Das ist für mich
Modernen ja dumm — aber ein Hanswurst ist er nicht, der
das gemacht hat.
Es ist dem, der neben den klassischen Säulenstell-
ungen z. B. auch noch das Romanische geniessen kann,
nicht etwa der Sinn für Verhältnisse abhanden gekommen,
sondern er hat vielmehr ein neues Verständnis hinzugewonnen.
Er bethätigt damit nur eine unterscheidende vielseitige Genuss-
fähigkeit, die dem modernen Menschen eigentümlich ist: ver-
gangenen Weltaltern sogar in ihrem Schönheitsgefühl folgen zu
können. (Was wir an eigener schöpferischer Kraft dabei ein-
büssen, oder ob wir nur, weil wir solche nicht haben, jene
Fähigkeit ausbilden konnten, ist freilich eine andere Frage.)
Trotzig und selbstbewusst erfunden und hingestellt ist doch
so eine Gotik wie z. B. der Ulmer Münster.
Die Baukunst weiss ja nicht mehr, was sie sagen, aus-
sprechen soll. Alles muss möglichst abgeschliffen sein. Früher
wollte einer sagen und gesagt haben in seinem prächtigen oder
trotzigen Bau: hier wohnt der und der, — so ein Kerl wie ich!
Heute mag keiner auffallen, sondern fragt: was sagt der
arme Bruder dazu? Bellt er nicht? Daher die Zaghaftig-
keit der Architekten sich anders als in gewohnten hergebrachten
Formen auszusprechen — das darfst du nicht so schroff sagen !
In der Musik ist es nachgerade schon ebenso. Und doch
ist auch sie nur ein Spiegelbild des Lebens, wenn sie Kunst
sein will, und muss sich radikal ausdrücken können.*)
Ich glaube, die Musik erlöst manchmal durch das Gegen-
teil von dem, was ich immer fordere. Giebt es z. B. einen
*) Geschrieben Anfang der 80er Jahre. A. d. H.
_^ VARIA 243
grösseren Gesang als die „Adelaide"? Und: Beethoven
will da ja nichts haben. Grade dies quasi Zwecklose wirkt.
Eine übersteigerte Welt!*)
* *
*
Wir haben ein Bedürfnis nach Kunst. Aber aristokratisch
verkleinert ist alles, Kunst für reiche Leute und folglich keine
Kunst. In unseren Zeiten des Sozialismus sollten wir uns
freuen, wenn das heitere Erziehungsmittel der Kunst allen zu
teil werden könnte, wenn das anspruchsvolle kleinliche Sopha-
bild, welches bestenfalls bestimmt ist, in den Museen Kunst-
oder Sittengeschichte zu lehren, der Fassadenmalerei den Platz
im öffentlichen Interesse abtreten müsste. Wir haben keinen
Stil und auch nicht die Vorbedingungen zu einem solchen. Das
Malerische, Individuelle in der Architektur ist dafür wieder
eingetreten. Insoweit sind also der Fassadenmalerei die Wege
gebahnt. Abgesehen von allem andern wird ihr Eintreten in
unsere Bauthätigkeit das Auflösen der Fassaden in nichts
als Bauglieder und Fenster zurückdrängen; denn sie braucht
Flächen. Sie wird aussen angewandt somit auch das Innere
unserer Häuser umgestalten, grössere Wände, weniger Fenster
und grössere Intervalle schaffen, die wiederum stattlichere Möbel
verlangen und abgeschlossenere Häuslichkeit herstellen helfen.
*) Bei dieser Gelegenheit dürfte auch folgendes interessieren: „Bayers-
dorfer erzählt von der Generalprobe zu Tristan und Isolde, die Wagner
selbst dirigiert. Die Musik macht schon 28 Takte dieselbe kurze Figur von
zwei Takten Erfindung, ein naturalistisches Ankeraufwinden von wirksamer
Eintönigkeit. Da schaut der Meister auf und merkt, dass die Kerle auf der
Bühne (es war im Münchener Residenztheater) das Aufwinden vergessen.
Er schreit sie an: „Wollen Sie wohl an die Winde! Wenn man Sie nicht
winden sieht, hat ja die ganze Musik keinen Sinn ....!" „Das wollen wir
uns merken", sagt Bayersdorfer. — Und so ist die ganze geistreiche Musik.
Wie hätte Wagner z. B. den Don Juan angefangen? Keine Ruh (unruhige
Figur) bei Tag (kikeriki, heller Hornstoss) und Nacht (dumpfer dito), Nichts,
was mir Vergnügen (titiritirili) macht, Schmale Kost (armseliges Teller-
klappern) und wenig Geld (Klappern kleiner Münze), u. s. w.
Dabei fällt mir B.'s denkender Schauspieler ein, der singt:
„Ein (hebt einen Finger hoch) Schütz (legt an) bin ich (zeigt auf sich) in des
(weist über die Schulter) Regenten (Kronen andeutend mit beiden Händen
übern Kopf) Sold (Bewegung des Geldzahlens)." Notiz des Verfassers. A. d. H.
16*
244 BOCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
Noch im Rokoko sah man von einem Zimmer aus bis ins
letzte, etwa achte — heut bauen sie wie die Schwalben : da ein
Bröckl und da ein Bröckl. Der Fuchs baut auch so.
Die englische Gartenkunst ist der Ausdruck der
Verlegenheit: ich bin sentimental, Natursimpel etc., und dem
geb ich nach, das mach ich mir sozusagen, Wille aber ist Wille,
und will ausgedrückt sein. Z. B. Villa Albani! Da ist eine
schwarze mauerartige Hecke, die die Architektur in das Wein-
bergland hinaus vermittelt. Aber sie hat vor allem den Zweck,
mich hundert Schritt mit Scheuklappen zu führen. Dieser
Gärtner ist ein bewusster Künstler, kein sklavischer Natur-
nachbeter. Er erlaubt sich die Landschaft zu überschneiden,
zuzumachen, — jedes hat hier seine Pflicht zu thun fürs
Ganze — und nun führt er dich nach den hundert Schritt an
die freie, lichte, farbige Aussicht — ja wie dankbar ist man
ihm da für diese Absichtlichkeit! (1880.)
Pincio. In den Pincioanlagen spricht man sozusagen ein
paar Sprachen zugleich: man will's den Fremden recht machen,
den Patrioten, dem König auch — eine ziemlich konfuse Arbeit.
Villa Albani etc. Wie klug hat das Winckelmann
gedacht (oder wer sonst) mit der langen dunkeln Allee, bevor
man an das Museum kommt. Der Mensch, der aus dem bunt-
farbigen, aufdringlichen Leben der Stadt kommt, muss doch
erst beruhigt, vorbereitet werden, damit er den Gegensatz voll
empfinde.
Ähnlich geht es mit dem Mausoleum bei Charlotten-
burg. Und Ähnliches ist doch gewiss auch bei den ältesten
Kirchen, z. B. Basiliken wie Sta. Maria in Trastevere
beabsichtigt gewesen. Tritt man ein aus dem blendenden Tag,
von dem weissen Pflaster: Dunkelheit und Kühle. Zuerst sieht
man nichts, erst langsam taucht hier und dort etwas auf, leuchtet
ein Goldgrund, nur allmählich erkennt das Auge das Ganze.
Unterdessen hat der Mensch Zeit sich vorzubereiten, — man
muss doch auch künstlerisch den Menschen nicht anders nehmen
als er ist und damit rechnen!
Und dann fängt es aus der mittlerweile geheimnisvoll
leuchtenden Höhe an zu klingen wie Engelsstimmen — die ge-
VARIA 245
schickte Hand, die sich auf die Orgeltasten legt, siehst du
nicht — jeder Schritt, den du wagst, hallt so eigentümlich: der
Gegensatz ist glänzend da, und seine Wirkung hat dich. (1880.)
Ich glaube, dass der Raum einen grossen Einfluss auf
den Menschen ausübt. Ein Mensch, der in einem dreieckigen
Zimmer aufgewachsen ist, muss doch ein anderer sein als
ein in einem runden Aufgewachsener. Ich erinnere z. B. an
das Pantheon. Alle die Voraussetzungen, die man hatte und
nur ahnte, werden einem da bestätigt, erfüllt, Gegenwart,
einem ist pudelwohl. Dagegen die boshafteste menschenquäle-
rischeste Erfindung ist der schiefe Turm von Pisa, den
man stellenweise mit aller Anstrengung hinauffällt und hinunter
aufwärts zu steigen glaubt, bald nach innen, bald nach aussen
durch die Öffnungen stürzt, bis einem nachher draussen aller
Sinn für ordentliches Auftreten, für das Horizontale etc. auf
Minuten genommen ist.
Nationale Kunst — internationale — Gott segne das
Ackerfeld, das mich erzeugt hat, aber ich habe Flügel gekriegt,
um drüber hinaus zu fliegen — frei muss der Künstler werden,
sein können — damit fängt er ja erst an !
Ich kenne nur eine internationale Kunst. Für den Fran-
zosen riecht eine Rose gerade so gut, ist eine schöne Frau
ebenso an- und aufregend, ist die Natur just so vorhanden;
er hat dasselbe Bedürfnis das auszudrücken, mit den gleichen
Mitteln. Er hat auch keine 25 Kopflängen. Wer mir so viel
von der Sonne zu erzählen weiss, so viel zu schenken hat, der
darf doch wohl mein Mann sein?
Feuerbach. Diese ewig „ringenden" — unfreudig ringen-
den — die Mitmenschen (an der Spitze Dichter und Mit-Maler)
verachtenden, „denkenden" Künstler, d. h. das Denken und ihr
Herkommen vom Denken betonenden Künstler, sind gar keine
ganzen Künstler. Auch Feuerbach nicht, auf dessen „Vermächt-
nis", diese kastrierte Jeremiade gegenwärtige Bemerkungen gehen.
246 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
Schade, dass das bedeutende Mass grosser Anschauung, grossen
ehrlichen Bewusstseins von den Pflichten seiner Kunst und
grossen erarbeiteten Könnens so sehr von des Gedankens Blässe
angekränkelt war. si tacuisses! Du und Schack, der schöne
Graf Schack! (von dem ich in schwachen pietätvollen Stunden
angenommen hatte, er empfinde etwas für und verstände etwas
von Malerei! Daran war wieder allein der verd . . . deutsche
Respekt, alias anerzogener Aberglaube, schuld. Prüfet selber!)
Donatio inter vivos. Ähnlich schon macht Herr von Bülow
sich und seinen Lasalle: tüchtige Virtuosen alle beide — quand
meme — Turmseil oder Quatre mains. L'etat oder l'ari, c'est
nous. Publikus klatscht und reisst zu jeder Garnitur Herrgott,
wie sie gerade ausgegeben wird, das Maul auf.
Heyse wird auch schon mehr Novellenpapst, d. h. die
Novelle von seinen Gnaden ist die Unfehlbarkeit. Alles andere
Dreck. Kolorismus, Charakterzeichnung bis ins Wort ist wurscht.
Seit er wieder ganz Dramatiker ist, ist der Stoff alles und
kritisiert er die Novellisten. (Zürich 1884.)
C.F.Meyer: „Hochzeit des Mönchs". Nicht Sommer
oder Winter, nicht warm noch kalt, und von der Luft der
Frührenaissance weht kein Hauch in dieser Gartenlaube.
(Zürich 1885.)
* *
*
Ich bin kein Verehrer der Problemnovelle. Die individu-
elle Kraft des Erzählers muss sie vielmehr vor mir rechtfertigen,
indem sie sie aus dem Akademischen heraushebt.
Leibl. Er hatte Kräfte wie ein Stier. Aber er war
schwerfällig und konnte nicht den vollen Gebrauch davon
machen. Allerdings, was er einmal zwischen den Fingern, in
der Hand hatte — einen Rock oder so was — das gehörte ihm.
Ferd. Barth hatte ihn unterlaufen und angesprungen
wie eine Katz, und da lag er. Am andern Morgen lag Barth
im Fenster und Leibl kommt vorüber. Da tritt er der Sicher-
heit halber doch einen Schritt zurück; denn das war Parterre,
VARIA 247
und Leibl, der die gestrige Niederlage kaum verziehen, hätte
ihn ganz leicht plötzlich beim Gewand nehmen und zum Fenster
herausholen können.
Die Kunst trieb er unter dem Protektorat seiner Körper-
kraft-Eitelkeit, mit allem dadurch erlaubten Hochmut und mit
mehr als erlaubter Dummheit.
„Nach allen Regeln der Kunst" sagt jemand wie sprich-
wörtlich. — Als ob es Regeln gäbe!
Welche Vorstellung wir von den schwierigsten mensch-
lichen Gliedmassen etc. haben, beweist mir z. B. der Umstand,
dass mir heute, fast im Dunkeln, der blosse Kontur einer
Hand — die dann gichtisch sich erwies — so abenteuerlich
falsch vorkam, dass mir fast angst wurde. Etwas, was ich be-
sass, war hier einen Augenblick umgestossen, das ist ein sehr
peinliches Gefühl.
* #
*
Wie ganz anders als wir Gefühlsmenschen denkt ein
Italiener! Ganz sachlich, jeder Stimmung entkleidet, nackt,
roh sind seine Begriffe. Teilnahmslos.
Es kommt stets nur auf das Unterscheidende (also Sprechende,
Verdeutlichende) an in der Kunst, nicht auf das Gemeinsame.
Lenbach: Er kann nicht, wie z. B. Holbein, das Ganze
übersehen. Dazu kann er nach keiner Seite genug. Aber er
kann eine Hauptsache herausfinden und die soweit treiben
wie nur möglich. Er kennt seine Einseitigkeit — das ist seine
Kraft.
* *
*
Oberlaender. Das Komische erst sich vorstellen und
es dann auch darstellen können, dass es auch für andere so
erscheint, — also künstlerisch ganz sauber gemacht, alles Über-
248 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
flüssige erkannt und fortgelassen — dazu gehört ein verdammt
geordneter Kopf.
* *
Das ist ja gerade das Grosse in der Kunst, das Unend-
liche, — dass jeder das Wichtige wo anders findet. Es giebt,
Gott sei Dank, nicht eine Lösung für Jedes, wie Böcklin meint.
Wer von der Natur abgeht, muss freilich beweisen, dass
er das künstlerisch nötig hatte, um sich deutlich zu machen.
Ich kann dich anlügen wie ich will, sagt der Künstler, wenn
du mir nur glaubst. Ich will wahrscheinlich sein, nicht wahr.
Solange mir einer sagt: das Herz regiert den Mann und
seine Kunst, bin ich immer voll und ganz dabei.
Was giebt der Künstler? Was einer ist. Also muss er doch
erst mal was sein und was erleben. Also der bloss oder über-
haupt fleissige Künstler ist ein Unsinn.. Freilich arbeiten
wird der Künstler immer, aber um zu erleben, „voll Figur"
zu werden, mit allen Sinnen und Poren, durch die Leben ein-
dringt.
Freilich die Akademie beschäftigt sich damit noch nicht.
Die hat zunächst mit dem Fleiss zu thun, mit den Vorbeding-
ungen.
*
Ausstellung im Glaspalast (München [1888?]). In
Ansehung der Farbe, des Einzelnen, ist ja viel Schönes im
Glaspalast. Aber das ist doch nur ein verfeinertes Instrument.
Dagegen ist ja Böcklin bloss grosser Wurf. Hat der einen
Reichtum im Leib! Das ist ja der einzige schöpferische Künstler.
Wie der mit tausend Fühlern nach der Natur greift!
Wenn man alles durchgenommen hat, und sich vorher
vielleicht an diesen und jenen Merkwürdigkeiten gestossen hatte,
die man noch nicht unterzubringen wusste (neben all der heut-
zutage üblichen dahergetragenen Geschicklichkeit), muss man
VARIA 249
immer wieder sagen: da hat unsere Maschinerie einen ganz
anderen Gang genommen. Das ist Ernst.
Nichts von dieser menschlichen Schwäche, die der Einzel-
natur anhaftet! Böcklin ist wie die Natur selbst. Wie voll-
gesogen muss dieser Mensch sein!
Da ist doch die Planke mal weg, hinter der sonst das
Publikum zurückgehalten wird!
Wie roh man wird durch solche Ausstellungen, — wie
im Feldzug! Das sind nur noch Massen und werden als solche
behandelt. Man geht wie über ein Schlachtfeld, man sieht die
Leut' ruhig, kalten Bluts im Graben verrecken, während man
sonst wütend wird, wenn ein roher Kerl ein Hunderl haut.
Man thut meinetwegen jedem Unrecht. Für all die Mühe da
in den Goldrahmen hat man keine Zeit, kein Auge in dem
allgemeinen Totschlagen: man sucht in all dem Können und
Mühen nach etwas geistig Höherstehenden und lässt die andern
hängen. Man sieht all die freundlichen, wohlmeinenden Künstler
nicht — verrecken!
Ja diese Ausstellungen! Diese Bilderwände (man kann
ja der Mühe des einzelnen nicht gerecht werden) sehen aus
wie lauter Gobelins, zwischen denen hübsche plastische Weiber
und Mädel herumstehen — ja eben, die sind dann plastisch.
Das klingt nicht ernst, ist aber viel ernster als der affichier-
teste Kritikerernst, der behauptet, jedes Bild „geprüft" zu haben.
Immer mehr Leute, die malen lernen resp. malen können,
weil sie Geld haben, und daneben Leute, die malen könnten,
aber kein Geld dazu haben. Das hängt durcheinander. Den-
selben Vergolder resp. Rahmen haben sie beide. Eine zweck-
lose Malereiausstellung. Wohin mit all dem Zeug?
Ich gehe allemal durch wie ein abgehärteter Landgraf.
Diese Bilder sagen ja nicht mehr lieblich: schau mich an,
sondern: geh weg! Sowohl was die Themata als auch was die
Farbe und Malerei anlangt. Lauter abgemarterte Maler. Das
will ich erkennen und nachweisen, ob der oder der aus Drang,
Kraft und Freude schafft oder nicht.
* *
*
Ich steh' ja dem Künstler immer so gegenüber: mit offenen
Händen — gieb mir was! Du hast ja alle Taschen voll!
250 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
Ich sah schnell durch den grossen Refraktor auf der
Florentiner Sternwarte und schon war der Uranus vorüber-
gesaust, den man mir eingestellt hatte. Mit einem Schlage war
mir die Thatsache und Schnelligkeit der Erdumdrehung deutlich.
Ein Einschwenken der Musik, ein Vorbeimarsch, ein un-
erwarteter, ein endloses Hurrah vor dem grüssenden Kron-
prinzen, — und Sedan war in meinem Schädel vorhanden.
Es hat immer etwas Feierliches, wenn einem plötzlich
ein Begriff Thatsache wird.*)
Böcklin sieht unerbittlich gleich hinter die Vergoldung, da
wo der Pappendeckel ist, und das ärgert die Leut'. Andere
lassen ihnen doch wenigstens das Häutchen, den Überzug, den
verlogenen.
* *
*
Ist einer ein geistreicher Mensch und muss hier und da
was fangen in der Luft und dann wieder einen Gedanken kon-
densieren, — oder ist er ein Holzhacker, der seine Muskeln
zur Verfügung braucht, -- egal, — diejenige Nahrung, welche
es immer sei, wird die richtige für ihn sein, die ihn am arbeits-
fähigsten macht — denn das bedeutet seine höchste Gesund-
heit — sei es sogar Wein, Cognac, Tabak etc.
Die Griechen, als Menschen und Künstler und nicht Theo-
logen und Schulmeister, waren nicht so dumm, die Leiden-
schaft als nicht von den Göttern stammend zu erklären und
zu verachten.
* *
Da lag eine Katze im Sonnenschein, am Boden, ein Hinter-
bein hoch, den Kopf sah man nicht. Ich komme immer wieder
darauf zurück: überzeugen muss man als darstellender Künstler.
Das war gar nicht überzeugend. Ein richtiger Moderner hätte
es vielleicht grade deswegen gemacht.
Dem Bauern, der in die Stadt kommt, sind alle Gäule
*) Dieser Gedanke ist wohl als Beispiel für Böcklins Kunst als eine
Offenbarung über das eigentliche Wesen der Kunst gedacht. A. d. H.
VARIA 25£
zu klein, der ungewohnt grossen Umgebung gegenüber. -
So sieht jeder nach seiner Leibeshöhe. Die Städte, die mir in
meiner Jugend so gross erschienen, weil ich sie mit 1 Meter
Höhe sah, sind jetzt, wo ich lang und gross bin, überall zu
Ende, wo ich ausschaue und ausschreite.
Das Bekannte, Unrichtige, ist unter Umständen viel mehr
wert, als das unbekannte Richtige, mit dem ich keine Wirkung
hervorbringe. Ich brauche eben mein Publikum. Wie viel ist
z. B. in diesem Sinn die deutliche, allgemein verständliche
Formensprache der Antike wert!
Das Wahrsein allein hilft gar nichts. Überzeugen muss
man als Künstler.
Z. B.Ibsen. Weil er selbst ein grässlicher Eistropf ist, macht
er andere Leute auch unglücklich, — wie ein grausamer Metzger.
(Ibsen. Wer nichts bringt, sondern was wegnimmt, gehört
vor die Thür. Wenn einer Wahrheit will, soll er zum Philo-
sophen oder Pfarrer gehen, die zwar auch keine haben. Aber
dahin, auf das Terrain gehören diese Fragen. Der Künstler
soll nicht das Unheil ausschlachten, das er erlebt. Das ist zu
allerletzt sein Beruf. Er soll die Lebenskraft mit seiner Heiter-
keit stützen, nie sie unterminieren.
Die Stühle stehen leer bei uns. Wer kommt setzt sich
darauf, — aus Norwegen oder sonst woher. Das Publikum
mag das Ibsensche „Werk" aufregend finden. Publikum! [Ein
Schlachtfeld ist ja das reinste Tingeltangel dagegen: z. B.
„Nora". — Er ist dumm, sie ist albern — diese nordische
Philisterei will uns belehren!] Aber vom künstlerischen Stand-
punkt aus bringt er das bisschen Heiterkeit, welches er bieten
kann und soll, ja bloss in Misskredit. Wie gesagt: Stütze der
Lebenskraft sei die Kunst und nicht Unterminierung.)
Bei Ibsens Kunst — ebensogut wie bei der von Haber-
mann etc. — bleibt zuletzt nur ein Arzt mit sieben Brillen
und eine Leichenfrau übrig.
Anstatt dass er mir die Hand giebt und sagt: Komm herauf!
Da ist gute Luft, Blumen und Schmetterlinge, da kannst du n
der Sonne liegen und die Welt vergessen, soweit sie dir Sorge
macht, — statt dessen stösst er mich in das Loch zurück:
„so seid ihr, so stinkt's bei euch." Ja dazu brauch' ich doch
ihn nicht, den Künstler nicht.
252 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
Da werd' ich ja lieber Bauer und geh' gleich hinter meinem
Mist her.
Da weiss ich ja, dass das Loch da ist und geh' ihm mein
Lebenlang aus dem Wege. Heiter ist die Kunst, denk' ich
und gehe in den Glaspalast, oder in Ibsens Gespenster,
oder lese Zolas „La terre". Jawohl, da gähnt das Loch, und
überall zeigt mir's der Künstler und kriecht selber hinein in
die Kuhle und zieht mich noch mit!
Da klettert z. B. Begas doch noch vergnügt an seiner
Stange und glaubt daran, dass er den Mond herunterholen
könne — an die Phantasie.
Ibsen ist enragierter Böcklinianer. Er sagt, ein Künstler
werde erst da interessant, wo er über seine Kunst hinausgehe
(sehr billig — denn Kunst soll Mache heissen).
Solche Sachen wie die von Ibsen gehören an die Universität.
Das ist ein Psychiater oder Irrenarzt, der seinen Beruf verfehlt hat.
* *
*
Da die vorgestellte Welt diejenige ist, in der man lebt,
und nicht die wirkliche, so muss man überall Rücksicht nehmen
auf unsere Vorstellungen: man darf nicht mit einer, wenn auch
neuen, Secierschere Geflügel zerlegen oder Bowle in einem
wenn auch ungebrauchten Nachttopf auftragen.
* *
Welcher Unterschied ist nun schliesslich zwischen dem,
der ein Boot auf dem Chiemsee photographiert und dem, der
es gleich malt, — anstatt es im Böcklinschen Sinn zu begreifen,
zu behalten, — zu späterer freier Verwendung, die etwa aus
dieser Anregung hervorgegangen sein könnte?
Der Künstler giebt sich alle Mühe, sein Werk als
einen Gegensatz zur wirklichen Welt erscheinen zu lassen.
Alle Mittel ergreift er, die ihm dazu helfen. Auch der Bühnen-
künstler.
* *
*
„Das passt nicht dahin" heisst ungefähr gerade so viel
als „das ist unkünstlerisch".
* *
*
Die Kunst ist auch eine Glaubenssache, könnte man
vor Böcklinschen Bildern sagen.
VARIA 253
Die Kunst ist eine so eigentümlich satte, gesteigerte Vor-
stellungskraft, dass sie sich schöpferisch genugthun und damit
auf andere übertragen kann — wie die Elektricität.
Die Kunst, auch die pessimistische, ist Anteilnahme an
der Welt.
Ich denke, die Kunst wird wohl eine Art Erkenntnis der
Erscheinungswelt sein ; ob so oder so ist wie die Anschauung
(Vorstellung) rein individuell.
Dies Professorentum — das ist der Tod der Kunst.
Wenn man's mal formulieren kann und ausgesprochen hat, —
kann man's auch bleiben lassen.
Wenn man weiss oder sagt: so muss es gemacht werden:
hier sieben Muskeln, da sitzen die drei etc. — ex est mit der
Kunst.
* *
*
Das Fertigmachen, wo es künstlerisch nicht nötig ist,
ist doch nur Höflichkeit gegen das Publikum.
Wieder einmal Herr Uhde und Konsorten. Das Ver-
mischen von Christussen, Engeln etc. mit modernen Kindern,
Stuben, Tendenzen in realistischer Ausführung betreffend: Anders
wollen sie nie mit, wenn das Wort Phantasie fällt, aber gerade
da wollen sie alles durchbrechen, was felsenfest steht, in unserer
nicht heuchelnden Vorstellung des modernen Zeitalters.
Die Kunst in Deutschland (nirgends anderswo) ist gänz-
lich international geworden oder zu werden bestrebt. Am
meisten chic ist Paris. Sie laufen denn auch schon mit Cylin-
dern in die Akademie. Aber das ist gleich, sie haben in Schlapp-
hüten oder wegen der Schlapphüte auch nicht besser gemalt,
und weisse Gamaschen an Händen und Füssen thun's auch nicht.
254 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
„Die verachten einen Ingenieur, der eine Lokomotive ver-
bessert und zweckmässig baut, die Malerlackl, denen nichts
einfällt", sagt Ferdinand Barth.
* *
*
Der Zweck ist die Frucht, sagt der kluge Mensch. Der
Romantiker freut sich an der Blüte. Der Zweck ist ver-
kaufen, sagt der heutige Maler.
Dadurch verderben sich viele Leute ihr Leben, dass sie
von dem abgehen, was sie bei der Seele hatten — eines geringen
momentanen Vorteils halber.
Ich möchte so sterben, dass man sagen muss: er hat nicht
nachgegeben, er ist bei der Stange geblieben.
* *
*
Es ist so schwer, dass jemand ein sicherer Künstler werde!
Kommt er zur rechten Zeit an den richtigen Mann, der ihm
das nötige sagt . . . Wie kommt er über die Weiber weg? . . .
Glück, gemeines Glück gehört auch viel dazu. Vom Ererbten,
Anerzogenen etc. ganz abgesehen!
* *
*
Taktfragen sind das Wichtigste in der ganzen Kunst. So
fragt Böcklin stets, ob das daher passt. Wenn mir einer roh
daher kommt, ist er kein Künstler. Takt ist die Summe alles
beruhigten Wissens und Könnens sich und seiner Zeit gegenüber.
Über allgemeine Dinge soll und kann der Künstler nicht
urteilen. Dazu hat er keine Zeit, keine Übung, ist er nicht da.
Über seine eigene Sache hingegen, ja. Weil zum Unternehmen
und Durchsetzen einer Arbeit das höchste Selbstvertrauen ge-
hört, muss er wissen, was er macht. Jenes sollen andere thun,
die dies nicht können. Ordnen, vergleichen, abwägen, rechts
und links gerecht sein — was geht das ihn an, der alle Kräfte
für eine Vorstellung auf dem Fleck haben muss.
Ja dieser verdammte Schulmeister! Er nimmt den
Jungen ihre Instinkte aus der Brust, die Freude an ihrer Eigen-
VARIA 255
art, das Wagen und Wollen, — ohne es zu wissen, vielleicht.
Er arbeitet immer in usum delfini in Menschen. Darum ist
das Einzige, was ich zu sagen weiss: den Schulmeister soll
unter allen Umständen der Teufel holen. (Gefühle, die ich mir
gelegentlich Cornelius' ins Notizbuch schrieb.)
* *
*
Es ist mit den Rednern wie mit den Künstlern. Der
eine sagt nur, was er davon weiss, was er der Sache abge-
rungen hat, wie ein wissenschaftlicher Arbeiter, ohne Rücksicht
darauf, ob es gefallt oder nicht. Der andere sagt nur, was
gefällt und spricht, weil er sich gefällt. Jener fürchtet fast jedes
Wort (er bricht die einzelnen ab wie widerspenstige Brocken
gediegenen Erzes), dieser schwelg in ihrer Leichtflüssigkeit.
Bei jenem findet der Kampf während der Rede statt. Man
merkt ihm an, er ringt mit dem Stoff, hat alle Hände voll, aber
lässt nicht aus, schaut nicht rechts noch links; darum macht
er Pausen — das sind seine Anläufe zum Sprung — dann hat
er wieder ein Stück gebändigt und legt es hin: das ist für
mich da. Und man fühlt: er ruht nicht bis er fertig ist.
Da ist kein Platz für Geschicklichkeiten, auch zum Geistreich-
sein hat er keinen Atem, so gründlich schwer nimmt er seinen
Gegner, so ganz will und wird er ihn haben.
Also der eine sagt: Steigt mir den Buckel rauf! — es
kommt ihm darauf an zu sagen, was er weiss. Der andere will
den Beifall und sagt, was er sagt, weil es gefällt.
Ich habe auch den Zustand, dass ich über die schwierigen
Ecken meiner Arbeit weiter denke, wo ich schlafen sollte, und
das ist falsch. Böcklin z. B. weiss, so bald er aus dem Atelier,
von nichts mehr, ihn interessiert nur das Gegenwärtige, ebenso
später der Schlaf, auf dem Hinweg ins Atelier die Natur, alles —
drinnen springt er frisch mit beiden Beinen wieder hinein.*)
* *
*
Das in die Augen Fallende verwerten und davon leben,
*) Wer mit „Ich" gemeint ist, kann ich nicht sicher feststellen. Ver-
mutlich P. Bruckmann. A. d. H.
256 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
das thut doch ein altdeutscher Künstler nicht. Davon leben
die heutigen Halb-Franzosen.
Wenn ich nur das Ziel noch schimmern sehe, ist es ja bei-
nahe egal, ob ich ihm nahe oder noch ferne bin, — wenn ich
nur einsehe, dass ich auf dem rechten Wege bin.
Es mag ja sehr stolz machen und in gewissem Sinne frei,
auf einem Gaul immer zu reiten, auf einem Wappengaul wo-
möglich, aber zu Fuss kann man überall gehen, Blumen pflücken,
auf Bäume und Berge klettern, gewiss der Natur viel näher
stehen.
Die künstlerische Fähigkeit die Welt durchs Auge zu
begreifen nimmt — angesichts unserer Glas- und Eisenunter-
bauten mit Steinhäusern darüber, Brücken ohne Träger etc.
immer mehr ab.
* *
*
Ein Bild muss ausschauen wie: du brauchst mich ja nicht
zu mögen. Ich ruf keinen. Solche Bilder mag ich.
Es ist viel leichter, sämtliche Faltenmotive auswendig zu
wissen, als irgend etwas von Kunst zu verstehen.
Aus dem Verstand geschaffen wird nichts in der Kunst,
wohl aber mit und unter ihm ausgeführt.
Nicht die Natur kann man ja überhaupt darstellen, sondern
seine Sensibilität ihr gegenüber.
* *
*
Niemand kann z. B. meine Hand zum zweitenmal machen,
VARIA 257
nochmal machen; er kann nur machen, was er davon sieht.
Und darauf kommt folglich alles an, ob er das mit Technik
thut oder mit durchdringendem Formgefühl.
Der eine legt ein Ei. Der andere schlägt es auf und schaut's
an. Das ist doch verschieden? Künstler und Kritiker.
Der eine macht alles, was er sieht, der andere (Böcklin)
nur, was er braucht.
*
Für den Künstler ist es im Einzelfall ganz gleichgültig,
ob er etwas Verunglücktes macht, wenn er nur während der
Arbeit das Beste wollte, d. h. sein bestes, nicht etwa etwas
„Bedeutendes", das wird allemal eine Narrheit.
Unsere Freiheit der Anschauung haben wir an den Schul-
meister verschenkt. Und nun stelle man sich vor: der und
die Kunst!
Wir haben immer treue gute Augen für die Natur gehabt
und den Zusammenhang mit ihr nie verloren, sobald man uns
nur halbwegs schnaufen Hess.
Brillen und Säbel*) sind gut, aber wir haben zu viel davon
für die Kunstentwickelung.
Ich habe vor nichts so viel Angst als vor der Wissenschaft
in der Kunst, besonders wenn sie geistreich auftritt. Allen
Glauben, alle Zuversicht verliert man, alles Blut entströmt
einem, wenn da so ein naturwissenschaftliches Ding aufgewiesen
wird. Der Künstler soll mir nicht seine Sache wie ein zweifel-
•) Geht auf Gelehrte und Maleroffiziere. A. d. H.
Floerke, Böcklin. 17
258 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE
loses Präparat, ein wissenschaftliches Objekt dahertragen, von
ihm hergestellt, und darauf stolz sein.
Wir wissen nicht mehr, was wir wollen, sondern nur
noch, was wir können.
Gerade indem ein Mensch zeigt, dass er die Welt genossen,
wie teilnahmsvoll er überall zu ihr gestanden, wie er sie sich
ohne Groll und Trübung — die ja keinem erspart bleiben —
als seine Freudenquelle zu eigen gemacht und reingehalten hat
— zeigt er ja, dass er sie begriffen, nicht indem er sich pessi-
mistisch von ihr abwendet.
Dereine will ein Bild malen, der andre will bloss gut malen.
Der Künstler hat stets zu wenig Mittel und zu viel zu sagen.
Pleinair. Wie nur jemand sein Leben auf ein Schlag-
wort einrichten mag!
Die ganze Pleinair-Geschichte ist oder war, als ob sich
jemand plötzlich mit seinen Jüngern öffentlich zusammenthut,
um endlich auch für die gesamte deutsche Rechnung das
Einmaleins zu erfinden und fortwährend darüber lärmende Be-
richte erscheinen lässt: jetzt sind sie schon bei 4X4.
Pleinair. Es ist in erster Linie die Beschränktheit und
Unduldsamkeit der Schule, nicht ihre Richtung, was sie lebens-
unfähig macht.
* *
*
Wer es nicht darauf ankommen lässt, von seinen lieben
Mitmenschen eventuell alles Mögliche gescholten zu werden,
bringt als Künstler schwerlich viel zu stände.
VARIA 259
Wenn man alles verstünde, das „warum" begriffe, so
ginge man ganz heiter und beruhigt über diese Welt, — der
Zorn kommt nur von dem mangelnden Verständnis. Das könnte
man auch von den Anti-Böcklinschen Kritikern sagen.
Das gar zu wüste Schimpfen hat jetzt allerdings aufgehört,
und merkwürdigerweise sind es unter den Malern die mo-
dernsten, zuletzt sogar noch die Impressionisten gewesen, die
gemerkt haben, in welch unheimlicher Naturnähe sich Böcklins
Kunst bewegt — nicht jener posierenden Natur, von der man
ein Stück Aussenseite mehr oder weniger erwischen kann,
sondern der ungebändigten, wo das alles Empfindung ist, wo
man früher „Unnatur" schrie, in jenem blöden, am Äusserlichen
klebenden Kritikertum .... jene Natur, die man empfunden
haben muss, um sie wiederzugeben, — nicht, weil sie nicht
stillhält, sondern weil man sie nur aus der Vorstellung wieder
in Fluss setzen kann, — die genial (künstlerisch) vermensch-
lichte Natur. Böcklin packt auf diese Weise das, was man
von ihr haben kann, und was er nicht bloss für das Auge und
den ordnenden Verstand des Menschen, sondern auch, und erst
recht, für sein ganzes Empfindungsleben gewonnen hat, als
grosser Naturdichter.
Andre Mittel, andre Wege. Er will nur ebenso ein-
dringlich werden können, wie die gewaltige Natur es seiner
Dichterseele gegenüber zu werden vermochte.
„Die Welt bewegt sich nur vorwärts durch den Hass
feindlicher Brüder", sagt Renan. Hoffen wir diesmal — zu
ihrem Vorteil. Es kommt ja nicht bloss darauf an, wer der
grössere Bruder sei (d. h. für den gewünschten direkten Ein-
fluss), sondern darauf, wem die Meisten beistehen.
17*
Schlussbemerkung.
Eine in elfter Stunde gefundene Notiz des Verfassers
glaube ich dem Vorliegenden anfügen zu müssen. Sie bezieht
sich auf das speziell über Böcklins Kunst Gesagte und stammt
aus dem Anfang des Jahres 1885.
„ Alles dies ist nicht mein ausschliessliches Eigen-
tum, sondern vertritt die hundertfach besprochenen Ansichten
einer kleinen Gruppe florentiner Freunde, zu welchen der
Maler selbst und Karl Hillebrand gehörten. Es würde schwer
sein, einem jeden seinen Teil an geistigem Eigentum zurück-
zuerstatten.
Sollte eins und das andere an Hillebrandsche Auslassungen
anklingen, so bitte ich ebenfalls das Obige zu bedenken, näm-
lich, dass Hillebrand gebend und empfangend zu dem Kreise
gehörte, und dass das meiste im Gespräch gezeugt wurde."
DER HERAUSGEBER.
BERICHTIGUNGEN.
Seite 9, Zeile 2 von unten, lies Schmid statt Schmidt.
Seite 108, Zeile 5 von oben, lies Pfund statt Pfand.
Seite 149, Zeile 11 von oben, lies das statt da.
Seite 151, Zeile 11 von oben, lies hat hier statt ja hat.
Seite 158, Zeile 5 von unten, lies gerade statt gerade davon.
Seite 158, Zeile 4 von unten, lies ich sprach davon abends
statt ich sprach abends.
Seite 238, Zeile 5 von unten, lies Hekuba! statt Hekuba.
Seite 240, Zeile 8 von unten, lies H. v.d. Goes statt H. v.J. Goes.
Seite 261, Zeile 19 von oben, lies 256 statt 255.
Seite 265, Zeile 19 von oben, ergänze 259 neben 226.
Seite 268, Zeile 9 von unten, lies Schmid statt Schmidt.
REGISTER
Abbozzatore, der 150, 153, 154, 156,
157.
„Abenteurer", Bild v. Arnold Böcklin*)
10, 80.
Ab-Malerei 13, 18, 35, 54, 56, 57, 85
bis 100, 204, 211, 218.
Abstand von Bildern 211, 237.
Achenbach, Andreas, 4, 207.
Achenbach, Oswald 4.
Ägypter 157, 225.
Albani, Villa 244.
Albertsche Bismarckphotographien
93.
Aldobrandinische Hochzeit 74.
Allegorie 238.
Alma-Tadema, Lorenz 164.
Alt, Th., Ästhetiker 124.
Altdeutsche Kunst 21, 23, 163, 183,
184, 185, 255.
Altniederländische Kunst 21, 23, 24,
29, 181, 183, 184, 211, 239, 240,
241.
„Amaryllis" (= „Daphnis und Ama-
ryllis") B. v. B. [Böcklinwerk I,
35] 236.
„Amazonenschlacht" Skizze v. A. B.72.
„Anachoret in wilder Felsgegend" s.
„Flagellant".
Anatomie 84.
Angelico, Fra, da Fiesole 179.
Antike (Griechen) 4, 13, 16, 20, 23,
30, 33, 46, 60, 61, 100, 129—133,
135—137, 142, 143, 149, 150, 152,
153, 157, 167, 172, 176, 177, 229,
230, 231, 250.
Antwerpen s. unter Böcklin.
Apoll vom Belvedere 136.
Apostel, vier, von altdeutschem Meister
185.
Arbeiten aus dem Gedächtnis 42, s.
auch unter „Modell? Vor der
Natur" und „Porträt".
Architektur, alttoskanische 24, 180;
moderne, 181, 242, 243; der Re-
naissance 180.
Ariost 81.
Aristoteles 95.
Ästhetik, Ästhetiker 23, 124, 150, 154,
197, 198, 205, 212, 248.
Augustusstatue im vatikanischen
Museum 133, 134, 142.
Ausstellungen 15, 183, 193, 231, 235,
248, 249.
Autokinetische Empfindungen 113.
Bach, Sebastian 51.
Baidung, Hans, gen. Grien, Kentaur
mit Kind a. d. Rücken, Feder-
zeichnung i. Basler Museum 184.
Barberinischer Faun 132.
Bartels, Hans von, 222.
Barth, Prof. Ferdinand, Maler 103,
148, 149, 246, 253.
Barth, Sohn von F. Barth 103.
Barth, Dr. Hans, Schriftsteller 124.
Bartolommeo, Fra 182.
Basel 19, 25; Kunsthalle 236; Museum
72, 73; Böcklinfresken 127; St. Ja-
kobsdenkmal 231.
Bayersdorf er, Adolf, Kunstgelehrter
175, 231, 232, 242, 243.
Becker, Herman, Schriftsteller 8.
•) Statt „Bild von Arnold Böcklin" wird im Folgenden geschrieben : B. v. B.
262
REGISTER
Beethoven, Ludwig van 242.
Begas, Reinhold 130, 140, 141, 159,
252,Neptunsbrunnena.d. Berliner
Schlossplatz 130, 159.
Beggingen 14.
Beham, Hans Sebald 184.
„Bei San Domenico" („Sieh, es lacht
die Au!") B. v. B. 74, 75.
Benlliure y Gil, Jos6 226, 227.
Berlin 137.
Berliner Ausstellung plastischer
Kunstwerke s. Jubiläums-Ausstel-
lung; Jubiläumsausstellung (1886)
137, 145, 151, 191.
B er 1 i n ,50. Ausstellungder Akademie
der Künste 4; Nationalgalerie 7,
69, 92; Villa Wedekind 235.
Bildernamen 34.
Bildhauerei 152—160, 203, s. auch
„Farbige Skulptur".
Bindemittel s. Malmittel.
Bleib treu, Georg, Maler 190.
B 1 u e m n e r , Prof. Dr. H., Archäologe
8, 77, 81.
Böcklin, Arnold, Abstammung 14;
als Kopist 85; als Romantiker
30, 31; Anfeindung 13, 14; bei
der Arbeit 42—47, 82, 83, 135;
im Gespräch 12, 16, 17, 233; im
Umgang mit Nichtkünstlern 13,
16, 17, 20; in Antwerpen 15,
18, 85; in Brüssel 15, 85; in der
Schackperiode 28—31, 38, 44, 70,
127; in Düsseldorf 15, 18, 32,
72, 85; in Florenz 2, 7, 17, 21,
22, 25, 74, 122, 158, 164, 191, 233,
235; in Genf 15, 72, 85; in
München 2, 13, 15, 62, 81, 164,
166, 183; in Paris 15, 20, 85;
in Rom 13, 14, 15, 20, 25, 81,
232, 234; in Weimar 14, 122;
in Zürich 2, 17, 26, 38, 40, 41,
69, 71, 72, 76, 137, 150, 164, 188,
207; typhuskrank 15, 236; und
die Farbe 42, 43, 60, 63, 64, 73,
98, 108, 110—14, 123; und die
italienische Malerei 20, 21, 22,
23, 179 — 183; und seine Familie
13, 15, 16, 17; und seine Heirat
15; und seine Lektüre 21, 24, 25,
26, 78, 133, 163; und seine Mäcene
13, 24, 32; und seine Selbstpor-
träts 92; und seine Stoffe 36, 37;
und seine technischen Bestre-
bungen 18, 20, 21, 23, 24, 25, 29,
49, 70, 112, 113, 134, 163—167.
Böcklin, Arnold, d. J. 14.
Borghese, Galerie 5.
Borgia, Lucrezia 238.
Botticelli, Sandro 181.
Bouguereau, Adolphe 207.
Brandes, Georg,Litterarhistoriker48.
Breslau, Louise 216.
Breton, Jules-Adolphe 207.
Brücke, Physiologie der Farben 103.
Bruckmann, Peter 30, 45, 90, 123,
135, 137, 147—150, 156, 172, 173,
174, 175, 203, 230, 236, 255; „Licht-
spenderin" 123, 145, 146, 150;
„Madonna mit Kind" 148, 149;
„Meduse" 137, 138.
Brüssel s. unter Böcklin.
Buchser, Frank 233.
Bülow, Hans von, Musiker 87, 246.
Cabanel, Alexandre 50, 207.
Cairoli, Benedetto, Staatsmann 185.
Calame, Alexandre 15, 69.
Campagna, römische 85, 188.
Capri 195.
Caran d'Ache 88.
Cauer, Karl, Bildhauer 139.
Cennini, Cennino 234.
Charlotten bürg, Mausoleum 244.
Chinesen 241.
Chinesische Naturnachahmung 84.
Cinquecentisten 13, 22.
Consorteria, gemässigt liberale Partei
in Italien 185.
Cornelius, Peter von 17, 130, 254.
Courbet, Gustave 208.
Dagnan-Bouveret 208.
Dannecker, J. H. von 158.
REGISTER
263
Das. „Vor dem Sturm".
Uhde, Fritz von 216, 219, 220, 221,
222, 225, 253; „Abendmahl" 220,
221; „Heilige Nacht" 222.
Ulmer Münster 242.
Ungarn, die 226.
Unsere Zeit 34,58,98, 120, 144, 196-204,
222.
Vallata, la 2.
Venetianische Ausstellung von 1887
124.
Venus vom Capitol 154.
Venus von Medici 142, 154.
Venus von Milo 102, 154.
„Veritas", B. v. B. 71.
Verkörperungen der Naturkräfte siehe
Fabelgeschöpfe.
Verne, Jules 77.
Veronese, Paolo Cagliari 220.
Verrocchio, Andrea del 132.
„Via Mala" („Felsenschlucht"; „Dra-
chenhöhle") B. v. B. 28, 30,31,
99, 112.
Viareggio 17.
„Villa am Meer", B. v. B. 31, 82,
236.
„Vinum novum, bonum, optimum",
(„Antikes Oktoberfest") Bilder v.
B.-37, 38, 41, 164, 165, 236.
Viollet-le-Duc, Eugene 80, 111,
114, 118, 126, 206.
„Vita somniumbreve u s. „Lebensbild".
Vitruv 166.
Voltz, Ludwig 188.
„Vor dem Sturm" (Triton und Ne-
reide auf der Felsklippe) B. v.
B. 5, 6, 7.
Wagner, Richard 51, 215, 242, 243.
Weberei 14, 19
Wedekind, Konsul 235.
Weimar 195, 219, s. auch unter
„Böcklin".
Weltausstellung, Wiener 14.
Werdmüller (Warthmüller?), Prof.
191.
Wereschtschagin, Wasilij 221.
Werner, Anton von 96, 189, 190.
Wettingen, Kloster im Aargau 72.
Weyden, Rogier van der 22, 181,
183; „Anbetung der Könige" 183,
„St. Lukas, die Madonna zeich-
nend" 183.
Whistler, J. Mc. 220.
Wiederholungen 37, 38.
Winckelmann, J. J. 24, 108, 136,
142, 151, 198, 202, 244.
Winterhalter 14, 188.
Zeichnen, Zeichnung 105 — 107, 198
bis 200, 234.
Zeus von Otricoli 152, 153.
Zola, Emile 94,212,218; „La terre"
251.
Zürich 210, 235, 237, 246, s. auch
unter „Böcklin"; Häuser in der
Rämistrasse 63.
Züricher Truppen 19.
VERLAGSANSTALT F. BRUCKMANN A.-G. IN MÜNCHEN
DIE
SIXTINISCHE KAPELLE
Herausgegeben von
ERNST STEINMANN.
Erster Teil:
Bau und Schmuck der Kapelle unter Sixtus IV.
Ein starker Textband in Quartformat mit 260 Abbildungen und eine Mappe
in Gross-Folio mit 34 Tafeln in Chromolithographie, Lichtdruck und Photo-
lithographie. In blaue englische Leinwand gebunden. Preis zusammen M. 100.
Im Frühjahr 1899 bewilligte der Reichstag die nötigen Summen
zur Herausgabe einer grundlegenden Monographie über dieSixtinische
Kapelle, deren erster Teil im Oktober 1901 erschienen ist. Die
amtliche Vertretung lag beim Reichsamt des Innern, während das
Auswärtige Amt die Interessen des Unternehmens im Auslande
vertrat; die Verhandlungen mit dem Vatikan wurden durch den
preussischen Gesandten beim Päpstlichen Stuhl geführt.
Bei so ungewöhnlicher Unterstützung eines wissenschaftlichen
Unternehmens durch den Staat konnten der Publikation zahlreiche
Beziehungen und Kräfte nutzbar gemacht werden, die sonst schwer
heranzuziehen gewesen wären. Zahlreiche Monumente und Doku-
mente aus den Galerien und Archiven Italiens, Frankreichs und
Englands werden zum erstenmal veröffentlicht; das ungemein reich-
haltige und wertvolle Bildermaterial des Werkes beruht zum grossen
Teil auf eigens für den Zweck hergestellten Zeichnungen und
Originalaufnahmen, die im Handel nicht zu haben sind.
Der zweite, abschliessende Teil, die Deckengemälde und das
Jüngste Gericht Michelangelos behandelnd, soll im Frühjahr 1904
erscheinen und wird voraussichtlich ebenfalls 100 Mark kosten.
VERLAGSANSTALT F. BRUCKMANN A.-G. IN MÜNCHEN
DIE KUNST
Monatshefte für freie und angewandte Kunst
Jedes Heft umfasst circa 100 Seiten 4° und etwa
150 Illustrationen
Abonnementspreis vierteljährlich 6 Mark
Diese umfangreichste und im Verhältnis zu dem darin
Gebotenen wohlfeilste aller deutschen Kunstzeitschriften ist wie
keine andere geeignet, dem Leser einen Ueberblick über das
gesamte moderne Kunstschaffen zu geben. Sie zeichnet sich gleich-
massig durch grösste Reichhaltigkeit bei sorgsamster kritischer
Auswahl des Gebotenen, wie durch glänzende typographische Aus-
stattung aus und erhebt den Anspruch, an der Spitze aller ähnlichen
Unternehmungen zu stehen.
Probehefte durch jede gute Buchhandlung.
Die Kunst für Alle
Alle 14 Tage ein Heft
Reich illustriert
Vierteljährlich 3,60 M.
Dekorative Kunst
In monatlichen Heften
Reich illustriert
Vierteljährlich 3,75 M.
Diese beiden Zeitschriften vereinigt bilden die oben angezeigte
Monatsschrift „Die Kunst".
Man abonniert bei allen Buchhandlungen und Postanstalten.
Probehefte kann jede gute Buchhandlung vorlegen; wo eine
solche nicht erreichbar, wende man sich direkt an die Verlags-
anstalt F. Bruckmann A.-G. in München 20.
PHOTOGRAPHISCHE UNION IN MÜNCHEN.
Arnold Böcklin
Eine Auswahl
der hervorragendsten Werke des Meisters
in Photogravüre
VIER BÄNDE IN GROSSFOLIOFORMAT
In hellem oder dunklem Ganzlederband oder Mappe
Preis eines jeden Bandes M. 100. —
Band I, II, III enthalten je 40 Photogravüren
Band IV 30 Photogravüren und die mit 101 Abbildungen aus-
stattete Biographie des Künstlers von
HEINR. ALFR. SCHMID
Professor an der Universität Basel
Die Werke Arnold Böcklins
in der Königl. Nationalgalerie in Berlin
Mit einem begleitenden Text von
HUGO VON TSCHUDI, Direktor der Nationalgalerie
Grossfolioformat, 6 Photogravüren und 17 Abbildungen im Text
Eleganter Prachtband M. 30. —
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